Während die deutsche Schuld am Holocaust klar auf der Hand liegt, wird in Polen immer noch heftig um die Deutungshoheit gerungen. Auf der einen Seite gilt die Zeit der Besatzung durch die Nazis nach 1939 als Zeit des heroischen Leidens und des Märtyrertums. Dass viele Polen im Zweiten Weltkrieg antisemitische Vorurteile hatten und gemeinsam mit den Deutschen, manchmal sogar aus eigenem Antrieb, Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung begingen, passt nicht in dieses Bild.

Jetzt ist nach 16 Jahren das Buch "Wir aus Jedwabne. Polen und Juden während der Shoah" (Suhrkamp Verlag, Berlin 2020) der polnischen Journalistin Anna Bikont auch auf Deutsch erschienen. Es stellt nicht nur den polnischen Antisemitismus der Vergangenheit dar, es zeigt vielmehr auf erschreckende Weise, dass Vorurteile und Hass auf Juden auch heute noch, fast 80 Jahre nach dem Massaker von Jedwabne, nicht überwunden wurden. Damals wurden rund 300 Juden - Männer, Frauen, Kinder - von Polen in einer brennenden Scheune umgebracht.

Doch waren alle Polen Antisemiten? Mit Sicherheit nicht, wie die tragische Geschichte der Familie Ulma zeigt, die unter Lebensgefahr Juden versteckte und dafür hingerichtet wurde. Helden also, ganz nach dem Geschmack der aktuellen rechtskonservativen Regierung des Landes. Und doch ein nicht zu unterschätzender Teil der damaligen Realität. Die dunkle Seite der damaligen Wirklichkeit hat erstmals Jan T. Gross in seinem Buch "Nachbarn" beleuchtet. Der aus Warschau stammende US-Historiker hat im Jahr 2000 die Ermordung der jüdischen Bevölkerung 1941 in dem kleinen Ort Jedwabne rekonstruiert. Die zentrale Aussage des Buches lautet, dass die Juden ohne unmittelbare deutsche Anstiftung durch ihre katholischen Nachbarn ermordet wurden.

Aufschrei der Empörung

Das Massaker ereignete sich in den Tagen des Machtvakuums zwischen dem Ende der sowjetischen Besatzung und dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht. Am 10. Juli 1941 wurden die jüdischen Bewohner der Stadt zusammengetrieben und dann in eine Scheune gebracht und bei lebendigem Leib verbrannt. Heute geht man von rund 300 Toten aus. Zuvor hatte ein SS-Kommando den Tätern Beute und Straffreiheit versprochen.

Das Buch hatte in Polen einen Aufschrei der Empörung zur Folge. Bis dahin war man davon ausgegangen, dass das Massaker von den deutschen Besatzern vielleicht unter Mitwirkung einiger weniger polnischer Helfer verübt worden war. Das polnische Selbstbild vom Opfer der deutschen Besatzung war nachhaltig erschüttert. Bikont hat das Thema keine Ruhe gelassen. Ihr umfangreiches "Wir aus Jedwabne" ist in Form von Tagebucheintragungen verfasst, die erste davon datiert vom August 2000, die letzte vom Juli 2004. Dazwischen hat sie mit Historikern, Zeitzeugen, indirekt und direkt Betroffenen gesprochen und unzählige schriftliche Quellen durchforstet. In einer entscheidenden Passage zitiert sie den polnischen Staatsanwalt Radoslaw Ignatiew, der in seinen Ermittlungen 2002 feststellte, dass "die Ausführenden des Verbrechens als Täter sensu stricto polnische Bewohner von Jedwabne" gewesen seien. Es habe sich um mindestens 40 Männer, Bewohner des Ortes und aus der Umgebung, gehandelt.

Die Journalistin Anna Bikont. - © Center for the Study of Europe Boston University from Boston, USA
Die Journalistin Anna Bikont. - © Center for the Study of Europe Boston University from Boston, USA

Das Werk Bikonts hat weiter dazu beigetragen, dass das polnische Selbstbild vom Opfer der deutschen Besatzung erschüttert wurde. Viele Polen wehren sich vehement gegen den ihrer Ansicht nach kriminellen Versuch, die polnische Nation in die Nähe des deutschen NS-Regimes zu bringen. Bikont beschreibt den tiefverwurzelten Antisemitismus der polnischen Landbevölkerung - und das ist es, was verstört. Im Nachwort zur deutschen Ausgabe schreibt die Autorin, dass Judenhass und Vorurteile in Polen den "Mainstream" erreicht haben. Sie schildert, wie sie selbst antisemitischen Angriffen ausgesetzt ist. In einem Artikel einer Lokalzeitung wird Bikont als "jüdische Hauptanschwärzerin von der Gazeta Wyborcza" bezeichnet, als "Journalisten-Hyäne", die "polenfresserische und lügnerische Artikel" verbreite. Die Autorin versucht in ihrem Buch zu ergründen, warum es "so viel hasserfüllten Antisemitismus" in der Gegend von Jedwabne gibt.

Auch der polnische Historiker Adam Dobronski, mit dem Bikont spricht, sucht nach Ansätzen einer plausiblen Antwort auf das "Warum". Um Jedwabne herum, sagt er, habe sich schon im 19. Jahrhundert "das Stammland des Polentums und des Katholizismus" befunden. Juden wären schon damals als fremdes Element wahrgenommen worden. Nach dem Ersten Weltkrieg und in der Wirtschaftskrise der 30er Jahre sei die rückständige Region dann vollends in die Krise gerutscht, so Dobronski: "Es waren Kleinstädte ohne Zukunft, ohne Entwicklungsimpuls. Die örtliche Bevölkerung erlebte einen kulturellen Abstieg, sie war primitiv, und der Krieg verstärkte diesen Zustand noch, wobei er jedoch die Erinnerung an die Vorfahren, die den Glauben und das Polentum verteidigt hatten, konservierte." Bikont wird klar, dass der Wunsch, für das Vaterland zu sterben, und das Begehen eines Massenverbrechens aus derselben Quelle gespeist werden. Sie beschreibt ihre Eindrücke auf sehr persönliche Art und Weise.

Das Schicksal der Ulmas

Zunächst, bekennt sie, sei ihr Jedwabne als "heruntergekommenes Städtchen" erschienen, wo die heutigen Bewohner, die an dem Pogrom ja nicht teilgenommen hatten, die schwere und unverdiente Last eines fürchterlichen historischen Erbes zu tragen hätten. Aber: "Mit der Zeit habe ich mich daran gewöhnt, dass es mir als das Land des Bösen vorkommt, wie das Land Mordor bei Tolkien." Sie gerate hier mit der "dunklen Seite" ihrer Gesprächspartner in Berührung, treffe etwa auf einen Schuldirektor, der es zulasse, dass "die Kinder im Geist des Rassenhasses erzogen werden". Oder auf den Pfarrer von Jedwabne, der alle Hände voll damit zu tun hat, die unangenehme Wahrheit zu vertuschen, und alle Versuche der Aufarbeitung des Verbrechens sabotiert. Die einfache Hausfrau und Mutter, die eine Freundin telefonisch mit verstellter Stimme terrorisiert, nur weil diese an den dunklen Seiten der Vergangenheit interessiert ist.

Es gibt freilich auch ganz andere Geschichten aus derselben Vergangenheit. In Südostpolen, in der Woiwodschaft Karpatenvorland, liegt im Landkreis Lancut das idyllische Dorf Markowa. Dort lebte in der Kriegszeit die Großfamilie Ulma: Der Bauer Jozef und seine Frau Wiktoria sowie sechs kleine Kinder, die älteste Tochter war acht Jahre alt. Jozef war ein ungewöhnlicher Bauer: Obwohl nicht reich, beschäftigte er sich mit den neuesten Methoden der Veredelung von Apfelbäumen ebenso wie mit der Zucht von Seidenspinnenraupen und Bienen. Und er war leidenschaftlicher Hobbyfotograf. Einige seiner Bilder kann man heute in einem 2016 im Ortskern eröffneten Museum sehen: Dem "Museum für die Polen, die während des Zweiten Weltkrieges Juden gerettet haben - Museum für die Familie Ulma".

Die Geschichte der Ulmas ist tragisch: Im Sommer 1942 mussten sie mit ansehen, wie deutsche Gendarmen die meisten der 120 Juden von Markowa ermordet hatten. Im Herbst, als es kalt wurde, klopften dann zwei jüdische Familien namens Szall und Goldman an die Tür. Die Ulmas, deren Haus nicht im Ortskern, sondern etwas abseits lag, nahmen die Familien in ihr bescheidenes Haus auf - insgesamt acht Menschen. Obwohl die Anwesenheit der jüdischen Familien im Dorf bemerkt wurde, ging über ein Jahr lang alles gut.

In der Nacht auf den 24. März 1944 jedoch kamen deutsche Polizisten aus Lancut mit der polnischen Hilfspolizei, die in Galizien aus Ukrainern bestand, nach Markowa. Ein Mann, bei dem eine der Familien zuvor - gegen Bezahlung - untergebracht war, hatte diese denunziert. Er fürchtete, die Habe der jüdischen Familie, die er sich angeeignet hatte, nach der deutschen Niederlage wieder hergeben zu müssen. Die Polizisten erschossen zunächst die jüdischen Familien, dann Jozef und Wiktoria Ulma. Dann wurde überlegt, was man denn nun mit den sechs Kindern - die Geburt des siebten hatte während der Erschießung eingesetzt - tun sollte. "Ihr werdet wohl im Dorf keine Probleme haben wollen", soll der Kommandant der Aktion, Eilert Dieken, gesagt haben. Auch die Kinder wurden getötet, eines nach dem anderen.

Danach wurde getrunken, Dieken und sein Stellvertreter Joseph Kokott teilten sich die gefundenen Schmuckstücke. Die Tat führte zu Panik bei jenen polnischen Bauern, die noch Juden versteckten. Berichten zufolge sollen manche die bei ihnen Versteckten kurz darauf umgebracht haben. Und dennoch: Trotz des enormen Drucks - auf das Beherbergen von Juden stand im deutsch besetzten Generalgouvernement die Todesstrafe - gab es in Markowa immer noch 20 Juden, die dank der Hilfe ihrer polnischen Nachbarn überlebten.

Ungeheurer Mut

Spätestens seit der Errichtung des Museums in Markowa wurde die Familie Ulma zum Symbol polnischen Leidens und Märtyrertums während der Zeit der deutschen Besatzung. Staatspräsident Andrzej Duda wohnte der Eröffnung 2016 bei und kam auch danach immer wieder nach Markowa.

Wiktoria und Jozef Ulma. - © Archiwum IPN w Rzeszowie
Wiktoria und Jozef Ulma. - © Archiwum IPN w Rzeszowie

Das didaktisch gut gemachte Museum, das Fotografien von Jozef Ulma und Erinnerungsstücke wie eine Bibel der Familie präsentiert, in der das Gleichnis vom barmherzigen Samariter angestrichen ist, passt der regierenden nationalkonservativen Partei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) von Jaroslaw Kaczynski ins Konzept: Polen sollte als Nation von Helden und Märtyrern präsentiert werden - als "Christus unter den Völkern", wie manche in Polen ihr Volk nennen. Verbrechen wie jene von Jedwabne passen da nicht ins Bild, und auch nicht die Mitwirkung vieler Polen an der Jagd auf Juden. Auch Forschungsarbeiten über den weitverbreiteten Antisemitismus im Polen der Zwischenkriegszeit werden von den Nationalkonservativen nicht gerne gesehen.

Ist das Ulma-Museum also eine Art PiS-Propagandamuseum? Nein - obwohl es sich am Beispiel von Jozef und Wiktoria Ulma auf die polnischen Judenretter konzen-triert und Unangenehmes, wenn schon nicht ausspart, so doch unterbeleuchtet. Doch lange gab es für die tausenden Polen, die Juden unter den schwierigsten Bedingungen zu retten versuchten, kaum einen repräsentativen Ort. Dass sich Touristen aus aller Welt in Krakau ins Museum des deutschen Judenretters Oskar Schindler drängen, während polnische Judenretter weitgehend unbekannt sind, schmerzt viele Polen.

Als nationale Ikonen eignen sich die Retter aber nur bedingt. Wie anderswo auch, bildeten sie eher die Ausnahme als die Regel, die wohl darin bestanden haben wird, sich in der brutalen Besatzungszeit möglichst selbst in Sicherheit zu bringen. Und dann gab es eben auch noch die andere, die dunkle Seite. Sie möglichst zu beschweigen, mindert auch den ungeheuren Mut, den Familien wie die Ulmas aufbringen mussten - und aufgebracht haben.