Eduard Hölzel, Foto aus dem Atelier Winter, um 1870 (?). - © Archiv Hölzel Verlag
Eduard Hölzel, Foto aus dem Atelier Winter, um 1870 (?). - © Archiv Hölzel Verlag

Vielleicht war es die in seiner Familie tradierte Erinnerung, dass ein Vorfahre als Gehilfe beim Buchdruck-Erfinder Johannes Gutenberg gearbeitet haben soll. Vielleicht war es das Beispiel des Vaters, der Eisenwarenhändler war, sich aber lieber mit Malerei und Musik beschäftigte oder wandern ging. Ganz sicher war es aber eine gehörige Portion Unternehmergeist, die den Buchhändler Eduard Hölzel (1817-1885) nach seiner Lehre in der Geburtsstadt Prag und Wanderjahren nach Leipzig, Mainz, Augsburg, Würzburg, Wien und Brünn 1844 in Olmütz seine erste Sortimentsbuchhandlung gründen ließen.

"Es gehörte wohl einiger Muth dazu", erinnerte sich Hölzel Jahrzehnte später an seine Anfänge als Unternehmer zurück, "um mir in der fremden Stadt eine Existenz zu gründen. Aber schon nach wenigen Wochen kamen mir die gebildeten Bewohner von Olmütz und Umgebung mit so viel Wohlwollen und Vertrauen entgegen, daß ich mich bald an dem Gedeihen meines Geschäftes erfreuen und später die Herausgabe größerer Verlags-Unternehmungen wagen konnte."

Der Nachhall dieses verlegerischen Startschusses im östlichen Mähren ist bis heute nicht verklungen. Im Vorjahr feierte der heute im 23. Wiener Gemeindebezirk ansässige "Verlag Ed. Hölzel" sein 175-Jahre-Jubiläum. Von Beginn an bis heute präsentiert sich das Echo von Hölzels "Muth" in unzähligen Schulbüchern und Atlanten sowohl in gedruckter als auch digitaler Form. Auf der Höhe der Zeit und am letzten Stand der Technik zu sein, war bereits Anspruch und Erfolgsrezept des Verlagsgründers. Meisterhaft verstand er es, wissenschaftliche, kulturelle und pädagogische Interessen mit wirtschaftlichem Nutzen zu verbinden und so Win-win-Situationen für die Gesellschaft und sein Unternehmen zu schaffen.

Erfolgreiches Paar

Im Sinne der (Geschlechter-)Gerechtigkeit müsste neben der Abkürzung "Ed." auf Hölzels Firmenerzeugnissen auch ein "H." stehen. 1848 heiratete Hölzel die aus Brünn stammende Hedwig Niemann, Tochter eines pensionierten Offiziers mit bürgerlicher Verwandtschaft in Olmütz. Die beiden waren fortan ein Erfolgsgespann, das sich über den familiären Rahmen hinaus beim wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Vorwärtskommen ergänzte.

"Hedwig Hölzel war wie ihr Mann vielseitig kulturell interessiert und unterstützte Eduards berufliche und intellektuelle Ambitionen u.a. als Gastgeberin von Literaturabenden und Diskussionen", beschreibt Petra Kubíčková von der wissenschaftlichen Bibliothek Olmütz in der Festschrift "Innovation aus Tradition - 175 Jahre Verlag Ed. Hölzel" die Bedeutung von Frau Hölzel für ihren Gatten, das Unternehmen und die Familie: Sie gebar neun Kinder, von denen nur vier das Erwachsenenalter erreichten. Die Trauer und die seelischen Lasten, die sich hinter dieser dürren biographischen Notiz verbergen, lassen sich nur erahnen und nötigen noch mehr Respekt vor der Lebenskraft von Hedwig Hölzel ab. Die nicht lange währte: 1881 starb sie im Alter von 53 Jahren.

Eduard Hölzel überlebte sie um vier Jahre. Er verstarb 68-jährig am 21. Dezember 1885 in Salzburg. Das "Mährische Tagblatt" stellte den Verstorbenen an "eine ehrenvolle Stelle unter den hervorragenden Männern der Gegenwart" und würdigte, "daß Eduard Hölzel der erste Industrielle in Oesterreich war, welcher den Oelfarbendruck einführte und dessen Erzeugnisse in ganz Europa, ja sogar in Amerika verbreitet wurden und Abnahme fanden". Auch das "Salzburger Tageblatt" betonte in seinem Nachruf den "Weltruf" Hölzels und betonte dessen höchst glückliche Auswahl der Kunstwerke bester moderner Meister "als unbewußtes Bildungsmittel für große Kreise der Bevölkerung".

Der Unternehmer und Verleger als Volksbildner - bei Hölzel entsprang diese Doppel-Berufung seiner humanistischen Gesinnung. Im Revolutionsjahr 1848 erschien die erste Ausgabe der von ihm verlegten liberalen Zeitung "Die neue Zeit - Blätter für nationale Interessen", in deren Programm sich der Enthusiasmus der Märzrevolution widerspiegelt: "Dem Mensch ist das Menschliche, das Humane sein Lebensendzweck, sein Lebensglück! Humanität sei auch das Losungswort der ‚neuen Zeit‘!" Die sehr schnell von der alten Zeit und ihrem Herrschaftssystem wieder abgedreht wurde.

"Neapel mit dem Vesuv". - © Foto: A. Schumacher, Rechteinhaber: Archiv Hölzel Verlag
"Neapel mit dem Vesuv". - © Foto: A. Schumacher, Rechteinhaber: Archiv Hölzel Verlag

Doch die von Hölzel herausgegebene biologische und geographische Fachliteratur mit zahlreichen Illustrationen machte seinen Verlag nicht nur in der Habsburgermonarchie und darüber hinaus berühmt, sondern fand auch Beifall im Kaiserhaus. Für das Werk "Blumen der Heimath in Wort und Bild" mit Gedichten des Wiener Lyrikers und Publizisten Johann Nepomuk Vogl und Lithographien nach Originalen des Blumen- und Stilllebenmalers Andreas Lach erhielt Hölzel als persönlichen Dank von Kaiserin Elisabeth eine Brillant-Busennadel.

Das Buch erschien 1861, da befand sich das Unternehmen Ed. Hölzel bereits auf Expansionskurs. 1871 wurde die achte Geschäftsniederlassung im prestigeträchtigen Heinrichshof an der Wiener Ringstraße (am heutigen Standort Opernringhof) eröffnet. Der Verlagsbuchhandel und eine kartographische Anstalt mit Druckerei fanden Platz in der heutigen Mommsengasse im 4. Bezirk.

Kulturell engagiert

Die Familie Hölzel übersiedelte ebenfalls in die Hauptstadt. Der Verleger zählte zu den frühen Förderern des Wiener Künstlerhauses, dessen Bau er mit einer Geldspende unterstützte. Daneben engagierte er sich im Wiener "Ornithologischen Verein", in der "Genossenschaft der bildenden Künstler", im "Verein der österreichisch-ungarischen Buchhändler" und vielen anderen Gesellschaften, wie dem "Österreichischen Alpenverein" und "Touristen-Club".

Welchen gesellschaftlichen Status sich Hölzel in Wien erarbeiten konnte, zeigt sich daran, dass er als Vertreter des Buchhandels am 27. April 1879 an dem von Hans Makart inszenierten "Festzug zur fünfundzwanzigjährigen Vermählungsfeier des Allerhöchsten Kaiserpaares" teilnehmen durfte.

Daneben suchte er Kontakt zu Künstlerkreisen und gab Gemälde bei namhaften Malern wie Carl Hasch ("Adelsberger Grotte"), Leopold Carl Müller (historisierende Bilder Venedigs) oder Franz Defregger ("Das letzte Aufgebot") in Auftrag. Mit der Publikation der Veduten Rudolf von Alts zur Wiener Weltausstellung 1873 trug Hölzel maßgeblich zu dessen künstlerischem Erfolg bei.

Hölzel nützte die damals hochmoderne Flachdruckverfahren der Lithographie vor allem zur publikumswirksamen Herstellung von Bildern mit historischen, ethnographischen und religiösen Sujets. "Die Chromolithographien aus dem Hause Hölzel waren lange Zeit nahezu konkurrenzlos und galten europa- und weltweit als die besten auf dem Markt", attestiert Petra Kubíčková: "Hölzels geographische und historische Wandbilder zierten bürgerliche Haushalte im gesamten deutschsprachigen Raum, und seine religiösen Bilder wurden von europäischen Missionaren auch auf anderen Kontinenten verbreitet."

"Der Tafelberg mit der Kapstadt". - © Foto: A. Schumacher, Rechteinhaber: Archiv Hölzel Verlag
"Der Tafelberg mit der Kapstadt". - © Foto: A. Schumacher, Rechteinhaber: Archiv Hölzel Verlag

Stefanie Jovanovic-Kruspel, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Naturhistorischen Museum Wien, nennt in der Ed.-Hölzel-Festschrift die Serie "Geographische Charakterbilder" des Verlagsgründers "ein einzigartiges Projekt an der Schnittstelle zwischen Kunst und Wissenschaft" und ein "Zeugnis der Seh(n)sucht des 19. Jahrhunderts nach Bildern", die Museen, Schulen und vor Kunstverlagen zu stillen versuchten.

Von der pädagogischen Kraft seiner Weltbilder war Eduard Hölzel überzeugt: "Soll der geographische Unterricht endlich dahin kommen, dass die Schüler die Erde kennen lernen, wie sie ist, dann müssen wir vor allem uns von der Idee befreien, als seien Karten und Leitfaden allein schon genügend die Aufgabe zu lösen", forderte er 1882 die Einführung von Geographischen Charakterbildern für den Erdkundeunterricht.

"Mögen die Geographielehrer endlich erklären, dass sie auch ein Cabinet benöthigen", drängte Hölzel, "denn das wird endlich doch klar werden, dass wenn der Naturhistoriker eine Ente oder einen Affen nicht ohne Exemplar oder Bild zu beschreiben vermag, wir auch nicht ein Vorgebirge, die Berggipfelformen, die Steilküste etc. ohne Bild klar machen können." Hölzel nannte als Beispiel den Physiklehrer, der bei einer bloßen Erzählung eines Experiments ausgelacht würde.

Anschaulich lehren

"Wie lange will der Geographielehrer noch in den nie über wenige Meilen der Heimat hinausgekommenen Jungen durch Beschreibungen eine Vorstellung von den Steppen Asiens, den Dschungeln Indiens, den Gebirgsformen Afrikas hervorzubringen sich abquälen", lautete der logische Schluss des Verlegers, nicht ohne einen Seitenhieb auf die Weltläufigkeit der Pädagogen anzubringen: "Wobei noch die Kleinigkeit zu beachten ist, dass er in sehr vielen Fällen selbst kaum die rechte Vorstellung hat von dem, was er anderen klar machen soll!"

Die k.k. Geographische Gesellschaft folgte umgehend dem Ansuchen des honorigen Standesvertreters der Buchhändler und Verleger und ersuchte die geographischen Gesellschaften und Konsulate der Donaumonarchie, Hölzel "bei der Beschaffung von verlässlichen Naturaufnahmen" behilflich zu sein.

"Säulencap auf Kronprinz-Rudolfs-Land" (Teil des Archipels Franz-Josef-Land). - © Foto: A. Schumacher, Rechteinhaber: Archiv Hölzel Verlag
"Säulencap auf Kronprinz-Rudolfs-Land" (Teil des Archipels Franz-Josef-Land). - © Foto: A. Schumacher, Rechteinhaber: Archiv Hölzel Verlag

Einen ersten Höhepunkt in der Kartografiegeschichte seines Verlags setzte Hölzel 1861 mit der ersten Auflage des "Geographischen Schul-Atlas für die Gymnasien, Real- und Handelsschulen der österreichischen Monarchie". Mit diesem "Kozenn-Atlas", benannt nach seinem Schöpfer, dem slowenischen Naturwissenschafter und Priester Blasius Kozenn, schuf Ed. Hölzel ein kartographisches Meisterwerk, das weit über die geographischen und zeitlichen Begrenzungen der Donaumonarchie hinaus seine weltbildschaffende Wirkung hinterließ - und in Millionenauflage, dutzenden Sprachen und aktualisierten Neuauflagen erschienen ist.

Unter dem Stichwort "Kozenn Schulatlas" zeigt das Austria-Forum die Erstausgabe. 68 Seiten sowie 31 mehrfarbige und teilweise ausklappbare Kartenblätter präsentieren die Welt, wie sie damals war - und bis auf die Veränderungen bei Grenzverläufen und Staatsnamen heute noch ganz im humanistisch-kosmopolitischen Sinne Eduard Hölzel ist: groß, vielfältig und schön.