"The World of Yesterday", 1943 erschienen, ist eines von vielen ähnlich annotierten Büchern aus Otto Neuraths Exil-Bibliothek, die sich jetzt im "Institut Wiener Kreis/Wiener Kreis Gesellschaft" am Campus der Universität Wien befindet. Und doch handelt es sich um ein besonderes Exemplar: Auf fast jeder Seite von Neuraths Exemplar finden sich An- und Unterstreichungen sowie kurze Kommentare, die gut leserlich mit einem weichen Bleistift in dicker Schrift geschrieben sind.

Zur Frage, warum Neurath "Die Welt von Gestern" von Stefan Zweig in der englischen Übersetzung gelesen hat, gibt es nur Vermutungen: Vielleicht war die deutsche Ausgabe nicht erhältlich, vielleicht war die Lektüre der sprachlich flacheren englischen Version, ohne das schöne wienerische Deutsch, auch eine Demonstration dafür, dass Neurath ganz in die englische Sprache und Kultur eintauchen wollte.

Die Fülle seiner in Englisch geschriebenen Annotationen hat wohl auch damit zu tun, dass Zweigs Erinnerungen im Jahr 1943 von Neurath genutzt werden konnten, seine eigenen Erinnerungen zu schärfen. Zur Zeit der Lektüre fragte er Freunde in der Korrespondenz nach ihren Lebensgeschichten, nach Stimmungen und Mentalitäten, die in ihren Erinnerungen an Wien gespeichert waren. Seine Kindheit und Jugend in Wien, seine jüdische Herkunft, die ihm als Sohn einer assimilierten Familie bis dahin kein bewegendes Thema war, beschäftigte ihn zunehmend, ausgelöst von Erfahrungen der Emigration und den Berichten über den Holocaust. Zweigs Autobiographie war ein willkommener Spiegel für die eigene Lebensbilanz und bestärkte Neurath, seine Selbstbefragung in der methodischen Anlage und in der historiographischen Ausrichtung als Gegenentwurf zu Zweig zu planen.

Visuelle Geschichte

Neurath schrieb in seinen letzten zwei Lebensjahren - neben einem Buchprojekt über "Tolerance and Persecution" - an einer ganz anderen, reichlich illustrierten Autobiographie, einer persönlichen Bildungsgeschichte zum visuellen Lebenswerk, die erst 2010 posthum unter dem Titel "From Hieroglyphics to Isotype. A Visual Autobiography" erschienen ist. Ein ergänzender Plan Neuraths war es, eine Art autobiografischen Dialog mit seinem amerikanischen Cousin Waldemar Kaempffert zu schreiben, was durch seinen frühen Tod nicht zustande kam.

Anders als in Zweigs Darstellungsform wollte Neurath die autobiografische Perspektive des Ich-Erzählers neutralisieren. Ein Grund dafür waren Neuraths Bedenken bezüglich betroffener Zeitgenossen. Neurath und Zweig trafen sich jedoch übereinstimmend bei der Beschreibung der besonderen kulturellen Atmosphäre der Fin-de-siècle-Kultur, die Neurath für ihren "international outlook" rühmte.

Otto Neurath (1882-1945) und Stefan Zweig (1881-1942) haben sich sehr wahrscheinlich niemals persönlich getroffen, aber beide weisen ähnliche Lebensdaten und Lebensläufe auf. Beide entstammen jüdischen Elternhäusern, beide sind in den kreativen Milieus des Fin-de-siècle-Wien aufgewachsen und haben dort ihre formativen Jahre erlebt, beide studierten in Berlin, sie korrespondierten und diskutierten mit gleichen Persönlichkeiten. Für beide bedeutete der Erste Weltkrieg eine Zäsur in ihrem Schaffen, die ihren weiteren beruflichen Weg prägte und ihre Visionen für eine bessere Welt leitete.

Otto Neurath im Jahr 1919. - © The National Library of Israel collections/public domain
Otto Neurath im Jahr 1919. - © The National Library of Israel collections/public domain

Neurath hoffte nach dem katastrophalen Krieg auf eine Revolution in München und Wien mit einer Sozialisierung und Demokratisierung im Geiste radikaler Aufklärung. Nach dem gescheiterten Experiment der Bayerischen Räterepublik kam er 1919 zurück ins "Rote Wien" und widmete sich der Gesellschafts-, Bildungs-, und Wissenschaftsreform - in der Siedlerbewegung, in seinem Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum und im philosophischen "Wiener Kreis". Für Zweig zerstörte der Erste Weltkrieg seine ideale Zivilisation. Krieg, nationalistischer Hass und Leid machten ihn zum Pazifisten und zum Verfechter europäischer Verständigung.

In der Emigration

Beide teilten das Schicksal der Emigration aufgrund ihrer Abstammung und politischen Gesinnung. Austrofaschismus und Nationalsozialismus machten sie zu Heimatlosen. Ein wesentlicher Unterschied bestand darin, dass von Neurath die erzwungene Vertreibung nach Holland und England trotz schwierigster Bedingungen, trotz seiner Internierung auf der Isle of Man als eine Art Befreiung mit Zukunftsperspektive empfunden wurde, während für Zweig das rettende Exil bekanntlich zur Depression bis hin zu seinem Suizid in Brasilien führte. Für Neurath blieb England das gelobte Land der Hoffnung, welches Zweig zur gleichen Zeit in Richtung USA und Südamerika verlassen sollte.

Otto Neurath und Stefan Zweig besaßen - bei der Unterschiedlichkeit ihres jeweiligen Werkes nicht verwunderlich - höchst unterschiedliche Weltsichten und Temperamente. Der Marxist Otto Neurath war mit Leidenschaft ein Soziologe und Nationalökonom, bei dem, selbst in Kriegszeiten, ein nüchterner, sachlicher Blick auf die Welt immer Priorität hatte. Neuraths Lieblingstier war nicht zufällig der Elefant. Es mangelte ihm nie an starkem Selbst- und Sendungsbewusstsein, die ihn auch Schicksalsschläge und Demütigungen wegstecken ließen. Seine drei Ehen, allesamt mit starken, unabhängigen Frauen, scheinen in ihrem partnerschaftlichen Anspruch glücklich gewesen zu sein.

Im Gegensatz zu Neurath hatte Stefan Zweig zeit seines Lebens eine unendliche Tortur von Kämpfen mit sich selbst durchzumachen, seine ideologische Identität war voller Brüche. Sein Leben war immer wieder geplagt von Rastlosigkeit, Unsicherheit und innerer Verworrenheit, denen er auch in seinen beiden Ehen nicht entkam. Trotz aller äußeren Erfolge, trotz der großen Freundesnetzwerke, trotz des eigentlich klaren literarischen Profils, trotz des Reichtums war es ihm nicht gegönnt, in seinem Innern so etwas wie Stabilität herzustellen und die Depressionen zu verscheuchen. Otto Neurath charakterisierte ihn einmal als "cliff hanger".

Stefan Zweigs "Die Welt von Gestern", 1942 erstmals erschienen, wurde zur erfolgreichsten und meistzitierten Autobiographie der Exilliteratur und ist dies bis zum heutigen Tag geblieben. Kein anderes Werk wurde und wird, nicht zuletzt in historiographischen und kulturgeschichtlichen Werken, so oft in den Zeugenstand gerufen. Erst recht wurden diese Erinnerungen zu einem zentralen Referenzwerk des österreichischen Selbstverständnisses und der österreichischen Erinnerungskultur, es erhielt den Rang eines besonderen Juwels der österreichischen Geschichtsschreibung. Zweigs Memoiren waren von großem Einfluss auf die Etablierung des Mythos vom Fin-de-siècle-Wien.

Vergessen wird dabei gern, dass "Die Welt von Gestern" ein höchst umstrittenes Buch war (und bis heute geblieben ist). Als es schon kurz nach dem Freitod Zweigs und seiner Frau erschien, gab es bei der Kollegenschaft im Exil viel Ablehnung. Seine Kritiker (unter anderen Hannah Arendt und Thomas Mann) gestanden Zweig zwar eine ehrliche und rechtschaffene Haltung zu, aber in Ansehung des globalen, in allen Kontinenten geführten Weltkrieges war in ihren Augen ein abgehobener, kulturell verstandener Humanismus völlig anachronistisch geworden.

Zweigs Pazifismus schien so vielen keine adäquate Antwort auf die Herausforderungen der Zeit zu sein. Manche seiner Schriftsteller-Freunde vermissten bei Stefan Zweig den Kampfgeist, stießen sich daran, dass er seine Bekanntheit und Popularität nicht im Propagandakrieg gegen den Nationalsozialismus einsetzte.

Harsche Kritik

Kritische Notizen in Neuraths Exemplar der "World of Yesterday". - © Wiener Kreis Gesellschaft
Kritische Notizen in Neuraths Exemplar der "World of Yesterday". - © Wiener Kreis Gesellschaft

Neurath war da durchaus in Übereinstimmung mit einem Teil der Exil-Community, wenn er heftige Kritik an der "Welt von Gestern" äußerte. Bei aller Faszination, mit der er Zweigs Autobiographie - wie übrigens auch dessen Buch "Castellio gegen Calvin" (1936) - mit großer Aufmerksamkeit studierte, fielen seine Urteile schon im Vorspann des Exemplars ziemlich brüsk und deftig aus: "always wrong in looking at men and world", "no knowledge of social correlations" und so weiter. In der Detailkritik gab es immer wieder lakonisch-boshafte Spitzen: "Not we", "I felt differently", "Really?", um die Differenz zu seinen eigenen Epochenerfahrungen zu markieren.

Otto Neurath reagierte auf die vielfach gebrochene, düstere, literarisch so eindrucksvolle Botschaft der "Welt von Gestern" jedenfalls mit einiger Heftigkeit. Die historiographischen Schwächen von Zweigs Erinnerungsbuch werden unzweideutig und nachdrücklich markiert. Die Reibungsenergie von Neuraths Annotationen verrät uns, dass wir gut beraten sind, beim Lesen der literarisch allzu verführerischen, überwältigenden Darstellung der "Welt von Gestern" mit Vorsicht dem Wahrheitsgehalt so mancher Fakten zu begegnen und Skepsis angesichts der Arrangements und Gewichtungen walten zu lassen.