Das Ende kam so: Genau vor einem Jahr wurde mein Sohn, damals acht, von einem mäßig geübten Skifahrer von hinten angefahren. Beide kamen zu Sturz, der schwergewichtige Mann fiel unglücklich auf das zart gebaute Kind. Dessen Bein wurde unter der Last verdreht. Der Rest ist rasch erzählt: Abtransport, Krankenhaus, Röntgen, Diagnose: ein mehrfacher, komplizierter Knochenbruch. Es folgten eine Operation und eine monatelange Genesung, Rollstuhl inklusive. Wenn ich meinen Sohn heute frage, ob er je wieder Skifahren möchte, kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen: Nein! Seine Skikarriere scheint, kaum hat er sie vor ein paar Jahren begeistert begonnen, zu Ende zu sein.

Der Unfall ereignete sich kurz bevor die Pandemie Anfang 2020 zuschlug und Wochen später dazu führte, dass die Skisaison abrupt beendet wurde. Natürlich hat das eine mit dem anderen nichts zu tun, und dennoch erscheint mir der Unfall im Rückblick wie ein böses Omen. Das Jahr 2020 markiert nämlich einen tiefen Einschnitt in der Geschichte des alpinen Skisports. Nicht nur in Österreich, sondern weltweit.

In Krise geraten ist nicht nur die traditionelle Pistengaudi, die sich am Abend in der Après-Ski-Bar fortsetzte, sondern ein umfassendes Wirtschaftsmodell, das in vielen Gebirgsregionen seit rund sechs Jahrzehnten in permanentem Wachstum begriffen ist. Corona hat diesen alpinen Wirtschaftszweig an den Rand des Abgrunds gebracht - zumindest vorläufig. Aber die Ausläufer der Krise reichen weiter zurück, denken wir nur die Folgen des Klimawandels, das veränderte Freizeit- und Konsumverhalten, das Auftauchen neuer Sportarten und neuer Körperbilder. Die Frage ist daher berechtigt: Wird sich der herkömmliche Skitourismus jemals wieder so erholen, dass er an die goldene Ära anknüpfen kann? Oder ist es Zeit, dem Skifahren langsam ade zu sagen?

Im Jahr 1969 war ich sechs Jahre alt. An zwei Ankünfte kann ich mich noch sehr genau erinnern. Zum einen an die Astronauten, die in diesem Jahr auf dem Mond landeten. Ich erfuhr davon aus den aufgeregten Gesprächen der Erwachsenen, denn Fernseher hatten wir damals noch keinen.
Skifahren vor der Ära des Massentourismus, um 1913 - © Archiv Holzer
Skifahren vor der Ära des Massentourismus, um 1913 - © Archiv Holzer

Zum anderen erinnere ich mich an die ersten Skitouristen, die bei uns nächtigten. Beides hat großen Eindruck bei mir hinterlassen. Da gibt es Weltraumfahrer, die eine Woche lang in der Rakete sitzen, um dann auf dem Mond kurz auszusteigen. Und dann gibt es da "Fremde" (damals hießen Touristen so), die ebenfalls von weit herkommen, um bei uns, die wir Berge hatten, Skifahren zu gehen. Sie taten das nicht etwa so, wie wir Kinder das damals taten, indem wir hinter dem Haus mit den Skiern immer wieder einen Streifen hinauftrappelten, bis er schön glatt und hart war. Die neuen Skitouristen ließen sich von neu erbauten Liften hinaufziehen, hunderte Male am Tag, um dann in eleganten Kurven herunterzuflitzen.

Die ersten Skifotos in unserem Familienalbum müssen in diesem besagten Jahr 1969 (oder vielleicht im Jahr darauf) entstanden sein. Zusammen mit einer Gruppe Nachbarkinder und mit meinen beiden Schwestern stehe ich da, um in die Kamera zu lachen. Eines der Mädchen hat einen angebissenen Apfel in der Hand. Alle tragen wollene Pullover - und Keilhosen. Es ist warm in der Frühlingssonne. Und noch etwas fällt mir jetzt im Rückblick auf: Alle haben wir gerötete Wangen, die nicht von der Sonne herrühren, sondern von der Anstrengung, vom ständigen den Hang Hinauftrappeln. Action-Bilder, etwa Fotos, die rasante Schwünge festhalten, suche ich vergebens im Album.

Klammer & Thöni

Bewegte Bilder gab es dafür im Fernsehen, das Gerät stand beim Nachbarn. Ich erinnere mich: "Daktari", die amerikanische Tierfilmserie, hat mich anfangs mehr interessiert als Gustav Thöni und Annemarie Pröll. Allmählich aber verschoben sich die Prioritäten. Die Tiere rückten in den Hintergrund, die Skihelden in den Vordergrund. Wir begannen, mit den Erwachsenen mitzufiebern.

Gustav Thöni, viermaliger Weltcup-Gesamtsieger, hier 1972. - © Pino Grossetti/gemeinfrei
Gustav Thöni, viermaliger Weltcup-Gesamtsieger, hier 1972. - © Pino Grossetti/gemeinfrei

Wer wird diesmal gewinnen? Gustav Thöni, Franz Klammer, Piero Gros, Ingemar Stenmark, Phil Mahre und etliche andere kamen in Frage. Von Gustav Thöni habe ich einmal nach langem Warten ein Autogramm erjagt, Ingemar Stenmark habe ich auch noch verehrt, als sein Stern im Sinken war.

Im Jahr 1966 ist in meinem Dorf der erste Lift in Betrieb gegangen, in den folgenden Jahren wurden die Aufstiegsanlagen sukzessive erweitert und modernisiert. Wir Kinder folgten dem Weg der Touristen. Bald wechselten wir vom Steilhang hinterm Haus auf die Piste. Um uns auf diesen Skihängen beaufsichtigen zu können, hat meine Mutter noch in mittlerem Alter das Skifahren erlernt. Auf die Schlepplifte folgten Sessellifte, schließlich Kabinenbahnen. Heute sind in dem Skigebiet in der Nähe meines Heimatdorfes weit über 100 Liftkilometer in Betrieb, dazu kommen zahlreiche Restaurants, Hütten und Einkehrmöglichkeiten. Der Ort ist in wenigen Jahrzehnten vom bäuerlich geprägten Dorf zum reichen Touristenhotspot geworden.

Wir Nachzügler

Wenn ich meine eigene Skigeschichte und die meiner Fernsehhelden in der Erinnerung Revue passieren lasse, entsteht ein verzerrtes Bild der Skigeschichte. In den späten 1960er und 70er Jahren, als für mich das Skifahren begann, war der Skisport mancherorts schon jahrzehntelang etabliert. Wir waren also eher die Nachzügler, die auf den fahrenden Zug aufsprangen. In anderen Skiorten reichte die Entwicklung weit länger zurück, bis in die Zwischenkriegszeit oder gar bis zur Jahrhundertwende.

Als Ende des 19. Jahrhunderts in größerer Zahl englische Touristen nach St. Moritz und in andere Destinationen der Schweiz kamen, wollten sie die hochalpine Schneelandschaft genießen und spazieren. Aber Skifahren? Nein, wenn sie schon gleitend am Schnee unterwegs waren, dann mit Rodeln und Bobs. Bereits in den 1880er Jahren wurden in St. Moritz erste vereiste Bobbahnen zum touristischen Vergnügen errichtet, die weltweit ersten Skilifte - oder einfache Prototypen davon - wurden erst viele Jahre später, 1907 bzw. 1908 gebaut, nicht etwa in den heutigen exklusiven Skiarenen der Alpen, sondern im Schwarzwald und in Vorarlberg, am Bödele.

Skifahren, rodeln, nichts tun - das mondäne Programm am Semmering, um 1910. - © Abb.: Archiv Holzer
Skifahren, rodeln, nichts tun - das mondäne Programm am Semmering, um 1910. - © Abb.: Archiv Holzer

In meiner Fotosammlung findet sich eine Winterszene aus dem Jahr 1910, die diesen gemächlichen Start des alpinen Wintersports gut illustriert. Zu sehen ist das mondäne Hotel Panhans am Semmering. Das Eldorado großbürgerlicher Erholungssehnsüchte ist in eine romantische Schneelandschaft gesetzt. Im Vordergrund sind Wintersporttouristen zu sehen: Skifahrer, die mit einem einzigen langen Stock nach norwegischer Manier balancieren und steuern, daneben steht eine Rodlerin. Rodeln galt in den Jahren um 1900 als ebenso schick wie Skifahren.

Am Höhenkurort Semmering frönten die Besucher weit mehr dem entspannten Nichtstun als den schweißtreibenden Aufstiegen mit eigener Körperkraft. Lifte gab es damals am Semmering nämlich noch keine. Es waren eher beherzte Burschen aus alpinen Gegenden, die in diesen Jahren die Skifahrerei zum Sport machten - und die um die und nach der Jahrhundertwende die ersten Skiclubs gründeten.

In der Zwischenkriegszeit nahm die Faszination des Skifahrens deutlich zu, ohne jedoch zum Massenphänomen zu werden. Der Erste Weltkrieg hatte junge Soldaten unter Zwang ins Skifahren eingeführt, als überlebensnotwendige Technik im alpinen Winterkrieg. Aber Begeisterungswelle hatte diese kollektive Einübung keine ausgelöst. Und dennoch: Manche dieser jungen Männer, die unter militärischer Anleitung das Aufsteigen (auf Fellen) und sichere Abfahren im offenen Gelände erlernt hatten, wurden in der Zwischenkriegszeit Skilehrer.

In etlichen Bergorten eröffneten in den 1920er und 30er Jahren die ersten Skischulen - zunächst ohne Lifte. Wie zögernd die Aufbrüche des alpinen Skisports waren, zeigt die Tatsache, dass der 1910 in Norwegen gegründete internationale Skiverband sich in seinen Anfangsjahren nur für die nordischen Disziplinen zuständig sah. Erst relativ spät nahm er sich auch der alpinen Richtungen an. 1931 fand die erste alpine Skiweltmeisterschaft statt, seit 1936 ist alpines Skifahren auch olympische Disziplin.

Die Entwicklung des Skifahrens als Massensport korreliert mit der Errichtung infrastruktureller Voraussetzungen. Dazu gehören der Bau von Hotels und Liftanlagen sowie der Anschluss an den internationalen Bahn-, Bus-, und später Autoverkehr. Das entstehende Arlberger Skigebiet etwa profitierte vom Anschluss an die Bahnlinie. Bereits 1936 wurde in Zürs ein erster Skilift gebaut, 1939 folgte ein weiterer in Lech.

Stefan Kruckenhauser: Schussfahrt, aus dem Bildband "Du schöner Winter in Tirol"(1937) - © Archiv Holzer
Stefan Kruckenhauser: Schussfahrt, aus dem Bildband "Du schöner Winter in Tirol"(1937) - © Archiv Holzer

Schon vor dem Zweiten Weltkrieg wurde das Gebiet zum gefragten Wintersportgebiet. Die Gäste kamen nicht nur aus der Region, sondern auch aus anderen Ländern. Ein nicht zu unterschätzender publizistischer Schachzug in der skitouristischen Entwicklung des Arlbergs spielte das 1937 in Berlin erschienene Fotobuch "Du schöner Winter in Tirol" von Stefan Kruckenhauser, das fast ausschließlich am Arlberg fotografiert wurde.

Männlich-heroisch

Der Fotograf fand einprägsame und werbewirksame Bilder für die noch junge Wintersportart. Das Skifahren wird als gesellige und zugleich männlich-heroische Freizeitbeschäftigung vorgestellt, aber auch als aktiver, körperbetonter Lebensstil, der eingebettet ist in eine romantische Winterlandschaft. Die eleganten Aufstiegsspuren führen in entlegene Bergwelten, die waghalsigen Abfahren über verschneite Hänge zurück ins Tal und in die Gesellschaft. Frauen sind auf diesen Skiabenteuern nur die Begleiterinnen der Männer. Während die akrobatischen Sprünge und Schwünge im Tiefschnee diesen vorbehalten sind, treten die Frauen als gebräunte Schönheiten und "Skihaserln" auf.

Ab den 1950er Jahren wurde das Arlberggebiet zum mondänen Treff der internationalen Haut Volée. Hier stieg nicht allein die zu Geld gekommene Mittelschicht ab, sondern bald auch der Adel aus aller Welt. Ein Foto aus den 1950er Jahren zeigt die niederländische Prinzessin Beatrix beim Skifahren in St. Anton. Es handelt sich nicht etwa um einen privaten Schnappschuss, sondern um ein öffentliches Bild, das, als Postkarte verbreitet, einerseits der Imagepflege des Königshauses diente, daneben aber auch auf das Image der Arlberger Skiarena abstrahlte.

Die niederländische Prinzessin Beatrix beim Skifahren in St. Anton, um 1950. - © Archiv Holzer
Die niederländische Prinzessin Beatrix beim Skifahren in St. Anton, um 1950. - © Archiv Holzer

Auch andere Skigebiete profitierten von neuen Verkehrsverbindungen. Obertauern etwa wurde ab 1929 durch den Postauto-Linienverkehr erschlossen, der nun auch in den Wintermonaten Touristen in die Berge brachte. Die rasante Tourismusentwicklung setzte allerdings erst nach dem Krieg ein. 1950 wurde im Ort der erste Tellerlift gebaut, der in den folgenden Jahren von weiteren Liftanlagen ergänzt wurde. Heute gehört der Obertauern zu den Top-Wintersportdestinationen Österreichs mit einem breit gefächerten Liftkarussell und rund 100 Pistenkilometern.

Der alpine Skizirkus hat Gewinner und Verlierer hervorgebracht. Ich selbst durfte mich einige Jahre lang zu den kleinen Gewinnern zählen, denn das expandierende Skigebiet in meinem Dorf verschaffte mir in den Ferien einen lukrativen Nebenjob. Jahrelang habe ich als Gymnasiast und als junger Student im Skipassausgabebüro mit einer Polaroid-Kamera Fotos für Skipässe hergestellt. Tausende, vermutlich zehntausende Skitouristen habe ich im Laufe der Jahre porträtiert. Lichtpunkt auf den Mund, klick und dann warten, bis das Bild entwickelt ist. Als Skipassfotograf habe ich den Übergang zum Massentourismus hautnah miterlebt. Jahr für Jahr wurden die Anlagen erweitert, neue Lifte wurden gebaut, Skihütten eröffnet und im Tal schossen weitere Hotels aus dem Boden. Ein Boom, der die Wirtschaft des Tales nachhaltig veränderte.

Ungebremster Boom

Viele Skiorte haben in diesen Jahren dieselbe Entwicklung genommen. Immer mehr Lifte, immer mehr Andrang, immer mehr Nächtigungen, immer mehr Verkehr, immer mehr Geld. Jahrelang gab es kaum Hemmnisse, die den Boom hätten bremsen können. Solange der Wirtschaftsmotor brummte, wurden die Einwände von Natur- und Umweltschutz weggewischt, die Kosten der Allgemeinheit fielen unter den Tisch. Wie eine gefräßige Walze hat der Boom des Wintertourismus Schneisen in die alpinen Landschaften gegraben.

Wer jemals die Parkplätze eines großen Wintersportortes während der Hauptsaison erlebt hat, weiß, welch gewaltige Blechlawinen sich Tag für Tag am Fuße der Liftanlagen sammeln, welche Menschenmassen über das Nadelöhr der Lifte und Bahnen auf die Berge geschleust werden. Und wer einmal einen Blick hinter die Kulissen der Skihütten und Bergrestaurants geworfen hat, weiß, dass es hier um industrielle Massenabfertigung geht, die bei der Verpflegung mit Essen und Trinken (mit viel Alkohol) beginnt und bei der Entsorgung der Notdurft tausender Skifahrer endet.

Große Wintersportorte sind quasi-industrielle Verwertungsmaschinen, eingebunden in ein kapillares Netz an Transport und Logistik zwischen Tal und Berg: Menschen hinauf, Abfälle herunter, Wasser (zur künstlichen Beschneiung) hinauf, Abwässer herunter, Arbeitskräfte hinauf, Verwundete herunter und so weiter. Die Natur ist, in dieser Perspektive betrachtet, eine Art Restgröße, eine notwendige Kulisse, nicht viel mehr.

Verlust an Zuspruch

Schon vor dem Schreckensjahr der Corona-Pandemie ist das Modell des industriell betriebenen Wintersports vielerorts an die Grenzen der Zumutbarkeit gekommen. Der Raubbau an der Natur und die Folgen des Klimawandels haben zu einem Umdenken, die weitere technische Expansion im Hochgebirge teilweise zu massiven Protesten geführt. Ein Beispiel dafür sind die Einwände der Umweltschützer gegen die geplante Verbindung der Gletscherskigebiete des Tiroler Pitz- und Ötztals.

Dazu kommt, dass der alpine Massenskisport in großen Bevölkerungskreisen rasant an Zuspruch verliert. Immer weniger Kinder erlernen das Skifahren, der Sport ist für viele Junge nicht mehr attraktiv - und sogar für mittelmäßig verdienende Familien viel zu teuer.

Hat die große Ära des industriell geprägten Skifahrens den Zenit überschritten? Vieles spricht dafür. Zwar wird es auch in Zukunft noch alpinen Massentourismus geben, aber der Höhepunkt der Entwicklung dürfte erreicht bzw. überschritten sein. Corona hat vermutlich einen Trend beschleunigt, der sich schon seit längerem ankündigte: Es zeichnen sich neue winterliche Outdoortrends in den Bergen ab, die die teuren Lifte und Seilbahnen quasi links liegen lassen. Sie reichen vom Skitourengehen über das Schneeschuhwandern bis hin zum Rodeln. Verbunden damit wird die Wertschöpfung im Wintertourismus umgebaut: weg von der industriellen Massenbeglückung, hin zur individuellen Erholung in der Natur.

Kurz bevor der Unfall meines Sohnes passierte, habe ich stolz ein Erinnerungsfoto von ihm aufgenommen. Wie ein Außerirdischer steht er da, im Skianzug und mit Helm, inmitten der weißen Landschaft. Ich konnte damals noch nicht wissen, dass es ein Abschiedsbild sein wird, vermutlich das letzte Bild unseres familiären Skivergnügens, das auf der Piste entstand. Im Album wird es das Ende einer Ära markieren.