"Lockere Passform. Elastischer Bund mit Tunnelzug. Seitliche Eingrifftaschen. Beinabschluss mit Rippenbündchen." Die einen versuchen es mit einem guten Buch, die anderen greifen zur Teekanne. Auch Meditation oder Pilates stehen auf dem Programm. Botanisieren, Gärtnern und Malen sollten Abhilfe schaffen, aber auch die Sichtung alter Urlaubsfotos ist eine Möglichkeit. Manche schauen bei YouTube vorbei und suchen dort ASMR-Channels auf, in denen junge Frauen mit manikürten Nägeln auf wohlklingende Oberflächen tippen und dabei mehr oder weniger Erratisches wispern ("I’ve actually read some of this book ... It’s very ... ahm ... interesting"). Von Atemübungen oder progressiver Muskelrelaxation wird Gebrauch gemacht. Fliegenfischen kann hilfreich sein, und auch das Aufräumen und Ordnen nach der sogenannten KonMari-Methode wird mitunter ins Feld geführt, wenn es darum geht, was Entspannung verspricht.

Weniger hoch im Kurs hingegen steht die Sichtung von Produktbeschreibungen. Dabei fällt bereits die Jogginghosen-Gebrauchsprosa womöglich beruhigender aus als eine 30-Minuten-Massage beim Schröpfchinesen (aua!) oder die Herstellung eines Origami-Pfaus an einem Sonntagnachmittag voller innerer Leere: "Stretchbund und Saum. Asphalt-farbener Kordelzug am Bund. Tiefsitzender Schritt. Reine Baumwolle." Ruhe, Regeneration, Erholung, ja: Müßiggang scheinen zum Greifen nahe. Rein in die Jogginghose, raus aus dem Alltag!

Zart wie das vorfreudig erwartete Abtauchen in das Beinkleid und anschmiegsam wie das Nämliche fällt auch das einschlägige Fachlatein aus. Vor dem geistigen Auge vorweggenommen wird das Dolce far niente auf der Couch, der Zeittotschlag, das Nichtstun, das faule auf Schlaf- und Ruhemöbeln Herumlümmeln und -fläzen. "Stilsicher in der Freizeit. Hoher Tragekomfort. Bündchenabschluss an den Beinenden."

Das Maximum an Aktivität

In meiner Kindheit war die Jogginghose allgegenwärtig. Fußballtrainer trugen sie an der Seitenlinie, Run DMC in Musikvideos, Freddie Mercury turnte darin über die Bühne, mein Vater schlüpfte nach Dienstschluss oder am Wochenende hinein. Verließ man am Sonntag das Haus - oder schaute noch mit Schlaf in den Augen durch das Fenster -, sah man andere Väter, die in der Jogginghose zum Bäcker aufbrachen oder sich mit dem Staubsauger in ihren Autos verbogen.

Entwurf einer Jogginghose, Tinte auf Papier. - © David Ring / Fashion Museum Province of Antwerp (CC0 1.0)
Entwurf einer Jogginghose, Tinte auf Papier. - © David Ring / Fashion Museum Province of Antwerp (CC0 1.0)

Fußmatten wurden in Jogginghosen gereinigt, Windschutzscheiben eingeschäumt, rote, schwarze und weiße Lacke poliert. Es war das Maximum an Aktivität, das in diesem Kleidungsstück angebracht schien. Beim Joggen konnte man Menschen in Jogginghosen jedenfalls niemals sehen (überhaupt wurde damals weniger in der Gegend herum- und vor sich selbst weggerannt), und wer die Kontrolle über sein Leben frei nach einem späteren Zitat von Karl Lagerfeld so sehr verloren hatte, dass er damit sogar in den Supermarkt ging, erwies sich dort eher als der tiefenentspannte, gelassene, gemütliche Typ. Ein "Zweite Kassa!!" war von ihm eher nicht zu erwarten.

Selbst im Sportfernsehen kam die Jogginghose nur bei leichten Aufwärmrunden und lockeren Trainings zum Einsatz und nicht bei der tatsächlichen Arbeit. Sah man einen Athleten bei den Olympischen Spielen im entsprechenden Outfit, war dieser auch nicht im Begriff, eine Langhantel mit dem Gewicht einer Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg zu stemmen oder die 100 Meter schneller zu laufen, als man als Zuseher blinzeln konnte. Viel wahrscheinlicher schrieb er gerade ein Autogramm, gab ein Interview oder bereitete sich innerlich auf die Entgegennahme seiner Medaille vor, wobei zur Feier des Tages ein Zweiteiler zum Einsatz kam.

Wirklich guter Stoff

So viel Stil muss sein: Gold, Silber oder notfalls Bronze am Band ersetzten die Lücke, die die fehlende Krawatte unter oder über dem Jogginganzug hinterließ. Entsprechend ausgezeichnete Sportler hingen entsprechend kostümiert und mit gewinnendem Siegerlächeln auf Postern in tausenden Haushalten an den Wänden und wurden dort auch von angehenden Tagedieben in Hosen aus Jersey-Fleece angestarrt. "Elastischer Bund mit kontrastfarbenem Kordelzug. Bequemer Schnitt mit geradem Bein." Wirklich guter Stoff, süße Träume!

Noch bevor Karl Lagerfeld Selbstverrat begehen sollte - man vergisst das gerne, doch die Präsentation seiner Herbst-Winter-Kollektion für Chanel auf der Fashion Week in Paris inkludierte im März 2014 Sweatpants im Schlabberlook! -, war die Jogginghose irgendwann allerdings von der Bildfläche verschwunden. Fußballtrainer standen plötzlich in körperbetonten Designeranzügen am Spielfeldrand und sahen wie Manager aus, die sich auf dem Weg ins Büro blöderweise verlaufen hatten.

Jogger tauchten vermehrt im Stadtbild und in der Landschaft und Fitnessgurus im Fernsehen auf. Sie trugen nach wie vor keine Jogginghosen, sondern Hochleistungs-, sprich Funktionswäsche. Im Fernsehen regierten statt dicker Gewerkschafter slimfitte Politiker das Geschehen: Enge Sakkos, einschneidende Entscheidungen. Und selbst die Fernsehköche hatten sich zumindest halbiert. Anstelle der Modelle Franz Zodl oder Helmuth Karl Misak gab es Alois Mattersberger und Sarah Wiener, die auch Gemüse konnten. Verlierer dieser Entwicklung war neben dem Butterschmalz (mein Gott, denkt denn keiner mehr an das Butterschmalz!?) auch der Gummibund. Der wurde von der selbstoptimierten Kundschaft schlicht nicht mehr benötigt.

Leistungsverweigerung und Sittenverfall

Tagediebe wurden gesamtgesellschaftlich zunehmend kritisch beäugt und als Minderleister verunglimpft. Die modische Abneigung gegen die Jogginghose begann verkappten Neid auf die Tagesfreizeit der anderen und nicht zuletzt eine Ächtung der sozial Schwächeren und Schwächsten zu bedeuten. Die Jogginghose selbst kam nicht mehr so häufig im Supermarkt, sie kam jetzt im Diskonter und im Sozialmarkt vor.

Auch die britische Sängerin und Songwriterin Dua Lipa wurde bereits arbeitend in der Jogginghose gesichtet. - © Neale Haynes, Jaguar MENA / (CC BY 2.0)
Auch die britische Sängerin und Songwriterin Dua Lipa wurde bereits arbeitend in der Jogginghose gesichtet. - © Neale Haynes, Jaguar MENA / (CC BY 2.0)

Schenkt man der Parallelwelt der Modeexpertinnen und Fashion-Blogger Glauben, gibt es derzeit aber einen Umbruch zu vermelden. Die Jogginghose erlebt ein Comeback, und auch unabhängig vom Hochschnellen der Arbeitslosenzahlen durch die Auswirkungen von Covid-19 ist dafür die gegenwärtige Pandemie verantwortlich zu machen. Schließlich wollen im Homeoffice Werktätige das Nützliche beziehungsweise Notwendige, Unvermeidliche auch mit dem Angenehmen verbinden. Wie etwa Nachrichtenmoderatoren aus gelebter Erfahrung wissen, reicht bei eingeschalteter Kamera (Stichwort Zoom-Meeting!) ein akkurat gepflegter Oberkörper vollkommen aus. Was sich darunter befindet, wissen die Götter. Allein saisonbedingt sind Badeshorts und ähnliche Textilien mit Kniefreiheit aktuell jedenfalls keine Alternative, womit wir uns auch schon wieder bei der Jogginghose befinden, diesem guten alten Sinnbild für Leistungsverweigerung und modischen Sittenverfall.

Und apropos: Dass der 2009 von vier Grazer Schülern ins Leben gerufene internationale Tag der Jogginghose jährlich am 21. Jänner ausgerechnet mit dem Weltkuscheltag zusammenfällt, wäre in diesem Zusammenhang natürlich ein eigenes Thema. Als sexy allerdings galt die Jogginghose noch nie. Wobei, lesen wir weiter in der Gebrauchsprosa über das Objekt der Begierde: "Weiche Sweat-Qualität. Zwei seitliche Eingrifftaschen."