In seinem Roman "Ecotopia" aus dem Jahr 1975 entwirft Ernest Callenbach die Utopie einer perfekten Öko-Gesellschaft. In den autofreien Städten stehen kostenlos Fahrräder zur Verfügung, die Menschen leben in Holzhäusern, in denen sie gemeinsam kochen und mit "picturephones" kommunizieren, in den Schulen wird in Survival-Kursen Jagen und Sammeln unterrichtet. Der Konsum von Cannabis ist legalisiert, ebenso erlauben Gesetze die "Beschlagnahme von Eigentum durch Besitzer" sowie "konfiskatorische Erbschaftssteuern".

Das Buch wurde zur Standardlektüre der kalifornischen Hippies und der Umweltbewegung. Es verkaufte sich über eine Million Mal und inspirierte eine ganze Generation von Filmemachern bis zu Start-up-Gründern. Wenn man sich die Welt von heute anschaut, dann hat sich die Utopie einer besitzlosen Gesellschaft in Teilen materialisiert. Man leiht sich E-Scooter oder Fahrräder, streamt Serien oder Musik im Netz oder liest Bücher in einer Lese-Flatrate.

In postmaterialistischen Kreisen gilt Besitz als uncool. Natürlich konnte man auch schon in analoger Zeit Filme oder Räder ausleihen. Doch die Sharing Economy hat den Gedanken des Teilens und kollaborativen Konsums radikal erweitert. Friseure, Köche, Taxis, Wohnungen, Quellcodes - dank Internet kann man heute alles Mögliche teilen. Es gibt mittlerweile ein "Uber" für fast alles.

Zugang statt Besitz

Der US-Ökonom Jeremy Rifkin hat in seinem Buch "Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft" (2014) beschrieben, wie die modernen Informationstechnologien in den Bereichen Kommunikation, Energie und Bildung die Grenzkosten gegen null treiben und Arbeit abschaffen: Autoren veröffentlichen "unter Umgehung von Redakteuren, Schriftsetzern, Druckern, Groß- und Einzelhändlern" Bücher, deren Marketing- und Vertriebskosten bei nahezu null liegen. Studenten machen ihre Scheine in Online-Seminaren. Und Hobby-Tüftler produzieren mit 3-D-Druckern ihre eigenen Güter. Jeder könne sich heute umsonst mit regenerativen Energien wie "Biomasse aus dem Abfall in der Küche" oder Solarzellen kostenlos mit Strom versorgen und Informationen im Netz teilen. Damit verändert sich auch die Vorstellung von Eigentum.

In der Feudalwirtschaft, so Rifkin, war alles Dingliche von Gottes Schöpfung abgeleitet, Gott allein hatte die Verfügungsgewalt über die Dinge. "In diesem theologischen Rahmen verstand man Eigentum als eine Kette von Verpflichtungen, die sich vom himmlischen Thron als Spitze der Pyramide bis hinab zu den Bauern auf den gemeinschaftlichen Feldern zog." In dieser Logik war Eigentum nicht als exklusiver Besitz gedacht, sondern als eine Art Verpflichtung. Mit dem 16. Jahrhundert habe jedoch eine "Einhegungsbewegung" eingesetzt, bei der Eigentumsverhältnisse nicht mehr göttlich, sondern kontraktualistisch, also vertragstheoretisch gedacht und begründet wurden und in deren Folge das kommunal genutzte Land in Privateigentum umgewandelt wurde.

"Nach Jahrhunderten, in denen die Menschen zum Land gehörten, gehört das Land jetzt einzelnen Menschen in Form von Immobilien, die übertragbar und auf dem offenen Marktplatz eintauschbar waren", schreibt Rifkin. Besitz wurde exklusiv gedacht. Mit dem Übergang zu den Social Commons, also Gemeingütern, werde Eigentum durch Zugang zu Märkten ersetzt. Eigentum, Märkte und möglicherweise der ganze Kapitalismus werden obsolet, so Rifkins aufsehenerregende These.

Bereits in seinem 2000 erschienenen Buch "Access - Das Verschwinden des Eigentums: Warum wir weniger besitzen und mehr ausgeben werden" hat der Ökonom ausbuchstabiert, wie Netzwerke an die Stelle von Märkten treten. "Die Idee des Eigentums beruht auf der Annahme, dass materielle Vermögenswerte oder Anteile daran ihren Wert über eine lange Zeitspanne behalten. ,Eigentum‘ und ,akkumulieren‘ waren lange sorgsam gehegte und gepflegte Lebenskonzepte. Nun jedoch überholen die rasante technische Innovation und die aktuellen ökonomischen Aktivitäten mit ihrem schwindelerregenden Tempo alle Vorstellungen, die wir an Eigentum geknüpft haben."

Rifkin sagt nicht, dass es kein Eigentum mehr gibt. Es werde weiter fortbestehen, nur wird es wahrscheinlich viel seltener getauscht werden: "Die Anbieter der neuen Ökonomie werden ihr Eigentum behalten, sie werden es verpachten und vermieten oder auch Zugangsgebühren, Abonnements- oder Mitgliedsbeiträge für seinen befristeten Gebrauch erheben. Der Austausch von Eigentum zwischen Verkäufern und Käufern - das Grundschema des neuzeitlichen Marktsystems - wird abgelöst vom kurzfristigen Zugang, wobei Anbieter und Kunden in einem Netzwerk miteinander verbunden sind." Diese Transformation von einem "Regime des Besitzens" zu einem Regime des Zugangs hat selbstredend politische Implikationen, schließlich stiftet Eigentum Macht. Wenn Eigentum nun nicht wegbricht, aber doch an Bedeutung verliert, erodiert die Macht politischer Institutionen bzw. wird im Umkehrschluss politische Macht über "Zugänge" (in einem technischen Sinn) hergestellt.

Ein Grundkonflikt

Man kann das sehr gut an der politischen Kommunikation studieren, wo eine Plattform wie Twitter oder Facebook einem amerikanischen (Ex-)Präsidenten, der als mächtigster Mann der Welt gilt, einfach einen Ordnungsruf erteilen oder ihm sogar, wie aktuell der Fall, ganz den Stecker ziehen kann. Was nutzt der mächtigste Apparat im Weißen Haus, wenn der Schlüssel zur Öffentlichkeitsarbeit in den Zugangsdaten von Twitter liegt?

Auch bei Amazon oder Google, die den Online-Handel inzwischen derart dominieren, dass sie den Markt quasi ersetzt haben, geht es darum, Zugang zu den Plattformen zu bekommen. Wer bei Amazon Marketplace keinen Stand hat, hat im Netz kaum Laufkundschaft. Und wessen Filiale nicht in Google-Diensten verzeichnet ist, der kann im Grunde gleich zusperren. Vor allem das geistige Eigentum scheint durch die digitalen Geschäftsmodelle derart erodiert zu sein, dass das Recht faktisch nur noch deklaratorischen Charakter hat. So kann man auf Google Books ganze Auszüge aus Büchern lesen, ohne dafür zu bezahlen. Die Verlage machen mit, weil sie über das Vorschauprogramm kostenlos für ihre Bücher werben können. Google ist ein wichtiges Schaufenster - auch für Nachrichten.

Vor der Google-Zentrale in Mountain View, Kalifornien. Die Alphabet-Tochter muss in Frankreich nun im Streit um Leistungsschutzrechte 500 Millionen Euro strafe zahlen. 
- © Tobias Haase (CC BY 2.0)

Vor der Google-Zentrale in Mountain View, Kalifornien. Die Alphabet-Tochter muss in Frankreich nun im Streit um Leistungsschutzrechte 500 Millionen Euro strafe zahlen.

- © Tobias Haase (CC BY 2.0)

Nach jahrelangem Streit um ein Leistungsschutzrecht zahlt Google erstmals Lizenzgebühren für die Nutzung sogenannter Snippets, kleiner Textvorschauen, die in seinen Diensten ausgespielt werden. Die Videoplattform YouTube und die Verwertungsgesellschaft Gema haben sich bereits 2016 auf ein Vergütungsmodell für Musik verständigt. Trotzdem ist der Urheberrechtsstreit im Netz nicht beendet.

So hat das Internet Archive, das Webseiten archiviert und Bücherbestände von Bibliotheken digitalisiert, eine National Emergency Library eingerichtet, um den während des Lockdowns geschlossenen Schulen und Büchereien Zugang zu 1,4 Millionen E-Books zu gewähren. Nachdem die Verlage Hachette, Penguin Random House, Wiley sowie HarperCollins Urheberrechtsklage eingereicht hatten, wurde das Programm eingestellt. Auch hier geht es nicht mehr um den marktwirtschaftlichen "Austausch von Eigentum zwischen Verkäufern und Käufern", wie Rifkin argumentiert, sondern um den Zugang zu Informationen. Wenn ein Nutzer dann tausendfach Kopien eines kostenlosen E-Books ins Netz stellt, fällt auch der Buchmarkt in sich zusammen.

Was für die einen Produktpiraterie ist, ist für die anderen die Verteidigung eines öffentlichen Guts. Die Anhänger der Open-Source-Bewegung vertreten die Position, dass niemand Eigentum an Informationen reklamieren kann. Daher lehnen sie Urheberrechtsregime und Patente ab. Dieser Grundkonflikt zwischen den Besitzansprüchen der Old Economy (Autobauer, Verlage, Softwareunternehmen) und den Interessen der Commons-Bewegung (Open Access, Open Data, Open Source) besteht ja weiter fort, doch der Widerspruch zwischen einer Kommodifizierung auf der einen und Dekommodifizierung auf der anderen Seite wurde dialektisch aufgelöst, indem ein neues Tausch- bzw. Zahlungsmittel eingeführt wurde: Daten. Man kann heute kostenlos Videokonferenzen durchführen, Textnachrichten verschicken oder Kartendienste abrufen. Doch diese Dienste bezahlt man mit seinen Daten, die Konzerne zu informationellem Mehrwert raffinieren.

Voraussetzung für dieses überwachungskapitalistische Geschäftsmodell ist die Abwesenheit von Dateneigentum. Denn wenn Daten eigentumsfähig wären, dann würde ihre Aneignung de jure einer Enteignung gleichkommen, müssten die Konzerne für die Nutzung von Daten eine Entschädigung zahlen. Wo jedoch schon a priori kein Eigentum besteht, kann dieses auch nicht aufgegeben werden, muss folglich niemand enteignet werden - man kann Daten einfach "sammeln".

Fast anarchomarxistisch

Im Grunde ist es so, dass die Nutzer die Felder der Plattformen kostenlos bestellen und die Früchte dieser Datenarbeit den Betreibern zufallen. Wer sich jemals gewundert hat, warum man bei Google auf einem Bilderrätsel Fahrzeuge oder Ampeln erkennen muss, um zu beweisen, dass man kein Roboter ist, dem sei gesagt, dass er damit honorarfrei die Bilderkennungsalgorithmen der Google-Schwester Waymo trainiert, die, welch Zufall, Roboterfahrzeuge entwickelt. Die kalifornische Plattformökonomie profitiert also von fast schon anarchomarxistischen Zuständen, die sie radikal kapitalisiert. Alles, was sie dazu tun musste, war das Eigentumsprinzip mitsamt der daraus abgeleiteten Privatsphäre ideologisch zu verabschieden und durch eine Tauschwirtschaft zu ersetzen.

John Perry Barlow (1947-2018). - © Joi (CC BY 2.0)
John Perry Barlow (1947-2018). - © Joi (CC BY 2.0)

Ende der 1990er entwickelte der Internetpionier John Perry Barlow die These eines "Dot-Kommunismus". Im Jahr 2009 schrieb Kevin Kelly, Mitgründer der Zeitschrift "Wired", von einem "digitalen Sozialismus", der sich über das grenzenlose Netz verbreite. "Statt auf kollektiven Farmen zusammenzukommen, versammeln wir uns in kollektiven Welten. Statt staatlicher Fabriken haben wir Desktop-Fabriken, die mit virtuellen Genossenschaften verbunden sind. Statt Bohrer, Spitzhacken und Schaufeln zu teilen, teilen wir Apps, Skripte und Schnittstellen." Dieser Sozialismus sei nicht antiamerikanisch, im Gegenteil, er sei "die neueste amerikanische Innovation", die sich auf ein Heer von Freiwilligen, Cloud Computing sowie den Commons-Gedanken stütze.

Vielleicht errichten wir alle - unbewusst und unideologisch - einen digitalen Sozialismus, der Privatsphäre, Privatautonomie und Privateigentum zurückbaut. Vielleicht finden wir uns irgendwann tatsächlich in einem Ökotopia wieder, wie es Ernest Callenbach gezeichnet hat. Doch so reizvoll der Gedanke einer besitz- und herrschaftsfreien Öko-Gemeinde klingt, am Ende muss man sich wohl darauf einstellen, dass ein paar Akteure vom digitalen Gemeingut profitieren.