Der Zusammenhang von Sein und Wohnen hat durch die Corona-Pandemie einen besonderen Stellenwert im öffentlichen Diskurs erhalten. War die Wohnung bisher vornehmlich eine Sphäre der Geborgenheit, die Schutz vor einer zudringlichen oder bedrohlichen Außenwelt bot, mutierte sie in den zeitweiligen, länger andauernden Lockdowns zu einer Art Gefängnis.

Diese neuartige Konstellation ist der Ausgangspunkt für die philosophischen Streifzüge zur Geschichte und Bedeutung des Wohnens, die der Medientheoretiker und Philosoph Florian Rötzer in der kürzlich veröffentlichten Studie "Sein und Wohnen" unternommen hat. Für den Autor ist das Wohnen im Sinne eines Sich-Niederlassens, Bleibens und Ruhens an einem geschützten Ort eine zentrale Grundvoraussetzung der menschlichen Kultur. Ähnlich argumentierte der Religionsphilosoph Paul Tillich: "Um dem Unheimlichen zu entfliehen, sucht der Mensch sich heimisch zu machen im Dasein, sucht er dem Dasein das Fremde, das Drohende zu nehmen."

- © Westend
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Bereits die Höhle bot den Bewohnern Schutz vor der Außenwelt; vor Wind und Wetter, den Jahreszeiten, Feinden und wilden Tieren. Die Höhle war gleichzeitig ein Ort der Kommunikation und auch der Schauplatz von künstlerischen Aktivitäten, wie etwa die Höhlenmalereien von Lascaux zeigen. Bereits in der Höhle wurde die Ambivalenz des Wohnens deutlich. Der Rückzug in die Abgeschlossenheit verführte dazu, sich behaglich da-rin einzurichten; sie stand im Gegensatz zu dem Bedürfnis, sich ins Freie zu begeben - in eine "Lichtung des Seins", um dort eine andere Welt jenseits der Schattenwelt des diffusen Dämmerlichts zu entdecken. Eine Differenzierung des sozialen Lebens erfolgte dann durch den Bau von einfachen Hütten aus Schilf, Reisig oder Laub. Da ging es darum, sich vom Kollektiv abzugrenzen, um einen Innenraum für Privates zu schaffen. Rötzer spricht von einem Individualisierungsschub, der als Ausgangspunkt für Distinktionen diente, die die Entfaltung der Zivilisation beschleunigten.

Einen zentralen Stellenwert nimmt das Wohnen auch bei Martin Heidegger ein, der "Mensch-sein mit Wohnen" gleichsetzte. In dem 1951 während der Darmstädter Gespräche gehaltenen Vortrag "Bauen-Denken-Wohnen" heißt es: "Die Art, wie du bist und ich bin, die Weise, nach der wir Menschen auf der Erde sind, ist das Wohnen. Mensch sein heißt als Sterblicher auf der Erde sein, heißt: wohnen." Wohnen in diesem Sinn bedeutet für Heidegger, sich sorgsam auf der Erde einzurichten und verantwortungsvoll mit deren Ressourcen umzugehen und sie somit zu verschonen.

Je sorgfältiger wir der Forderung nachkommen, desto erfüllter wird unser Dasein. Diese Form des Wohnens unterscheidet sich deutlich von den sich "planetarisch" ausbreitenden Domizilen in den Hochhäusern der Großstädte, in denen die Menschen nur untergebracht werden. In diesen Wohnwaben ähneln die Menschen den Troglodyten in Platons Höhle, die die Schattenwelt als Realität betrachten und die Möglichkeit der "Lichtung" nicht in Betracht ziehen; das "eigentliche Dasein" findet dort nicht statt.

Die für Heidegger exemplarische Form des Wohnens, die unwiederbringlich verloren gegangen ist, stellt der Schwarzwaldhof dar. Er ist der Inbegriff für Heimat, die für das Da-Sein der Menschen unumgänglich ist - ein Ort, der dem menschlichen Leben Konturen verleiht. Für Heidegger war dann auch seine Hütte in Todtnauberg, wo er unter anderen den Dichter Paul Celan traf, ein Denk-, Schreib- und Meditationsort. "Wenn in tiefer Winternacht ein wilder Schneesturm um die Hütte rast und alles verhängt", schrieb Heidegger in seinem pathetischen Stil, "dann ist die hohe Zeit der Philosophie gekommen."

Dichterisches Wohnen

In Adalbert Stifters Roman "Der Nachsommer" erfährt das Wohnen ebenfalls eine Nobilitierung, die nicht philosophisch begründet wird, sondern im Bereich des Ästhetischen erfolgt. Im Roman, den Literaturwissenschafter als "das Hohelied des Hauses" bezeichneten, fungiert das sogenannte "Rosenhaus" als zentraler Schauplatz der Handlung. In dem mit Rosen bedeckten Gutshof verbringt der Wanderer Heinrich Drendorf mehrere Tage in Gesellschaft des Gastgebers - des Freiherrn von Risach und seiner Familie.

Dort lernt er allmählich die perfekt inszenierte Gestaltung der einzelnen Räume kennen, die detailliert beschrieben wird. Alle kunstvoll verzierten Gegenstände sind in ein Ensemble eingebettet, das Harmonie und Geschmack ausstrahlt: Beispiele für diese wohltemperierte Inszenierung sind neben mit Rittermotiven verzierten Tischplatten "zwei hochlehnige Sessel mit eingelegtem Schnitz- und Flechtwerk, zwei geschnitzte Sitzbänke und zwei Schirme von gespanntem und gepresstem Leder, auf welchem Blumen, Früchte, Tiere, Knaben und Engel aus gemaltem Silber angebracht waren, das wie farbiges Gold aussah".

Selbst der Fußboden, der nur mit Filzpantoffeln betreten wird, besteht aus Einlegearbeiten. Im Rosenhaus findet Heinrich einen Ort der Harmonie, in dem ein durch "dichterisches Wohnen" erfülltes Dasein realisiert werden kann, das sich von der von Heidegger konstatierten Geworfenheit des Menschen in die "uneigentliche Welt" der gesellschaftlichen Konventionen emanzipiert.

Gaston Bachelard, 1965 - © Unbekannter Autor, CC BY-SA 3.0 NL , via Wikimedia Commons
Gaston Bachelard, 1965 - © Unbekannter Autor, CC BY-SA 3.0 NL , via Wikimedia Commons

Das "dichterische Wohnen" steht auch im Mittelpunkt der Studie "Poetik des Raumes" des französischen Philosophen Gaston Bachelard, der von 1884 bis 1962 lebte. Im Gegensatz zu Heidegger, der das Wohnen als eine metaphysische Kategorie auffasste, nahm Bachelard eine konkrete Analyse des Hauses vor. Als Phänomenologe war er jedoch weniger an der Gestaltung der Wohnräume eines Hauses interessiert als vielmehr an bestimmten Erinnerungsbildern von Begebenheiten, die Spuren in der Vorstellungskraft von Individuen hinterließen. Das Buch "Poetik des Raumes" ist laut Florian Rötzer "eine Feier des Wohnens, das die Imagination des beschützten Raumes beflügelt und zugleich deren Ausdruck ist".

Bachelard verstand das Haus als einen geschützten Raum, der in der Kindheit jedes Menschen von wesentlicher Bedeutung ist. Dieser Bezugspunkt ermöglicht es ihm, die positiven Werte des Raumes herauszustellen, der den Menschen umgibt. "Das Leben beginnt gut, es beginnt umschlossen, umhegt, ganz warm im Schoße des Hauses." Bachelard spricht von "glücklichen, geliebten Räumen", die durch Farben, Klänge und Gerüche Wohlsein und Behagen vermitteln und in unseren Erinnerungen, unserer Einbildungskraft immer wieder auftauchen.

Japanische Wohnkultur

Die verschiedenen Facetten des Wohnens, die Heidegger, Stifter und Bachelard beschrieben, sind auch in der japanischen Kultur anzutreffen. Das ideale traditionelle japanische Haus wird auch als Ort eines "glücklichen Wohnens" vorgestellt, der durch eine stilvolle Gestaltung die Lebensqualität der Menschen erhöht. Dazu tragen multifunktionale Räume bei, in denen die minimalistische Einrichtung auffällt.

Verzichtet wird auf die überbordende Fülle an Einrichtungsgegenständen, die in westlichen Wohnungen häufig zu finden ist. Wenige künstlerisch hochwertige Produkte wie eine Vase mit einem Blütenzweig oder Rollbilder mit Kalligraphien oder Gedichten schmücken einzelne Räume, die durch Schiebetüren verändert werden können und dadurch die Sicht auf den zum Haus gehörigen Garten ermöglichen.

"Solch ein Haus besitzt Seele, Reinheit, Ruhe und eine Schönheit, die in der Nüchternheit und der Harmonie liegt. Das alles zeugt von feinem Geschmack und einer Geisteshaltung, die man nicht vergisst", schrieb der vor der Herrschaft der Nationalsozialisten nach Japan emigrierte Philosoph Karl Löwith in seinem Essay "Der japanische Geist".

Die Gestaltung "glücklicher Räume" wurde durch das ästhetische Konzept des sogenannten "Wabi-Sabi" geprägt, das eng mit dem Zen-Buddhismus verbunden war. Der Begriff stammt von dem japanischen Zen-Mönch Sen no Rikyu, der im 16. Jahrhundert lebte. "Wabi-Sabi" bezeichnet die Wertschätzung der Schlichtheit und der Leere, die in den Räumen des traditionellen japanischen Wohnhauses anzutreffen ist.

Der Begriff bezieht sich nicht nur auf eine Ästhetik des Wohnens, sondern charakterisiert eine spezifische Lebensform - ein Dasein im Sinne Heideggers, das die gesellschaftlichen Konventionen negiert, um sich der "Lichtung des Seins" anzunähern. Eine Ahnung solch einer Erfahrung vermittelt das in der Nähe von Garmisch-Partenkirchen errichtete Meditationshaus des japanischen Architekten Kengo Kuma.

Friede in der Hütte

Der in Freiburg/Breisgau lebende Philosoph Günter Figal hat in der Publikation "Japan im Westen. Kengo Kumas Meditation House im Kranzbach" die Bauweise und die Atmosphäre der Andachtsstätte beschrieben. Als Motto wählte er Ludwig Wittgensteins Motto "Denk nicht, sondern schau!" Unter dem als "schützend" beschriebenen Dach befindet sich der Hauptraum mit gläsernen Wänden, der den Blick auf "die offene Tiefe des Waldes" freigibt. "In ihm und von ihm kann man, wenn man dazu bereit ist, das einfache Hinschauen und das Sehen von Raum lernen", schreibt Figal.

Ausschnitt aus Günter Figals Buch. - © Bodo
Ausschnitt aus Günter Figals Buch. - © Bodo

Ein solcher Raum eröffnet die Begegnung mit MU - mit der Leere, die im Zen-Buddhismus einen wichtigen Stellenwert einnimmt. In der traditionellen japanischen Kultur wird die Erfahrung der Leere auf die Einfachheit der Lebensweise übertragen, wie man sie bei asketischen Einsiedlern in kleinen Hütten vorfindet.

Ein Beispiel dafür ist der buddhistische Dichter Kamo no Chomei, der 1212 den in Japan berühmten Essay "Eine kleine Hütte" verfasste. Er zog sich aus einer "feindlichen, unfreundlichen Welt", die von Kriegen, Seuchen und klimatischen Katastrophen heimgesucht wurde, in eine wenige Quadratmeter umfassende Hütte zurück, um dort seinen Seelenfrieden zu finden; denn "aller Welten Glanz und Pracht ist nicht so viel wert wie eine Seele", notierte der Eremit, "daher kann ich so freudvoll an diesem einsamen Wohnort und in der schlichten kleinen Hütte leben".