Brennende Regenwälder, sterbende Korallenriffe, verschmutzte Gewässer - fast täglich erreichen uns neue Hiobsbotschaften kollabierender Ökosysteme. Der Planet ist waidwund gewirtschaftet. Wenn man die geradezu vor Trockenheit schreienden Bäume sieht, könnte man das, ganz frei von animistischen Anwandlungen, auch als Anklage der Natur verstehen: Ihr Menschen habt uns zugrunde gerichtet! Die Frage ist: Sollte die Natur auch Rechte haben wie der Mensch?

Im Dezember 2019 machte der EU-Botschafter des südpazifischen Inselstaats Vanuatu vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag einen radikalen Vorschlag: Die Zerstörung der Umwelt sollte als internationales Verbrechen bestraft werden. Seitdem haben sich zahlreiche Symposien und Juristentagungen mit der Idee eines "Ökozids" beschäftigt. Die ARD hat mit dem Fernsehdrama "Ökozid" den Umweltmord prominent in einem eigenen Themenabend verhandelt, die französische Regierung will einen eigenen Straftatbestand einführen, und auch Belgien will Umweltvergehen pönalisieren. Kann also bald ein zerstörtes Korallenriff Anklage gegen einen Staat erheben? Würde der Amazonas gegen den brasilianischen Staatspräsidenten Jair Bolsonaro klagen, der den Regenwald rodet?

Die Einführung eines solchen Straftatbestands wäre ein Paradigmenwechsel im Rechtssystem. Zwar kennen nationale Rechtsordnungen bereits ein Umweltstrafrecht. Und auch ist die Umwelt durch Umweltschutzregime nicht schutzlos gestellt. Doch in dem Topos des Ökozids schwingt ja nicht nur eine moralisch verwerfliche Tötungshandlung mit, sondern ihr liegt auch die Vorstellung einer eigenen Rechtsnatur der Natur zugrunde.

Die Idee, dass auch Berge, Flüsse und Seen Rechte haben, ist in den Rechtstraditionen indigener Kulturen weitaus stärker verankert als in denen moderner Industrienationen. Dort atmet immer noch der positivistische Geist Hegels, der ein "absolutes Zueignungsrecht des Menschen auf alle Sachen" postulierte. War im Feudalismus alles Dingliche von Gottes Schöpfung abgeleitet, hat sich der vernunftgeleitete Mensch die Verfügungsgewalt über alles Materielle angeeignet. Der Mensch ist vernünftig, weil er die Natur beherrscht. Dass sich in dieser radikalaufklärerischen Maxime möglicherweise auch eine Hybris verbarg, hat der Mensch wohl erst Jahrhunderte später erkannt.

Dagegen ist bei Naturvölkern der Gedanke vorherrschend, dass jedes Objekt beseelt und ein Teil von Mutter Erde ist. Daher war die Versöhnung von Natur- und Menschenrechten dort schon immer vorrangig. So hat 2019 der kalifornische Indianerstamm der Yurok dem Klamath River den Status einer juristischen Person zugesprochen. 2017 hat Neuseeland dem Whanganui River Naturrechte konzediert, nachdem die Maori, die indigenen Einwohner, über 160 Jahre für den Schutz des Flusses gekämpft hatten. Und im selben Jahr hat ein indisches Gericht die Flüsse Ganges und Yamuna als "lebende menschliche Entitäten" anerkannt.

Der Klamath River in der Nähe seines Ursprungs. - © PGHolbrook, CC BY-SA 3.0
Der Klamath River in der Nähe seines Ursprungs. - © PGHolbrook, CC BY-SA 3.0

Jahrhundertelang hat sich der Mensch die Natur untertan gemacht. Doch allmählich reift die Erkenntnis, dass diese Dominanz möglicherweise ruinös ist. Es ist schon seltsam: Der Mensch macht nicht einmal ein Prozent allen planetaren Lebens aus, trotzdem beansprucht er exklusiv alle Nutzungsrechte für sich.

Verankerte als Energieminister von Ecuador das Recht auf "Gutes Leben" ("Buen vivir") in der Verfassung: Alberto Acosta. - © Fundação Rosa Luxemburgo São Paulo Buenos Aires, CC BY-SA 4.0
Verankerte als Energieminister von Ecuador das Recht auf "Gutes Leben" ("Buen vivir") in der Verfassung: Alberto Acosta. - © Fundação Rosa Luxemburgo São Paulo Buenos Aires, CC BY-SA 4.0

Der ehemalige ecuadorianische Energieminister Alberto Acosta, der als Präsident der verfassungsgebenden Versammlung das Recht auf "Gutes Leben" ("Buen vivir") in der Verfassung verankerte, sieht die Etablierung von Naturrechten als eine Art zivilisatorischen Entwicklungsprozess. So wie es einst undenkbar war, Sklaven Rechte zu gewähren, sei es heute undenkbar, Berge und Flüsse als Rechtssubjekte zu sehen. Das Projekt der Moderne könne aber nicht vollendet werden, ohne die Interdependenz von Organismen anzuerkennen. Wenn der Mensch klimaschädliche Gase in die Atmosphäre emittiert, schadet er nicht nur der Umwelt, sondern auch sich selbst, indem er die schlechte Luft einatmet - und damit sein Recht auf körperliche Unversehrtheit beschneidet. Ohne Rechte für die Natur, so Acosta, gebe es keine vollen Menschenrechte.

Aber auch in den westlichen Industrienationen haben sich Rechtswissenschafter unter dem Einfluss der Umweltbewegung mit dem Thema Naturrechte beschäftigt. 1972 veröffentlichte der amerikanische Rechtswissenschafter Christopher Stone unter dem Titel "Should Trees Have Standing?" in der "Southern California Law Review" einen Aufsatz, worin er die Idee einer Verrechtlichung natürlicher Objekte entwickelt.

Stone geht von einem ganzheitlichen Ansatz aus. Die Menschheit, so die Prämisse, ist nur ein Teil des Ökosystems Erde, daher müssten makro- und mikroökonomisch auch die Externalitäten eingepreist werden. Eine Papiermühle soll beispielsweise dazu verpflichtet werden, nicht nur die Kosten von Holz, Säure und Arbeit in ihrer Bilanz zu berücksichtigen, sondern auch die Kosten, die der Gemeinschaft durch die Entnahme der Ressourcen entstünden. Im Gegensatz zu Acosta, der Naturrechte ideenpolitisch begründet, versucht Stone, die Rechtssubjektivität über das Haftungsrecht zu konstruieren.

Historisches Urteil

Der Gedanke: Hinter Eigentumspositionen wie etwa dem Urheberrecht stehen wirtschaftliche Werte. Wenn zum Beispiel jemand bei einem Autounfall verletzt wird, muss der Unfallverursacher auf zivilrechtlichem Wege für den Schaden aufkommen und unter anderem die Arztkosten bezahlen. Nicht so in der Umwelt: Wenn man eine Dreckschleuder in Verkehr bringt oder Flüsse verschmutzt, ist das quasi ein schadensfreier Posten. Daher müsste man analog bei einem verschmutzten Fluss die Kosten für die Wiederaufstockung der Fischvorräte berechnen. Wenn man der Natur Rechtssubjektivität verleiht, so die Logik, könnte man ihren Ausverkauf verhindern.

Supreme-Court-Richter William O. Douglas. - © Harris & Ewing, Public domain
Supreme-Court-Richter William O. Douglas. - © Harris & Ewing, Public domain

Der Aufsatz hat den Supreme-Court-Richter William O. Douglas in seinem historischen Urteil beeinflusst. Ende der 1960er Jahre wollte das Unterhaltungsimperium Walt Disney Enterprises für 35 Millionen Dollar ein Skiresort in den Bergen der Sierra Nevada errichten, das Platz für täglich 14.000 Gäste bieten sollte. Das US-Forstamt gab grünes Licht. Der Naturschutzverein Sierra Club klagte jedoch gegen die Baugenehmigung mit der Begründung, das Bauvorhaben bedrohe das Wildreservat. Die Naturschützer erwirkten eine einstweilige Verfügung gegen den Bau einer Zufahrtsstraße und Hochspannungsleitung. Das Berufungsgericht kippte allerdings die Entscheidung mit der Begründung, dass der Verein nicht klagebefugt sei. Der Fall landete schließlich beim Supreme Court.

Die obersten Richter bestätigten das Urteil. Doch Richter William formulierte eine abweichende Meinung ("dissent"), die Rechtsgeschichte schreiben sollte: "Nichtlebende Objekte sind manchmal Parteien in Rechtsstreiten. Ein Schiff hat eine Rechtspersönlichkeit, eine Fiktion, die man für maritime Zwecke für nützlich hielt. (...) Es sollte genauso für Täler, alpine Wiesen, Flüsse, Seen, Mündungen, Strände, Bergrücken, Baumgruppen, Schwemmland oder auch die Luft gelten, die den zerstörerischen Druck der modernen Technologie und des modernen Lebens spürt."

Lust und Schmerzen

Dass ein See oder Fluss nicht sprechen könne, sei nebensächlich, weil ja auch eine juristische Person, etwa ein Unternehmen oder eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, eine Fiktion sei, die von natürlichen Personen vor Gericht vertreten werden müsse. So könnte beispielsweise auch ein Treuhänder die Rechte des Amazonas vor Gericht vertreten.

In ähnlicher Stoßrichtung schlägt der Philosoph Peter Singer vor, allen "fühlenden Wesen", die Lust und Schmerz empfinden können, Rechte zu konzedieren, das heißt auch Tieren, Pflanzen und möglicherweise auch Robotern, weil es ein Gebot der Moral ist, diesen Wesen kein Leid zuzufügen. Ethiker halten dieser Position entgegen, dass Rechte lediglich von moralischen Agenten beansprucht werden könnten. Warum sollte es verboten sein, einen Baum zu fällen, bevor man erfriert? Wenn man nun nichtmenschlichen Entitäten wie Bergen, Flüssen und Seen Rechte zugesteht, bestünde die Gefahr, dass man Menschenrechte herabstuft, weil die Einzigartigkeit des Menschen dann eben nicht mehr darin besteht, dass er Träger von Rechten und Pflichten ist. Andererseits deuten neueste Forschungen darauf hin, dass auch Pflanzen so etwas wie Schmerzempfindlichkeit entwickeln können. Was, wenn der Mensch Pflanzen Schmerzen zufügt, indem er quadratkilometerweise Regenwald rodet?

Vielleicht kann man sich auch einfach darauf verständigen, dass die Natur ein Existenzrecht hat. Wie sagte der Öko-Aktivist Alberto Acosta: "Es bleibt noch Zeit, um unsere Gesetzgebung anerkennen zu lassen, dass Flüsse ein Recht haben zu fließen, um Handlungen zu verbieten, die das Klima der Erde gefährden (...)".