Stundenlang konnte er in Venedig ruhig am Ufer sitzen und das Spiel der Wasserfläche mit der Kamera festhalten. Er konnte aber auch aus heiterem Himmel plötzlich grob und aggressiv werden; als Lehrer konnte er seine Schüler und Schülerinnen, vor allem, wenn sie sich ihm widersetzten, auf das Wüsteste beschimpfen.

Wer war dieser Ernst Hartmann, der so unvermittelt zwischen künstlerischer Versenkung und rabiater Rüpelhaftigkeit hin- und herpendeln konnte? Er galt in der Nachkriegszeit als innovativer Fotolehrer an der Wiener Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt, als Förderer von Talenten, als in der Wiener Kunstszene bestens vernetzter Anhänger der Avantgarde, aber auch als übler Choleriker und autoritärer Macho. Als er 1983 in Mödling verstarb, war er Mitte 70. Sein schmales fotografisches Werk, das er hinterlassen hat, geriet für etliche Jahrzehnte in Vergessenheit, seine Rolle als Fotolehrer rückte in den Hintergrund. Nun kann sein Werk wiederentdeckt werden.

Es ist der österreichischen Fotografin und Künstlerin Heidi Harsieber zu verdanken, dass das widersprüchliche Erbe ihres ehemaligen Lehrers nicht in Vergessenheit geriet, sondern Jahrzehnte nach seinem Tod aus mehreren Blickwinkeln neu zu besichtigen ist.

Fotojournalismus

Von ihr nämlich ging die Initiative aus, in Form einer Publikation an den "außergewöhnlichen Lehrer" zu erinnern, nicht in Form einer nachgereichten Hommage, sondern in Gestalt eines mehrstimmigen Erinnerungsbuches. Hartmann hatte seiner ehemaligen Studentin Harsieber kurz vor seinem Tod seinen fotografischen Nachlass übergeben, den sie jahrelang verwahrte und den sie nun in Auszügen zugänglich macht. Der Titel der Publikation geht auf ein Zitat, oder besser ein drängendes Credo Hartmanns im Umgang mit der Kunst zurück: "brennen!, nur darauf kommt es an."

Das Buch ist zweigeteilt. Auf einen langen biografischen Essay aus der Feder von Maren Gröning folgen autobiografische Erinnerungen von Schülerinnen und Schülern, die ein durchaus ambivalentes Bild ihres Lehrers zeichnen. Auf der einen Seite der hilfreiche Mentor, der die jungen Menschen auf unkonventionelle Weise in die Welt der modernen Kunst einführte, auf der anderen Seite der jähzornige, autoritäre Lehrer, der seine Macht oft brutal und gepaart mit übelsten verbalen Beschimpfungen ausspielte. Diese Ambivalenz zieht sich auch als roter Faden durch den einleitenden Essay, der den Titel "Paradoxer Lehrer" trägt.

Ernst Hartmann im Jahr 1944 (mit Rolleiflex). - © Privatbesitz
Ernst Hartmann im Jahr 1944 (mit Rolleiflex). - © Privatbesitz

Die Karriere des Künstlers und Fotografen war Ernst Hartmann keineswegs vorgezeichnet. Geboren 1907, aufgewachsen in gutbürgerlichen Verhältnissen in Wien und Mödling, wandte er sich in der Zwischenkriegszeit nicht etwa dem Metier seines Vaters zu, der Brückenbauingenieur war, sondern der Kunst. Er besuchte die Wiener Kunstgewerbeschule und parallel dazu die Graphische Lehr- und Versuchsanstalt, an die er eine praktische Ausbildung als Berufsfotograf (von 1933 bis 1936) anschloss. Beruflich zog es ihn aber nicht ins Porträtatelier, sondern zunächst in Richtung Fotojournalismus.

In den späten 1930er Jahren entstand eine ganze Reihe von Reportagen, unter anderem über die neu errichtete Reichsbrücke, die 1937 in der Zeitschrift "Die Bühne" publiziert wurde. 1940 bis 1944 war er als Soldat unter anderem in Dänemark und Norwegen stationiert.

Hinführung zur Kunst

1944 geriet er in amerikanische Kriegsgefangenschaft, aus der er im März 1946 freikam. Rasch konnte er beruflich wieder Fuß fassen, zunächst als Berufsfotograf mit eigenem Atelier, dann, ab September 1946, als Lehrer an der Graphischen. 1947 bis 1959 wurde die Schule von Luis Kuhn geleitet, der den biederen "Kleingeist" aus der NS-Zeit auch nach dem Krieg fortsetzte. Hauptziel der Ausbildung war es, in seinen Augen, gute Fachfotografen und nicht Künstler auszubilden.

Ganz anders war die Sicht Hartmanns. Er brachte einen neuen künstlerischen Geist in die verknöcherte Schule. "Anschauung, Wissen und Können", schrieb er einmal, "müssen mit der Person des Lehrers derart zur Einheit geworden sein, dass es schließlich nicht mehr das ‚Fach‘ ist, das gelehrt wird, sondern die Persönlichkeit selbst, die sich vermittelt."

Mit dieser Haltung lehnte er sich gegen die trockene Praxishuberei eines Großteils seiner Kollegenschaft auf. Er sah seine Lehre der Fotografie nicht als Ausbildung, sondern als eine Art Hinführung zur Welt der Kunst. Die Fotografie war für ihn schlicht der "Umgang mit Licht", wie er es einmal aphoristisch-verknappt auf den Punkt brachte. Ganz folgerichtig suchte er seine Anregungen nicht innerhalb, sondern außerhalb der Schule, aber nicht etwa in den Museen, die er als "Grüfte der Kunst" abkanzelte. Er vernetzte sich in der Nachkriegszeit auf vielfältige Weise mit den aktiven Vertretern der Wiener Avantgarde, die sich etwa im legendären "Art Club" trafen.

Fritz Wotruba, fotografiert von Ernst Hartmann (1957). - © Privatbesitz
Fritz Wotruba, fotografiert von Ernst Hartmann (1957). - © Privatbesitz

Seit den 1950er Jahren organisierte er private künstlerische Abendgesellschaften in seinem Domizil in Mödling, aber auch in seiner Zweitwohnung in Wien. Zu Gast waren unter anderem Josef Hoffmann, Albert Paris Gütersloh, Herbert Boeckl, Fritz Wotruba, Otto Mauer, Hans Weigel, Friedrich Torberg, Carl Zuckmayer, Josef Matthias Hauer, Christa Hauer, Arnulf und Helena Neuwirth, Roland Rainer, Lois Welzenbacher und viele andere. Es fällt auf, dass fast alle Sparten der Kunst vertreten waren, von der bildenden Kunst über die Malerei, die Literatur, die Architektur bis hin zur modernen Musik, die Hartmann besonders am Herzen lag.

Aber Fotografinnen und Fotografen waren kaum unter den prominenten Gästen, auch wenn es im Umkreis der modernen Wiener Kunstszene sehr wohl etliche Protagonisten gegen hätte, die sich der avantgardistischen Fotografie verschrieben: etwa Wolfgang Kudrnofsky, der sogar Hartmanns Fotoklasse besucht hat, oder Kurt Steinwendner. Immer wieder lud Hartmann seine Schüler und vor allem Schülerinnen (etwa Julian Schutting, Brigitte Dauth, Ingrid Eichler, Elfriede Schuselka oder Germaid Taschler) zu diesen auserwählten Abendterminen ein, als Zuhörerinnen, nicht als Künstlerinnen, die etwas zeigten oder vortrugen.

Überschaubares Werk

Die kunstvoll gestalteten Einladungen ließ Hartmann an der Graphischen herstellen, Brötchen und Wein reichte er selbst. Für seine Schülerinnen und Schüler galt es als besonderes Privileg, in Hartmanns Privaträume aufgenommen zu werden, eine Gunst, die freilich bald wieder verspielt war, etwa dann, wenn man nicht pünktlich kam.

Ernst Hartmann interessierte sich brennend für alle Facetten der modernen Kunst. Aber seine eigene Kunst, die Fotografie, behandelte er recht stiefmütterlich. Viele seiner Fotos sind verloren gegangen, sodass das überlieferte Werk recht überschaubar ist. Dazu kommt, dass er, als er Fotolehrer wurde, weniger fotografierte als zuvor. Seine Energien bezog er offenbar weniger aus seinen eigenen Arbeiten als vielmehr aus seinem künstlerischen Umfeld, das er brennpunktartig zu bündeln verstand.

Es war diese seine Rolle als Advokat der modernen Kunst und der Avantgarde, die seine Schülerinnen und Schüler faszinierte. Einige von ihnen, etwa Ingrid Eichler, Willi Sramek, Eva Völkel, Herbert Schwingenschlögl, Ulrike Pichler, Margit Hörr, Thomas Römer, Edith Fromme, Friedl Kubelka, Margot Pilz, Stephan Mussil und viele andere haben persönliche Erinnerungen an ihren Lehrer und auch etliche Fotos aus ihrer Ausbildungszeit beigesteuert. Sie zeichnen das Bild eines widersprüchlichen, zerrissenen, aber leidenschaftlichen Menschen, sie werfen aber auch ein Licht auf die Fotoszene im Wien der 1950er bis 1970er Jahre, die zwischen biederem Handwerk und künstlerischem Eigensinn pendelte.