Im Spätwinter und Frühling sind Vögel so etwas wie die Boten der Wiederauferstehung: Alles ist noch geduckt und fest zusammengerollt, denn die Kälte ist nicht wirklich gebannt, und schon singen sie uns von früh bis spät davon, dass sehr bald alles grünen und blühen wird. Wir sehen noch nichts davon, aber die Vögelchen sind sicher, dass sich alles Mögliche unter der Erde regt und mit Macht dem Licht entgegenstrebt. Und wie sie erst jubilieren, wenn ihre Ahnung wahr geworden ist!

Vögel sind uns nah und fern zugleich. Es scheint mir leicht verständlich, dass man sein Herz an sie verlieren kann. Und wenn schreibende Menschen ihr Herz an die Vögel oder eine bestimmte Art oder einen bestimmten Vogel verloren haben, ist das ein Glücksfall, der es uns Lesern erlaubt, dem naturgemäß flüchtigen Tier ein ganzes Stück näherzukommen.

- © Czernin Verlag
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So ist im vergangenen Jahr im Czernin Verlag unter dem Titel "Im freien Feld" ein Büchlein erschienen, dessen Einband ein kräftiger Stieglitz ziert. Im Inneren findet sich eine Fülle von unterschiedlich langen und stilistisch kaum vergleichbaren Texten, die entstanden sind, weil Schriftsteller durch ein Zusammentreffen mit Vögeln zu einem Text inspiriert wurden. Was die Entstehungszeit betrifft, reicht die Spanne vom 10. Jahrhundert bis in die Gegenwart, was den Entstehungsort anlangt, von den USA bis nach Neuseeland und über Russland wieder retour. Selbstredend wird auch in Österreich, etwa mit Adalbert Stifter, Peter Handke und Teresa Präauer, ein Zwischenstopp eingelegt. Herausgegeben wurden die Texte von Florian Huber, der laut Klappentext in Lüneburg die Kulturgeschichte des Wissens erforscht.

Verwechslungsgefahr

Mit jedem Autor taucht man in eine spezielle Atmosphäre, die je eine Momentaufnahme des Verhältnisses zwischen Vogel und Mensch zum Leuchten bringt. Ein kurios einprägsames Bild etwa stammt von der 1945 geborenen Amerikanerin Annie Dillard, die einen Monat lang Federn von mausernden Vögeln sammelt und alle diese Federn rundherum an den Rand ihres Spiegels steckt: "... im Spiegel sehe ich aus, als trüge ich einen zeremoniellen Kopfschmuck . . ."

Ein Vogel, den ich vermisse, seit ich vor vierzig Jahren zu Hause ausgezogen bin, ist die Schwalbe. Denn diese Flugkünstlerin lässt sich einfach nicht anlocken, wenn man nicht wenigstens eine Kuh und tausend Fliegen im Stall hat. Schwalben waren mir so selbstverständlich, dass ich, ohne mir das genau zu überlegen, gedacht hatte, sie "gehören zu uns". Schwalben seien sozusagen Hiesige, die nur der kalten Jahreszeit in den Süden ausweichen.

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© DuMont

Der englische Naturforscher und BBC-Mitarbeiter Stephen Moss klärt in seinem rund 200 kurzweilige Seiten langen Buch "Über die Schwalbe" darüber auf, dass die Rauchschwalbe vielmehr ein afrikanischer Vogel ist, der uns hier im Norden besucht. Überdies ist die Schwalbe auf sechs Kontinenten anzutreffen. Die Rauchschwalbe ist "die einzige Art, die alle drei Hauptvogelzugrouten nutzt: den afrikanisch-eurasischen, den ostasiatisch-ozeanischen und den panamerikanischen Zugweg". Sie überwindet jedes Jahr zweimal in rund vier Wochen eine Strecke von 10.000 Kilometern.

Schwalben und Mauersegler werden häufig verwechselt: Der Schwalbenfreund Moss erklärt, dass man die Rauchschwalbe an ihrem roten Kehlfleck und dem langen gegabelten Schwanz erkennt, während die Mehlschwalbe auf der ganzen Unterseite weiß ist und einen kürzeren, ebenfalls gegabelten Schwanz aufweist. Die Uferschwalbe hat auf der Brust einen braunen Querstrich, während der Mauersegler im Gesamtbild rußig-braun ist und nur landet, wenn er sein Nest besucht. Denn er gehört nicht wie die Schwalben zu den Sperlingsvögeln, ist vielmehr weitschichtig mit dem Kolibri verwandt und somit Teil der Familie der Seglervögel. Seine Beine sind nicht zum Stehen, Trippeln oder Hüpfen geeignet. Und er zwitschert nicht, sondern schreit.

Auch wenn Schwalben afrikanische Vögel sind, sind sie Teil unseres Brauchtums. Oder wer kennt nicht den Spruch: "Zu Mariä Geburt (8. September) fliegen die Schwalben furt", und natürlich: "Zu Mariä Verkündigung (25. März) kehren die Schwalben wieder um." Sie sind Glücksbringer, und vor den elektrischen Fliegenkillern waren sie auf dem Bauernhof Nutztiere, denn ohne sie wäre es im Kuhstall nicht auszuhalten gewesen. Die Schwalbennester im Stall gehören übrigens immer Rauchschwalben, denn Mehlschwalben bauen lieber im Freien. Männliche und weibliche Schwalben unterscheiden sich kaum, nur die Schwanzfedern der Männchen sind etwas länger - und sie sind die Ersten, die im Frühling bei uns eintreffen.

Die Schwalbe war ein bei Seeleuten beliebtes Motiv für Tätowierungen: Sie steht aber nicht für Fernweh, sondern für das Gegenteil, die Sehnsucht nach der Heimat. Die erste ließ man sich nach bestandenen 5.000 Seemeilen tätowieren, die zweite nach 10.000. Schwalben sollen übrigens die Seelen der Matrosen in den Himmel tragen; so wird das offenbar auch schon in der ägyptischen Mythologie beschrieben. "Da die Ankunft der Schwalben oft mit den Tagen um Ostern zusammenfällt", bastelte man einen Zusammenhang zwischen dem religiösen Fest und der Wiederkehr der Vögel: Die roten Flecken an Stirn und Kehle der Rauchschwalbe rührten daher, dass die Vögel versucht hatten, "die Dornenkrone vom Haupt Jesu zu entfernen".

Das Tier als Individuum

Im England des 18. Jahrhunderts meinten manche, die Schwalben fielen im Winter in eine Starre, aus der sie im Frühling wieder erwachten. Sie überwinterten möglicherweise auf dem Grund von Teichen oder Seen. Dass sie saisonal umziehen könnten, war auch damals schon als Möglichkeit im Gespräch. Eine Vermutung ging Richtung wärmere Länder im Süden, ein anderer Forscher dagegen fragte ungehalten: "Wo sollen diese Wesen denn hinfliegen, wenn nicht zum Mond?"

- © C. H. Beck
© C. H. Beck

Mit Walter A. Sontags "Das wilde Leben der Vögel" trifft der Vogelfreund auf einen unwahrscheinlichen Glücksfall: In diesem Büchlein tritt die Liebe zum Vogel flankiert von wissenschaftlicher Bildung und sprachlicher Kompetenz auf. Das ist zusammengenommen ein Vergnügen! Den Fortschritt beim Erforschen der Vogelwelt in den vergangenen Jahrzehnten beleuchtet der Biologe, Publizist und langjährige "extra"-Mitarbeiter der "Wiener Zeitung" in 15 Aufsätzen.

So stellt er dar, dass schon der Schweizer Zoodirektor Heini Hediger (1908-1992), dessen Schüler er war, das einzelne Tier als Individuum wahrgenommen hat. Diese Sicht auf das Tier war damals revolutionär, und der Forscher Sontag anerkennt dankbar, dass ihm der Zoodirektor auf diese Weise einen Schlüssel zum Interpretieren des Verhaltens von Lappenstaren, die Sontags Hauptforschungsgebiet waren, in die Hand gegeben hatte. Hediger ging - im Gegensatz etwa zu Konrad Lorenz - davon aus, dass einzelnen Vögeln ein "subjektives Erleben" zuzubilligen sei.

Mittlerweile sind Fragen dieser Art in der Forschung nicht mehr gewagt: Man weiß heute etwa, erzählt Sontag, dass einzelne Blaumeisen gern früh aufstehen, während andere lange schlafen, da sie am Abend nicht "zu Bett" gehen. Der Prozess der Individualisierung im Tierreich beziehungsweise vielmehr der Anerkennung derselben ist nicht mehr aufhaltbar. Es ist mittlerweile auch nicht mehr völlig abwegig, darüber nachzudenken, ob Vögel Gefühle haben.

Mir ist diese Entwicklung sehr willkommen, denn meine Hühner und meine Katzen hatten darüber seit jeher keinen Zweifel aufkommen lassen. Allerdings bedürfen Laien-Beobachtungen wie meine der wissenschaftlichen Bestätigung und der Präzisierung; ohne selbige gelten derartige Beobachtungen nur als tollpatschige Versuche, das Tier zu "anthropomorphisieren". Merkwürdig, dass nie jemandem der Gedanke gekommen ist, auch das Gegenteil zu benennen: Der Annahme, das Tier habe keine Individualität, liegt doch ein rohes, wenn man will, "animalisiertes" oder mechanisiertes Bild vom Tier zugrunde, dem meiner Kenntnis nach kaum ein höheres Tier entspricht, das man eine Weile mit Interesse beobachtet.

Sontag berichtet, dass Warnrufe über Speziesgrenzen hinweg nicht nur generell als Alarmsignal verstanden werden, sondern inhaltlich Unterschiedliches mitzuteilen vermögen. Die Warnrufe von Buchfinken, Kohlmeisen, Amseln und anderen Singvögeln "stimmten alle in den wesentlichen Merkmalen überein". Wenn vor einem Beutegreifer aus der Luft gewarnt wird, verstecken sich die potentiellen Opfer. Gilt die Warnung einem Angreifer, der sich auf dem Boden nähert, zeigen sich die Singvögel offen und "hassen" - natürlich in sicherem Abstand -, sprich sie schreien den Angreifer aggressiv an und laden so artenübergreifend auch andere Vögel zum "Mithassen" ein. So zeigen kleine Vögel mörderischen Katzen ihre Verachtung.

Fülle an Informationen

Seit man in den 1980er Jahren begann, molekularbiologisch nachzuweisen, welches Ei von welchem Vogelvater befruchtet worden war, "fielen überkommene Gewissheiten wie Dominosteine": Ein Drittel des vermeintlich in monogamen Verhältnissen erbrüteten Tannenmeisennachwuchses stammt von fremden Vätern; in der Hälfte der Blaumeisen-Bruten "hinterlassen ‚Kuckucksväter‘ ihre Spuren". Es gibt einfach alles im Reich der Vögel: "Streunende Fremdgeher, von der eigenen Partnerin betrogen, neben mehrehig treuen Gatten, streng monogamen Exponenten und so fort." Auch was die Beteiligung bei der Aufzucht der Jungen anbetrifft, gibt es alle Varianten: Beide Eltern brüten und füttern abwechselnd, nur ein Elternteil brütet und/oder füttert ... Allein bei den Schwanzmeisen ist die Welt so, wie wir Menschen sie uns auch wünschen: Alle helfen zusammen, damit es den Kleinen gut geht.

Stand der Forschung ist, dass sich bei all dem Durcheinander das Individuum fortpflanzen will, das Konzept der Fortpflanzung nur zur Arterhaltung ist dadurch "passé". Es ist eine solche Fülle an Informationen, die Walter Sontag für dieses lektüremäßige Festessen aufbereitet hat, dass man sich eine Weile nach dem Mahl noch einmal hinsetzen kann, um die Reste, Bröckchen und Brösel, die man nicht wirklich beachtet oder schon wieder vergessen hat, auch noch zu würdigen.