Die Stichworte "Corona" und "Tagebuch" ergeben bei Google aktuell mehr als vier Millionen Suchergebnisse. Die Covid-19-Pandemie, welche die Welt seit dem Vorjahr im Griff hält, wird online durchleuchtet, intime Bekenntnisse wie Schreckensberichte sind einen Mausklick entfernt.

Ganz anders verhält es sich mit der Spanischen Grippe. Von 1918 bis 1920 wütete die Krankheit; die Ursachen für deren Auftauchen und Abklingen sind bis heute nicht restlos geklärt. Die Pandemie in den 1920er-Jahren verlief in drei Wellen, infizierte statistisch betrachtet jeden dritten Erdenbürger; weltweit forderte die Seuche 50 bis 100 Millionen Menschenleben. Bereits die enorme Schwankungsbreite bei der Zählung der Todesfälle verdeutliche, wie rar das verbürgte Wissen um die Spanische Grippe sei, schreibt die britische Wissenschaftsjournalistin Laura Spinney in ihrer bereits 2017 publizierten Untersuchung "1918 – Die Welt im Fieber". Während Jahrzehnten verblasste die Erinnerung an das folgenreiche Elementarereignis, in den meisten Geschichtsbüchern wird das globale Desaster nur gestreift. Seit Corona die Welt durchflutet, rückt allerdings auch die Spanische Grippe wieder in den Blick.

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Zumutungen einer mysteriösen Krankheit

Marit Toth (die Abb. zeigt sie etwa 1920) hat die Spanische Grippe überlebt: "Wenn ich heute so zurückdenke an meine Kindheit: diese Plage, diese Angst und Sorge, nur um das bisserl Leben, Überleben."  - © Doku Lebensgeschichten, Univ. Wien/privat
Marit Toth (die Abb. zeigt sie etwa 1920) hat die Spanische Grippe überlebt: "Wenn ich heute so zurückdenke an meine Kindheit: diese Plage, diese Angst und Sorge, nur um das bisserl Leben, Überleben."  - © Doku Lebensgeschichten, Univ. Wien/privat

Wie erging es den Menschen der damaligen Epoche? Wie kamen sie mit den Zumutungen einer anfangs völlig mysteriösen Krankheit neben den Schrecken des Ersten Weltkriegs, noch orientierungslos nach dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie, zurecht? Die "Wiener Zeitung" begab sich auf Spurensuche ins hauseigene Archiv und wurde zusätzlich in der "Dokumentationsstelle lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen", einer Dependance des Wiener Universitätsinstituts für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, fündig. "Verglichen mit anderen Jahrzehnten, gibt es wenige Zeugnisse aus der Zeit der Spanischen Grippe", sagt Günter Müller, der Leiter der Dokumentationsstelle, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, autobiografische Notizen, handschriftliche Notate und Tagebücher zu sammeln und zu erforschen. Die Spanische Grippe? Eine Leerstelle.

Ein seltenes Fundstück ist da die Lebensgeschichte von Marie Toth, die am 27. März 1904 als jüngstes von vier Kindern in eine böhmische Ziegelarbeiterfamilie hineingeboren wurde. Die Familie lebte unter ärmlichen Verhältnissen in Leobersdorf; der Vater und eine Schwester starben früh an Tuberkulose, und Marie musste bereits als Kind mit anpacken. "Wenn ich heute so zurückdenke an meine Kindheit: diese Plage, diese Angst und Sorge, nur um das bisserl Leben, Überleben", hält Marie ihren Lebenserinnerungen fest; das handschriftliche Manuskript, das 186 Seiten umfasst, verfasste sie in den Wintermonaten 1984/85. Als die Spanische Grippe im Herbst 1918 auch Wien erreicht, ist Marie Toth 14 Jahre alt. In ihren Aufzeichnungen erinnert sie sich an einen katastrophalen Winter:

"Dann kam der Dezember, der Heilige Abend. Den werde ich nie vergessen. Zu der Zeit gab es in den Haushalten noch kein elektrisches Licht, nur Petroleumlampen. Da Österreich den Krieg verloren hatte, wurden wir von jeder Zufuhr abgeschnitten. Es gab kein Petroleum, keine Kohle keine Lebensmittel – es gab überhaupt nichts mehr. An diesem Abend saßen wir in der finsteren kalten Wohnung und weinten. Nicht ein Stück Brot am Heiligen Abend! Hungrig gingen wir ins kalte Bett. Das war der schrecklichste Winter, 1918/19. Da brach die große Grippeepidemie aus. Die Menschen, halbverhungert, hatten keine Kraft, keine Abwehrkräfte. Sie starben dahin, alt und jung. Täglich gab es mehrere Begräbnisse. Am Ziegelwerk gab es jede Woche ein bis zwei Tote. Familie Lischka ist in einer Woche Vater und eine erwachsene Tochter gestorben; Familie Paulitschek in der nächsten Woche Vater und sein zehnjähriger Sohn – so ging es jede Woche. In drei bis vier Tagen waren sie tot. Dann hörten wir das erste Mal von der Grippe. Es hieß, das ist die "chinesische Grippe" und die hat sich auf die Lunge geschlagen."

Marie Toths autobiografische Schrift wurde 1992 von Michael Hans Salvesberger, dem damaligen Leiter der Dokumentationsstelle, unter dem Titel "Schwere Zeiten. Aus dem Leben einer Ziegelarbeiterin" herausgegeben. Marie beschreibt darin eindrücklich ihr entbehrungsreiches Leben, wie sie 1921 eine Anstellung im örtlichen "Konsum" ergatterte, wie sie die Kriegszeiten überstand und gemeinsam mit ihrem Ehemann ihren Lebenstraum vom eigenen Haus mit Garten in Leobersdorf verwirklichte, wo sie 2006 starb.

So sieht der Erreger der Spanischen Grippe aus. - © Getty/BSIP/Kontributor
So sieht der Erreger der Spanischen Grippe aus. - © Getty/BSIP/Kontributor

Wie kam die Spanische Grippe zu ihrem Namen?

Marie Toth irrte nicht, weil sie von der "chinesischen Grippe" schrieb. Französische Militärärzte sprachen beim Ausbruch der Pandemie beispielsweise von der "maladie onze" ("Krankheit 11"); im Senegal wurde die Pestilenz "Brasilianische Grippe" getauft, während sie in Brasilien selbst als "Deutsche Grippe" ihr Unwesen trieb; für die Polen handelte es um die "Bolschewikenkrankheit", die Japaner tauften sie "Sumo-Grippe", weil bei einem solchen Wettkampf ein Cluster festgestellt worden war. Erst langsam setzte sich die Erkenntnis durch, dass es sich bei der tödlichen Krankheit keineswegs um lokale Epidemien handelte, sondern um eine Pandemie. Man einigte sich auf die Bezeichnung, die von den Siegermächten des Ersten Weltkriegs verwendet wurde: die Infektionskrankheit ging als Spanische Grippe in die Geschichtsbücher ein. "Ein historischer Irrtum wurde in Stein gemeißelt", schreibt Laura Spinney, die eindrucksvoll darlegt, dass bis heute nicht zweifelsfrei zu eruieren ist, in welcher Weltregion die Krankheit ursprünglich ihren Ausgang nahm. Eines scheint indes gewiss: Spanien war es nicht.

Wie wurden die Patienten behandelt? Marie Toth erinnert sich:

"Die Medizin war da noch nicht so weit. Die Unterernährung und das hohe Fieber überstanden nicht viele. Da erwischte es auch mich. Ich kann nur schreiben, was mir Mutter sagte; ich wusste ja nichts. Ich bin tagelang mit hohem Fieber bewusstlos gewesen. Ich weiß nicht, wie lange es gedauert hat. Ich weiß nur, wenn ich dann manchmal etwas lichte Momente hatte, hörte ich immer Weinen. Langsam ging es aufwärts. Es stellte sich aber heraus, dass ich etwas auf der Lunge behalten habe. So klein und schwach ich war, war ich schon damals nicht zum Umbringen. Mutter und Anna taten alles, damit ich wieder gesund werde."

Aus diesen Zeilen, Jahrzehnte nach den Ereignissen geschrieben, spricht die blanke Not. Aber was half gegen die tödliche Grippe? "Mutter und Anna taten alles", schreibt Marie. Worin bestand die Hilfeleistung?

Aus den Aufzeichnungen der ehemaligen Konzertmeisterin und Geigerin Auguste Maria Theresia Walk, geb. Baumgartner (1903-1966), ebenfalls dokumentiert am Wiener Universitätsinstitut als Teil der umfangreichen Familienchronik einer alteingesessenen Badener Familie, ist darüber Näheres zu erfahren:

Zu all der bitteren Not der Nachkriegszeit gesellte sich noch die "Spanische Grippe", eine furchtbare Seuche, die nach Europa eingeschleppt wurde und unter der geschwächten Bevölkerung unzählige Todesopfer forderte. Trat sie in ihrer schwersten Form, der sogenannten Lungenpest auf, starben die Menschen innerhalb von vierundzwanzig Stunden.

Auguste Maria Theresia Walk, geb. Baumgartner, das Bild zeigt die Konzertmeisterin in den späten 1920er Jahren, berichtet darüber, wie die Seuche mit rasender Schnelligkeit um sich griff, die Schulen gesperrt wurden und die Spitäler überfüllt waren. Ähnlich wie heute. - © Privat
Auguste Maria Theresia Walk, geb. Baumgartner, das Bild zeigt die Konzertmeisterin in den späten 1920er Jahren, berichtet darüber, wie die Seuche mit rasender Schnelligkeit um sich griff, die Schulen gesperrt wurden und die Spitäler überfüllt waren. Ähnlich wie heute. - © Privat

Die Seuche griff mit rasender Schnelligkeit um sich, die Schulen wurden gesperrt und die Spitäler waren so überfüllt, dass man die Sterbenden auf den Gängen auf den Fußboden bettete. Wir Kinder erkrankten alle fünf zur gleichen Zeit, und auch den Vater warf es nieder. Wenn Dr. Raab bei uns seine tägliche Krankenvisite machte, sagte er jedes Mal zur Mutter in beschwörendem Ton und mit erhobenem Zeigefinger: "Sie müssen gesund bleiben! Sie müssen!!" Die Mutter hielt sich aufrecht mit eiserner Willenskraft, sie leistete schier Übermenschliches im Ringen um das Leben ihrer Lieben und blieb – es war wie ein Wunder! – wirklich gesund!

Da es keinerlei Medikamente gab, war Schwitzen die einzige Waffe im Kampf gegen die tödliche Krankheit. Rastlos ging die Mutter von Bett zu Bett, wickelte uns in feuchte Tücher, überwachte mit unerbittlicher Strenge das höllische Schwitzbad und rieb uns nachher trocken, um nach kurzer Pause mit der Prozedur von vorne zu beginnen. Da ein Gerücht besagte, dass der gesunde Geruch roter Rüben ein Abwehrmittel gegen die Grippebazillen sei, hing auch in unserem Krankenzimmer ein großer Buschen dieser schwarzroten Knollen vom toten Arm des Gaslusters herunter. Zur Erleichterung der Pflege lagen wir mit Ausnahme von Vater alle im Gassenzimmer beisammen, wo sich die Mutter abends ihr Lager auf dem Fußboden bereitete, um bei der Hand zu sein, wenn wir etwas brauchten. Es waren böse, hustendurchschüttelte Nächte in erstickender Atmosphäre und in totaler Finsternis, denn es war nirgends mehr Petroleum aufzutreiben. […] Dank Mutters aufopfernder Pflege genasen wir alle wieder. […] Nur dem kleinen Heinz blieb ein Lungenschaden zurück, der ihm noch Jahre hindurch anhing.

Der Arzt Erich Zdansky sah sich zu Beginn der Pandemie mit der eigenen Ohnmacht konfrontiert, alsMediziner nicht helfen zu können: "In einer einzigen Nacht hatte ich zwölf Tote." - © Doku Lebensgeschichten, Univ. Wien/privat
Der Arzt Erich Zdansky sah sich zu Beginn der Pandemie mit der eigenen Ohnmacht konfrontiert, alsMediziner nicht helfen zu können: "In einer einzigen Nacht hatte ich zwölf Tote." - © Doku Lebensgeschichten, Univ. Wien/privat

Und wie erlebte ein Arzt den Beginn der Pandemie? Erich Zdansky, geboren 1893 in Wien und 1978 in Basel gestorben, meldete sich im Ersten Weltkrieg als freiwilliger Hilfsarzt an die Front und geriet in Gefangenschaft. 1917 gelang ihm die Flucht; im Sommer 1918, zu Beginn der Pandemie, war er mit der eigenen Ohnmacht konfrontiert, als Mediziner nicht helfen zu können. Zdansky schreibt in seinen Aufzeichnungen, die er ursprünglich für seine Töchter verfasste und die eine von ihnen der Dokumentationsstelle weiterreichte:

Am 1. August 1918 reiste ich nach Debrecen und wurde dem Infektionsspital zugeteilt. Mein Vorgesetzter war der Kinderarzt der Stadt als Regimentsarzt. Es gab zunächst wenig zu tun und ich erlebte glühend heiße Sommertage. […] Plötzlich brach die schwere Grippeepidemie aus, die man die Spanische nannte. Meine Krankenbaracken füllten sich in kürzester Zeit mit Fällen von schwerer hämorrhagischer und abszedierender Lungenentzündung. Man stand der Krankheit hilflos und verzweifelt gegenüber, da Chinin – das einzige Medikament, das wir hatten – gänzlich versagte. Die Kranken starben dahin und ich hatte in einer einzigen Nacht zwölf Tote. Ich selbst erkrankte nicht.

Auf welche Weise konnte das medizinische Personal seinen vielen Patienten überhaupt helfen? Es gab weder antivirale Medikamente noch Antibiotika, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg entdeckt wurden, die Arzneimittelentwicklung steckte in ihren Anfängen. Die Ärzte verschrieben deshalb, was sie zur Verfügung hatten: Aspirin galt als Wundermittel, um Fieber zu senken und Schmerzen zu lindern; Chinin, von dem Zdanksy in seinen Erinnerungen wenig überzeugt war, wurde häufig verabreicht, dazu Arsenmischungen und Tinkturen zur "inneren Desinfektion". Der Markt für Wunderheiler und Homöopathen boomte – siehe die roten Rüben im Zimmer der jungen Auguste. Laura Spinney berichtet von Versuchen mit dem Geruch von Quecksilber; die Methode des Aderlasses erlebte ein sinnloses Comeback. Manche Ärzte trieb wohl die schiere Verzweiflung dazu, regelrechte Alkoholkuren zu verordnen, da man irrigerweise davon ausging, Hochprozentiges, in rauen Mengen verabreicht, schütze vor einer Infektion. Die meisten dieser Kuren und Behandlungsmethoden zeigten selbstverständlich keine Wirkungen, manch eine "Therapie" verschlimmerten die Symptome, bestenfalls stellte sich ein Placebo-Effekt ein. Von wirksamen Impfstoffen wagte man nicht einmal zu träumen.

Verglichen mit den anderen Katastrophen, nennt Laura Spinney die Spanische Grippe, die ebenso unbemerkt verschwand, wie sie irgendwo ihren Anfang genommen hatte, als das "größte Massaker des 20. Jahrhunderts", das im kollektiven Gedächtnis kaum Spuren hinterlassen hat. Kein Denkmal erinnert an die Millionen Toten, in den meisten Geschichtsbüchern wird die Pandemie als Fußnote behandelt, selbst in den Lebensaufzeichnungen der Marie Toth, von Auguste und dem Arzt Erich Zdansky kommt sie als Thema jeweils nur in wenigen Absätzen vor. "Da brach die große Grippeepidemie aus", schrieb Marie Toth. Am Ende mündete die Spanische Grippe ins Vergessen und Verdrängen.

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