Ich bin, alles in allem, guter Durchschnitt. Auch der Bücherbestand, der sich in den 87 Jahren meines Lebens bei mir angesammelt hat, hält sich in Grenzen. Es gibt unter meinesgleichen so manchen Besitzer ungleich wertvollerer Bibliotheken - reich an Schätzen, vielleicht gar hochversichert und alarmgeschützt. Davon kann bei den rundgerechnet 3.000 Bänden in den auf drei Räume verteilten Regalfronten meines Studios keine Rede sein. Das einzige Besondere an meiner Sammlung ist eine kleine, auch räumlich von den anderen abgetrennte Spezialabteilung, der man vielleicht eine Art Alleinstellungsmerkmal zuerkennen könnte.

Es sind jene 600 Bände, die allesamt mit einem eigenen Exlibris ausgestattet sind, das da lautet: "Dietmar Griesers Bibliothek der Feuilletonisten". Und noch eine zweite Besonderheit: Die Exemplare jener Autoren, die ich noch zu Lebzeiten habe kontaktieren können, sind mit deren Signatur versehen. Sei es, dass ich den Verehrten bei Lesungen oder anderen Gelegenheiten persönlich begegnet bin, sei es, dass ich ihre Adressen ausgeforscht und sie auf dem Postweg um Autogramme ersucht habe - meiner Bibliothek der Feuilletonisten liegt jedenfalls eine sehr persönliche Initiative zugrunde, die der Außenstehende wunderlich finden oder geradewegs einen Spleen nennen mag (weshalb ich bis jetzt auch gezögert habe, damit an die Öffentlichkeit zu treten).

Ich freue mich, dass die Universität Innsbruck in Gestalt ihres dem Institut für Germanistik zugeordneten Innsbrucker Zeitungsarchivs (IZA) meine diesbezügliche testamentarische Verfügung dankbar aufgegriffen und meiner Sammlung "nicht nur einen Ehrenplatz, sondern auch in punkto Forschung einen hohen Stellenwert" zugesichert hat. Meine geliebten Feuilletonisten - von Victor Auburtin bis Peter von Zahn - werden also auch in Zukunft eine gute Bleibe haben. Nur - wer sind die überhaupt, dieses windige Völkchen der (um ein paar weitere Namen zu nennen) Franz Hessel, Sigismund von Radecki, Walther Kiaulehn, Ludwig Hirschfeld oder Friedrich Luft?

Hier gilt es, eine Klärung des für manches heutige Ohr bildungsbürgerlich-antiquiert klingenden Begriffs "Feuilleton" vorzunehmen. Abgeleitet vom französischen "feuille", also so etwas wie Beiblatt oder Blättchen, bezeichnet "Feuilleton" im landläufigen Sprachgebrauch den Kulturteil einer Tageszeitung (sofern die betreffende Redaktion nicht ohnedies der Variante "Kultur" den Vorzug gibt). Darüber in Vergessenheit geraten ist indes, daß "Feuilleton" spätestens seit der Zeit des Vormärz im gesamten deutschsprachigen Raum auch für eine ganz spezielle Textsorte aus dem Grenzbereich von Journalismus und Literatur steht,  mag man sie nun Glosse oder Plauderei nennen, Kleine Form oder Unterm Strich: jene aus dem Tag geborenen und für den Tag bestimmten Prosaminiaturen eines Peter Altenberg oder Anton Kuh, eines Moritz Saphir, Ludwig Speidel oder Ludwig Hevesi, deren überragende Sprachqualität und Esprit ihnen auch ein "Fortleben" zwischen Buchdeckeln sicherte.

Schreibtisch und Teilansicht der Bibliothek des Autors Dietmar Grieser. - © Wiener Zeitung
Schreibtisch und Teilansicht der Bibliothek des Autors Dietmar Grieser. - © Wiener Zeitung

Schon in meiner Studentenzeit (Münster und München) begann ich damit, sie zu sammeln: Ossip Kalenter, Ernst Kammerer, Carl Sonnenschein (über Letzteren schrieb ich auch meine Diplomarbeit). Unter den Lebenden waren es vor allem Horst Krüger, Heinz Knobloch und Thilo Koch, denen ich in Freundschaft verbunden war.Und als ich 1957 von Deutschland nach Österreich übersiedelte, galt mein Interesse von Stund an selbstverständlich auch den hiesigen Koryphäen der von den Gralshütern der "littérature pure" zwangsläufig geringgeschätzten Gattung "Zeitungsprosa": von den "Klassikern" Ferdinand Kürnberger ("Das denkende Herz"), Friedrich Schlögl ("Zu meiner Zeit"), Eduard Pötzl ("Wiener Skizzen") und Daniel Spitzer ("Wiener Spaziergänge") bis zu den Neueren Raoul Auernheimer ("Bilder und Schatten"), Joseph Wechsberg ("Lebenskunst und andere Künste") und Hans Weigel ("Große Mücken, kleine Elefanten").Feuilletonisten, so hat einst Karl Kraus gelästert, seien Leute, "die auf einer Glatze Locken drehen".

Da kam es mir, als leidenschaftlichem Apologeten der vielgeschmähten Gattung, sehr zupass, in den Wiener Feuilletonanthologien "Kunst des Tages" (herausgegeben von Alfred Zohner, 1946) und "Wiener Meisterfeuilletons" (herausgegeben von Jörg Mauthe, ebenfalls 1946) neben den erwartbaren Autorennamen auch auf Beiträge solcher Kapazunder wie Adalbert Stifter, Hugo von Hofmannsthal, Hermann Bahr, Anton Wildgans, Robert Musil und Stefan Zweig zu stoßen. Na, dann brauche ich wohl meine Bibliothek der Feuilletonisten nicht vor der Welt zu verstecken!

Leichtes und Leises

Lassen Sie mich noch einmal das Regal mit meinen Buchlieblingen in den Blick nehmen, die in absehbarer Zeit den Weg von Wien nach Innsbruck antreten werden. Zweierlei fällt sogleich auf: Schmale Bände überwiegen dicke Wälzer, Glanzleinenes tritt hinter Broschiertem und Kartoniertem zurück, Umschläge und Einbände tendieren zu hellen eher als zu dunklen Farbtönen, die Formate signalisieren Handlichkeit. Und noch aufschlussreicher die Titel: Formulierungen wie "Die kleine Weltlaterne" (Peter Bamm), "Von Gott und der Welt" (Peter Gan), "Blick durchs Fenster" (Friedrich Sieburg), "Causerien" (Ernst Penzoldt) und "Kleines Handgepäck" (Siegfried von Vegesack) lassen Leichteres und Leiseres erwarten statt Weltbewegendem, mit Alfred Polgars "Bei dieser Gelegenheit", Oda Schäfers "Katzenspaziergang" oder Benno Reifenbergs "Landschaften und Gesichter" wird auf keine Revolution eingestimmt.

Auch die Inhaltsverzeichnisse lassen klar erkennen, dass in diesen Prosaminiaturen nicht die großen Menschheitsfragen abgehandelt, sondern Alltagsbeobachtungen, Momenteindrücke, Gedankensplitter "ausgewertet" werden, was jedoch keineswegs heißt, dass nicht auch hier über den Tag hinaus Dauerhaftes entstünde, das es zu bewahren, zu lesen und wiederzulesen lohnt und sei es bloß als Dokumente ihrer Zeit. Denn das sind sie alle, die Herren (und merkwürdigerweise kaum Damen) Feuilletonisten: aufmerksame Beobachter dessen, was rund um sie herum in der Welt vorgeht - zugegebenermaßen weniger in der sogenannten großen als in der ihnen vertrauten kleinen Welt.

Victor Aubertin, gezeichnet von Emil Orlik, 1925. - © Gemeinfrei
Victor Aubertin, gezeichnet von Emil Orlik, 1925. - © Gemeinfrei

Einer, der diese Kunst wie kaum ein Zweiter beherrscht hat, war zwischen 1900 und 1928 der Berliner Victor Auburtin. Einen seiner Sammelbände, denen er Titel wie "Kristalle und Kiesel", "Die Onyxschale" oder "Pfauenfedern" gab, hat er mit einer Art programmatischem Vorwort eingeleitet: "Diese kleinen Werke sind im Berliner Tageblatt erschienen; von Fall zu Fall und je nachdem. Es sind Bemerkungen über Sonne und Mond, über Tiere und Narren und über vergehende Völker - also über Gegenstände, für die ein ernsthafter Mensch keine Aufmerksamkeit haben sollte. Wie groß war mein Erstaunen, als ich wahrnehmen musste, daß diese harmlosen Artikel eine vielfältige Teilnahme erweckten. Es kamen Briefe von unbekannten Freundinnen und Freunden, die mir die Hand drückten, und es kamen anonyme Postkarten von Biedermännern, die mich einen Trottel nannten. Da habe ich beschlossen, die Sachen gesammelt herauszugeben, und ich glaube beiden Parteien damit eine Freude zu machen, den Freunden ebenso wie den Biedermännern."

Auburtin, in Österreich schon zu seiner Zeit, aber erst recht heute so gut wie unbekannt, lebte von 1870 bis 1928 in seiner Geburtsstadt Berlin; den französischen Familiennamen verdankte er dem Großvater, der als Pastetenbäcker an den preußischen Königshof berufen worden war. Er selber, hochgebildet und weitgereist, Weltmann und Pazifist, wurde nach Anfängen bei den Zeitschriften "Jugend" und "Simplicissimus" zum Hausautor (und Star) des "Berliner Tageblatts".

Die zwei, höchstens drei Schreibmaschinseiten brachte er in abgeschiedenen Nischen der von ihm bevorzugten Berliner Feinschmeckerrestaurants oder - wenn auf Reisen - in Hotelzimmern zu Papier. Zum Dienst in der Redaktion seiner Zeitung taugte er nicht, dafür war er viel zu versponnen. In jungen Jahren Schlussredakteur beim "Tageblatt", habe er, so erzählte man sich in der Branche, die Meldung von der Entdeckung des Südpols nur mit ein paar Zeilen in die Rubrik "Vermischte letzte Nachrichten" gerückt, während alle anderen Blätter riesige Schlagzeilen brachten. Auf diesbezügliche Vorhalte erwiderte Auburtin, es sei schließlich immer schon bekannt gewesen, dass der Südpol existieren müsse. Das Auffinden und Beflaggen sei daher etwas ganz Selbstverständliches, nur der Punkt auf dem ohnehin bekannten "i".

Doppelter Hausgott

Auburtin wurde daraufhin auf Reisen geschickt, und damit begann seine große Zeit als Korrespondent und als Lieferant geschliffener Feuilletons, die vom Kollegen Tucholsky ebenso gepriesen wurden wie von Karl Kraus geschmäht. Klar, dass Auburtin in meiner Bibliothek der Feuilletonisten breiten Raum einnimmt. Zu der Zeit, als ich seine im renommierten Münchner Albert Langen Verlag erschienenen Auswahlbände zu sammeln begann, gab’s noch kein Internet; um teures Geld inserierte ich in "FAZ" und "Zeit" und korrespondierte mit Antiquariaten, und eines von diesen, von einem Berlin-Emigranten in einem Tel Aviver Kellerloch betrieben, grub verschollene Schätze wie "Die goldene Kette", "Nach Delphi" und "Einer bläst die Hirtenflöte" für mich aus.

Die noch fehlenden Bände beschaffte ich mir über den internationalen Leihverkehr und kopierte sie, den Rest besorgte der Buchbinder. Wie konnte ich damals, in den Sechzigerjahren, ahnen, dass der tapfere kleine Westberliner Verlag Das Arsenal um 2000 eine mehrbändige Auburtin-Gesamtausgabe wagen würde? So besitze ich meinen literarischen Hausgott heute nicht nur komplett, sondern sogar doppelt und kann mich je nach Laune an seiner kostbaren Hinterlassenschaft laben.

Aber auch, wenn ich gerade nicht eines seiner Bücher in Händen halte, denke ich oft an meinen geistigen Wegbegleiter Auburtin, stelle mir vor, wie er mit der heutigen Zeit zurechtkäme, was er darüber schriebe und wo ich dieses von ihm Geschriebene zu lesen bekäme. Auf dem deutschsprachigen Zeitungsmarkt von heute ist, soweit ich diesen überblicke, die altehrwürdige "Wiener Zeitung" (speziell ihre Samstagbeilage "extra") die letzte Bastion der Textsorte Feuilleton. Victor Auburtin würde heute für die "Wiener Zeitung" schreiben.