"Die vornehmste Pflicht der Philosophie besteht darin, die Bewegung des gelebten, aber von Gedanken durchzogenen Lebens zu verstehen" - so lautet die Grundthese von Dieter Henrichs umfangreichen philosophischen Arbeiten. Es geht ihm um die Beschreibung der menschlichen Subjektivität, um die Freilegung der tatsächlichen Lebensbewegung, die nicht linear verläuft, sondern von Gegensätzen, Bedrohungen und Krisen geprägt ist.

- © C.H. Beck
© C.H. Beck

Ernsthafte Philosophie sollte sich nicht mit abstrakten metaphysischen Spekulationen begnügen, fordert Henrich, sondern sich auf individuelle Lebenserfahrungen beziehen. Jedem Menschen stehe auch ohne Philosophiestudium die Möglichkeit offen, seine Subjektivität zu gestalten, die sich im Umfeld von Erziehungsprozessen, gesellschaftlichen Institutionen und persönlichen Erlebnissen ausbilde.

In seinen philosophischen Werken thematisiert Henrich die vier Kantischen Fragen: "Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch?" Diese Fragen setzen ein Nachdenken über das eigene Leben in Gang; die unterschiedlichen Prägungen, die im Verlauf einer Biographie erfolgen, werden reflexiv nachvollzogen.

Henrichs eigene Lebensgeschichte, die Persönliches und Philosophisches verbindet, liegt nunmehr als Buch vor, das den Titel "Ins Denken ziehen" trägt. In ausführlichen Gesprächen unternimmt der am 5. Jänner 1927 in Marburg geborene Gelehrte einen spannend zu lesenden Streifzug durch sein Leben und gibt Einblicke in sein umfangreiches philosophisches Werk, das um den Deutschen Idealismus, seine Vorgeschichte und sein Umfeld kreist.

Verwundungen

"Als Erfinder einer philosophischen Position nehme ich mich selber gar nicht wahr", konstatierte Henrich in einem Interview. Er versteht sich als Analytiker und Historiker seiner Disziplin, der versucht, bestehende Denksysteme auszuloten, sie weiterzuentwickeln. Dabei kommt Henrich auch auf sein Leben zu sprechen, das von einer gewissen Distanz zur Um- und Mitwelt geprägt ist, die von Verwundungen stammt, die von Krankheiten und persönlichen Schicksalsschlägen ausgelöst wurden. "Es gibt keinen guten, keinen großen Philosophen ohne Verletzung", notierte Henrich, der sich der Fragilität der menschlichen Existenz stets bewusst war: "Selbstbewusstsein war für mich nie selbstverständlich."

Die erste Erschütterung des normalen Lebens in einer gut situierten, bürgerlichen Familie erfolgte bereits im Alter von zwei Jahren. Wegen einer chronischen Mittelohrentzündung musste er einige Zeit in einer Klinik verbringen, wo sich das Gefühl einer tiefen Verlassenheit und Einsamkeit einstellte. Henrich spricht von einer "ersten nihilistischen Erfahrung, die vom Gefühl der Ohnmacht, des Ausgeliefertseins" begleitet wurde. Ein weiteres einschneidendes Ereignis war der durch eine Lungenembolie ausgelöste frühe Tod des Vaters, den der damals Elfjährige viele Jahre nicht verwinden konnte.

Die beiden existenziellen Grenzerlebnisse waren für Henrich wesentliche Erfahrungen, die sein philosophisches Denken prägten. Sie beeinflussten auch sein Nachdenken über den Stellenwert des Subjekts, das er nicht als autonome Instanz verstand, die Herrschaft über sich selbst ausübt, sondern als fragiles Gebilde, das von unwägbaren Ereignissen wie Krankheit, Leid oder Tod bedroht wird. Deswegen ist es notwendig, "die Illusionen zu durchschauen und zu demaskieren, die den Menschen beherrschen", notierte Henrich, "unter diesen Illusionen kommt aber jener Illusion eine Schlüsselrolle zu, die den Menschen glauben macht, er sei im Durchspielen der Höhen und Tiefen seines Lebens das selbstbestimmte Subjekt".

Diese grundlegende Einsicht bestimmte Henrichs philosophischen Werdegang, der mit einem Studium bei Hans-Georg Gadamer - dem Doyen der hermeneutischen Philosophie - begann. Der Student, der von Beginn an von Gadamer besonders gefördert wurde, war sowohl von der Gelehrsamkeit und von der Persönlichkeit des Philosophen zutiefst beeindruckt. "Es gibt keinen Menschen, den ich kennenlernte, in dem das, was er als Philosoph denkt und schreibt und was er als Person ist und zu wirken versucht, in so vollständiger Übereinstimmung war", bemerkt Henrich in seiner philosophischen Autobiographie.

Hans-Georg Gadamer. - © Leena Ruuskanen, CC BY 3.0, https://creativecommons.org/licenses/by/3.0, via Wikimedia Commons
Hans-Georg Gadamer. - © Leena Ruuskanen, CC BY 3.0, https://creativecommons.org/licenses/by/3.0, via Wikimedia Commons

Gadamer lehrte damals in Frankfurt am Main, wo Henrich sein in Marburg begonnenes Philosophiestudium fortsetzte. Dort lernte er auch Theodor W. Adorno kennen, von dem er wenig angetan war. Seine Auffassung der "negativen Dialektik" enttäuschte ihn wegen des "journalistischen Zuschnitts" und "einer rattenfängernahen Rhetorik und deren suggestivem Wahrheitsanspruch". Noch harscher fiel die Kritik an Ernst Bloch und Herbert Marcuse aus. An Bloch missfiel Henrich der prophetische Gestus; bei Marcuse ortete er das Auftreten eines Parteiapostels. "Beide hatten eine eigene, selbstgestrickte Theorie, deren Löcher leicht erkennbar waren."

Gadamer blieb weiter eine zentrale Bezugsperson für Henrich. Er folgte seinem Mentor nach Heidelberg, promovierte bei ihm 1950 mit der Arbeit "Die Einheit der Wissenschaftslehre Max Webers" und habilitierte sich 1956 mit der Schrift "Selbstbewusstsein und Sittlichkeit". Danach lehrte Henrich an der Freien Universität in Berlin, später übernahm er eine Professur in Heidelberg, wo er mit dem aktionistischen Protest der studentischen Exponenten der 1968er-Revolte konfrontiert wurde. Es folgten Gastprofessuren an der Columbia und der Harvard University.

Während seiner Jahre in den Vereinigten Staaten arbeitete Henrich eng mit herausragenden analytischen Philosophen wie Hilary Putnam oder Donald Davidson zusammen, die er nach Deutschland einlud und somit eine Verständigung zwischen kontinentaleuropäischer und analytischer Philosophie ermöglichte. 1981 wechselte an die Ludwig-Maximilians-Universität in München, wo er bis zur Emeritierung im Jahr 1994 tätig war.

Neben seiner universitären Lehrtätigkeit nahm er an den Tagungen der interdisziplinären Forschungsgruppe Gruppe "Poetik und Hermeneutik" teil, die von 1963 bis 1994 existierte. Die Gruppe, in der sich unter anderen Philosophen wie Hans Blumenberg, Hermann Lübbe oder Odo Marquard und Literaturwissenschafter wie Hans Robert Jauß, Karlheinz Stierle oder Rainer Warning versammelten, brach die verkrustete Tradition der deutschen Literaturwissenschaft auf.

Tagungsthemen wie "Positionen der Negativität", "Die nicht mehr schönen Künste", "Das Komische", "Das Fest" oder "Das Ende" waren für den herkömmlichen universitären Betrieb, in dem noch der "Muff von tausend Jahren" seine Spuren hinterlassen hatte, höchst ungewöhnlich. "Es ging darum", so Henrich, "die erstaunliche Dynamik der modernen Kunst irgendwie einzufangen und aufzuschlüsseln."

Deutscher Idealismus

Im Zentrum von Henrichs philosophischen Untersuchungen steht der Deutsche Idealismus - seine Vorgeschichte und das Umfeld der in ihrer Dichte wohl einzigartigen Vielzahl von Denkentwürfen. Henrich bezeichnet sein philosophisches Projekt als "Konstellationsforschung", die nicht nur die Hauptwerke von Fichte, Schelling, Hegel oder Friedrich Hölderlin zueinander in Beziehung setzt, sondern auch Briefe, Rezensionen, Nachlässe oder Beiträge in Zeitschriften berücksichtigt. Dabei versucht er, die Dynamik ihrer Grundgedanken in eigener Argumentation nachzuvollziehen und Relationen zwischen den einzelnen Denkgebäuden herzustellen.

- © Suhrkamp Verlag
© Suhrkamp Verlag

Im Jahr 2004 veröffentlichte Henrich sein über 1.700 Seiten umfassendes philosophisches Hauptwerk "Grundlegung aus dem Ich", in dem er eine detaillierte Vorgeschichte des Deutschen Idealismus rekonstruiert. Seine Leitfrage ist, wie sich schon kurz nach dem Erscheinen von Kants wichtigsten Schriften eine neue, so bedeutende philosophische Bewegung bilden konnte.

In seinen Feldforschungen zur Genese des Deutschen Idealismus rückte Henrich den Fokus auf Philosophen und Theologen, die wie Immanuel Carl Diez, Friedrich Immanuel Niethammer oder Johann Benjamin Erhard zwar von Kants Philosophie ausgingen, sie aber unterschiedlich interpretierten. Eine sorgfältige Analyse der Werke und der Korrespondenz dieser Autoren sollte dazu beitragen, die beinahe undurchdringlichen Verflechtungen philosophischer Entwürfe zu entwirren, um sie besser zu verstehen. Henrich ist davon überzeugt, dass es möglich sei, "die Ausbildung der Gedanken so gut zu verfolgen, dass wir der Zeitgenossen- und Augenzeugenschaft so nahe kommen können, wie dies überhaupt zu erwarten ist".

In seiner Konstellationsforschung zum Deutschen Idealismus legt Henrich den Schwerpunkt auf das Selbstbewusstsein des Menschen. Dieses Phänomen wurde in zahlreichen philosophischen Abhandlungen auf die Beobachtung und Reflexion des eigenen Ich zurückgeführt und somit eine Trennung in ein reflektierendes Subjekt und ein reflektiertes Objekt vorgenommen. Bereits Johann Gottlieb Fichte bezeichnete das Reflexionsmodell des Selbstbewusstseins als "Sophisterei"; eine Einschätzung, die von Henrich geteilt wird.

Dem Denken voran

Anknüpfend an Fichtes Ausführungen kommt er zu dem Schluss, dass das Selbstbewusstsein schon unmittelbar vorhanden ist, bevor ein reflexiver Akt erfolgen kann.

Dieter Henrich in jüngeren Jahren. - © Suhrkamp Verlag
Dieter Henrich in jüngeren Jahren. - © Suhrkamp Verlag

"Das Selbstbewusstsein muss als unhintergehbares Prinzip in Anspruch genommen werden", postuliert Henrich. Das Selbstbewusstsein ist somit nicht als Resultat einer zweckgerichteten Handlung zu verstehen, denn "es liegt ja schon vor, wenn Bewusstsein eintritt". Durch das so verstandene elementare Selbstbewusstsein "setzt sich der Mensch in Beziehung zu dem Ganzen einer Welt und wird ins Nachdenken über sein Selbstsein gezogen", schreibt Henrich, "dazu gehört ein Wissen um die Möglichkeiten und Bedrohungen, von den Ambivalenzen und Alternativen, denen wir ausgesetzt sind".

Ein so verstandenes Selbstbewusstsein oszilliert ständig zwischen den Unwägbarkeiten der menschlichen Existenz und ist offen für dessen Dynamik. Und diesem Oszillieren gelten Henrichs subtile philosophische Studien: "Um die Untersuchung der Zusammenhänge zwischen dem Selbstbewusstsein und den Konflikten in der Lebensführung war es mir eigentlich gegangen."