"Wie groß ist dein Leben?/ wie tief?/ Was kostet es dich?/ Bis wann zahlst du?/ Wie viele Türen hat es?/ Wie oft/ hast du ein neues begonnen?"

Als Erich Fried, der lebenslang Fragende, im Jahre 1938 aus dem nationalsozialistischen Österreich floh und ein neues Leben in England begann, hatte der gerade 17-Jährige schon Stoff für ein ganzes Leben hinter sich. Und nicht nur das: Er war diesem Stoff in den Wiener Jahren seiner Kindheit und Jugend mit extremer geistiger Wachheit, emotionaler und intellektueller Kreativität begegnet. "Mitunter sogar Lachen" heißen die prägnanten, tief beeindruckenden Erinnerungen, von Frieds Verlag Wagenbach aktuell neu aufgelegt, in denen man dem einzigen Kind einer gut situierten Wiener Familie von dessen frühen "Wunderkindjahren" bis zur "letzten Zeit vor meinem Tod" folgen kann.

- © Wagenbach
© Wagenbach

Hochbegabt und gewitzt, unterhielt schon der 6-jährige Erich im Liechtensteinpark andere Kinder mit erfundenen Geschichten und kleinen Theaterinszenierungen, damit auch seine physische Bewegungsstörung kompensierend. Bald für die Bühne entdeckt als vielversprechender Kinderschauspieler mit "geradezu dämonischer Wirkung", sah Fried selbst ein anderes Ereignis als wichtigste Folge des "durch meine Starrolle erworbenen Gefühls der Selbstsicherheit auf der Bühne" an: den geplanten Vortrag eines Weihnachtsgedichts als Halbwüchsiger im Festsaal im Thury-Hof.

Im Juli zuvor hatte er an der Hand der Mutter zufällig den "Blutigen Freitag" miterlebt, als die Polizei auf demonstrierende Arbeiter schoss; 84 Arbeiter und fünf Polizisten starben. Das Bild der "Bahren mit Toten und Verwundeten" prägte sich dem Kind ebenso ein wie die bald darauf auf Plakatwänden erscheinenden, von Karl Kraus unterzeichneten Aufrufe an den verantwortlichen Polizeipräsidenten, zurückzutreten. Als der Sechsjährige zu Weihnachten 1927 erfuhr, dass dieser Mann im Saal sei, verkündete er, er werde nicht vor dem Herrn Polizeipräsidenten vortragen: woraufhin dieser mit krachend hinter sich zuschlagender Tür den Festsaal verließ.
- © Wagenbach
© Wagenbach

Politisch wach seit Kindertagen, bewältigte der heranwachsende junge österreichische Jude Erich Fried die bitterernsten Jahre, die folgten, auf oft erstaunliche Weise. Dass im Österreich der 1930er Jahre die gegensätzlichen politischen Lager der Sozialdemokraten und der aufstrebenden Nationalsozialisten in der gemeinsamen Feindschaft gegenüber dem "klerikalfaschistischen Regime" von Engelbert Dollfuß vereint waren, ließ ihn die politische Diskussion, auch Aktion, zwischen den Lagern als lebhaft, kontrovers und "keineswegs feindselig" erleben.

Das über lange gemeinsame Schuljahre am Gymnasium Wasagasse 10 geknüpfte Band aus Solidarität und Offenheit konnten die wachsenden politischen Spannungen nicht sprengen. Da ist Frieds Mitschüler Bertel, der "führende Mann der illegalen Hitlerjugend", dem er 16-jährig einmal einen dicken Stoß antisemitischer Hetzblätter entriss, die Bertel von einem anderen jungen Nazi erhalten hatte. Als dieser "den Jud" Fried, die "Schlangenbrut" also, zu beleidigen begann, war Bertels Haltung nach kurzer Verwirrung glasklar: "Behalt dir den Dreck", sagte er zu Fried, "so ein Arschloch." Auf Frieds Vorschlag organisierte Hitlerjunge Bertel Geld und eine Abschiedsfeier für einen Mitschüler, damit dieser mit seiner jüdischen Braut Österreich verlassen konnte.

Staunend liest man diese Geschichten von selbstverständlich gelebter Toleranz. "Mag sein", schreibt Josef Haslinger im Nachwort, "dass der enge persönliche Kontakt mit dem politischen Gegner in den Jahren 1934 bis 1938 die Grundlage für seinen tiefen Humanismus bildet, der es ihm immer wieder erlaubt hat, auf den politischen Gegner zuzugehen, und vielleicht sogar sich selbst zu korrigieren, wenn er sich verrannt hatte." Ob es auch dieser Glaube an eine Kultur des menschlichen Respekts war, die dem jungen Fried, der nach Hitlers Einmarsch in Wien März 1938 eine Widerstandsgruppe gegründet hatte, Mut eingab?

Er war mit Propagandamaterial und einem Freund unterwegs, als ein SS-Mann sie ansprach und mit zur Wache nahm. "Dass ich, der ohnehin eine leichte Bewegungsstörung hatte und nicht gut marschieren und schon gar nicht laufen und springen konnte, einen KZ-Aufenthalt nicht überleben würde, war so gut wie sicher. So also sah der Tod aus? Ein Mann mittleren Alters in schwarzer Uniform, mit ein wenig traurigem, aber gar nicht bösartigem Gesicht ... Ich riß mich zusammen und fragte: ,Muss das unbedingt sein?‘ Es wird wahrscheinlich nicht länger als eine Sekunde gewesen sein. Dann machte er eine Handbewegung und sagte: ,Gehen Sie‘."

Als seine "Heldenzeitjugend" beschreibt Fried halb ernst, halb ironisch die Monate, die nun folgten: seine ahnungsvolle Vorbereitung, als sich die Eltern im April 38 öffentlich mit anderen jüdischen Freunden trafen und verhaftet wurden. Der knapp 17-Jährige versuchte, über einen mit den Nazis liierten befreundeten Anwalt Hilfe aus Deutschland zu organisieren. Zu spät für den Vater: Ihm hatte ein Gestapomann prügelnd die Magenwand zertrümmert. Er schleppte sich nach Hause - von einem Tag auf den anderen weißhaarig geworden, sodass ihn sein Sohn auf der Treppe nicht erkannte - und starb wenige Stunden später.

Erster Schreibjob

In London begann Fried als "bettelarmer Flüchtling". "Ich wußte, daß es durch Hitler zum Krieg kommen werde und daß dann alle den Nazibehörden bekannten aktiven Antifaschisten auf die eine oder andere Art umgebracht werden würden." Für rund 70 jüdische Menschen, darunter seine Mutter, gelang es ihm, lebensrettende Visa nach England zu organisieren. Er verkaufte Bleirohre aus leerstehenden Villen an Altmetallhandlungen, um Geld zu beschaffen; er gab sich als einflussreicher Lord aus, und erreichte bei der Gestapo die Freilassung zweier Gefangener. Auf ähnlich einfallsreichen Wegen kam er zum ersten Schreibjob, und - mit zweieinhalb Pfund in der Tasche - zu einer halbkaputten Schreibmaschine.

Schwer die Nachkriegsjahre: eine kurze erste Ehe, Arbeit in der Fabrik; Aneignung des "Dichter-Handwerks": "Ich ordne Bücher, lese, lese, lese, - spreche einer ganzen Anzahl von jungen Wesen Mut zu ...es hat etwas Verlogenes an sich, wenn ich bedenke, wie unwahrscheinlich gut es mir gelingt und wie wenig Mut ich selbst habe...", heißt es in einem Brief 1940. Einem ersten Gedichtband, "Österreich" (1944), folgte zwölf Jahre kein weiterer. Fried schrieb in zahlreichen Zeitschriften, arbeitete bei der BBC.

"Ich blieb zunächst einmal traurig da", so beschrieb er die Lage in einem späteren Interview. England sei "sehr wenig Heimat" gewesen - die Rückkehr nach Österreich oder Deutschland aber nur möglich, wenn er die begründete Hoffnung hätte haben können, mit Gleichgesinnten eine "bessere, das hieß für mich, eine sozialistische Gesellschaft aufzubauen". England bedeutete aber auch eine Bereicherung durch die Herausforderung, eine andere Sprache, Literatur und mit ihr eine andere zivilisatorische Weise, "an die Gestaltung von Gedanken und Gefühlen zu gehen", zu erobern. Tief stieg Fried in die Arbeit als literarischer Übersetzer ein - u.a. von Dylan Thomas, T.S Eliot, Shakespeare.

"Aus dem Leben/ bin ich/ in die Gedichte gegangen// Aus den Gedichten/ bin ich/ ins Leben gegangen// welcher Weg wird am Ende besser gewesen sein?"

- © Wagenbach
© Wagenbach

Seit 1963 bei der "Gruppe 47", fühlte er sich dort "zum ersten Mal seit vielen Jahren zu Hause, an einem Ort, an den ich hingehöre". 1960 war sein einziger Roman erschienen, "Ein Soldat und ein Mädchen", in dem die KZ-Aufseherin Irma Grese eine Rolle spielt; 1964 die "Warngedichte", 1966 der Gedichtband "und Vietnam und".

Zur Wiederannäherung an Deutschland gehören auch seine Verbindungen zu Hans Magnus Enzensberger, zur "Außerparlamentarischen Opposition" APO, zu Rudi Dutschke; schließlich zu seinem Verleger Klaus Wagenbach. Lebensort blieb England: Seit 1965 in dritter Ehe mit Catherine Boswell verheiratet, mit der er nach drei Kindern aus den ersten Ehen noch drei gemeinsame Kinder hatte.

Sich klar gegen den bewaffneten Kampf aussprechend, unterstützte Fried in den 1970ern konsequent die linke Opposition in ihren Protesten. Gedichtbände dieser Jahre wie "Die Freiheit, den Mund aufzumachen" (1972) oder "Höre, Israel!" (1974) gehören zu jener "engagierten Literatur", als deren "Hauptaufgabe" Fried es sieht, "gegen die Entfremdung zu kämpfen - für das wirkliche Hören, Sehen, Fühlen, Denken gegenüber den Schablonen und den denkfeindlichen und sehfeindlichen Mustern in unserer Gesellschaft."

Nicht mehr viel Zeit...

In der Folge des "deutschen Herbstes" 1976/77 und seiner vor allem in Gedichten ausgedrückten empathischen Suche nach den gesellschaftspolitischen Ursachen des Terrors gingen sowohl Presse als auch Politik in Deutschland hart gegen Fried vor: Ein Gedicht wie das nach Ulrike Meinhofs Tod verfasste "Die Anfrage" wolle man "lieber verbrannt sehen", hieß es in einer politischen Stellungnahme. 1974 war Erich Fried, der den gewaltsamen Tod Georg von Rauchs durch einen Polizisten als "Vorbeugemord" bezeichnete, selbst vor Gericht gestanden.

"Mitunter sogar Lachen": Wie oft Erich Frieds lebenslanger Anspruch an sich selbst, solidarisch gegen "Unterdrückung und Unrecht" einzutreten und Mitmenschen zu helfen, für ihn selbst Verzweiflung und Ratlosigkeit bedeutete - auch das spiegeln seine Gedichte, von denen heute die 1979 erschienenen "Liebesgedichte" wohl die bekanntesten sind.

Sein unerschrockener Geist blieb ihm auch dann erhalten, als er ahnte, dass er, nach der dritten Krebsoperation 1988, nicht mehr viel Zeit haben würde: "Ich will mich in der letzten Zeit vor meinem Tod nicht mit dem Lebenbleibenwollen beschäftigen ... ich will das sehen und tun, was es im Leben zu sehen und zu tun gibt. Ich bin neugierig, vielleicht neugieriger als je zuvor." Erich Fried starb am 22. November 1988.

Grab Erich Frieds auf dem Kensal Green Cemetery - © Perseus1984, CC BY-SA 4.0
Grab Erich Frieds auf dem Kensal Green Cemetery - © Perseus1984, CC BY-SA 4.0