Am 20. November 1947 starb der deutsche Schriftsteller Wolfgang Borchert im Alter von 26 Jahren. Am Tag darauf wurde in den Hamburger Kammerspielen sein Drama "Draußen vor der Tür" uraufgeführt. Am Ende verharrte das Publikum lange in ergriffener Stille, bis schließlich unermesslicher Applaus ausbrach. Er galt den Darstellern, dem Stück und schließlich Wolfgang Borchert, der seinen Triumph nicht mehr erleben konnte.

Geboren wurde der Dichter am 20. Mai 1921 in Hamburg. Sein Vater war Lehrer, seine Mutter hat sich in ihrer plattdeutschen Heimat einen Namen als Mundartdichterin gemacht. Auch der Sohn begann schon als Gymnasiast, Gedichte zu schreiben, aber wie viele angehende Poeten ahmte er vor allem vorhandene Muster nach: einerseits Rilke, andererseits Ringelnatz. Seine Schulleistungen ließen zu wünschen übrig, 1938 musste er das Gymnasium ohne Abschluss verlassen. Er absolvierte eine Lehre als Buchhändler, nahm jedoch zugleich Schauspielunterricht. Eine kurze Episode des Lebensglücks erlebte der Zwanzigjährige im Frühjahr 1941: Die Landesbühne Osthannover engagierte ihn, vier Monate lang konnte er tun, was er vor allem wollte: Künstler sein, Theaterspielen. Aber schon im Herbst 1941 wurde Borchert zur Wehrmacht eingezogen.

Satirisch begabt

Kein begeisterter Soldat, versuchte er, den militaristischen Ungeist subversiv zu untergraben. Er zählte nicht zum explizit politischen Widerstand, wie etwa die im selben Mai 1921 geborene Sophie Scholl, aber er war ein satirisch begabter, renitenter Künstler, der seine Verachtung des Nazismus durch Witze und Parodien kundtat. Das mag manchen Nachgeborenen als harmlos erscheinen, die Wehrmacht sah es allerdings anders: Zweimal wurde Borchert wegen "Wehrkraftzersetzung" zu Gefängnisstrafen verurteilt.

"Die Hundeblume", eine seiner eindrucksvollsten Erzählungen, berichtet von einer kleinen Blume, die der inhaftierte Ich-Erzähler während des täglichen Rundgangs im Hof pflückt und in seiner Zelle verwahrt. Während der gesamten Militär- und Haftzeit laborierte Borchert an einer Gelbsucht, die niemals auskuriert wurde. Im Mai 1945 kehrte er unheilbar krank nach Hause zurück. Die zwei Jahre, die ihm noch blieben, stand er unter produktivem Hochdruck. Fast alle nennenswerten Arbeiten Borcherts wurden zwischen 1945 und 1947 geschrieben: So etwa die Kurzgeschichten "Das Brot", "Die Küchenuhr" oder "Nachts schlafen die Ratten doch", die schon bald nach seinem Tod in den Lesebuchkanon aufgenommen wurden.

In einigen manifestartigen Erklärungen trat er auch als Wortführer der jungen Generation auf. Er forderte, die Literatur solle so dissonant und synkopisch sein wie die Musik, die mit der amerikanischen Besatzung nach Deutschland kam und bei der Jugend offene Ohren fand: "Jetzt ist unser Gesang der Jazz. Der erregte hektische Jazz ist unsere Musik." Borcherts Hauptwerk ist jedoch "Draußen vor der Tür". Bevor das Stück auf die Bühne kam, wurde es im Norddeutschen Rundfunk schon als Hörspiel gesendet und stark beachtet. Diesen Erfolg hat der Autor noch miterlebt, wie er auch bei anderen Gelegenheiten erfuhr, auf welch großen Widerhall seine Texte stießen. Er starb früh, aber nicht verkannt.

1948 wurde "Draußen vor der Tür" unter dem Titel "Liebe 47" verfilmt, später in etliche Sprachen übersetzt. Und worum geht es in diesem berühmten Schauspiel? Unteroffizier Beckmann, aus Russland zurückgekehrt, findet in der neu entstehenden Nachkriegswelt keinen Platz. In abgetragener Uniform und mit einer Gasmaskenbrille erscheint er all denen, die sich im friedlichen Leben eingerichtet haben, wie ein Gespenst. Er will sich in der Elbe ertränken, aber nicht einmal die will ihn haben - sie spuckt den Selbstmörder wieder aus. Der äußere Schauplatz des Geschehens ist Hamburg, aber die wesentlichen Vorgänge finden in Beckmanns Seele statt. Er muss mit schweren Verlusten zurechtkommen: Während er in Russland war, hat seine Frau einen anderen Mann gefunden, und sein kleiner Sohn ist bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen.

Nun könnte Beckmann all das möglicherweise noch ertragen, wenn ihn nicht ein Soldatentrauma verfolgen würde. Im Krieg hatte er einen Erkundungstrupp von zwanzig Mann zu kommandieren, elf seiner Leute kamen dabei ums Leben. Die toten Kameraden lasten auf Beckmanns Seele, da er für sie die Verantwortung hatte. In einer der stärksten Szenen des Stücks versucht Beckmann, die Verantwortung seinem damaligen Vorgesetzten, dem Herrn Oberst, zurückzugeben. Aber der sitzt unbelastet mit seiner Familie beim Abendbrot und versteht gar nicht, was sein verstörter Untergebener von ihm will. Als Beckmann schließlich versucht, bei seinen Eltern Zuflucht zu finden, muss er erfahren, dass sie sich das Leben genommen haben. Als überzeugte Nazis und Antisemiten hatten sie nach der Niederlage Angst vor einer Bestrafung durch die Sieger, und so drehten sie den Gashahn in der Küche auf.

Frau Kramer, die sich als Nachmieterin in der elterlichen Wohnung eingerichtet hat, sagt zu Beckmann: "So was Dummes, sagt mein Alter, von dem Gas hätten wir einen ganzen Monat kochen können." (Spätestens an dieser Stelle zeigt sich übrigens eindeutig, dass "Draußen vor der Tür" kein autobiographischer Text ist. Borcherts Eltern waren keine überzeugten Nazis, auch haben sie ihren Sohn Wolfgang keineswegs "vor der Tür" stehen lassen. Er wurde von ihnen während seiner letzten Lebensjahre liebevoll gepflegt und unterstützt.)

"Draußen vor der Tür" ist eine fiebernde Skizze, die sich Borchert Anfang 1947 in einer einzigen Woche von der Seele geschrieben hat. Manche Szenen sind von ätzendem Witz, andere fatalistisch, wieder andere pathetisch, wenn nicht gar sentimental. Heutigen Lesern und vor allem Leserinnen wird vielleicht unangenehm auffallen, dass die Männerperspektive des "Landsers" Beckmann durchwegs dominiert: Was er an der Front "durchgemacht" hat, wiegt mehr als die Leiden derer, die den Krieg daheim erlebt haben. Und von denen, die in den Konzentrationslagern ermordet wurden, ist gar keine Rede. Aber dieses Schweigen war im Deutschland des Jahres 1947 die Regel. Die selbstkritische Auseinandersetzung der Deutschen mit Auschwitz hat Wolfgang Borchert nicht mehr erlebt, und es ist müßig, darüber nachzudenken, wie er sich dazu verhalten hätte.

Literarhistorisch gesprochen, knüpft "Draußen vor der Tür" an die expressionistischen Dramen an, die nach 1918 die Folgen des Ersten Weltkriegs bearbeitet hatten. Wer diese Behauptung überprüfen will, lese etwa Bertolt Brechts Frühwerk "Trommeln in der Nacht" oder Ernst Tollers Tragödie "Hinkemann". Die Ähnlichkeiten zwischen diesen beiden Stücken und "Draußen vor der Tür" springen ins Auge. Ist das Drama, das 1947 das Publikum aufwühlte, also vielleicht gar nicht so originell wie allgemein angenommen?

Kunstfehler

Hans Erich Nossack, Jahrgang 1901, Hamburger Autor wie Borchert, war dieser Meinung. Er notierte 1961 rückblickend in seinem Tagebuch: "Die entsetzliche Armut nach 1945 beweist sich darin, daß man einen Wolfgang Borchert, der nichts Neues und das Alte nur schlecht und dünn sagte, als ein Symbol des jungen Menschen unserer Zeit pries." Doch diese Sicht war nicht konsensfähig. Die meisten seiner Alters- und Zeitgenossen nahmen Wolfgang Borchert als authentische Stimme ihrer Generation wahr, und auf kritische Einwendungen älterer Herren legten sie wenig Wert.

Wolfgang Borcherts Grab auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg. - © Roland.h.bueb, CC BY 4.0
Wolfgang Borcherts Grab auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg. - © Roland.h.bueb, CC BY 4.0

Dass Borcherts Werk nicht nach literaturkritischen Normen alleine beurteilt werden könne, behauptete 1955 Heinrich Bölls Essay "Die Stimme Wolfgang Borcherts". Der Autor, Jahrgang 1917, räumte ohne weiteres ein, dass die Texte des Frühverstorbenen ihre Kunstfehler hätten. Doch wirke alles Flüchtige und Unfertige hier wie ein besonders überzeugender Protest gegen die "Gelassenheit" und "Weisheit" all jener Abgeklärten, deren "glatte Worte" sich angesichts eines Weltkriegs als konventionelle Lügen erwiesen.

Pathetischer als Böll, aber auf derselben Linie, drückte sich ein Freund Borcherts aus: Bernhard Meyer-Marwitz, der schon 1949 eine erste, wenn auch unvollständige Ausgabe der Werke Borcherts herausgab, schrieb in seinem Nachwort: "Borcherts Schrei löste tausend Zungen in dem verwüsteten und darbenden Deutschland. Die Hörer schrien zurück: emporgerissen, gepeinigt, erschreckt, befreit, zornig, erschüttert, abwehrend, dankbar."

Diese Schreie sind noch heute vernehmbar, wenn man Wolfgang Borcherts Texte liest, und sie übertönen alle Einwände, so berechtigt sie auch sein mögen.