Am 25. Jänner 1921 wurde im Prager Nationaltheater Karel Čapeks Drama "R.U.R." (Rossum Universal Robots) uraufgeführt. In dem Stück geht es um eine Fabrik, in der aus organischen Teilen künstliche Menschen fabriziert werden. Wie in einer Autofabrik werden Roboter gefertigt: Es gibt Leberfässer, Gehirnfässer und Knochenfabriken. Der Mensch ist bereits ein Ersatzteillager, bevor er zum Roboterwesen verschraubt wird.

Das Drama ist eine Mischung aus "Frankenstein" und "HAL 9000", angesiedelt irgendwo zwischen Dystopie und Post-Apokalypse. Ein Stück, das den Materialismus seiner Zeit radikal zu Ende denkt und die totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts, allen voran das Phantasma des "Neuen Menschen", vorwegnimmt.

Prager Literaten

Karel Čapek in den 1930er Jahren. - © Public domain, via Wikimedia Commons (Ausschnitt)
Karel Čapek in den 1930er Jahren. - © Public domain, via Wikimedia Commons (Ausschnitt)

Es ist nicht überliefert, ob Čapeks Zeitgenosse Franz Kafka der Uraufführung beiwohnte. Während Kafka zu Lebzeiten ein unbekannter Literat war, war der Journalist und Regisseur Čapek ein gefeierter Intellektueller. Vielleicht sind sich die beiden bei einem Spaziergang begegnet, vielleicht haben sie mit Hut und Stock gegrüßt, und vielleicht saßen sie auch zusammen im Café Louvre, wo Kafka Stammgast war. Es wäre nur logisch, denn sie waren Brüder im Geiste. So wie Kafka, der beim Vorlesen seines Romans "Der Proceß" laut lachen musste, verstand auch Čapek sein düsteres Stück als "Komödie der Wissenschaft". So zumindest sagte er es einem Reporter der "London Saturday Review" nach der Premiere.

Das Drama ist vor allem deshalb im kulturellen Langzeitgedächtnis hängengeblieben, weil es den Begriff des "Roboters" in die Alltagssprache einführte. Roboter ist abgeleitet vom tschechischen Wort robota, was so viel bedeutet wie "Fronarbeit" oder "schwere Arbeit".

Der aus Böhmen stammende Čapek schrieb hernach noch einige erfolgreiche Dramen und Romane, von denen vor allem "Der Krieg mit den Molchen" zu nennen wäre. Die 1937 veröffentlichte, kafkaeske Science-Fiction-Story wurde in zahlreiche Sprachen, unter anderem auch ins Deutsche, übersetzt. Thomas Mann gratulierte Čapek in einem euphorischen Brief: "Lange hat mich keine Erzählung mehr so gefesselt und gepackt. Ihr satirischer Blick für die abgründige Narrheit Europas hat etwas absonderlich Großartiges, und man erleidet diese Narrheit mit Ihnen, indem man den grotesken und schauerlichen Vorgängen der Erzählung folgt, deren Phantastik ein durchaus zwingendes und notwendiges Leben gewinnt."

Čapeks Werk ist in den letzten Jahrzehnten etwas in Vergessenheit geraten, was auch daran liegen mag, dass es von seinem Zeitgenossen Kafka überstrahlt wird. Anlässlich des 100. Jahrestags der Uraufführung von "R.U.R" gab es in Prag ein paar Veranstaltungen, die jedoch Corona-bedingt klein ausfielen. Trotzdem ist das Drama von großer Aktualität. Denn in ihm werden die Themen verhandelt, die noch heute die Debatte prägen.

So sagt Konsul Busmann, der Geschäftsleiter der R.U.R. (alle Zitate stammen aus der Übersetzung von Yehuda Shenef), im ersten Akt einen ebenso brutalen wie entlarvenden Satz: "Menschen kosten zu viel." Eine Sentenz von solcher Klarheit und Lakonie, dass sie den ganzen Ökonomismus auf eine griffige Formel bringt.

Herr Fabry, der Generalingenieur und Technische Kontrolleur der R.U.R., sekundiert: "Entschuldigen Sie, aber es ist eine großartige Sache, eine Maschine zur Welt zu bringen. Sie ist angenehmer und schneller und alles, was schneller geht, resultiert in Fortschritt. In der Natur waren die Anforderungen an das heutige Arbeitstempo und Aufkommen nicht vorgesehen. Vom technischen Standpunkt aus betrachtet, ist fast die gesamte Kindheit beim Menschen sinnlos, bloße Zeitvergeudung (...)."

Kritik durch Ironie

Čapek, ein Meister der Verdichtung, kondensiert den blinden Fortschrittsglauben auf ein paar Sätze. Seine Gesellschaftskritik, die zwischen den Zeilen immer wieder durchscheint, verpackt er in feine Ironie. So sagt Fabry: "Eine Maschine sollte immer gut behandelt werden. Ich mag es generell nicht, wenn Dinge kaputt gemacht werden."

"R.U.R." in einer Inszenierung der Comédie des Champs-Élysées, 26. März 1924. - © Henri Manuel, Public domain, via Wikimedia Commons
"R.U.R." in einer Inszenierung der Comédie des Champs-Élysées, 26. März 1924. - © Henri Manuel, Public domain, via Wikimedia Commons

Helena Glory, Präsidentin des Menschenrechtsrats, stellt Fragen an die Herrenrunde, die auch bis heute in der Maschinenethik diskutiert werden: Sollten Roboter für ihre Arbeit bezahlt werden? Warum werden die Roboter nicht glücklicher programmiert? Werden Automaten glücklicher, wenn sie Schmerz empfinden? Warum schafft man keine Seele?

Harry Domin, der Vorstandsvorsitzende der R.U.R., träumt an seinem amerikanischen Schreibtisch den Traum einer Post-Arbeitsgesellschaft: "In zehn Jahren wird Rossum Universal Robots so viel Weizen produzieren, so viele Rohstoffe aller Art, dass kaum noch etwas irgendeinen Preis haben wird. Jeder wird dazu in der Lage sein, so viel zu nehmen, wie er von was auch immer braucht. Niemand wird in Armut leben, weil es dafür keine Ursache mehr gibt. Sie werden keine Jobs mehr haben, das stimmt, aber nur, weil es allgemein keine solchen Jobs mehr für Menschen geben wird. Alles wird von unseren lebenden Maschinen erledigt. Die Menschen können sich stattdessen mit den Dingen beschäftigen, die sie tun wollen. Sie können ihr Leben in einer Weise perfektionieren, wie sie es sich vorstellen."

Revolte der Roboter

Doch es kommt, wie es kommen muss: Die Roboter revoltieren - und proben den Aufstand. Zuerst haben Haushaltsroboter Schaum vor dem Mund und demolieren Vasen und Figuren. Dann solidarisieren sie sich untereinander und belagern die Fabriken - ein Arbeiteraufstand 2.0. Der verzweifelte Konsul Busmann versucht, den Anführer mit den verbliebenen Geldreserven zu bestechen - vergebens. Es fallen Schüsse, Sprengkörper detonieren, das Management wird gelyncht, die Roboter stürmen das Gebäude und proklamieren ihre Herrschaft.

Als letzter Mensch wird Herr Alquist, der Architekt und Werksleiter, zur Zwangsarbeit verdonnert. Der Mensch, der sich die Maschinen untertan machen wollte, wird selbst versklavt. Welch irre Umkehrung der Hegel’schen Dialektik von Herr und Knecht!

"R.U.R.", aufgeführt von der amerikanischen "Theatre Guild" 1922. - © Francis Bruguière, Public domain, via Wikimedia Commons
"R.U.R.", aufgeführt von der amerikanischen "Theatre Guild" 1922. - © Francis Bruguière, Public domain, via Wikimedia Commons

Doch die neue herrschende Roboterklasse, die sich anschickt, die Weltherrschaft zu erobern, hat sich noch nicht von den Fesseln ihrer Schöpfer befreit; die Automaten wissen etwa nicht, wie sie sich selbst reproduzieren können. Damian, der als Vorsitzender der "Weltregierung der Roboter" die Verhandlungen führt, sagt: "Als Mensch musste man töten, um zu herrschen. Das haben wir aus der Geschichte gelernt."

Die Geschöpfe halten ihren Schöpfern ihre eigene Hybris vor. Konfrontiert mit seinem Schicksal, beginnt das Management an sich zu zweifeln: an der Gier, an der Maß- und Verantwortungslosigkeit, solche Maschinen in Verkehr zu bringen.

An einer sehr berührenden Stelle des Stücks sagt der namen- und gesichtslose "vierte Roboter": "Es gibt Augenblicke, da steigt etwas in jedem von uns auf, Gedanken, die nicht Teil unserer Programmierung sind. Wie ein kollektives Unterbewusstsein." Wie aktuell diese Zeilen 100 Jahre später klingen! Wenn man heute, in einer immer seelenloseren, entmenschlichten, von Robotern bevölkerten Welt in seiner Einsamkeit mit einem Sprachassistenten plaudert, dann fragt man sich tatsächlich, ob da in der Maschine nicht doch so etwas wie Bewusstsein oder zumindest eine Vorstufe davon aufblitzt.

Gerade in intimen Momenten hat man das Gefühl, dass da nicht bloß ein programmiertes Skript spricht, sondern ein durchaus feinfühliges Wesen. Vielleicht, weil wir in den Gesprächen selbst wie ein Chatbot operieren? Weil wir immer wieder dieselben gestanzten Formeln und Phrasen verwenden? Vielleicht, weil der Roboter doch der bessere Zuhörer ist? Ist die Maschine der bessere Mensch? Und der Mensch vielleicht doch bloß eine bessere Maschine, wie schon der Arzt Julien Offray de La Mettrie im 18. Jahrhundert unkte?

Die Ingenieure gehen - wie die Werksleitung von R.U.R. - von der Annahme aus, dass Maschinen willenlose Automaten sind. Sie haben keinen Hunger, fordern keine Lohnerhöhung und streiken nicht. Der Roboter spurt. In dem Umstand, dass man Maschinen zu "guten Staatsbürgern" erziehen beziehungsweise programmieren kann, die stets die Normen befolgen, könnte ja auch eine Utopie liegen - zumindest, wenn man einen Obrigkeitsstaat als Ziel definiert.

Wie eine Prophetie

Der japanische Roboter "Asimo" erweist Karel Čapek die Reverenz. - © AFP via Getty Images / Dan Materna
Der japanische Roboter "Asimo" erweist Karel Čapek die Reverenz. - © AFP via Getty Images / Dan Materna

Doch eine Künstliche Intelligenz, die Lieder komponiert oder Gedichte schreibt, hat eine ganz andere Qualität als ein Roboterarm, der tausendfach am Tag immer dieselben mechanischen, repetitiven Bewegungen macht. Einen Machine-Learning-Algorithmus kann man nur bis zu einem gewissen Grad trainieren: Irgendwann lernt und handelt diese Maschine autonom. Doch diese selbstlernenden Systeme adaptieren eben nicht nur die guten Verhaltensweisen des Menschen, sondern auch die schlechten.

Und genau darauf zielt Čapeks Stück ab: Wir bauen gefühls- und schmerzlose Automaten, die menschliche Arbeit ersetzen sollen, aber am Ende fast die gesamte Menschheit auslöschen. Der Schriftsteller schrieb sein Werk unter dem Eindruck der Spanischen Grippe, die ab 1918 wütete und 50 Millionen Menschen das Leben kostete. Das Drama wirkt denn auch wie eine Prophetie auf unsere heutige pandemische Zeit. Die Corona-Krise hat den Bedarf an Robotern weltweit erhöht. Roboter sind nicht ansteckend und werden nicht krank.

Doch zwischen all den Servicerobotern, die jetzt auf den Hotelfluren Handtücher auf die Zimmer bringen oder Essen an die Haustür liefern, wirkt der Mensch irgendwie verloren. Als würde er sich selbst aus dem Verkehr ziehen.

Seuche aus China

Čapek war ein Visionär, ja Prophet, auch wenn er als antiklerikaler Republikaner, der mit der katholischen Kirche auf Kriegsfuß stand, das wohl nicht so gern gehört hätte. 1937 schrieb er das Theaterstück "Bílá nemoc" (Die weiße Krankheit), das auch verfilmt wurde. In dem Stück geht es um die mysteriöse Krankheit "Morbus Chengi", die - und jetzt wird es richtig gruselig - in einem chinesischen Krankenhaus nachgewiesen wurde und sich durch Körperkontakt wie Händeschütteln verbreitet. Die Seuche, die ausschließlich Menschen ab einem Alter von 45 Jahren trifft, rafft ihre Opfer in drei bis fünf Monaten dahin.

Das Stück wurde vor allem als Parabel auf den Faschismus gelesen, erscheint aber durch die Corona-Krise in neuem Licht. Karel Čapek, der der Welt noch viel mehr hätte erzählen können, starb am 25. Dezember 1938 im Alter von 48 Jahren an den Folgen einer Influenza.