Die große Zeit der österreichischen Industriekultur lässt sich als Aufstiegsgeschichte erzählen. Von den Anfängen bis heute. Man kann sie aber auch als Abstiegsgeschichte betrachten. Von der Blütezeit bis zur Werksschließung. Von der Vollbeschäftigung bis zur Arbeitslosigkeit. Wenn man die letztgenannte Perspektive wählt, fächert sich die österreichische Industriegeschichte in sehr unterschiedliche Länder- und Regionalgeschichten auf. In der Obersteiermark etwa konnte der Abstieg als Industriestandort jahrelang nur gebremst, nicht gestoppt werden. In Vorarlberg stürzte das Ende der alten Textilindustrie das Land nicht in den Abgrund, innovative Wirtschaftsmodelle schufen neue Arbeitsplätze und Wohlstand.

Wenn man den Blickwinkel noch enger fasst, werden einzelne Orte zu Zeugen der Industriekultur. Um beim Abstieg zu bleiben: Der kleine, nur 2.500 Einwohner zählende Ort Marienthal in Niederösterreich, bis in die 1920er Jahre eine Industriehochburg, schlitterte 1930 ins wirtschaftliche Verderben, nachdem die große Textilfabrik ihre Tore geschlossen hatte. Fast die gesamte Erwerbsbevölkerung verlor die Arbeit. Berühmt wurde der Ort durch die sozialwissenschaftliche Studie von Paul Lazarsfeld, Marie Jahoda und Hans Zeisel, "Die Arbeitslosen von Marienthal" (1933). Bis heute gilt diese als Meilenstein der qualitativen Sozialforschung.

"Hunger, Hunger ..."

Auch Traiskirchen hat das Ende der Semperit-Reifen-Produktion im Jahr 2002 schwer getroffen, ein Schock, von dem sich die Stadt freilich wieder erholen konnte. Und außerdem ist das oberösterreichische Steyr zu nennen, eine Stadt mit langer wechselvoller Industriegeschichte. Auf den fulminanten Aufstieg im 19. Jahrhundert folgten Jahre der Blüte und Perioden der Krise. Schauen wir uns Letztere etwas genauer an.

Die Wirtschaftskrise um 1930 traf die Stadt besonders schwer. Rund 27.000 Einwohner hatte sie damals. Zwischen Sommer 1929 und Jänner 1930 wurden an die 70 Prozent der Arbeiter der Steyr-Werke entlassen. Ein Fünftel der Bevölkerung wurde innerhalb weniger Monate arbeitslos. Die Stadt verarmte regelrecht, viele Menschen hungerten. Am 24. Oktober 1931 war die Stadt zahlungsunfähig. Während die Sozialstudie der Wiener Soziologen weltbekannt ist, weiß kaum mehr jemand, dass Anfang der 1930er Jahre auch Steyr zum "Studienobjekt" für eine Stadt der Arbeitslosen wurde. Das Mittel der Recherche waren freilich nicht Fragebogen und teilnehmende Beobachtung wie in Marienthal, sondern journalistische Analyse und - die Fotografie. Ende 1929, Anfang 1930 reisten zahlreiche Journalisten in die oberösterreichische Industriestadt, um den Weg vom Wohlstand ins Elend zu beschreiben.

Am 5. Jänner 1930 brachte die sozialdemokratische Illustrierte "Der Kuckuck" unter dem Titel "Steyr, die Stadt der Arbeitslosen" die erste Fotoreportage über den krisengeschüttelten Ort. "Ein Viertel der Bevölkerung", so heißt es im "Kuckuck", "ist jetzt arbeitslos - etwa 6.000 von 24.000 Einwohnern. Es gibt nahezu keine Familie, die von dem Massenelend nicht betroffen wäre, in manchen Familien sind alle erwerbenden Mitglieder arbeitslos." In den Fotos, die der Wiener Reporter Lothar Rübelt beigesteuert hatte, wird das desolate Leben der Arbeitslosen geschildert. Sie hausen teils in ärmlichen Holzbaracken, eine zehnköpfige Arbeiterfamilie kennt nur ein Thema: "Hunger, Hunger ..."

Ein Jahr später - die wirtschaftliche Situation Steyrs hatte sich inzwischen weiter verschlechtert - griff die renommierte "Münchner Illustrierte Presse" das Thema Steyr in einer groß angelegten Reportage auf. Nun war aus der Stadt der Arbeitslosen im Titel bereits eine "sterbende Stadt" geworden. Die Aufnahmen stammen von Felix H. Man (eigentlich Hans Felix Baumann), einem der bekanntesten Fotoreporter Deutschlands, der für die Berliner Fotoagentur Dephot tätig war. Den Text steuerte der Wiener Journalist Karl Tschuppik bei. Beide schilderten, welche Folgen der wirtschaftliche Abstieg der Steyr-Werke für den Ort hatte.

Zusammenbruch

"Neben Budapest war Steyr der Waffenlieferant der österreichisch-ungarischen Armee. Der Friedensvertrag von Saint-Germain verbot Österreich die Waffenerzeugung. Die Werke stellten sich nach dem Kriege auf andere Fabrikationszweige, besonders auf den Automobilbau um. Diese anfangs blühende Industrie ist nun durch die Krise auf dem Weltmarkt und den Zusammenbruch der österreichischen Bodenkreditanstalt zum Erliegen gekommen. Tausende Arbeiter sind brotlos geworden."

Die Fotos dokumentieren vor allem die soziale Not, in die eine ganze Stadt geraten ist, die steigende Zahl der Arbeitslosen, die Barackensiedlungen, in denen jene lebten, die ihre Mieten nicht mehr zahlen konnten. Eine besonders beeindruckende Aufnahme zeigt einen winzigen Wohnraum, in dem eine Familie mit sieben Kindern lebt. Am Marktplatz der Stadt wurde nichts mehr verkauft, hier trafen sich die Arbeitslosen, um dem Baracken-Elend zumindest ein paar Stunden zu entkommen.

"Der Kuckuck", 17. Jänner 1932. - © Archiv Holzer
"Der Kuckuck", 17. Jänner 1932. - © Archiv Holzer

"Von den 27.000 Menschen", schreibt Tschuppik, "hatten 17.000 in den Steyr-Werken Beschäftigung; heute arbeiten dort 1.700. Die Stadt stirbt. (...) Die Menschen von Steyr sind Gefangene ihres Elends, Opfer eines unerbittlichen Gesetzes, das Politik und Wirtschaft diktieren. Was wird aus dieser Stadt? Die Bilder zeigen den Grad der Not, den stumm gewordenen, sich fatalistisch ergebenden Jammer. Die Berichte von Steyr haben wohl die Welt aufhorchen lassen; es gab auch rührende Beweise von Hilfsbereitschaft, doch die Existenz einer ganzen Stadt lässt sich nicht auf Mildtätigkeit aufbauen. Die Stadt stirbt. Die Gemeinde muß die Schulen schließen, weil sie keine Kohle, die Kinder keine Schuhe und Kleider haben.

Sie wird die Beamten entlassen, weil sie die Gehälter nicht zahlen kann. Sie hat ihr Krankenhaus an den Staat verkauft, weil die Mittel fehlen, es zu erhalten. Der landschaftliche Reiz der Stadt, am Zusammenstoß zweier Flüsse zu liegen, wird ihr zum Unheil: sie kann die Brücken nicht mehr in einen brauchbaren Zustand setzen. Sie muß sich auf das Allernotwendigste beschränken. Das heißt: täglich 11.000 Menschen ein Stückchen Brot und einen Napf Suppe zu geben."

Zukunft ungewiss

Ein Jahr später, Anfang Jänner 1932, brachte auch die größte österreichische Illustrierte, "Das interessante Blatt", eine große Fotoreportage über Steyr. Auch sie wählte den dramatischen Titel: "Die sterbende Stadt". Der Bericht beginnt auf der Titelseite mit einer Aufnahme des "Sonderberichterstatters Lothar Rübelt", die die Auszahlung der Arbeitslosenunterstützung im Gemeindeamt zeigt. Darunter lesen wir: "Im Bürgermeisteramt der Gemeinde werden Arbeitslose aus allen Kreisen der Bevölkerung mit Geldbeträgen von zwei bis drei Schilling für Unverheiratete und fünf bis sechs Schilling für Verheiratete fallweise unterstützt; 53 Prozent der Bevölkerung leben nur von den Geld- und Nahrungsmittelaushilfen der Gemeinde."

Auf der folgenden Seite wird in den Bildern vor allem die dramatische soziale Situation in der Stadt dargestellt. Gezeigt werden auch die verzweifelten Versuche der Stadtverwaltung, mit leeren öffentlichen Kassen gegen die Not und Verelendung der Bevölkerung vorzugehen. Im Text zu den Bildern heißt es: "Steyr - eine sterbende Stadt, ein fürchterliches Mahnzeichen von der Not der österreichischen Industriegemeinden, ein letzter Ruf um Arbeit."

Es lohnt auch heute noch, diese düsteren Bildberichte aus längst vergangenen Tagen aufmerksam zu lesen. Denn die gegenwärtigen Debatten um die Zukunft des MAN-Werks in Steyr zeigen, trotz aller Unterschiedlichkeit zur historischen Situation, eines: Zukunftshoffnung, Wohlstand und Vollbeschäftigung einerseits und rasanter wirtschaftlicher Abstieg, Arbeitslosigkeit und Zukunftsangst andererseits liegen oft eng beieinander. Als im Juli des Vorjahres die oberösterreichische Landesausstellung unter dem Titel "Arbeit. Wohlstand. Macht." für 2021 in Steyr angekündigt wurde, ahnte noch niemand, dass das Wohl des Industriestandorts binnen Jahresfrist in Gefahr sein könnte. Nun ist die Zukunft der Stadt neuerlich ungewiss.