Im langen Präsidentschaftswahlkampf 2016 zeigte sich der Kandidat der FPÖ unbeirrbar: Noch im letzten TV-Duell, drei Tage vor dem entscheidenden Urnengang im Dezember, beharrte Norbert Hofer darauf, dass sein Gegner Alexander Van der Bellen eine kommunistische Vergangenheit aufzuweisen hätte. Obwohl Faktencheck-Seiten im Internet und zahlreiche Medien der seit Monaten kolportierten Behauptung widersprachen, beharrte Hofer darauf und begleitete dies mit Mutmaßungen, der wirtschaftsliberale Universitätsprofessor habe sich außerdem als Spion für den Osten und als Freimaurer betätigt.

"Volksfront"-Warnung

Eine solche Propaganda mag nicht überraschen, gehört doch die Strategie, andere Meinungen prinzipiell als linksextreme Positionen zu denunzieren, auch in anderen Ländern zum Standardrepertoire der nationalistischen Rechten. In Österreich zeigt die ÖVP gleichfalls keine Scheu, ähnliche Argumentationsmuster anzuwenden. Nicht einmal drei Wochen, bevor 2019 seine Regierung mit den Freiheitlichen zerbrach, setzte Bundeskanzler Sebastian Kurz verstörende Aussagen aus dem Lager seines Koalitionspartners mit angeblichen Verfehlungen der SPÖ gleich: Das "Rattengedicht" eines FPÖ-Vizebürgermeisters widere ihn ebenso an wie die Verehrung der Sozialdemokratie für den "Massenmörder" Lenin.

Diese Relativierung steht in einer gewissen konservativen Tradition: In der Zeit des Kalten Krieges hatte die Volkspartei in vielen Wahlkämpfen die Bedrohung durch eine "Volksfront" von Sozialisten und Kommunisten heraufbeschworen, obwohl sie sich meist mit der SPÖ in einer Großen Koalition befand. Aber es gibt noch andere Belege für die von dem Historiker Oliver Rathkolb vertretene These, dass der Antikommunismus eine Konstante der Zweiten Republik darstellt. Und sie betreffen auch andere politische Lager.

 KP-Mitbegrnder Johann Koplenig bei einer Ansprache, 1945. - © Archiv Seemann / Imagno / picturedesk.com
 KP-Mitbegrnder Johann Koplenig bei einer Ansprache, 1945. - © Archiv Seemann / Imagno / picturedesk.com
So schmetterte ein Wiener Gemeinderatsunterausschuss noch 2020 - die "Wiener Zeitung" berichtete - den Wunsch der Bezirksvertretung Brigittenau ab, einen Teil des Höchstädtplatzes nach dem langjährigen KPÖ-Vorsitzenden Johann Koplenig zu benennen. Der war 1945 immerhin einer von drei De-facto-Vizekanzlern in der Provisorischen Regierung von Karl Renner und hatte die Unabhängigkeitserklärung mitunterschrieben.

Von antikommunistischen Reflexen wusste auch der Widerstandskämpfer Fritz Propst im Gespräch mit dem Verfasser zu berichten. Er führte Hinhaltetaktik der SPÖ als Grund dafür an, dass es lange dauerte, bis jene Österreicher, die - wie er selbst - im Rahmen der britischen Armee gegen Hitler gekämpft hatten, eine Ehrung von offizieller Stelle erhielten.

Verspätete Ehrung

Statt im Gedenkjahr 2005, wie angestrebt, erhielten die Betroffenen erst im Jahr 2007 das Goldene Ehrenzeichen des Landes Wien. "Aber von den ursprünglich 25 sind zehn schon gestorben gewesen, 15 haben es noch gekriegt", resümierte Propst. Er selbst war zwar bis zu seinem Tod, der ihn 2014 im Alter von 98 Jahren ereilte, Kommunist, aber dies traf laut seiner Aussage keineswegs auf alle Betroffenen zu. War man allerdings wie ein schon 2005 geehrter Kamerad bei der SPÖ, bereitete die Bürokratie wesentlich geringere Probleme.

Der Begriff des Kommunismus bleibt also mit einem unauslöschlichen Makel behaftet, obwohl seine real existierende Version in Europa schon lange untergegangen ist. Seine Ablehnung ist so in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie gar nicht mehr als besonderes Phänomen wahrgenommen wird. In seinem zeitgeschichtlichen Essay "Die paradoxe Republik" hat Oliver Rathkolb festgehalten, dass der Antikommunismus eine "verdrängte Komponente der österreichischen Identität" darstelle, die "eine wesentlich wichtigere verbindende Funktion als etwa der Mythos der Lagerstraße" innehatte

Aber die Bedeutung dieser Ideologie reicht über die Schaffung von Zusammenhalt in einer noch ungefestigten Nation hinaus. In ihrem Namen wurden oft ganz andere Schlachten geschlagen - da konnte es um persönliche Animositäten gehen, um Machtpositionen oder um den Umgang mit ehemaligen Nationalsozialisten. Während die Auswirkungen dieser Konflikte bis in die Gegenwart zu spüren sind, wurden ihre Ursachen, um den Ausdruck Rathkolbs aufzugreifen, "verdrängt".

Vergessene KP-Rolle

Österreichs kollektives Gedächtnis hat bekanntlich nicht wenige solcher Verdrängungsleistungen vollbracht. Man denke an die Habsburger-Monarchie, deren negative Seiten ausgeblendet bleiben, oder an den österreichischen Anteil an den Verbrechen des Nationalsozialismus. Ähnlich "vergessen" ist die Rolle der Kommunisten in der Zweiten Republik, die nicht so unbedeutend war, wie ihre heutige Randexistenz nahelegt. Wer erinnert sich noch daran, dass die KPÖ zu den drei Gründungsparteien der Zweiten Republik gehört? Daran, dass mit Hella Postranecky die erste Frau in einer österreichischen Regierung eine Kommunistin war? Daran, dass die KPÖ nach 1945 immerhin mehr als fünf Prozent der Stimmen erreichte und bis 1959 im Nationalrat vertreten war?

Zumindest Historikern sollten diese Umstände geläufig sein, und doch hat sich auch ihre Zunft an den Verdrängungsmechanismen beteiligt. Zwar wurde der Rückstand bei der Betrachtung der Besatzungszeit 1945 bis 1955 inzwischen beseitigt - sie kann heute sogar als Periode der Nachkriegsgeschichte gelten, die am intensivsten durchleuchtet worden ist. Dennoch sind gerade in Bezug auf den Antikommunismus, seine Funktion und seine Folgewirkungen etliche Lücken zu verzeichnen.

Zerstörtes Parteilokal der KPÖ in Wien, 1954. - © picturedesk.com / ÖNB-Bildarchiv / Alfred Cermak
Zerstörtes Parteilokal der KPÖ in Wien, 1954. - © picturedesk.com / ÖNB-Bildarchiv / Alfred Cermak

Den "Mythen und Rezeptionsklischees" entgegenzuwirken, die sich oft nicht von den Erzählmustern des Kalten Krieges lösen können, sind vor allem Historiker angetreten, die der kommunistischen Partei nahestehen. Manfred Mugrauer, Verwalter des Zentralen Parteiarchivs der KPÖ, ist dieser Aufgabe durch seine 2020 als Buch veröffentlichte Dissertation "Die Politik der KPÖ 1945 - 1955" mit Akribie nachgekommen.

Zwar beurteilt er seinen Forschungsgegenstand manchmal mit zu großer Rücksicht, dennoch weist er auch auf viele Versäumnisse und Fehler der KPÖ hin, die die Partei jahrzehntelang selbst nicht zur Kenntnis nehmen wollte - ein weiterer Akt des Verdrängens, den in diesem Fall die aus der Öffentlichkeit Verdrängten vollzogen.

Der Furor, der ab 1945 der KPÖ und der sowjetischen Besatzungsmacht entgegenschlug, beschränkte sich freilich keineswegs auf die Kommunisten selbst. Während die bürgerliche Propaganda in der "antimarxistischen" Tradition der christlich-sozialen Bewegung SPÖ und KPÖ gleichermaßen bekämpfte, marginalisierte die SPÖ-Spitze die linken Kräfte in der eigenen Partei, die sich als Erbe des "Austromarxismus" von Otto Bauer verstanden.

Parteivorsitzender Adolf Schärf und Innenminister Oskar Helmer hatten als Vertreter des "rechten Flügels" schon in der Ersten Republik die Verständigung mit den Bürgerlichen gesucht und wollten dies unter geänderten Umständen ab 1945 umsetzen. Noch vor dem Einsetzen des Kalten Krieges wurden Gegner dieser Konzeption an den Rand der Partei und darüber hinaus gedrängt, wobei auch die Angst vor unliebsamer Konkurrenz in den eigenen Reihen eine Rolle spielte. Diese verknüpfte sich mit der Feindseligkeit gegenüber jüdischen Intellektuellen und den Emigranten, die ohnehin im Land weit verbreitet war.

Diese gesellschaftlichen Vorurteile richteten sich ebenso gegen die KPÖ, die in gewisser Hinsicht gleichfalls ein Nachfolgeprodukt der Sozialdemokratie der Ersten Republik war. Viele Sozialisten waren aus Enttäuschung über ihre Partei 1933/34 zu den Kommunisten gewechselt. Darunter befanden sich zahlreiche Intellektuelle jüdischer Herkunft, die spätestens mit dem "Anschluss" Österreichs an Nazi-Deutschland zur Flucht ins Exil gezwungen waren.

Kampf um die Arbeiter: Plakat der SPÖ zur Nationalratswahl 1949 - © SPÖ / ÖNB-Bildarchiv / picturedesk.com
Kampf um die Arbeiter: Plakat der SPÖ zur Nationalratswahl 1949 - © SPÖ / ÖNB-Bildarchiv / picturedesk.com

Nach dem Krieg zurückgekehrt, fanden sie indessen eine Gesellschaft vor, in der der Antisemitismus lebendig geblieben war und Emigranten oder Widerstandskämpfer als Verräter gebrandmarkt wurden. Die im Exil erfolgreiche "Volksfront"-Strategie, mit der die Kommunisten die Zusammenarbeit mit anderen politischen Lagern gesucht hatten, fand somit in Österreich die denkbar schlechtesten Voraussetzungen vor.

Die KP-Konzeptionen von "Volksfront" und "Einheitsfront", einer gemeinsamen Plattform der Arbeiterparteien, scheiterten daher innerhalb kürzester Zeit, auch wenn die Partei noch länger daran festhielt. In Folge von weit zurückreichenden Konflikten innerhalb der Arbeiterbewegung setzte die SPÖ-Führung dem kommunistischen Bemühen um einheitliche Organisationen schon Widerstand entgegen, als die Doktrinen des Kalten Krieges noch gar nicht formuliert waren.

Als die USA und die Sowjetunion 1947 die Zweiteilung der Welt verkündeten, begünstigte und verstärkte der Kalte Krieg in Österreich die antikommunistischen Intentionen. In ihren Propagandaschlachten agierten die Sowjets mit Holzhammermethoden, während die Vereinigten Staaten wesentlich subtiler und mit modernen Marketinginstrumenten ihren "American Way of Life" anpriesen. Die vermutlich wirksamste Werbung waren aber die Dollar-Millionen, die freilich keineswegs so bedingungslos flossen, wie die Befürworter des Marshall-Plans verkündeten. Auf diese Weise setzten sich in den Köpfen der Bevölkerung Stereotype über die Besatzer fest, die bis heute nachwirken. Die Kommunisten fanden in der Öffentlichkeit keinen Rückhalt und wurden als Agenten einer fremden Macht wahrgenommen.

Paradoxe Situation

Daraus entstand die paradoxe Situation, dass ausgerechnet jene, die am entschiedensten für den Begriff einer österreichischen Nation eintraten, als Vaterlandsverräter dastanden, weil sie die Sowjets verteidigten. Die Kommunisten hatten sich schon vor dem Zweiten Weltkrieg zur Existenz einer eigenständigen Nation bekannt, ein Bekenntnis, das auch nach seinem Ende nicht selbstverständlich war. Im schwierigen Prozess der nationalen Identitätsfindung nutzten die beiden großen Parteien die im Weltkrieg entwickelte Abneigung gegen die Deutschen dazu, ihnen die alleinige Schuld am Nationalsozialismus zuzuschieben. Die Herausbildung eines Nationalbewusstseins war den drei Gründungsparteien ebenso ein Anliegen wie den verfeindeten Alliierten.

Heftige Konfrontationen ergaben sich dabei auf dem Feld der Kultur, auf dem trotzdem in manchen Belangen erstaunliche Parallelen zwischen kommunistischer und konservativer Kunstauffassung auftauchten. Eine ähnliche Kongruenz findet sich auch in der Ablehnung der neuen Angebote einer Massenkultur nach amerikanischem Muster. Das Bedauern, dass die heutige Jugend keine Ideale mehr kenne, zog sich gleichfalls durch alle drei Parteien. Diese Entideologisierung und Entpolitisierung, die hier der Jugend zugeschrieben wurde, erfasste freilich noch stärker die Erwachsenenwelt. Dem Rückzug ins Private, der Orientierung auf persönlichen Aufstieg entsprach die Politik der Großen Koalition weit eher als der kommunistische Anspruch auf eine kämpferische, partizipative Haltung.

Die neue Harmoniesucht wirkte sich auf die politischen und wirtschaftlichen Konflikte aus. Hatten führende SPÖ-Ideologen zunächst noch die Idee einer "Dritten Kraft" zwischen Sowjetkommunismus und US-Kapitalismus propagiert, näherten sie sich immer stärker den amerikanischen Positionen an. Gleichzeitig entdeckte die Partei, die unmittelbar nach Kriegsende in marxistischer Tradition noch stark auf staatliche Planung gesetzt hatte, nun die Marktwirtschaft für sich. Während die SPÖ auf Klassenzusammenarbeit setzte, hielt die KPÖ an ihrem marxistisch-leninistischen Modell des Klassenkampfs fest..

- © Studien Verlag
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Am klarsten kamen diese unterschiedlichen Konzepte in der Streikbewegung vom Herbst 1950 zum Ausdruck. Dass der Protest gegen das sogenannte 4. Lohn-Preis-Abkommen zum kommunistischen Putschversuch verfälscht wurde, zeigte nachhaltige Wirkung. Gewerkschaftliche Kampfmaßnahmen waren fortan auf Dauer verpönt, und die Konsensfindung zwischen Wirtschaftsverbänden und Gewerkschaften, die sich in den Lohn-Preis-Pakten angebahnt hatte, mündete in die Sozialpartnerschaft. Sie sollte die österreichische Demokratie für Jahrzehnte prägen.

Die Kommunisten blieben zwar in den Betrieben als gute Interessensvertreter zunächst eine bedeutende Kraft, politisch hatten sie aber schon früher den Rückhalt in der Bevölkerung verloren. Statt der einst angestrebten breiten Zusammenarbeit in der "Volksfront" verlangte der Kalte Krieg die Entscheidung zwischen Gut und Böse. Für die KPÖ saßen die Guten in Moskau, und ihnen folgte sie bedingungslos, ob es um den Bruch mit Jugoslawien 1948 ging, die anschließende zur Hysterie gesteigerte Angst vor Spionen und Verrätern, die Friedensbewegung oder die Schwankungen in der sowjetischen Außenpolitik, die auch die Aussicht auf ein neutrales Österreich betrafen. Bis zum Abschluss des Staatsvertrages 1955 stand dabei die österreichische Partei im Bann Stalins, obwohl der schon 1953 gestorben war.

Kreisky und die Linken

Erst das Jahr 1956 sorgte für Verunsicherungen. Nikita Chrusch-tschow machte im Februar erstmals publik, dass es unter Stalin schwere Verbrechen gegeben hatte - was Österreichs Kommunisten zunächst nicht glauben wollten -, und im Herbst schlugen sowjetische Truppen den Aufstand in Ungarn nieder. Die aus diesen Ereignissen erwachsenden Zweifel leiteten eine neue Phase in der Entwicklung der KPÖ, aber auch des Weltkommunismus ein. Mit dem Jahr 1955 verlor also die KPÖ durch den Staatsvertrag nicht nur den Rückhalt der sowjetischen Besatzung, vielmehr ging gleichzeitig eine Periode ideologischer Geschlossenheit zu Ende.

Als diese zerbrach, versank die KPÖ langsam, aber sicher in die Bedeutungslosigkeit. Allmählich tauchten neue Akteure links von der Sozialdemokratie auf. Diese "Neue Linke" spielte in Österreich zwar im legendären Jahr 1968 eine nur marginale Rolle, ihr Gedankengut entfaltete aber unter der Regierung von Bruno Kreisky, die eine Modernisierung des Landes und wichtige Reformen in Angriff nahm, einige Wirkung.

Kreiskys Wahlerfolge zeigten, dass die Bevölkerungsmehrheit an seiner jüdischen Herkunft und seinem einstigen Exil keinen Anstoß mehr nahm. Kontinuität zeigte der Kanzler hingegen in der entschiedenen Gegnerschaft zum Kommunismus jedweder Spielart. Wie der Parteivorsitzende auch den eigenen Jugendorganisationen deutlich machte, war für antikapitalistische Strömungen in Österreich kein Platz. Der Grundstein dafür war - unter Kreiskys Zutun - bereits im Besatzungsjahrzehnt gelegt worden.