Zwei Wirklichkeiten umgeben uns, schrieb der römische Philosoph Seneca (ca. 4 v. - 65 n. Chr.), eine große und wahrlich allgemeine, bewohnt von Göttern und Menschen, und eine andere, zu der uns die besonderen Umstände unserer Herkunft und Geburt gebracht hat. Letztere ist durch diese besonderen Umstände - die staatliche Zugehörigkeit von Vorfahren oder Geburtsort - ausschlaggebend für unsere bürgerliche Verfassung und politische Existenz.

Aber schon die sprachliche Wendung, wonach einen die Geburt auf die Welt bringt, verweist auf Weiteres. Mag unsere Geburt an einem Ort stattfinden, sie bringt uns nicht auf den Ort, auch nicht auf den Staat, nicht auf den Markt und - wollen wir es hoffen - auch nicht auf eine digitale Plattform. Für zur Welt Kommende ist das politische Format zu eng, wie es vife Geister schon in der Antike, als es mit Politik und Demokratie losging, erkannten und das Weite(re) suchten.

Der häufig als erster Weltbürger zitierte Diogenes von Sinope (vmtl. 412-323 v. Chr.) entzog sich einer politischen Eingemeindung, um lieber ein polites cosmoi, ein Bürger des Kosmos zu sein. Dreist führte er seine Verachtung politisierter Verhältnisse vor, indem er sich unter den Bürgern auf der Agora mit einer Laterne am helllichten Tag vergeblich nach einem Menschen umschaute. Er hatte zuvor schon erfahren, wozu Politik im Stande war, als ihn seine Heimatstadt Sinope ins Exil schickte. Mit der Verdichtung seiner Befindlichkeit als Verbannter zu polites cosmoi, parodierte er Polis und Bürgerschaft, und er transformierte seine Disqualifizierung als Bürger in eine neue Qualität - Weltbürger!

Jean-Léon Gérôme: "Diogenes". Der griechische Philosoph Diogenes mit hündischer Begleitung in seiner Behausung. 
- © Walters Art Museum, Jean-Léon Gérôme, Public domain, via Wikimedia Commons

Jean-Léon Gérôme: "Diogenes". Der griechische Philosoph Diogenes mit hündischer Begleitung in seiner Behausung.

- © Walters Art Museum, Jean-Léon Gérôme, Public domain, via Wikimedia Commons

Diese frühe kosmopolitische Geste legt es gerade nicht auf eine globale Ausdehnung des politischen Formats an, wie es heute manche Ansätze von Global Citizenship Education verheißen, vielmehr wird aus Argwohn eine antipolitische Position bezogen. Einem solchen Auftritt in weltbürgerlicher Absicht folgt kein Engagement für oder in politischen Weltordnungen. Eher geht es um ein Ausbüchsen aus politischer Verstrickung, wie es bei György Konrád (1933-2019), dem ungarischen Dichter der Antipolitik, heißt.

Für ihn war Antipolitik eine Grundhaltung, die er in seinen kühnen mitteleuropäischen Meditationen sogar gegen das 1975 allgemein begrüßte KSZE-Abkommen von Helsinki richtete, weil dieses der Herrschaft der Eliten in den Ostblockländern eine europäische Legitimation verlieh. Konrád misstraute Strategien internationaler Politik, die Diktatoren eine internationale Aufwertung bescherte, und er blickte aus den beengten Zuständen seines Landes hinaus in die Vision eines antipolitischen Mitteleuropas, wo der Mensch nicht zum Repräsentanten der politischen, sondern zum Hüter der geistigen Macht wird, in die Aufgabe gestellt, Menschen vor der Politik und ihren intellektuellen Angestellten zu behüten.

Solch vornehmer Argwohn zierte auch Erasmus von Rotterdam (um 1466-1536), als er die ihm angebotenen Bürgerschaften, wie 1522 von Zürich, ablehnte: "Ich möchte nicht Bürger nur einer Stadt sein, sondern Weltbürger, oder besser noch Nichtbürger bei allen." Sein Name steht heute über dem europäischen Bildungsprogramm, das durch internationalistische Mobilitäten die Weltläufigkeit der Jugend fördert, doch keine Idee von Weltbürgerschaft, geschweige denn von Nichtbürgerschaft zu transportieren vermag und somit auch nichts dazu beitragen wird, jungen Menschen eine europäische Bürgerschaft zu eröffnen, die eine kosmopolitische Zukunft einleiten könnte.

Die zur Gewohnheit gewordenen Forderungen nach Weltoffenheit, Toleranz und interkulturellem Verständnis wirken im Vergleich mit frühen kosmopolitischen Praktiken altbacken und frönen dem Kulturalismus. Wie erfrischend dagegen die Subversion im Galaterbrief des Apostels Paulus: "Es gibt nicht mehr Juden noch Griechen, nicht mehr Sklaven noch Freie, nicht mehr männlich noch weiblich" (Gal, 3, 26-29.) Eine Subversion, die mit dem unter frühen Christen im Untergrund praktizierten Mund-zu- Mund-Kuss in eine Konspiration, in ein begeisterndes Zusammenfließen des Atems überging.

Büste des römischen Kaisers Marc Aurel. 
- © Glyptothek, Public domain, via Wikimedia Commons

Büste des römischen Kaisers Marc Aurel.

- © Glyptothek, Public domain, via Wikimedia Commons

Für den römischen Kaiser Marc Aurel (121-180) war ein moralisches Gut zunächst einmal dadurch moralisch, dass es im Menschen liegt. Das betrachtete er als gültig, alles andere, was von äußeren Dingen wie dem Schicksal abhängt, als gleichgültig, weil nicht innewohnend. Was aber in den Menschen einwandert, um darin zu wohnen, kommt von einer kosmischen Gemeinschaft, der Götter, Menschen und alle Wesen der Natur angehören. Zwischen den Feldzügen am pannonischen Limes mühte sich der Kaiser damit ab, Ermahnungen an sich selbst in ein Tagebuch zu schreiben, die heute zu den bedeutsamsten kosmopolitischen Betrachtungen gezählt werden.

Spiritueller Klassiker

Darin auch diese Eintragung: "Haben wir das Denkvermögen miteinander gemein, so ist uns auch die Vernunft (logos) gemein. (...) Ist dies so, so haben wir auch das Gesetz gemein; ist dies so, so sind wir alle Bürger und nehmen an einem gemeinschaftlichen Staate teil; ist dies so, so ist die Welt gleichsam ein Staat." Mit dieser ideellen Ausstattung braucht es weder globale Krisen noch planetare Interdependenzen, um Weltbürgerschaft zu fordern, denn sie wohnt schon in uns, freilich zumeist ungestalt. Wer pflegt schon die innere Rede? Wer vermag es, aus seinem inneren Atelier heraus zu gestalten? Wie es der Aktionskünstler Joseph Beuys (1921-1986) für alle anstimmte: "Jeder Mensch ist ein Künstler."

Einer, der es vermochte, war der schwedische Diplomat und Mystiker Dag Hammarskjöld (1905-1961), der von 1953 bis 1961 Generalsekretär der Vereinten Nationen war. Aus gutem Grund wird er als Marc Aurel des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Auch er schrieb ein Tagebuch, als Übung für sich und als Ermahnung an sich. "Zeichen am Weg", so der deutsche Titel, ist ein moderner spiritueller Klassiker geworden. Sofort nach dem Erscheinen im Jahre 1963 wurde es ein Bestseller, in den Haushalten der USA das weitestverbreitete, doch am wenigsten gelesene Buch - außer der Bibel. Die meisten Käufer haben es versucht, dann aber für zu schwierig befunden und haben so den kosmopolitischen Weg beendet, noch bevor sie ihn begonnen haben. Sören Kierkegaard (1813-1855) wusste: "Nicht der Weg ist das Schwierige, das Schwierige ist der Weg."

Im Übergang von der Ohnmacht zur Macht endete Hammarskjölds Weg in einem Verhängnis, das er erkannte und das er akzeptierte. Unter seiner Amtsführung wurden die Vereinten Nationen ein eigenmächtiger Akteur auf der Weltbühne, für die Großmächte schließlich eine inakzeptable Irritation. Wenige Wochen vor seinem Tod vertraute er diese Zeilen seinem Tagebuch an: "Verfälsche nie dein Sehnen. Sei dein eignes lichtscheues Maß. Das Verderben ist unterwegs."

1961 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet: Dag Hammarskjöld. 
- © Nationaal Archief / Anefo, CC0, via Wikimedia Commons

1961 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet: Dag Hammarskjöld.

- © Nationaal Archief / Anefo, CC0, via Wikimedia Commons

Er starb in der Nacht auf den 18. September 1961, weil sein Flugzeug im Landeanflug auf Ndola, einer kleinen Stadt im damaligen Nordrhodesien, heute Sambia, abstürzte. Mit ihm starben 15 Menschen. Offizielle Untersuchungen sprachen von einem Unglück, doch weder damals noch heute traut(e) die Öffentlichkeit dieser Auskunft.

Unter den vielen Mutmaßungen und Erklärungsversuchen zu seinem Tod sind Verschwörungstheorien, wonach westliche Großmächte seine Beseitigung in Auftrag gegeben und im Kongo operierende Söldnertruppen das Attentat ausgeführt hätten, die glaubwürdigsten. Man fand ihn, liegend an einem Ameisenhügel mit einer Pik-Ass-Spielkarte im Hemdkragen, wie sie von Marodeuren am Feind angebracht wird, wenn man ihn fertiggemacht hat. Offenbar hatte er den Absturz überlebt, nicht aber die vermeintliche Mordtat. Die Weißen im Kongo feierten Freudenfeste.

Friedensnobelpreis

Knapp drei Monate später erhielt Dag Hammarskjöld den Friedensnobelpreis 1961. Im März 1962, ein halbes Jahr nach dem tragischen Geschehen, entschuldigte sich US-Präsident John F. Kennedy (1917-1963) für seine, wie er bekannte, ungerechtfertigte Kritik an Hammarskjölds Kongo-Politik. Er ergänzte: "I realize now that in comparison to him, I am a small man. He was the greatest statesman of our century."

Als mit dem Jahr 1968 die weltweiten Studentenproteste gegen die vorherrschenden Verhältnisse einsetzten und alles hemmungslos zum Politikum erklärt wurde, war Hammarskjöld schon vergessen. Er war weder für die Friedensbewegten, noch für die Dritte-Welt-Besorgten, noch für die Umweltschützer oder Klimaretter ein Wegzeichen. Wiewohl ständig umgeben von führenden Politikern, wäre er nicht auf die Idee gekommen, dass alles politisch ist. Vor allen Weltkonferenzen steht sein schlichter Satz "Nicht auf der Erde lasten."

Dag Hammarskjölds Vermächtnis liegt ziemlich anstößig im Weg von Fortschritt und Entwicklung. "Ich möchte tätig sein, wo es darauf ankommt," meinte er auf die Frage, ob er ein politischer Mensch sei. Offenbar gab es Zweifel - und wie es scheint, kam es ihm darauf nicht an.