Eines ist klar: Einem gewissen Herrn Travnicek gefällt sie nicht. "Nix wia a Salzwasser ... und der Mond scheint an ins G’sicht ... es is net zum Aushalten." Kabarettkenner wissen nun schon, wovon dieser alte Grantler spricht, nämlich von der Adria. Aber während der griesgrämige Herr Travnicek auch in seinem Urlaub nur das Unangenehme und Lästige sieht, ist die Adria für viele andere Österreicher ein Sehnsuchtsort, der mit Erinnerungen an Sonne, Strand und Meer verbunden ist.

Der Namensgeber

Dabei hätte auch Herr Travnicek, wenn er nur ein bisschen guten Willen gehabt hätte, an der Adria genug zu sehen bekommen, nämlich unterschiedliche Kulturen und Sprachen, eine reiche Geschichte und pittoreske Küsten, die von flachen Lagunen über die zahllosen Inseln Dalmatiens bis zu tief eingeschnittenen und von hohen Bergen umgebenen Buchten in Montenegro reichen.

 

Das Internet-Lexikon Wikipedia definiert die Adria als das "lang gestreckte nördliche Seitenbecken des Mittelmeers zwischen der Apenninhalbinsel und der Balkanhalbinsel". Im Süden wird die Straße von Otranto als ihre Begrenzung gesehen, an dieser Stelle liegen nur 71 Kilometer zwischen Italien und Albanien. Mit ihren über 800 Kilometern Länge war und ist die Adria groß genug, um verschiedene Völker und Kulturen an ihren Küsten zu beherbergen, aber zugleich auch klein genug, um den dichten wirtschaftlichen und kulturellen Austausch zwischen ihnen zu ermöglichen.

Ausschnitt aus Blue Marble-Karte der NASA, die Adria zeigend. 
- © Public domain, via Wikimedia Commons

Ausschnitt aus Blue Marble-Karte der NASA, die Adria zeigend.

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Die etruskische Siedlung Adria, die an der Mündung des Flusses Po lag, war als Handelsort einst so bedeutend, dass sie dem Meer ihren Namen gab. Weil aber der Fluss im Lauf der Geschichte große Mengen von Sedimenten ablagerte, liegt der Ort Adria heute einige Kilometer landeinwärts und aus dem einst blühenden Hafen ist eine ruhige Provinzstadt geworden. Die folgenden Jahrhunderte brachten nicht nur wechselnde Herrschaften, sondern auch unterschiedliche Namen für das Meer: Für die Römer war die Adria das mare superum, ein mittelalterlicher kroatischer König nannte sie das mare nostrum dalmaticum, und als Venedig auf dem Höhepunkt seiner Macht stand, war das Ansehen dieser Metropole so groß, dass die Adria einfach als Golf von Venedig bezeichnet wurde.

Die Bedeutung, welche die Adria für Venedig hatte, kommt bis heute alljährlich in einer einzigartigen Zeremonie zum Ausdruck. Vom goldglänzenden Staatsschiff und an der Spitze einer Prozes- sion von Booten warf einst der Doge einen goldenen Ring ins Meer und sprach dazu die Worte: "Desponsamus te, mare" ("Wir heiraten dich, Meer"). Die Tradition wird bis heute aufrechterhalten, aber anstelle des Dogen hat in unserer Zeit der Bürgermeister von Venedig die Ehre, den Ring in das Wasser zu werfen.

Venedig gilt bis heute als Prototyp einer Handelsmacht, die ihre geografische Lage gewinnbringend nutzte. Aber schon lange vor den Zeiten der serenissima war die Adria ein wichtiger Verkehrsweg, der zum einen die Alpen und den pannonischen Raum mit dem eigentlichen Mittelmeer verband, zugleich aber auch Italien und den Balkan verknüpfte. Oftmals wurde diese Brückenfunktion der Adria beschrieben, für den Historiker Egidio Ivetic ist sie der "Übergang zwischen der Levante und Mitteleuropa, die Grenze zwischen Orient und Okzident, ein Mittelmeer im Kleinen", und der deutsche Autor Uwe Rada nennt die Adria eine "Kulturlandschaft an der Berührungszone zwischen der romanischen, germanischen und slawischen Welt".

Binnenmeer der EU

Die Adria war aber nicht nur eine Verbindung zwischen den angrenzenden Ländern, sondern oft genug auch eine Konfliktzone. Nach dem Ende des Römischen Reiches konnten die Byzantiner zwar noch für einige Zeit die gesamte Adria beherrschen, aber danach war es mit der politischen Einheit vorbei. Derzeit ist die Adria dabei, ein Binnenmeer der Europäischen Union zu werden.

Die Anrainerstaaten rund um die Adria. 
- © Public domain, via Wikimedia Commons

Die Anrainerstaaten rund um die Adria.

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Die eine Hälfte ihrer sechs Anrainer ist schon Mitglied in dieser Organisation, die andere will es werden, aber der Weg dorthin ist alles andere als einfach. Dass trotz der Bemühungen, alle Staaten an der Adria in der EU zu vereinen, noch längst nicht alle Konflikte zwischen ihnen beigelegt sind, beweisen die Spannungen zwischen Kroatien und seinen Nachbarstaaten Slowenien und Bosnien-Herzegowina, in denen um den freien Zugang zur Adria gestritten wird.

Die wechselhafte Geschichte der Adria zeigt sich auch an kleinen Inseln vor der kroatischen Küste. Da ist einmal Brijuni, eine Inselgruppe in der Nähe der Südspitze von Istrien und knapp vor der Hafenstadt Pula gelegen. 1893 kaufte der österreichische Industrielle Paul Kupelwieser die Inseln, die damals noch den italienischen Namen Brioni trugen, und baute sie zu einem Ferienparadies aus. Pinienalleen und botanische Gärten, Tennisplätze und lauschige Spazierwege wurden angelegt. Der berühmte Hamburger Zoodirektor Carl Hagenbeck wurde engagiert, um einen Tiergarten auf der Insel zu bauen, und bald tummelten sich dort Zebras, Antilopen und Flamingos.

Jetset bei Tito

Brioni wurde rasch zu einem Treffpunkt des wirklichen und des Geldadels, Künstler schwärmten davon und auch für das gehobene Bürgertum war es sehr schick, seine Ferien dort zu verbringen. Das Ferienparadies überstand auch die Wirren der Zeit, Jahrzehnte nach dem Ende der österreichischen Herrschaft empfing der jugoslawische Marschall Tito dort Staatsgäste und Stars aus Hollywood.

Eleanor Roosevelt (l.) zu Besuch bei Josip Tito in Brioni, Juli, 1953. 
- © Unbekannter Autor, Public domain, via Wikimedia Commons

Eleanor Roosevelt (l.) zu Besuch bei Josip Tito in Brioni, Juli, 1953.

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Doch während Tito ganz unproletarisch auf Brijuni das Jetset-Leben genoss, musste man nur 90 Kilometer Luftlinie entfernt auf der Insel Goli unter anderen, weitaus schlimmeren Umständen leben. Dort war 1949 die gefürchtetste Strafkolonie Jugoslawiens eingerichtet worden - und bald wurden die ersten tatsächlichen oder vermeintlichen Staatsfeinde eingeliefert. Nachdem Jugoslawien damals auf dem Kurs des dritten Weges zwischen Ost und West steuerte, reichten die Anschuldigungen von "zu kapitalistisch" bis "zu sowjetisch". Folter stand auf der Tagesordnung, bis das Lager 1988 endlich aufgelöst wurde. Der bald darauffolgende Zerfall Jugoslawiens sandte seine Schockwellen bis an die Adria und so musste etwa Dubrovnik, die "Perle der Adria", eine neun Monate dauernde Belagerung ertragen.

Auch wenn noch nicht alle Konflikte behoben sind, so gehören diese dunklen Seiten der Geschichte mittlerweile der Vergangenheit an - und wer heute an die Adria denkt, dem fällt vor allem der Tourismus ein. Doch dabei handelt es sich um ein vergleichsweise junges Phänomen, denn erst 1843 fiel an der Adria der Startschuss für den Fremdenverkehr, wie wir ihn heute kennen.

In diesem Jahr wurde in Rimini das erste Seebad eröffnet, es waren aber noch sehr bescheidene Anfänge und von Tourismus im heutigen Sinne war noch keine Rede. Die meist gut situierten Gäste kamen ans Meer, um verschiedene Leiden zu kurieren. Als jedoch die Bahn an die Küste ausgebaut wurde, kamen immer mehr Besucher und die bis dahin ruhige Ortschaft nahm einen beeindruckenden Aufschwung. Das ursprünglich aus Holz gebaute und bescheidene Seebad wurde abgerissen und durch einen mondänen Neubau ersetzt. Ein anderes architektonisches Zeichen für den Aufstieg des Ortes war das Grand Hotel, über das der aus Rimini stammende Regisseur Federico Fellini schrieb, dass es für ihn als Kind ein Sinnbild für "Reichtum, Luxus und orientalische Üppigkeit" war.

Der Strand von Grado. Postkarte, 1911. - © picturedesk.com / Imagno / Archiv Dr. Samsinger
Der Strand von Grado. Postkarte, 1911. - © picturedesk.com / Imagno / Archiv Dr. Samsinger

Doch nicht nur Rimini blühte auf, zur gleichen Zeit entwickelte sich auch in den österreichischen Gebieten an der Adria der Tourismus. Wie in Italien kamen in der Anfangszeit die meisten Gäste aus therapeutischen Gründen, bald aber reiste man an die Küste, um sich dort zu amüsieren und um gesehen zu werden. Weil Marketing schon damals wichtig war, wählte man sich ein bekanntes Vorbild und nannte die Region "die österreichische Riviera".

Kaiser in Abazzia

Der mondänste Badeort war Abazzia/Opatija in der Kvarner Bucht. 1894 empfing Kaiser Franz Joseph dort den deutschen Kaiser Wilhelm II. und bald gab sich der europäische Adel in dem Städtchen ein Stelldichein. Wettbewerbe im Fechten, Pistolenschießen und Segeln wurden ausgerichtet und zeigten, dass der Fremdenverkehrsverband weniger an Massentourismus, sondern an einer kleinen, aber umso finanzkräftigeren Klientel interessiert war.

1913, also kurz bevor die Herrlichkeit der österreichisch-ungarischen Riviera dem Ende zuging, fand in Wien eine pompöse Ausstellung über die Adria statt. Es war allerdings keine Ausstellung im herkömmlichen Sinn, sondern eher ein Mittelding zwischen Las Vegas und Volksbildung. Ganze Straßenzüge, Paläste und sogar ein Campanile wurden dafür nachgebaut, ein breiter Kanal führte zu einem künstlichen See, in dem ein Schiff vor Anker lag.

Aber es war kein kleiner Kahn, den man dort bewundern konnte, sondern eine Kopie eines Passagierschiffs des Österreichischen Lloyd, in dessen Restaurant 1.200 Personen Platz hatten. Hier stand das Vergnügen im Mittelpunkt, aber in den ernsthafteren Abteilungen konnte man sich über Land und Leute an der Adria informieren. Es war "ein lehrhaftes und anschauliches Gemälde, das vielen erst eine Ahnung dessen geben wird, was wir Österreicher an unserer Adriaküste an Schönheit, Produktivität und das Interesse rege erhaltenden Monumenten besitzen", wie eine Zeitung zur Eröffnung der Ausstellung schrieb. Die wundersame Mischung aus Amüsement und Belehrung sorgte für Furore, und in fünf Monaten bestaunten über zwei Millionen Besucher die Ausstellung. Doch in all dem Trubel konnte man auch schon einen Vorgeschmack auf den bevorstehenden Weltkrieg ahnen, denn in der Rotunde hatte die Marine die Kommandobrücke eines Schlachtschiffes nachgebaut und ließ dort ihre neuesten Kanonen bestaunen.

Nur ein Jahr nach dieser Ausstellung, in der die Adria als Idylle präsentiert worden war, brach der Erste Weltkrieg aus und sie war nun nicht mehr Erholungsort, sondern Kampfgebiet zwischen Österreich-Ungarn und Italien. So kam es, dass sich vor der montenegrinischen Küste das schlimmste Schifffahrtsunglück der österreichischen Geschichte ereignete.

Am 19. März 1918 brach die "Linz", ein Dampfer des österreichischen Lloyd, der zu einem Truppentransporter umgebaut worden war, zu einer Fahrt nach Durres auf. Das Schiff war durch die Wirren des Krieges überfüllt, an die 3.000 Menschen - Soldaten, Flüchtlinge, Kriegsgefangene - sollen sich an Bord befunden haben. In der folgenden Nacht wurde die "Linz" von einem Torpedo getroffen. "Es war zuerst wie ein Stoß und nachher eine ohrenbetäubende Detonation", berichtete einer der wenigen Überlebenden später. Panik brach aus und ein Kampf um die Plätze in den wenigen Rettungsbooten begann. Nicht einmal 300 Menschen überlebten die Explosion und den Untergang des Schiffes.

"Teutonengrill"

Wenige Monate nach dieser Katastrophe endete der Erste Weltkrieg und mit ihm auch die jahrhundertelange österreichische Präsenz an der Adria. Die habsburgische Monarchie zerfiel, an ihrer Stelle entstand am Ostufer der Adria mit dem Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen ein neuer multiethnischer Staat. Grenzverschiebungen, die politischen Wirren der Zwischenkriegszeit und die Weltwirtschaftskrise sorgten dafür, dass die früher österreichische, nun südslawische Riviera in einen Dämmerschlaf verfiel.

Auf der anderen Seite der Adria bemerkte man, dass man auch mit anderen Besuchern als bisher Geld machen konnte, und es begann das, was die Demokratisierung der Urlaubsfreuden genannt wurde. Nicht nur die Eliten und das Bürgertum, sondern auch der einfache Arbeiter sollte und wollte die Sonne, den Strand und das Meer genießen. "Es war das erklärte Ziel, in Rimini einen turismo di massa vor allem für die Arbeiter zu etablieren und damit das alte Konzept eines elitären Fremdenverkehrs zu überwinden", schreibt Till Manning in seinem Buch "Die Italiengeneration".

Rimini an der italienischen Adriaküste. 
- © Piiiiiiiiiiiiiiiiiiinna, creativecommons.org, via Wikimedia Commons

Rimini an der italienischen Adriaküste.

- © Piiiiiiiiiiiiiiiiiiinna, creativecommons.org, via Wikimedia Commons

Am Ende dieser Entwicklung stand das, was man abfällig "Teutonengrill" oder "Hausmeisterstrand" nannte. Der Urlaub an der Adria war nun für die einen zum Höhepunkt des Jahres geworden, für die anderen verlor er gerade dadurch an Anziehungskraft. Dazu kamen die ersten sichtbaren Auswirkungen der Umweltverschmutzung, grassierende Algenplagen verdorben vielen die Badefreuden und bald war das Image der Adria im Keller. Andere Destinationen wurden populär, und statt sich im Auto bis nach Italien zu stauen, sauste man im Flugzeug nach Spanien oder Griechenland.

Heute leben viele Orte an der Adria von einer Art doppelten Nostalgie. Die einen reisen ans Meer und hegen Reminiszenzen an eine lange zurückliegende gute, alte Zeit, in der diese Riviera noch österreichisch war. Für viele andere ist die Reise an die Adria einer persönlichen Nostalgie geschuldet und Erinnerungen an die Kindheit brechen auf: Unbeschwerte Wochen am Meer, der Klang einer fremden Sprache, Essen, das damals noch als exotisch empfunden wurde und die merkwürdig hohen Preise, die in Lire für ein gelato zu zahlen waren. So viel Sentimentalität hätte es beim Herrn Travnicek nicht gegeben. Er hat an der Adria zwar kein gutes Haar gelassen, der Legende nach soll diese Figur aber genau dort entstanden sein. In den 1950ern verbrachte Helmut Qualtinger einen Urlaub in Jugoslawien. Dort kam er mit einem Wiener ins Gespräch, der sich vor allem durch das Raunzen hervortat.

Travniceks Geburt

Wieder zurück in Wien, erzählte Qualtinger seinem Kompagnon Carl Merz von dieser Urlaubsbekanntschaft, und bald darauf erfanden die beiden den Herrn Travnicek. Ihren ersten Auftritt hatte die Kunstfigur in einem Dialog namens "Travnicek im Urlaub", in dem er über die Adria, das Salzwasser und den Mond lästerte und der zu einem Klassiker des österreichischen Kabaretts wurde. Sie wissen schon, "wenn mi des Reisebüro net vermittelt hätt’ ..."