Kyrill und Method, Bild des polnischen Malers Jan Matejko aus dem Jahr 1885 (Ausschnitt). 
- © gemeinfrei

Kyrill und Method, Bild des polnischen Malers Jan Matejko aus dem Jahr 1885 (Ausschnitt).

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Eigentlich hätte in die Slowakei schon Benedikt XVI. kommen sollen. Die Slowaken haben den Tod Johannes Pauls II. im Jahr 2005 nur schwer verwunden und der deutsche Papst hätte wenigstens etwas vom Stallgeruch des slawischen an sich gehabt. Als Anlass bot sich das Jubiläum der Ankunft der Slawenapostel Kyrill und Method im Großmährischen Reich vor 1.150 Jahren an, das 2013 in der Slowakei groß begangen wurde. Doch eine Kollision in der Bürokratie des Vatikans und dann der Rücktritt Benedikts ließen die Vorbereitungen im Sand verlaufen.

Die Slowaken betrachten die "Brüder aus Thessaloniki", die vom byzantinischen Kaiser ins Land zwischen March und Donau entsandt wurden, als Ahnherren ihrer Kultur. Man ist stolz darauf, im Altkirchenslawischen nach dem Hebräischen, Griechischen und Lateinischen über die älteste Liturgiesprache der Christenheit zu verfügen. Damit habe man das Zweite Vatikanische Konzil vorweggenommen, das die Volkssprachen zur Ehre der Altäre erhoben hat.

Auch die slowakische Verfassung von 1992 beruft sich in der Präambel auf das "Kyrill-und-Method-Erbe und das historische Vermächtnis Großmährens", freilich konterkariert von Paragraf 1, in dem festgehalten wird, dass die Republik "an keine wie auch immer geartete Ideologie oder Reli-gion gebunden ist". Damit ist auch schon der permanente Kulturkampf umrissen, der die Slowakei seit der "Sanften Revolution" von 1989 umtreibt: Pfarrerrepublik gegen kommunistische Wendehälse und Demokraten im Sinne Westeuropas.

Der slawische Papst

Papst Benedikts Vorgänger Johannes Paul II. hat die Slowakei dreimal offiziell besucht. Beim ersten Mal im April 1990 kam er aus Prag und Velehrad, dem tschechischen Nationalheiligtum, wo der Legende nach der heilige Method verstorben sein soll. Der Bodenkuss in Bratislava, das damals noch nicht Hauptstadt der souveränen Slowakei war, symbolisiert bei den Slowaken bis heute die Vorwegnahme ihrer Staatswerdung 1993.

Zwei weitere Besuche, 1995 und 2003, ließen den Papst den Slowaken noch mehr ans Herz wachsen. Er war ja ein Papst aus der Nachbarschaft, den man, solange er des Sprechens fähig war, selbst dann verstand, wenn er polnisch redete. Während die konservative katholische Kirche in der Slowakei Kontakte mit der vergleichsweise weltoffenen in Tschechien tunlichst meidet, sind diese mit Polen eng. Tageswallfahrten aus der Ostslowakei ins von JPII initiierte "Sanktuarium der Barmherzigkeit" von Krakau-Łagiewniki sind gang und gäbe, die Hochschulen, vor allem die Katholische Universität Ružomberok, kooperieren eng.

Statue von Johannes Paul II. im slowakischen Nitra. 
- © Ingo Mehling / CC BY-SA 4.0 / via Wikimedia Commons

Statue von Johannes Paul II. im slowakischen Nitra.

- © Ingo Mehling / CC BY-SA 4.0 / via Wikimedia Commons

1980 hat der Papst aus Polen Zyrill und Method neben Benedikt von Nursia zu Mitpatronen Europas erklärt - ein weiterer im Westen kaum registrierter Aspekt, der nicht nur die slowakische Johannes-Paul-Nostalgie erklärt. Bis heute bedenkt der jahrzehntelange Sekretär Wojtyłas, Kardinal Stanisław Diwisz, slowakische Pfarren und Institutionen mit Reliquien, zumeist Stoffstückchen mit Blutstropfen aus den letzten Tagen des Papstes.

Besonders verehrt wird der 2014 von Franziskus Heiliggesprochene im Steinbruch von Butkov bei Ladce, einem der neuen Wallfahrtsorte des Landes.

Butkov lieg im Waagtal und damit nicht allzu weit von der Grenze mit Tschechien entfernt sowie an der Magistrale, die von Pressburg nach Polen führt. Nördlich von Čadca gelangt man zum Dreiländereck, wo Polen, die Slowakei und Tschechien aneinanderstoßen. Eine Wallfahrt der drei angrenzenden Diözesen führt alljährlich zum "Trojmedzie" hinauf, wobei die Tschechen von einer Zyrill-und-Method-Kirche aufsteigen. Die Leitung und die Lesungen beim Gottesdienst auf Polnisch, Slowakisch und Tschechisch werden jeweils neu bestimmt.

Die drei großen westslawischen Sprachen sind näher miteinander verwandt, aber auch die südslawischen sind nicht so weit voneinander entfernt, wie man vermuten würde. Bei der Eröffnung der tschechischen Landessynode in Velehrad 2002 ergriff auch der Bischof von Koper das Wort - und seine langsam und deutlich gesprochenen slowenischen Worte wurden von den Tschechen durchaus verstanden. Heiterkeit rief der damalige Prior des Stiftes Břevnov in Prag, Prokop Siostrzonek, hervor, der als Moderator versuchte, auch Ungarn unter die slawischen Länder zu subsummieren. Ein gewisses Substrat an slawischem Wortschatz hat sich im Ungarischen tatsächlich erhalten - und die Benennung der politischen Visegrád-Gruppe von Polen, Tschechien, der Slowakei und Ungarn nach einer ungarischen Burg mit slawischem Namen spricht für sich.

Eine Brücke von den West- zu den Südslawen zu schlagen, versucht das slowakische Militärordinariat mit Exkursionen nach Zalavár südwestlich vom Plattensee. Im 19. Jahrhundert hat dort der in der Slowakei geborene, tschechisch schreibende, lang in Pest wirkende und in Wien verstorbene Panslawist Ján Kollár Überreste von Blatnohrad entdeckt, dem Sitz des Fürsten Pribina nach dessen Vertreibung aus dem Großmährischen Reich. Sein Nachfolger Kocel beherbergte im Sommer 867 Kyrill und Method auf der Durchreise nach Rom.

Glasfenster im Prager St.-Veitsdom, "Die Legende von Kyrillos und Methodios", nach einem Entwurf von Alfons Mucha, 1931. - © Hervé Champollion / akg-images /
Glasfenster im Prager St.-Veitsdom, "Die Legende von Kyrillos und Methodios", nach einem Entwurf von Alfons Mucha, 1931. - © Hervé Champollion / akg-images /

Die Slawen der einstigen Donaumonarchie sind sich einer gewissen Zusammengehörigkeit auch in der Gegenwart bewusst, aber von einem neuen Austroslawismus kann wohl nicht die Rede sein. Die Polen grenzen sich von den Russen ab wie ehedem, während die Slowaken sich den Tschechen sprachlich entfremden und die serbokroatische Sprachfamilie, von Separatisten angefeuert, in einen kroatischen, serbischen und bosniakischen Zweig zerfällt. Bedroht fühlen sich im Übrigen heute nicht die Slawen, sondern die Ungarn.

In dieser Situation kommt nun also Papst Franziskus nach Budapest. In deutlicher Abgrenzung von der Antimigrationspolitik der ungarischen Regierung empfängt er den Staats- und den Ministerpräsidenten, die ungarischen Bischöfe sowie Vertreter der Ökumene im Museum der Schönen Künste am Heldenplatz. Der Hösök Tere mit seinem monumentalen Nationaldenkmal ist der vollkommene Ausdruck des ungarischen Machtbewusstseins, das 1896 den Anspruch auch auf Oberungarn, Felvidék, miteinschloss. Die trotz voranschreitender Assimilation noch immer zahlreiche Volksgruppe in der Slowakei ringt gerade wieder um die Frage, ob sie Viktor Orbáns Konfrontationskurs folgen soll oder, wie zuletzt erfolglos, weiterhin auf Kooperation mit slowakischen Parteien setzen soll.

Jorge Mario Bergoglio, dem zweisprachig aufgewachsenen Emigrantensohn "vom anderen Ende der Welt", geht es um eine globale Sichtweise, in der die in Mitteleuropa noch immer virulenten Sprachrivalitäten jedenfalls keinen Vorrang vor Armut und Hunger, Brutalität und religiöser Intoleranz haben. Um Nitra, den Brennpunkt des Kyrill-und-Method-Kults in der Slowakei, und um Trnava, das "slowakische Rom", macht Franziskus einen Bogen.

Wohin es ihn zieht, das sind die obdachlosen Kranken im Pflegeheim der Mutter-Teresa-Schwestern in der Pressburger Satellitenstadt Petržalka; die Roma in der herabgekommenen Kaschauer Siedlung Lunik IX; in Koice/Kassa auch nicht der imposante gotische Dom, sondern die vielfach ohne Zukunftsaussichten dastehenden Jugendlichen im Fußballstadion Lokomotive; die Juden, deren Abschiebung ins KZ die Amtskirche noch immer zögerlich aufarbeitet, weil sie unter dem Priesterpräsidenten Jozef Tiso erfolgte, dessen Regime der katholischen Kirche inmitten des Zweiten Weltkriegs eine Glanzzeit beschert hat.

"Göttliche Liturgie"

Ganz und gar nicht nach dem Geschmack der Bischöfe ist die Rehabilitierung des vor neun Jahren ohne Angabe von Gründen abgesetzten Tyrnauer Erzbischofs Róbert Bezák. Dieser hat bei der Präsidentenwahl 2019 die siegreiche Zuzana Čaputová unterstützt, die am Zustandekommen der Papstvisite maßgeblich beteiligt war. Bezáks Nachfolger Ján Orosch hat im Wahlkampf erklärt, wer die Liberale unterstütze, begehe eine "schwere Sünde".

Róbert Bezák, der ehemalige Erzbischof von Tyrnau, bei Papst Franziskus. 
- © ujszo.com

Róbert Bezák, der ehemalige Erzbischof von Tyrnau, bei Papst Franziskus.

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Doch nun hat Franziskus mit Bezák in der Kapelle der vatikanischen Casa Santa Marta einen privaten Gottesdienst gefeiert und ihm nachher persönlich Eis serviert. Der Papst gleiche "einem Schachspieler, der immer ein paar Züge vorausdenkt", so Bezák. Und er hat - trotz eines fehlenden Lungenflügels - sichtlich einen langen Atem.

Bei seinen beiden Messfeiern in der Slowakei wird Franziskus nicht mit Konflikten konfrontiert sein. In Preov feiert er eine "Göttliche Liturgie" - und das nicht zum ersten Mal, denn als Erzbischof von Buenos Aires war er (so wie Kardinal Schönborn in Wien) auch Ordinarius der griechisch-katholischen Kirche, die sich in besonderer Weise auf das Erbe von Kyrill und Method beruft. Beim Festgottesdienst im Nationalheiligtum der Mater Dolorosa in atín schließlich berührt er das Kernland des Großmährischen Reichs diesseits und jenseits der March.

Angesichts der unerwarteten Kombination von Ungarn und der Slowakei ist die Reise von Papst Franziskus vielleicht das bemerkenswerteste Ereignis der katholischen Kirche auf dem Gebiet der ehemaligen Donaumonarchie seit dem Mitteleuropäischen Katholikentag von 2004, der, anders als die Visegrád-Gruppe, auch Österreich, Slowenien, Kroatien sowie Bosnien und Herzegowina umfasste. Mit all den Fragen, die damals offenblieben.