Ganz gerecht ist das nicht: Stanislaw Lem, der vermutlich bekannteste polnische Schriftsteller, wird außerhalb Polens meist nicht mit einem seiner Bücher, sondern mit einem Film in Verbindung gebracht. Noch dazu mit einem, den er zutiefst hasste: "Solaris", die Verfilmung seines gleichnamigen Romans, durch Andrei Tarkowski.

Immerhin: Den Brüdern Strugatzki, mit Lem das heilige Dreigestirn zumindest der osteuropäischen Science-Fiction, erging es auch nicht besser. Tarkowskis zum Klassiker avancierter Film "Stalker" basiert zwar auf der famosen Strugatzki-Erzählung "Picknick am Wegesrand" - doch die meisten "Stalker"-Fans wissen das nicht, erst recht diejenigen nicht, die die Story aus den nach dem Film benannten Videospielen kennen.

"Solaris" also. Ein Buch mit selbst für Lems Verhältnisse ziemlich schräger Handlung: Auf dem Planeten Solaris existiert ein Ozean, der offenbar Bewusstsein und Intelligenz besitzt. Der Ozean kann auch Kopien von bereits verstorbenen Menschen erzeugen. Einmal erzeugt, sind diese Kopien unzerstörbar und lösen bei jenen, mit denen sie in Kontakt treten, unsagbare psychische Qualen aus.

"Solaris"-Ausgaben in verschiedensten Sprachen... 
- © HTO, CC0, via Wikimedia Commons

"Solaris"-Ausgaben in verschiedensten Sprachen...

- © HTO, CC0, via Wikimedia Commons

Das erfährt, neben anderen Erdenmenschen, die auf Solaris den Ozean erforschen, auch der Astronaut Kelvin. Kurz nach seiner Ankunft auf Solaris erscheint ihm seine frühere Verlobte Harey, an deren Selbstmord er sich mitschuldig fühlt. Kelvin realisiert schon bald, dass die Kopie nicht die echte Harey ist. Zunächst versucht er wie alle, die auf Solaris von Kopien heimgesucht werden, die Kopie, die ihn an eine schlimme Vergangenheit erinnert, zu vernichten: erfolglos, die Kopien sind ja unzerstörbar. Egal, was man ihnen zufügt, regenerieren sie sich in kürzester Zeit wieder.

Nach einigen Wochen arrangiert sich Kelvin mit der Situation, später keimt zwischen ihm und der Kopie seiner Verlobten Liebe auf. Sie überlegen sogar, gemeinsam auf die Erde zurückzukehren. Doch da - und das ist der erste Wendepunkt des Romans - beginnt die Kopie, die offensichtlich ein eigenes Bewusstsein und eigene Gefühle hat, zu ahnen, dass sie nicht die echte Harey ist. Weil sie das nicht ertragen kann, versucht sie sich umzubringen, natürlich erfolglos.

Den zweiten Wendepunkt in der Geschichte bildet ein Experiment, bei dem die Gehirnströme von Kelvin in den Ozean geleitet werden. Bald darauf gelingt es den anderen Forschern auf Solaris, die Kopien dauerhaft zu zerstören, darunter auch die Harey-Kopie, die selbst darum bittet. Vieles deutet darauf hin, dass die "Annihilation" der Kopien deshalb gelang, weil der Ozean in irgendeiner Form die Gehirnströme von Kelvin zur Kenntnis genommen hatte und verarbeitete.

Spätestens hier ist der Punkt erreicht, an dem der breitestmögliche Spekulationsraum eröffnet ist: Wiedergänger-Story? Ein Gleichnis über den Versuch, das Fremde zu verstehen und mit ihm zu kommunizieren? Ein Freud’sches Déjà-vu, bloß rückwärts erzählt und notdürftig als SF getarnt? Ein Hinweis auf das Kant’sche Ding an sich, das durch die körperlich-unkörperliche Havey versinnbildlicht wird? Eine Parabel auf die dämonische Kraft von Träumen? Ein moralisierender Blick in die Qualen der Selbstvorwürfe?

Abneigung gegen Filme

Zumindest Letzteres darf ausgeschlossen werden. Denn genau diese Interpretation brachte Lem so maßlos gegen den Tarkowski-Film auf. "Was er gedreht hat, war ja gar nicht ,Solaris‘, das war ,Schuld und Sühne‘", regte sich Lem noch nach Jahren auf. Am Set soll es übereinstimmenden Berichten beider Herren zufolge ebenfalls nicht gerade amikal zugegangen sein. Mehrfach hat Lem in Anwesenheit aller Schauspieler und in beträchtlicher Lautstärke Tarkowski als "Vollidiot" beschimpft.

Der Vollständigkeit halber sei an dieser Stelle allerdings erwähnt: Das Anfang der 2000er-Jahre von Steven Soderbergh mit George Clooney gedrehte "Solaris"-Remake mochte Lem noch weniger. "Ich dachte, Tarkowskis Film ist das Allerletzte, ich habe mich geirrt", kommentierte er mürrisch.

Lem war gegenüber künstlerischen Auslegungen seines Romans "Solaris" skeptisch. Zweifelhaft, ob ihm die Opernfassung bei den Bregenzer Festspielen 2012 gefallen hätte. - © ullstein bild - Karin Nussbaumer
Lem war gegenüber künstlerischen Auslegungen seines Romans "Solaris" skeptisch. Zweifelhaft, ob ihm die Opernfassung bei den Bregenzer Festspielen 2012 gefallen hätte. - © ullstein bild - Karin Nussbaumer

Darüber, wie er selbst den Roman versteht, schwieg sich Lem jahrzehntelang mit dem Hinweis aus, das Buch beinhalte alles, was es brauche, mehr sei dazu nicht zu sagen. Man mag das leicht als eine Lem-typische Sturheit abtun. Gäbe es da nicht zum Beispiel diesen Tagebuch-Eintrag. Von einer triumphalen Lesereise aus Moskau zurückgekehrt, notiert Lem, selbst vom Enthusiasmus der russischen Leser überrascht: "Offensichtlich habe ich dort mit dem Buch irgendeinen Hunger nach Metaphysik befriedigt."

Geschmuggelte Kritik

Und gut vierzig Jahre später, Anlass ist diesmal die Premiere des Soderbergh-Remakes, merkt er an, in "Solaris" habe er den Versuch unternommen, das Treffen mit "irgendeinem anderen Wesen oder einer Anwesenheit, irgendeinem Sein zu beschreiben, das aber weder menschlich noch humanoid ist."

Klingt in der Tat metaphysisch. Und legt vielleicht eine Lesart nahe, die nur vordergründig im Widerspruch zur realen Person Lem steht, dem Technik-Nerd, der buchstäblich keine neue Publikation zu Physik, Raumfahrt, später auch zu Künstlicher Intelligenz oder Gentechnik unbeachtet lassen konnte.

Der technikverliebte Metaphysiker Lem konnte aber auch anders, nämlich sehr politisch. Im kommunistischen Polen, in dem Kritik am Regime nur dann durchkommen konnte, wenn die Zensoren sie nicht bemerkten (oder zumindest so tun konnten, als ob sie sie nicht bemerkten), war dies kein einfaches Unterfangen. Jedenfalls für jene, die keine Lust auf ein Dissidentendasein hatten. Lem, eher Genussmensch als Asket, hatte keine.

Doch was für den anderen großen Krakauer und Lems engen Freund, Sawomir Mrožek, die Groteske war - ein Gefäß, in dem so manche scharfe Spitze gegen das autoritäre Regime in den offiziellen Literaturbetrieb geschmuggelt werden konnte -, waren für Lem die Zukunftswelten und Galaxien, die er entwarf. Eine solche Zukunftswelt zeichnet "Der futurologische Kongress". Ijon Tichy, die Hauptfigur, nimmt am 8. Futurologischen Kongress teil, der sich mit der dramatischen Überbevölkerung der Erde beschäftigt. Gemessen am Erscheinungsjahr 1971 spielt die Handlung in nicht allzu ferner Zukunft, an der Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert.

Der Kongress findet in einem luxuriösen Hilton-Hotel statt, doch die Stadt, in der das Hotel steht, wird von Unruhen erschüttert. Um die Aufständischen zu überwältigen, setzt die Polizei halluzinogene Gase und scharfe Munition ein. Tichy flüchtet mit einigen Kollegen, darunter der auch im polnischen Original so benannte Professor Trottelreiner, in das Kanalnetz unter dem Hotel. Doch die Wirkung der halluzinogenen Gase erreicht ihn auch dort. Er glaubt, schwer verletzt zu sein. In der Folge kommt er in ein Spital, wird für psychisch krank erklärt und hibernisiert. Er soll erst aufgetaut werden, wenn die Medizin in der Lage ist, ihm zu helfen.

Tichy wacht, was er zunächst nicht weiß, erst 2098 auf, dafür in einer idealen Welt, in der alle wunschlos glücklich sind, denn jeder Wunsch kann mit Hilfe von chemischen Substanzen, die dann entsprechende Visionen hervorrufen, befriedigt werden. Professor Trottelreiner, der ebenfalls in diese Welt geraten ist, gibt Tichy allerdings ein Gegenmittel, das die Wirkung der Chemikalien neutralisiert.

Worauf sich das Paradies als Hölle entpuppt: Auf der Erde leben inzwischen 69 Milliarden Menschen - und noch gut 26 Milliarden "Illegale". Es gibt kaum etwas zu essen, die einzige Existenzgrundlage ist der kollektive Rausch. Am Ende des Romans wacht Tichy wieder in der Kanalisation nahe dem Hilton-Hotel auf. Es scheint, dass alles, was er erlebte, Folge der halluzinogenen Gase war, die das Militär im Kampf mit den Aufständischen versprühte.

Stanislaw Lem bei einer Signierstunde in Krakau, 2005. 
- © Mariusz Kubik, http://www.mariuszkubik.pl, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Stanislaw Lem bei einer Signierstunde in Krakau, 2005.

- © Mariusz Kubik, http://www.mariuszkubik.pl, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Wie nahezu jeder wichtigere Lem-Text ist auch "Der futurologische Kongress" auf unterschiedlichste Arten gelesen worden: Als eine Geschichte über einen Traum im Traum im Traum wurde er interpretiert, als eine frühe Version von "Matrix" und "Inception", aber auch als ein philosophisches Traktat darüber, was besser sei: einer grausamen Realität ins Auge zu sehen, weil es kein richtiges Leben im falschen gibt; oder ganz im Gegenteil, den Schein zur Realität zu erklären, weil er das ja ebenso gut sein könnte.

Im kommunistischen Polen der Siebzigerjahre galt vielen als die Schlüsselstelle des Romans jenes Gespräch, bei dem Symington, ein Vertreter jener Organisation, die für das Ausbringen der glücksbringenden Chemikalien verantwortlich ist, zu Tichy sagt: "Wir narkotisieren die Zivilisation, denn sonst ertrüge sie sich selbst nicht. Deshalb darf sie nicht geweckt werden. Und auch Sie, mein Herr, werden deshalb zu ihr zurückkehren. Ihnen droht keine Gefahr: Das ist ja nicht bloß schmerzlos, sondern auch wohltuend. Wir haben es wesentlicher schwerer, denn eurem Wohl zuliebe, müssen wir Nüchternheit bewahren."

Zunehmende Skepsis

Die Chiffre ist eigentlich offensichtlich: Wie das kommunistische System gibt Symingtons Organisation, die Procrustics Inc., vor, dem Menschen Wohlergehen zu bringen, etabliert aber in Wirklichkeit eine totalitäre Kontrolle. Und das Wohlergehen erweist sich obendrein als Chimäre.

Die Skepsis gegenüber kollektiven Glücksversprechen, auch jenen, die die Technik verheißt, nimmt, je älter Lem wird, zu. Lange Zeit davon überzeugt, dass Technologie der Schlüssel zu einer besseren Zukunft sein kann, bekennt er im Jahr 2000, da ist er 79 und hat noch sechs Lebensjahre vor sich: "Die Konfrontation meiner Zukunftsvorstellungen mit der Realität erinnert ein wenig an einen Autounfall. Es ist nicht das entstanden, was ich mir erträumt habe."

Diese Tatsache mag dazu beigetragen haben, dass Lem, der auch einige Jahre - von 1982 bis 1988 - in Wien lebte, schon ab den 90er Jahren kaum noch fiktive Texte schreibt und sich auf Wissenschaftspublizistik und zunehmend auch auf eine immer schärfere Technikkritik verlegt. Auch sie ist lesenswert.