Mein Vater arbeitete Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre an der Rezeption im Hotel Astoria in der Führichgasse. Manchmal holten ihn meine Mutter und ich am Abend bei Dienstschluss ab. Es war nicht erlaubt, dass Angehörige der Astoria-Angestellten das Hotel betraten, also warteten wir geduldig gegenüber vom Haupteingang auf dem Gehsteig auf meinen Vater, vor der Auslage der Zauberklingel, einem winzigen Fachgeschäft für Magierbedarf.

Lebendes Vorbild?

Während dieser Wartezeiten sah ich einmal Helmut Qualtinger daherkommen, der, schweigend und traurig dreinschauend, seinen alten Freund Carl Merz, der in der Führichgasse wohnte, leicht schwankend bis zum Haustor begleitete und dann alleine weiterging. Ich wollte die Gelegenheit nutzen und ihn um ein Autogramm bitten, aber meine Mutter untersagte mir, ihn anzusprechen, weil er offensichtlich sehr betrunken war - und sie verabscheute betrunkene Menschen. Doch ich setzte mich über das Verbot hinweg, lief zu ihm hin und bekam nach kurzem Verhandeln ein Autogramm auf der Rückseite eines Straßenbahn-Fahrscheins.

Helmut Qualtinger war eine richtige Berühmtheit. Ich glaube, es gab niemanden in Wien, der sein Gesicht nicht kannte. Der zeitkritische Monolog "Der Herr Karl" hatte 1961 aus ihm einen Star gemacht. In der "Süddeutschen Zeitung" erkannte man sofort die literarischen Vorbilder: "Der Herr Karl ist kein sympathischer Zeitgenosse. An seiner Wiege standen nicht nur Carl Merz und Helmut Qualtinger, sondern Generationen von Wiener Satirikern, die allesamt mit ihrer Stadt sehr kritisch ins Gericht gingen. Nestroy zählt zu ihnen und Karl Kraus, ein wenig der gallbittere Grillparzer und sehr stark Ödön von Horváth."

Bald ging das Gerücht um, es gäbe für den Herrn Karl auch ein lebendes Vorbild. Da wurde zum Beispiel ein gewisser Herr Max (Familienname unbekannt) genannt, der im Delikatessengeschäft Top-Spezialitätenaus aller Welt im ersten Bezirk Ecke Tegetthoffstraße / Führichgasse in der Nähe von Merz’ Wohnung als Magazineur arbeitete. Die Frau Chefin war eine echte Baronin, die Ameisen in Schokolade aus Mexiko und Whisky aus Schottland verkaufte.

Der junge Schauspieler Nikolaus Haenel, der im Kabarettprogramm "Dachl über’m Kopf" mitgespielt hatte, war zwischen zwei Engagements im Top als Aushilfskraft beschäftigt und erzählte Qualtinger vom Herrn Max, der während der Arbeit im Kellermagazin denkwürdige Erinnerungen aus seiner Vergangenheit und der Nazizeit preisgab. Schon früh widmete sich das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" diesem Vorbild, einem "Männchen mit grau meliertem Schnauzbart, Glatzenansatz, einer Nickelbrille, die er nur in bedeutsamen Momenten aufsetzt, und ‚seltsam kontrollierten‘ Bewegungen". Der Herr Max war "NSDAP-Parteimitglied und Katzenvertilger in einem Tierasyl".

Einmal, so erzählte Max dem Schauspieler im Keller des Delikatessengeschäfts, hätte er fast seine Frau erwürgt, weil sie sich wiederholt mit seiner "Rasierseife die Hände gewaschen" hatte. Schließlich verlor der Herr Max seine Arbeit im Top, weil ihn die Chefin beim Diebstahl einiger Martini-Wermuth-Flaschen erwischt hatte.

Inspirationsquellen

Aber auch das Etablissement Gutruf in der Milchgasse bei der Peterskirche war eine Quelle der Inspiration: Der Inhaber Hannes Hoffmann erzählte seiner Kundschaft gerne von früher - allerdings ging es dabei eher um Schleichhandel und amouröse Abenteuer mit Frauen. Der Operettensänger Hoffmann war kein Nazi gewesen, aber in seiner unverwechselbaren Art zu sprechen und dabei vom Hochdeutschen in den Dialekt wechselnd, wenn es seiner Meinung nach um private Inhalte ging, war er für Qualtinger mit Sicherheit eine Bereicherung.

Außerdem gab es noch einen gewissen Herrn Jerschabek, der als pensionierter Friseur Stammgast im Falstaff bei der Volksoper war und dort die Alkoholreste aus den Gläsern der Gäste konsumierte. Er sei einmal auf einer Österreich-Rundreise mit seinem Schwiegersohn gewesen, doch der Kurzurlaub hatte sich zu einer bitteren Enttäuschung ausgewachsen, weil der Schwiegersohn ihn alles bezahlen hätte lassen. Qualtinger machte auf seinen nächtlichen Heimwegen von der Innenstadt zur Wohnung im 19. Bezirk oftmals Station im Falstaff und lernte dabei auch den Herrn Jerschabek kennen.

Carl Merz und Helmut Qualtinger bei einer Ehrung, 1962. - © Votava / Imagno / picturedesk.com
Carl Merz und Helmut Qualtinger bei einer Ehrung, 1962. - © Votava / Imagno / picturedesk.com

"Jeder Satz ist irgendwann einmal von irgendjemandem in Wien gesprochen oder gedacht worden", davon war Qualtinger überzeugt. "Aber den Herrn Karl gibt es überall. In Italien könnte er Carlo heißen. Zuerst war er Monarchist, danach sehr von Mussolini beeindruckt. Heute ist er ein glühender Verteidiger der Republik. Und in Frankreich war Monsieur Charles wechselweise für Clemenceau, Poincaré, Léon Blum, Laval, Pétain - und de Gaulle. Die Wahrheit ist leider, dass sich kleine Leute nicht viel Zivilcourage leisten können..."

Merz tat die Figur wegen ihres trostlosen Lebens leid. Aber Qualtinger war anderer Ansicht: "Ich empfinde kein Mitleid für Leute wie ihn. Alles, was er wollte, waren Sicherheit und ein komfortables Leben. Und eine Hetz. Nicht mehr, nicht weniger."

Qualtingers neue Wege

Für Helmut Qualtinger war 1961 ein gutes Jahr. Er beschloss, die Kabarettbühne, auf der er sich einen Namen gemacht hatte, endgültig zu verlassen. Er sah ein, dass die Absicht, das Publikum mit kritischen Kabarettnummern zum Nachdenken zu bringen, gescheitert war: "Niemand hört zu. Im Grunde ist das alles gar nicht so lustig. Aber sie lachen es weg. Sie vernichten uns durch Applaus. Deshalb habe ich aufgehört."

Qualtinger war auf der Suche nach neuen Wegen und spielte unter der Regie von Peter Zadek an der Seite von Klaus Kinski im Fernsehfilm "Die Kurve". Außerdem wurde er für den österreichischen Kriminalfilm "Der Mann im Schatten" engagiert, in dem er den ewig grantigen Wiener Oberpolizeirat Dr. Radosch spielte. Mit von der Partie waren die Schauspieler Helmuth Lohner und Herbert Fux. Die Filmmusik stammte von Friedrich Gulda.

Auch der Fernsehfilm "Geschichten aus dem Wienerwald", mit Hans Moser, Walter Kohut, Johanna Matz und Fritz Eckhardt, wurde 1961 gedreht. In der Verfilmung des Theaterstücks von Ödön von Horváth in der Regie von Erich Neuberg stellte Qualtinger den Fleischhauer Oskar auf ebenso charmante wie beklemmende Weise dar. Neuberg, so alt wie Qualtinger, aber mit 33 Jahren Chef der Fernsehspielabteilung, beauftragte die als Team bekannten Kabarett-Autoren Carl Merz und Helmut Qualtinger damit, sich für eine 50-Minuten-Sendung im Herbst 1961 etwas einfallen zu lassen. Doch weder Merz noch Qualtinger hatten eine Idee.

"Wir können keine Satire auf den Kalten Krieg oder auf das Wirtschaftswunder machen", sagte Merz. "Das interessiert niemanden mehr. Es gibt nichts Neues über den West-Ost-Konflikt zu sagen. Es hat sich nichts geändert. Und genauso ist es auch in der österreichischen Politik. Stinklangweilig." Qualtinger gähnte. "Vielleicht sollten wir etwas über die unbewältigte Nazi-Vergangenheit bringen?", schlug Merz vor. Dafür war Qualtinger sofort. Das interessierte ihn: "Auf alle Fälle müssen wir mit der Form experimentieren. Etwas Neues machen. Einen Monolog ohne Aktion. Nichts soll den Zuschauer vom Text ablenken."

Mann aus dem Keller

Qualtinger hielt sich die meiste Zeit zu Hause auf und lag unansprechbar auf dem Bett. Der absolute Mittelpunkt der Gemeindewohnung in der Daringergasse (im 19. Bezirk) war die Hausbar. Der amerikanische Journalist Joseph Wechsberg berichtete im Magazin "The New Yorker": "Es gab eine Menge exotischer Drinks - finnischen Wodka, armenischen Brandy, deutschen Ratzeputz und Sechsämtertropfen, steirischen Obstler, italienischen Grappa, bosnischen Slibowitz und einen fürchterlichen Schnaps namens ,Feldwebel Schulze‘. Ein großes Fenster zeigte einen Blick auf die Heurigen von Sievering und im Hintergrund die Hügel des Wienerwalds. Sohn Christian war drei Jahre alt und trat in verschiedenen Kostümen auf, um mich zu unterhalten - als russischer Jäger, amerikanischer Gangster, tapferer Cowboy und heldischer Ritter. Seine Darstellungskraft schien er vom Vater geerbt zu haben, der aber nicht viel davon hielt, dass sein Sohn Kabarettist oder ähnliches wird: ‚Er sollte irgendetwas Dezentes lernen, einen normalen Beruf. Vielleicht Psychiater...‘"

"Quasi Herr Karl": Helmut Qualtinger und Georg Biron. 
- © Georg Biron, CC BY-SA 4.0

"Quasi Herr Karl": Helmut Qualtinger und Georg Biron.

- © Georg Biron, CC BY-SA 4.0

Tagelang geschah nichts - bis Helmuts Ehefrau Leomare eines Nachmittags ihren Mann im Nebenzimmer monologisieren hörte. In merkwürdig leidenschaftslosem Tonfall war von den 1930er Jahren die Rede, dann von Hitler und den Alliierten. Als Qualtinger an diesem bewölkten Sommertag des Jahres 1961 zum Himmel aufsah, der ihn "an abgestandenes Abwaschwasser erinnerte", war für ihn plötzlich alles klar: Die Idee zum "Herrn Karl" war geboren! Er hatte sich an einen Lagerarbeiter erinnert, der im Keller eines Delikatessengeschäfts Konserven schlichtete. Der etwa sechzigjährige, schlaksige Mann berichtete ungefragt aus seinem Leben. Und wie er es sich immer wieder gerichtet hätte: "Der Mann aus dem Keller hatte von mir Besitz ergriffen!"

Qualtinger sprach alles, was ihm dazu einfiel, auf ein Tonband und spielte es seiner Frau vor. Ihr Urteil war ihm sehr wichtig. Sie bewog ihn, seine Idee weiterzuspinnen - oder sie ad acta zu legen. Von ihr und Merz bedrängt, begann er schließlich, die dumpfe Stimmung, die ihn seit Wochen drückte, abzuschütteln und mit der Arbeit am Monolog zu beginnen. Gemeinsam begannen sie zu schreiben. Das bewährte Team Merz-Qualtinger funktionierte. Wenn der eine nicht mehr weiterwusste, hatte der andere den nötigen Einfall. Die jahrelange Praxis machte sich jetzt bezahlt. In nur neun Tagen brachten sie den Monolog in eine Endfassung.

Am 15. November 1961 erschien Helmut Qualtinger - mit Krawatte und Arbeitsmantel, Hut und Hitlerbärtchen - im Fernsehen, um eine österreichische Lebensgeschichte zu erzählen: Wie er es sich immer wieder gerichtet und sich mit den jeweils Mächtigen ohne Rücksichten auf die Verluste anderer arrangiert hatte. "Mir brauchen Sie gar nix erzähl’n, weil i kenn des..."

Der Herr Karl zeigte sich als ehrlicher Lügner. Er war bereit, alles zu glauben, was er über sich voller Selbstmitleid zu berichten wusste. Er hatte nicht einmal den Mut, wirklich böse zu sein. Er war ein gemütlicher Wiener. Ein armer Teufel. Arm und ein Teufel zugleich. Kein großer Verbrecher, eher ein kleiner Gauner, der die Banalität des Bösen vielleicht sogar mehr verkörperte als ein Kriegsverbrecher.

Noch während der Fernsehsendung gab es telefonische Proteste. Und in den Tagen darauf schleppten die Briefträger empörte Zuschriften in das Hauptgebäude des österreichischen Fernsehens, in die Zeitungsredaktionen und zu den Briefkästen der Autoren. Noch Wochen später riefen anonym bleibende Leute an und bellten sogar Morddrohungen in die Muscheln. Die Zweite Republik geriet wegen dieser Geschichte - ihrer Geschichte - aus den Fugen.

Im Parlament gab es dringende Anfragen zum Thema, und es wurden Stimmen laut, die Erich Neuberg auf der Stelle nach Sibirien schicken wollen. Die Leserbriefspalten waren gefüllt mit erregten Stellungnahmen: "Unter meinen Bekannten findet sich kein Zuhälter, kein Strizzi und auch kein charakterloser Opportunist, der von den Sozis über die Heimwehr und Nazis bis zu den Russen und Amis überall dabei war..." - "In Österreich ist man duldsamer. Da darf man vieles, wofür man anderswo mit Zuchthaus oder Sibirien bestraft würde." - "Wenn wir Wiener so schlecht wären, wie es der Herr Karl ist, dann wären wir wohl heute nicht so weit." - "Nehmen Sie sich ein Beispiel an O.W. Fischer und Grace Kelly!"

Spiegel der Volksseele

Qualtinger spielte die satirisch verdichtete Figur zunächst vor der Fernsehkamera, später auf vielen Theaterbühnen zwischen Wien und New York: "Man erinnert sich: Wie man sich geplagt hat ... für die Gemeinschaft ... für die Gattinnen ... für den Beruf." Den Zuspruch des Publikums konnte sich auch Qualtinger nicht erklären: "Die Intellektuellen stehen drauf, das Volk ist empört, die Prominenten sagen, es ist primitiv. Vielleicht ist es Schuldbewusstsein oder Masochismus. Und die Wiener lachen halt gern. Wenn sie nicht zuhören wollen, lachen sie. Es ist immer eine Hetz."

Es war ein Fernseh- und Theaterereignis und funktionierte auch als Hörspiel: In den Schallplattengeschäften war "Der Herr Karl" - erschienen bei Preiser Records - ein Hit im Weihnachtsgeschäft und schnell vergriffen. "Zu Helmut Qualtinger als ,Der Herr Karl‘ gibt es keine Steigerung. Das steht einzig und unvergleichlich da", schrieb der Kulturkritiker Paul Blaha im "Express": "Das ist das Spiegelbild einer Volksseele, Gleichnis und Demaskierung einer Mentalität."

"Der Herr Karl" war Qualtingers größter Erfolg - und zugleich seine größte Niederlage: Denn alles, was er danach schrieb oder auf die Bühne brachte, wurde daran gemessen - und hat sowohl bei den Kritikern als auch beim Publikum im Vergleich dazu meistens schlechter abgeschnitten. Selbst als er wenige Monate vor seinem Tod in der Verfilmung des Umberto-Eco-Mittelalter-Krimis "Der Name der Rose" neben Sean Connery den ketzerischen Mönch Remigio gespielt hatte, spuckte ihm der Herr Karl sozusagen in die Klostersuppe. Im Club Gutruf saß er an dem kleinen Tisch unter dem Flugzeugpropeller und erzählte von den Dreharbeiten: "Es war eine Folter! Ich musste stundenlang barfuß im Schnee spielen. Ich bin heute immer noch verkühlt! Und in einer österreichischen Zeitung habe ich einen Bericht über den Film gefunden. Überschrift: ‚Der Herr Karl geht ins Kloster!‘"

Er trank zornig sein Glas aus und bestellte Nachschub. Dann schüttelte er den Kopf: "Die Leute begreifen seit 25 Jahren nicht, was ich jetzt mache. Die wollen immer nur, dass ich den ,G’schupften Ferdl‘ sing oder den ,Herrn Karl‘ spiel. Immer nur den ,Herrn Karl‘, und sonst nix."

Fluch statt Segen

Auch für Regisseur Erich Neuberg und Co-Autor Carl Merz war der Erfolg des Monologs schlussendlich kein Segen, sondern wohl eher ein Fluch. Neuberg beging am 10. Jänner 1967 auf dem Dachboden des Theaters Ronacher Selbstmord. Merz erschoss sich am 30. Oktober 1979 in seiner Wohnung in der Wiener Führichgasse. Und Qualtinger hat sich buchstäblich zu Tode gesoffen.

Gedenktafel für Helmut Qualtinger im Heiligenkreuzerhof in Wien. 
- © GuentherZ, CC BY 3.0

Gedenktafel für Helmut Qualtinger im Heiligenkreuzerhof in Wien.

- © GuentherZ, CC BY 3.0

Er starb am 29. September 1986, keine 58 Jahre alt, in Wien. "Profil"-Essayist Reinhard Tramontana notierte: "Sein Tod löste im Ausland Erschütterung aus. Die ,New York Times‘ meldete ihn auf Seite eins, eine Pariser Radiostation machte am Tag danach eine Sondersendung, die deutsche ARD kommentierte: ‚Mit Helmut Qualtinger ist eine Stimme für immer verstummt, die viele gern zum Schweigen gebracht hätten.‘ (...) Den meisten Schlagzeilen wohnte etwas gespenstisch Doppelbödiges inne: ‚Der Herr Karl ist nicht mehr!‘ - ja eben, eben das würden sie liebend gerne behaupten; eben das würden sie um unser aller Verrecken gerne glauben machen."

Aber gestorben ist Helmut Qualtinger. Der Herr Karl lebt ...