Weltoffener Intellektueller und bilingualer Denker: Luigi Reitani (1959-2021) 
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Weltoffener Intellektueller und bilingualer Denker: Luigi Reitani (1959-2021)

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Immer länger wird die "Liste von Todesopfern der Covid-19-Pandemie", auf der verstorbene Persönlichkeiten des internationalen öffentlichen Lebens von Wikipedia verzeichnet werden. Seit dem 30. Oktober enthält sie auch den Namen Luigi Reitani. Obwohl zwei Mal geimpft, starb dieser profilierte italienische Germanist und Kulturvermittler 62-jährig in einem Berliner Krankenhaus an den Folgen einer Covid-Infektion. Seither sind in mehreren italienischen und deutschen Zeitungen respektvolle Nachrufe erschienen, die das produktive Leben dieses Geisteswissenschafters würdigten.

Dabei wurde mehrfach hervorgehoben, dass Reitani bei aller Gelehrsamkeit kein weltabgewandter Philologie gewesen ist, sondern ein kulturpolitisch aktiver, wacher Zeitgenosse. In Udine gehörte er der Universität als Professor an, war aber von 2008 bis 2013 auch als städtischer Kulturdezernent tätig, und von 2015 bis 2019 setzte er als Leiter des Italienischen Kulturinstituts in Berlin kulturpolitische Impulse.

Luigi Reitani, geboren 1959 in der süditalienischen Stadt Foggia, war also ein international anerkannter Intellektueller, der sich auf Deutsch so gut zu artikulieren verstand wie auf Italienisch. Seine lange Publikationsliste enthält Aufsätze und Bücher in beiden Sprachen. Diese Fähigkeit, bilingual zu denken, qualifizierte ihn zum Vermittler zwischen den Kulturen, aber auch zum Übersetzer. Als seine bedeutendste wissenschaftliche Leistung gilt die italienische Ausgabe sämtlicher Werke Friedrich Hölderlins, die er in jahrelanger Arbeit übertragen, kommentiert und ediert hat. In seinem Buch "Hölderlin übersetzen" (Folio Verlag) hat er von den Schwierigkeiten und Beglückungen dieser philologischen Hochgebirgsexpedition berichtet.

Wie schon erwähnt, verbrachte Reitani die letzten Jahre seines Lebens in Berlin. Dies mag der Grund dafür sein, dass die österreichischen Medien seinen Tod bisher noch wenig zur Kenntnis genommen haben. Dabei haben Österreich und insbesondere Wien allen Grund, ihm ein ehrendes Andenken zu bewahren. Beginnend mit seiner Dissertation über Arthur Schnitzler (1983 in Bari), hat er sich nachhaltig mit der österreichischen Literatur beschäftigt, hat Werke Thomas Bernhards, Elfriede Jelineks, Friederike Mayröckers, Ernst Jandls und vieler anderer übersetzt, kommentiert, interpretiert und in Italien bekannt gemacht. 2014 wurde er dafür mit dem "Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich" geehrt.

Aber Luigi Reitani war nicht nur ein Wissenschafter von Format, sondern auch ein gewinnender, geselliger Mensch. Zwischen 1984 und 1991 lebte er mit seiner Frau Antonella (die ihm zeitlebens eine kongeniale Partnerin war) in Wien. Gefördert und angeregt von Wendelin Schmidt-Dengler, dem tonangebenden Wiener Germanisten des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts, forschte er zur österreichischen Literatur. In diesen Jahren schrieb er viel für hiesige Medien, auch in der "Wiener Zeitung" sind einige Beiträge von ihm erschienen.

Damals lernte ich ihn kennen: seinen zurückhaltend-liebenswürdigen Charme, seinen leisen Humor, seine unprätentiöse Intelligenz – all das artikuliert in hoch kultiviertem Deutsch, mit deutlich zu vernehmendem italienischem Akzent. Wie traurig, dass er so früh gehen musste. Wer ihn kannte, wird ihn nicht vergessen.