Das Gespenst einer globalen Pandemie geht um, die durch Viren ausgelöst wurde. Das Virus mit seinen verschiedenen Mutationen fordert weltweit zahlreiche Todesopfer, versetzt zahlreiche Menschen in Angst und Panik und erschüttert das gesellschaftliche und wirtschaftliche Gefüge. Nicht länger ist die cartesianische Rede vom "Menschen als Herrn und Meister der Natur", der sich die Natur rücksichtslos unterwirft. Die Regentschaft haben mikroskopisch kleine Viren übernommen. Sie untermauern spektakulär die These der US-amerikanischen Philosophin Jane Bennett, die in ihrem Buch "Lebhafte Materie" betont, dass die Materie als aktiv handelnde Macht zu begreifen sei.

Als Exponentin des sogenannten vitalen Materialismus wendet sie sich gegen das in der abendländischen Philosophie dominierende Dogma, dass es sich bei der Materie "um etwas Passives handle, um etwas Rohes, Unbearbeitetes, Träges"; vielmehr verfüge sie über aktive Kräfte, "die die Macht haben, zu animieren, zu agieren, dramatische und subtile Wirkungen zu zeitigen". Diese Vitalität der Materie wurde seit Aristoteles kaum beachtet. Der griechische Philosoph unterschied zwischen der gestaltlosen Materie (hýle) und der gestaltgebenden Form (morphé). Nur wenn die passive Materie - zum Beispiel Erz - geformt wird, kann eine konkrete Gestalt wie etwa eine Statue entstehen.

Radikale Umwertung

Überträgt man diesen Dualismus auf das Verhältnis Mensch-Natur, erhält der Mensch eine privilegierte Stellung; er maßt sich an, über Nichthumanes wie Tiere, Pflanzen und andere Organismen beliebig verfügen zu können. Verbunden mit dieser hybriden Annahme war die Jahrhunderte andauernde Kolonialisierung der Natur, die dazu führte, ökologische Selbstregulierungen außer Kraft zu setzen und durch menschliche Planung und Ausbeutung zu ersetzen.

In ihrem Buch verfolgt Bennett das Ziel, das vielfältige Spektrum des Nicht-Humanen aufzuwerten, um das Projekt der Ökologie voranzutreiben. Sie versteht Ökologie nicht im Sinne eines beschaulichen Umgangs mit der Natur, wie er seit der Romantik propagiert wurde, sondern als radikale Umwertung des Anthropozentrismus. Argumentative Unterstützung holt sie sich von Philosophen und Soziologen wie Lukrez, Friedrich Nietzsche, Henri Bergson, Bruno Latour, François Jullien, Gilles Deleuze und Félix Guattari. Die mosaikartig eingefügten Passagen, verbunden mit dem Vokabular posthumanistischer Theoretikerinnen und Theoretikern, das Bennett für die Darstellung ihrer Theorien für notwendig erachtet, erleichtern keineswegs den Zugang zu ihren überlegenswerten Reflexionen.

Matthes & Seitz

Matthes & Seitz

Bennett versteht Menschen als materielle Wesen, die mit anderen Materialitäten ein dynamisches Netzwerk, "einen Schwarm vibrierender Materialien", bilden: "Ich bin eine materielle Konfiguration, die Tauben im Park sind materielle Konfigurationen; die Viren, Parasiten und Schwermetalle in meinem Fleisch sind Materialitäten, wie es auch Neurochemikalien, Orkane und der Staub auf dem Fußboden sind. Materialität lenkt die Aufmerksamkeit für die komplexen Verschränkungen von Menschlichem und Nicht-Menschlichem."

Diese "lebhafte Materie" zeichnet sich durch Selbstorganisation und durch einen Egalitarismus aus, der sich auf das Leben insgesamt bezieht. Hier beruft sich Bennett auf den französischen Soziologen Bruno Latour, der betont, dass das Leben ein Ensemble von Verstrickungen, Vermischungen oder Vernetzungen zwischen Menschen und Dingen darstellt, die untrennbar miteinander verbunden sind.

Die Tatsache des universellen "Miteinander-Verflochtenseins" führt Latour dazu, die Unterscheidung zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Wesen endgültig aufzugeben. In seinem Buch "Das Parlament der Dinge" entwarf Latour einen konkreten Egalitarismus, der Tiere, verschiedene Pflanzen, Naturkatastrophen wie Überschwemmungen oder Wirbelstürme und Artefakte, Hybride und Apparaturen miteinbezog, und beschrieb die Wirkungen, die von deren Handlungen verursacht werden.

Bennett erweitert in ihrem Buch Latours "Aktanten", wie er die einzelnen Akteure nennt, um eine Ansammlung von Abfall, der sie auf der Straße begegnet. Ein Arbeitshandschuh, ein Teppich, eine tote Ratte und andere Gegenstände übten eine merkwürdige Wirkmächtigkeit auf die Autorin aus; sie verspürt "die Vitalität, die selbst im Abfall noch fortdauert". Bennett bezeichnet diese Wirkmächtigkeit als "Ding-Macht" ("thing-power"), "denn Dinge wirken sich tatsächlich auf andere Körper aus, sie steigern oder schwächen deren Macht". Sie sind in der Lage, aus eigenem Antrieb zu handeln und Effekte zu produzieren.

Bereits in Friedrich Nietzsches Reflexionen über den "Willen zur Macht" erfolgt der Hinweis, dass "die Welt eine feste, eherne Größe von Kraft ist, die sich nicht verbraucht, sondern nur verwandelt; ein Spiel von Kräften und Kraftwellen, zugleich eins und vieles, wie ein Meer in sich selbst stürmender und flutender Kräfte, ewig sich wandelnd". Diese Dynamik der ständig in Bewegung befindlichen Kräfte zeichnet sich durch Zufall, Widersprüchlichkeit und Abweichung aus.

Ständiges Fließen

Bereits in der antiken Philosophie taucht bei dem römischen Philosophen Lukrez eine Parallele zu der zentralen These des vitalen Materialismus auf. In seinem Lehrgedicht "Über die Natur der Dinge" stellte er die Hypothese auf, dass die Welt aus Atomen und der Leere besteht. Er bezeichnete die Atome als "Urelemente", als "Partikel", die unablässig in Bewegung sind. Die Bewegung der unsichtbaren Partikel bleibt uns meist verborgen; wir können sie uns vorstellen, wenn wir winzige Stäubchen im Licht eines Sonnenstrahls tanzen sehen, "als lägen sie im endlichen Streit, kämpften pausenlos miteinander in immer neuen Verbänden, angetrieben zur immer neuen Verknüpfung und wieder Trennung".

Fantasiedarstellung des römischen Philosophen Lukrez. 
- © StefanoRR; Sculpture: Unknown Italian artist, Public domain, via Wikimedia Commons

Fantasiedarstellung des römischen Philosophen Lukrez.

- © StefanoRR; Sculpture: Unknown Italian artist, Public domain, via Wikimedia Commons

Die These von Lukrez, dass das Universum bloß aus unzerstörbaren Atomen zusammengesetzt sei, die in immer neuen Konstellationen fortbestehen, stellte eine unerhörte Provokation dar, weil der allem zugrunde liegenden Substanz, die seit Aristoteles eines der beherrschenden Themen der abendländischen Philosophie darstellt, kein Stellenwert eingeräumt wurde. An die Stelle des Einheitsprinzips der Substanz tritt im vitalen Materialismus das Konzept des "Gefüges", das die französischen Theoretiker Gilles Deleuze und Félix Guattari in ihrem gemeinsam verfassten Buch "Tausend Plateaus" formulierten.

Bennett übernimmt den Begriff "Gefüge" und beschreibt es als "pulsierende Bündnisse, als ad hoc entstehende Gruppierungen lebhafter Materialien, in denen jeder Bestandteil eine bestimmte Lebenskraft aufweist, denn Gefüge werden nicht von irgendeinem zentralen Oberhaupt gelenkt". Ein Gefüge kann sich niemals zu einem abgeschlossenen System entwickeln, "zu einer nicht totalisierenden Summe", sondern ist zeitlich begrenzt und stets im Werden begriffen.

Von dem französischen Sinologen François Jullien stammt der Hinweis, dass die polyphonen Materialitäten des Gefüges in der chinesischen Philosophie von der dynamischen Kraft des Shi angetrieben wird. "Shi" meint "die Art von Potenzial, die ihren Ursprung nicht in menschlichen Initiativen hat, sondern in der Anordnung der Dinge selbst resultiert". Bennett stützt ihre These eines ständigen Fließens von menschlichen und nicht-menschlichen "Aktanten" auch auf Überlegungen des französischen Philosophen Henri Bergson, der von 1859 bis 1941 lebte. Er betonte, dass sich "das Leben durch eine fortwährende Veränderung des Gesichtspunkts, die Einmaligkeit der Phänomene und die vollkommene Eigenständigkeit" auszeichne.

Ähnlich argumentiert die feministische Philosophin Rosi Braidotti. Für sie ist das Leben ein Geschehen, das sich der rationalen Planung entzieht: "Das Leben äußert sich, einfach indem es Leben ist, in der Verwirklichung von Energieflüssen durch biologische Datencodes über komplexe somatische, kulturelle und technisch vernetzte Systeme."

Im Pluriversum

Der von Bergson angesprochene dynamische Lebensimpuls - sein "élan vital" - lässt sich nicht durch den unbeweglichen Verstand erfassen; der Mensch hat nun die Aufgabe, sich aus der Erstarrung zu befreien, "um in den schöpferischen Prozess des Lebens einzutauchen". Bennett bewertet Bergsons "Philosophie des Strömens", die sich auch auf die These des griechischen Philosophen Heraklit beruft, dass "alles fließt", als Befreiungsschlag gegen den damals herrschenden Geist des wissenschaftlichen Rationalismus. "Während der Wissenschaftler immer darauf bedacht ist, die Wirklichkeit, so wie sie ist, aufzuspalten, um sie der technischen Einwirkung des Menschen zu unterwerfen, behandelt sie der Philosoph als Gefährtin", schrieb Bergson.

Die Philosophie als Gefährtin der nichtmenschlichen Welt, in der den unterschiedlichen "Aktanten" eine gleichberechtigte Rolle zugewiesen wird - dieser Anspruch Bergsons wird von Bennet mit großer Sympathie aufgenommen. Der Mensch wird nicht länger als "Krone der Schöpfung" angesehen, der beliebig über die Ressourcen der Natur verfügen kann, sondern als Partner im Weltgefüge. Die Dezentrierung der Menschen, die ein neues, "posthumanistisches" Weltbild ermöglicht, ist die Voraussetzung, um das Phantasma der beherrschbaren Natur durch eine "Kosmopolitik" abzulösen, die als Grundlage einer radikalen ökologischen Politik dient, die sich nicht damit begnügt, die Natur und die Umwelt zu verschonen oder zu schützen.

Das Buch endet mit einer Art Glaubensbekenntnis der Autorin: "Ich glaube an eine Materie/Energie, Schöpferin von Sichtbarem und Unsichtbarem. Ich glaube, dass dieses Pluriversum von Heterogenitäten durchzogen ist, die beständig etwas unternehmen. Ich glaube, dass Begegnungen mit lebhafter Materie fähig sind, die Fantasien menschlicher Vorherrschaft zu züchtigen und das Selbst sowie dessen Interessen umzugestalten."