New York, 9. Juni 1945. Im Haus des aus Nazi-Deutschland vertriebenen Verlegers Gottfried Bermann Fischer wird Thomas Mann gefeiert, der drei Tage zuvor 70 Jahre alt geworden ist. Wesentliche Vertreter der exilierten deutschsprachigen Literatur geben sich die Ehre, ein Klaviertrio von Schubert wird zu Gehör gebracht. Aber dann passiert etwas Unerwartetes: Einer der Geladenen greift zur Laute, stampft rhythmisch mit den Füßen und gibt ein selbst gedichtetes "Cognacvogellied" zum Besten. Wie in Bermann Fischers Memoirenband "Bedroht - Bewahrt" nachzulesen ist, geschieht diese Darbietung "sehr zum Missvergnügen des Jubilars".

Der unerbetene Sangesbruder war Carl Zuckmayer: Lyriker, Prosaist, und vor allem Dramatiker. Wie Thomas Mann zählte er zu den Stars des S.-Fischer-Verlags. Gut bekannt mit der gesamten Mann-Familie, hat er auch am Drehbuch für den vielgerühmten Film "Der blaue Engel" nach Heinrich Manns Roman "Professor Unrat" mitgearbeitet. Warum also störte er das Fest mit einem deplatzierten Auftritt? Vermutlich, weil er Spaß daran hatte, die feierliche Atmosphäre aufzumischen.

"Zuck", wie er in seinem großen Freundeskreis genannt wurde, gab sich gern als "Volksschriftsteller" - im Leben den einfachen Genüssen zugetan und in der Kunst bestrebt, nicht nur die Köpfe der Intellektuellen zu erreichen, sondern die Herzen aller.

Kulturbewusste Jugend

Carl Zuckmayer kam am 27. Dezember 1896 in Nackenheim am Rhein zur Welt. Dieser kleine Weinort in der Nähe von Mainz ist auch der Schauplatz seiner frühen Dialektposse "Der fröhliche Weinberg". Das Stück, in dem viel getrunken, gerauft, geküsst und gegrölt wird, wurde 1925 mit gewaltigem Erfolg im Berliner Theater am Schiffbauerdamm uraufgeführt. Das großstädtische Publikum goutierte es, dass auf der Bühne zum Beispiel gesungen wurde: "Wenn alles rar un teuer is, dann esse mer wääche Kees. Wenn Schuh un Strümp verrisse sin, dann fahre mer in de Chaise." Die Nackenheimer Winzer selbst fühlten sich von so viel Einfalt jedoch verhöhnt und verulkt.

Nun war der Autor selbst kein Weinbauernbub, sondern der Sohn des mittelständischen Fabrikanten Carl Zuckmayer senior, der in Nackenheim Kapseln für Weinflaschen produzierte. Als der Junior vier Jahre alt war, übersiedelte die Familie ins traditionsreiche Mainz, wo er und sein älterer Bruder Eduard (später Pianist, Dirigent und Musikpädagoge) eine kulturbewusste Erziehung genossen: humanistisches Gymnasium, Hausmusik, ausgedehnte Lektüren.

Nach dem Ersten Weltkrieg, in dem er es zum Leutnant brachte, studierte Zuckmayer in Frankfurt und Heidelberg Philosophie, Biologie und manches andere. Aber sein wahres Ziel war die Literatur. 1920 wurde sein erstes Drama "Kreuzweg" in Berlin aufgeführt: Gequälte Kreaturen suchen darin ihren Weg "aus angstverkrampften Schlünden" ins reine Licht der Gottesnähe. Das Publikum langweilte sich redlich.

Martin Schwab in Carl Zuckmayers "Der Hauptmann von Köpenick" in einer Aufführung im Jahr 2007  im Rahmen der Festspiele Reichenau. 
- © APA / Robert Jäger

Martin Schwab in Carl Zuckmayers "Der Hauptmann von Köpenick" in einer Aufführung im Jahr 2007  im Rahmen der Festspiele Reichenau.

- © APA / Robert Jäger

Zuckmayer lernte aus dieser Niederlage, sammelte (zeitweise mit Bertolt Brecht zusammen) als Dramaturg praktische Theatererfahrungen, die sich dann im "fröhlichen Weinberg" bewährten. Dramen wie "Schinderhannes" (1927) und "Der Hauptmann von Köpenick" (1931) festigten Zuckmayers Ruf als Erneuerer des Volksstücks. Der Autor, der in der Weimarer Republik der Sozialdemokratie nahestand, wollte das Volkstümlich-Deutsche nicht den Feinden der Demokratie überlassen. Er hatte ein scharfes Ohr für die Dialekte und Soziolekte des Deutschen und er nutzte diese sprachliche Sensibilität zur treffenden Charakterisierung seiner Gestalten. Das unterschied ihn von der völkischen Deutschtümelei, aber auch von manchem Mitstreiter: Anders als Brecht, den er durchaus schätzte, entwarf er keine Aufmarschpläne für den Klassenkampf, und im Gegensatz zu seinem engen Freund Ödön von Horváth verstand er seine Figuren nicht als hilf- und sprachlose Opfer der gesellschaftlichen Verhältnisse.

Mit List und Fantasie

In Zuckmayers Dramen schlagen sich meistens lebenstüchtige Typen mit List und Fantasie durchs Leben. Der Räuberhauptmann "Schinderhannes" erscheint als ein Hunsrücker Robin Hood mit großem Mundwerk und gutem Herzen. Der arbeitslose Berliner Schuhmacher Wilhelm Voigt kämpft gegen die Bürokratie des deutschen Kaiserreichs, weil er der Ansicht ist (die Zuckmayer zweifellos teilt): "Erst der Mensch, und dann die Menschenordnung!"

In einer falschen Hauptmannsuniform besetzt er mit einem Trupp Soldaten das Rathaus von Köpenick, um einen Pass zu erzwingen. Dumm ist nur, dass es in Köpenick gar keine Passstelle gibt. Trotzdem findet die Geschichte ein positives Ende: Der freche Hauptmannsimitator erregt die Heiterkeit des Kaisers Wilhelm II. und wird begnadigt.

Das ehemalige Wohnhaus "Wiesmühl" von Carl Zuckmayer in Henndorf am Wallersee in Salzburg. 
- © Maschinenjunge, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Das ehemalige Wohnhaus "Wiesmühl" von Carl Zuckmayer in Henndorf am Wallersee in Salzburg.

- © Maschinenjunge, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

1933 war Zuckmayer gezwungen, Deutschland zu verlassen, weil seine Werke bei den Nationalsozialisten unerwünscht waren und weil seine Mutter, Amalie Zuckmayer, geborene Goldschmidt, aus einer jüdischen Familie stammte. In der "Wiesmühl" in Henndorf bei Salzburg, die der Dramatiker schon 1926 mit den Tantiemen des "fröhlichen Weinbergs" als Ferienhaus erworben hatte, fanden er und seine Familie zunächst eine sichere Zuflucht.

Alice Herdan, seit 1925 Frau Zuckmayer, hatte aus ihrer ersten Ehe die Tochter Michaela mitgebracht, 1926 war dann die gemeinsame Tochter zur Welt gekommen, für die der Vater aus Karl-May-Verehrung den Namen Maria Winnetou ausgesucht hat. In seinen Lebenserinnerungen hat er die Jahre in Österreich als seine glücklichste Zeit beschrieben.

1938, nach Österreichs "Anschluss", begann die wahre Auswanderung: erst in die Schweiz, dann in die USA. Während die meisten literarischen Emigranten in Großstädten wie New York oder Los Angeles ihr Glück suchten, pachtete die Familie Zuckmayer einen Bauernhof in Vermont und betrieb dort zwischen 1941 und 1945 Gemüsebau und Ziegenzucht (siehe Artikel in der "Wiener Zeitung"). Alice Herdan-Zuckmayer hat diese Jahre in ihrem seinerzeit vielgelesenen Buch "Die Farm in den grünen Bergen" geschildert.

Generaloberst Ernst Udet, Vorbild für General Harras. 
- © Bundesarchiv, Bild 146-1984-112-13 / Conrad / CC-BY-SA, CC BY-SA 3.0 DE, via Wikimedia Commons

Generaloberst Ernst Udet, Vorbild für General Harras.

- © Bundesarchiv, Bild 146-1984-112-13 / Conrad / CC-BY-SA, CC BY-SA 3.0 DE, via Wikimedia Commons

Im Dezember 1941 stand in einer amerikanischen Zeitung, Ernst Udet, der "Generalluftzeugmeister" der deutschen Luftwaffe, sei bei einem Probeflug tödlich verunglückt und mit allen militärischen Ehren beigesetzt worden. Zuckmayer, der mit so vielen Menschen befreundet war, kannte auch Udet und mochte ihn. Dass sich dieser Jagdflieger des Ersten Weltkriegs in einen überzeugten Nazi verwandelt haben könnte, war ihm unvorstellbar. Im Drama "Des Teufels General" gestaltete er seine Version von Udets Leben und Ableben.

Teufelspakt mit Hitler

Wie so viele Figuren Zuckmayers ist auch sein Bühnen-General Harras ein draufgängerischer, charmant-großsprecherischer Typ, der nur aus Leidenschaft fürs Fliegen einen Teufelspakt mit Hitler geschlossen hat. Sein Mitarbeiter, Ingenieur Oderbruch, gehört dem Widerstand an und manipuliert Flugzeuge, sodass sie unbrauchbar werden. Damit möchte er die Kampfkraft der Luftwaffe schwächen, gefährdet aber zugleich das Leben seiner Kameraden, was zu einem tragischen Konflikt führt. Harras entdeckt die Sabotageakte Oderbruchs, liefert ihn aber nicht den Behörden aus. Stattdessen setzt er sich selbst in eines der manipulierten Flugzeuge und fliegt seinem frei gewählten Absturz entgegen.

"Des Teufels General", zwischen 1943 und 1945 geschrieben, wurde 1946 in Zürich uraufgeführt und dann von vielen Bühnen nachgespielt. Beim deutschen Publikum provozierte das Zeitstück emotional aufgewühlte Debatten. Zuckmayer, der von November 1946 bis März 1947 in der amerikanischen Besatzungszone unterwegs war, stellte sich in mehreren Städten den kritischen Fragen, die vor allem junge Menschen an ihn richteten.

Wahrscheinlich wussten damals nur wenige Diskutanten, was der Nachwelt gut bekannt ist: Zuckmayer war nicht als Privatmann gekommen, sondern als ziviler Kulturbeauftragter des amerikanischen Kriegsministeriums. Der "Deutschlandbericht", den er für seine Dienstgeber damals verfasst hat, wurde erst 2004 im Wallstein Verlag veröffentlicht. Er bietet eine eindrucksvolle Darstellung des deutschen Nachkriegselends. Im selben Verlag erschien 2002 der "Geheimreport", den Zuckmayer schon 1943 für den OSS (einen Vorläufer der 1947 gegründeten CIA) angelegt hat.

Die Amerikaner wollten von ihm wissen, ob es in Deutschland Kulturschaffende gäbe, die nach dem Sieg über das Hitler-Regime an der demokratischen Neuausrichtung der Kultur mitarbeiten würden. Zuckmayer lieferte dazu präzise Einschätzungen, so bemerkte er etwa zu Erich Kästner: "Wenn er überlebt, mag er einer der wichtigen Männer für die Nachkriegsperiode werden" - eine Prophezeiung, die sich bald erfüllen sollte.

Geehrt und geliebt

Im Unterschied zu Thomas Mann und dessen Familie war Zuckmayer der Ansicht, man dürfe das deutsche Volk nicht in seiner Gesamtheit für die Gräuel der NS-Zeit verantwortlich machen. Die wahren Verbrecher müssten bestraft werden, aber zugleich sollte sich allen Gutwilligen die Möglichkeit eröffnen, an einer demokratischen Neugestaltung mitzuarbeiten. Mit dieser Haltung gewann der Emigrant die Zuneigung seiner ehemaligen Landsleute, während er bei vielen seiner Mit-Emigranten auf Ablehnung stieß.

Erneuerer des Volksstücks: Carl Zuckmayer, undatierte Aufnahme, ca. 1960. 
- © ullstein bild / Sven Simon

Erneuerer des Volksstücks: Carl Zuckmayer, undatierte Aufnahme, ca. 1960.

- © ullstein bild / Sven Simon

17 Theaterstücke hat Carl Zuckmayer insgesamt geschrieben, die alle von renommierten Bühnen aufgeführt und zum Teil auch verfilmt worden sind. Viele seiner späten Arbeiten erzielten nur noch Achtungserfolge, aber der Autor selbst wurde in Deutschland und Österreich mit zahlreichen Preisen geehrt und von einer großen Verehrerschar geliebt. Auch in Nackenheim versöhnte man sich mit dem einstigen Bürgerschreck und verlieh ihm 1952 die Ehrenbürgerwürde.

1966 erschien seine damals wie heute lesenswerte Autobiographie "Als wär’s ein Stück von mir". Darin finden sich einige Seiten über seine Heimat, die zum Schönsten gehören, was über den unspektakulären Landstrich namens Rheinhessen geschrieben worden ist. Dennoch wahrte der alternde Dichter Distanz zum Land seiner Herkunft. Bis 1957 behielt er seinen Hauptwohnsitz in Vermont, danach erwarb er in Saas-Fee im Schweizer Wallis ein prächtiges Bauernhaus. Dort lebte und arbeitete er, bis am 18. Jänner 1977 der Tod eintrat und den Achtzigjährigen holte.