"Während sich das Mädchen entkleidete, durchrieselte den jungen Mann das Vergnügen ihres Anblicks; er küßte ihren Mund, ihre Augen, ihren Busen; als sie ihre Arme entblößte, küßte er ihre Arme, und vor Wonne biß er leicht in die schön geschwellten Muskeln."

Sätze wie diese brachten das 1899 veröffentlichte Buch "Phantasieen eines Realisten", das eine Sammlung an Stimmungsbildern, Erlebnisskizzen und losen Gedanken enthielt, auf die Verbotsliste. Zugleich machte es den Autor Josef Popper, der unter dem Pseudonym "Lynkeus" veröffentlichte, weitaus bekannter als seine technischen Schriften.

Doch es war ein zutiefst humanistischer Gedanke, mit dem sich Popper in die Geschichte der Sozialutopien einschrieb: Er schuf ein sozialökonomisches Modell, das die Befriedigung lebensnotwendiger Bedürfnisse mit individueller Freiheit zu verbinden suchte. Dieses Konzept, das weder kommunistisch noch kapitalistisch genannt werden kann, sollte diese beiden Wirtschaftsformen in ihrer gegenseitigen Ausschließlichkeit übersteigen.

"Ich bin am 21. Februar 1838 in Kolín in Böhmen von jüdischen Eltern geboren, und im Ghetto bis zu meinem 15. Jahre aufgewachsen", schrieb Popper über seine Kindheit, die von Elend geprägt war. Sein Vater betrieb ein kleines Geschäft, das die Nahrungssorgen kaum zu lindern vermochte. Poppers Interesse galt früh schon den technischen Neuheiten: der Telegraphie, der Elektrizität und der Dampfkraft, die Lokomotiven und Maschinen antrieb.

Technische Studien

Nach seiner Ausbildung am Prager Deutschen Polytechnikum, später am Wiener Polytechnikum, fand er mangels Beziehungen und zudem als Jude keine entsprechende Anstellung als Ingenieur. Ab 1859 arbeitete er als Schreiber für die französische Staatseisenbahngesellschaft in Prag, später im Banat.

Nach längerer Krankheit wurde er in Wien heimisch, wo er sein Auskommen mit dem Verfassen von Zeitungsartikeln über technische Novitäten und als Hauslehrer bestritt. An der Wiener Universität hörte er Joseph Petzval, Andreas von Ettingshausen und Edmund Reitlinger, durch den die Freundschaft mit dem Physiker und Philosophen Ernst Mach zustande kam.

Josef Popper-Lynkeus (1838-1921). - © ullstein bild - histopics
Josef Popper-Lynkeus (1838-1921). - © ullstein bild - histopics

Im Alter von etwa dreißig Jahren konnte Popper seine technischen Kenntnisse verwerten. Eine seiner vielen Erfindungen - Einlagen für Dampfkessel, die vor rascher Verschmutzung und Kesselstein schützten - wurde in mehr als tausend Dampfkraftanlagen in Österreich und Deutschland eingesetzt. Dazu kamen erfolgreiche Versuche bei Siemens & Halske für den Antrieb von gelenkten Luftschiffen und der Entwurf einer "Kaptiv-Schraube", den markanten Teil eines Hubschraubers.

In der Abhandlung "Die physikalischen Grundsätze der elektrischen Kraftübertragung" nahm er 1884 die heute moderne Energieerzeugung vorweg: "Naturmotoren" wie Gezeiten, Winde, Sonne und Wasserfälle sollten mittels Dynamos elektrischen Strom erzeugen. Doch für solche Experimente fehlten Popper die Mittel.

So wie Popper an die Lösung technischer Fragen heranging, so auch an das Problem der "Magenfrage". Den grundlegenden Gedanken formulierte er bereits 1878 in "Das Recht zu leben und Die Pflicht zu sterben":

"Alle Menschen bilden eine Gesellschaft von solchen, die entweder faktisch Not leiden, oder die jeden Augenblick dieser Gefahr preisgegeben sind. (...) Wir wollen daher einen tiefen Schnitt machen und alles, was zur Notdurft des Lebens gehört, von allem anderen trennen; für jenes, also für das Minimum des Lebensunterhalts, organisatorisch vorsorgen, das ganze übrige unendlich verwickelte Getriebe der ökonomischen Lebensäußerungen der Menschen aber in vollster Freiheit walten lassen."

In profunder Kenntnis der damals bekannten und diskutierten Gesellschaftssysteme von Platons "Politeia" über Thomas Morus’ "Utopia" bis zu Marx und Engels kommunistischem Konzept, legte Popper 1912 sein Sozialmodell vor: "Die Allgemeine Nährpflicht als Lösung der sozialen Frage. Eingehend bearbeitet und statistisch durchgerechnet. Mit einem Nachweis der theoretischen und praktischen Wertlosigkeit der Wirtschaftslehre".

Während in der Vielzahl an Gesellschaftsmodellen jener Zeit vorgeschrieben wurde, was für die Menschen gut wäre und wie sie ihr Leben führen sollten, suchte Popper nach der Verwirklichung größtmöglicher Individualität bei gleichzeitig sicherer Versorgung mit den lebensnotwendigen Gütern, nämlich Nahrung, Wohnung, Kleidung, Bildung und medizinischer Hilfe. Dies jedoch nicht mittels stets gefährdeter Geldwerte, sondern mit den unmittelbar nötigen Lebens-Mitteln.

Wie eine "Wehrarmee", so Popper, habe eine "Nährarmee" für die Grundgüter zu sorgen. Ermöglicht werden sollte dies durch die "Nährpflicht", der verpflichtenden Teilnahme an Produktion und Verteilung der Güter etwa in der Art eines Sozialdienstes.

Unter der Annahme einer Bevölkerungszahl von rund 70 Millionen Menschen gelangte Popper zu dem Ergebnis, dass 7,25 Millionen Männer 13 Jahre und 5 Millionen Frauen 8 Jahre lang in einer "Minimuminstitution" arbeiten müssten, um das für alle Mitglieder dieses Staats- und Wirtschaftsgebildes Notwendige zu produzieren und zu verteilen, und dies bei einer täglichen Arbeitszeit von circa 7 Stunden. Die nachrückenden Jahrgänge würden diese "Nährarmee" ungeachtet der Krisen in der freien Wirtschaft am Laufen halten.

Nach dieser Dienstzeit stehe es jedem Menschen frei, sein Leben zu gestalten, wie er es für richtig halte: Er mag sich, wie seit jeher, Geld für "Luxusgüter" in der freien Wirtschaft erarbeiten, oder ohne existenzielle Not und Sorge seine eigenen Talente entfalten, oder in der Sonne liegen. Die Versorgung mit den Grundgütern in natura wäre lebenslang garantiert, ja sogar ein bescheidenes Taschengeld war vorgesehen.

Poppers realistische Argumente für seine "Nährpflicht" sind denen für das heute diskutierte bedingungslose Grundeinkommen nicht unähnlich. Beide Konzepte suchen Armut und Verelendung zu vermeiden, für beide spricht die verheißene Entfaltung jedes Menschen.

Philosophische Basis

Der ethisch relevante Unterschied zwischen "Nährpflicht" und bedingungslosem Grundeinkommen liegt nicht in den Mitteln, Naturalien beziehungsweise Geld, sondern im Aspekt der sozialen Gerechtigkeit. Indem jeder und jede eine absehbare Leistung zur Existenzsicherung aller beitragen muss, kann niemandem vorgeworfen werden, auf Kosten und zu Lasten anderer zu leben.

Aus der Zeitschrift "Allgemeine Nährpflicht" (Nr. 67, Oktober 1932). 
- © Friedrich F. Brezina

Aus der Zeitschrift "Allgemeine Nährpflicht" (Nr. 67, Oktober 1932).

- © Friedrich F. Brezina

Umfassender als in pragmatisch orientierten Sozialutopien stellt Popper sein Konzept auf eine moralphilosophische Basis. In der 1910 publizierten Schrift "Das Individuum und die Bewertung menschlicher Existenzen" werden zwei Begründungen sichtbar: einerseits eine naturalistische gemäß der gleichen Bedürftigkeit aller Menschen, anderseits eine quasi metaphysische wegen des unendlichen Wertes jedes Menschen, der unabhängig ist von seinen Akzidenzien wie Herkunft, Leistung oder Stellung. Es zähle allein die Achtung für jedes unersetzliche, einmalige Menschenleben, das sich kraft seiner Freiheit selbst bestimmen können soll, was an Immanuel Kants Begriff der Würde erinnert.

Bereits 1918 wurde der Verein "Allgemeine Nährpflicht" in Wien gegründet, um diese Idee zu verbreiten. Doch entgegen Poppers Intention traten in diesem Rahmen militante und ideologisch gefärbte Strömungen auf. Der Nährpflichtgedanke wurde vielerorts als Arbeitsdienst umgesetzt, dessen Mannschaften die Privatwirtschaft sogar als Streikbrecher unterstützen mussten. Abschreckend wirkte zudem die Erfahrung von Kriegswirtschaft, Beschlagnahme, Enteignung und Rationierung infolge des Ersten Weltkriegs. Dadurch wurden, trotz der herrschenden Not, Poppers Vorschläge unbeliebt, da für deren Umsetzung Einbußen und Enteignungen von Nahrungsmittelfabrikanten und Hauseigentümern vorgesehen waren.

Der österreichische Nationalökonom und Soziologe Otto Neurath hatte 1919 für kurze Zeit in der Bayrischen Räterepublik die Gelegenheit, eine "Vollsozialisierung" in Anlehnung an Poppers Konzept zu beginnen. Bald schon regte sich Widerstand der bürgerlichen Parteien und der Sozialisten, und nach dem Sturz der Räteregierung entging Neurath knapp der Hinrichtung.

Langsames Ende

Büste im Wiener Rathauspark, geschaffen von Hugo Taglang. 
- © I, Kierano / CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/) / via Wikimedia Commons

Büste im Wiener Rathauspark, geschaffen von Hugo Taglang.

- © I, Kierano / CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/) / via Wikimedia Commons

Es gelang dem Nährpflicht-Verein, Poppers Werk bis 1934 auf parlamentarischer Ebene zumindest in Erinnerung zu halten. Nach dem Verbot der Sozialdemokratischen Partei als eine Folge der Ermordung von Kanzler Dollfuß musste sich der Verein einschränken und wurde 1938 nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten aufgelöst. Einige Mitglieder emigrierten, viele hatten dazu keine Gelegenheit mehr. Die letzte Eintragung auf dem Meldezettel von Margit Ornstein beispielsweise, die in den Zwanzigerjahren Nachdrucke von Poppers Werken besorgt hat, lautet: "Abgemeldet: Theresienstadt".

Josef Popper-Lynkeus starb am 22. Dezember 1921 in Wien. Tags zuvor ehelichte er seine Haushälterin Anna Kranner, um ihr und deren Nichte Marie Götzy sowohl die Wohnung zu sichern wie auch Erstere als Universalerbin einzusetzen.

Wurde Josef Popper-Lynkeus am Ende seines Lebens von Albert Einstein, Ernst Mach, Sigmund Freud, Egon Friedell, Otto Neurath, Julius Ofner, Arthur Schnitzler und vielen anderen gewürdigt, erinnert heute bloß ein Denkmal im Wiener Rathauspark an seine Existenz. Von Nationalsozialisten 1938 zerstört, wurde es 1951 durch Initiative des kommunistischen Stadtrats Viktor Matejka wiedererrichtet.

Und ja, es gibt eine unscheinbare Gasse im 13. Wiener Gemeindebezirk, die nach Poppers Pseudonym, Goethes scharfsichtigem Türmer aus dem zweiten Teil von "Faust", benannt ist: Lynkeusgasse ...