Wir leben gegenwärtig in einer Epoche zunehmender Machtpolitik. Es gibt eine starke Tendenz zu einer neuen Autokratie (von griech. autos = selbst, kreitein = Macht ausüben), also zu selbsternannten Herrschern oder solchen, die ihre Herrschaft über gesetzte Grenzen hinaus ausdehnen.

Donald Trump war so ein Beispiel, und wir wissen nicht, ob er nicht noch einmal zurückkehrt. In der Türkei kürte sich Recep Tayyip Erdogan 2017 vom Staatspräsidenten zum Vorsitzenden eines Staatspräsidialsystems, und in Russland und China haben sich die Autokraten Wladimir Putin und Xi Jinping praktisch auf Dauer und Lebenszeit die Macht gesichert.

Zwei Formen

Machtergreifung und Machtsicherung erfolgen jeweils sicher sehr unterschiedlich. Aber immer ist dabei ein fundamentaler Nationalismus mit im Spiel, der zumindest zeitweilig große Teile der Bevölkerung hinter den Autokraten scharen soll. Trumps Motto "America First" entspricht ein "Turkey First" Erdogans ebenso wie ein "Russia First" Putins und Xis "China First".

Auch der Kampf um die Impfpflicht ist ein Machtkampf, wenn auch sicher nicht von der Größenordnung der Autokraten. Alles sieht danach aus, als schaukele sich dieser Kampf in den Demokratien zu einem Konflikt auf, in dem unversöhnliche Gruppen aufeinanderstoßen, woraus sich für die Demokratie eine echte Gefahr ergibt.

Doch wie lässt sich Macht definieren und welche Psychologien stehen hinter ihr?

"Macht" ist einer der schillerndsten Begriffe der deutschen Sprache. Das kleine Wort umfasst einen Spielraum von brutaler Gewalt bis zur Macht der Liebe und der Schönheit, also von extrem negativen bis hin zu extrem positiven Erfahrungen. Es gibt kaum ein anderes Wort der deutschen Sprache, das einen solchen gegensätzlichen Bedeutungsumfang hat.

Ich unterscheide daher zwei Formen der Macht: Zum einem "Macht 1", die gewaltsamen Ausprägungen der Macht, mit denen sich eine Menschengruppe A (die Machthaber) eine andere Personengruppe B dienstbar macht oder gar unterwirft.

Anders sieht es mit der "Macht 2" aus. Sie kontrolliert "Macht 1" durch friedliche Verhandlungen und Teilung der Macht, also Formen der Demokratie, wie sie die Aufklärung erfunden hat und die zur friedlichen Steuerung der Macht vor allem in Demokratien erfolgreich eingesetzt werden. Ihr Hauptmittel ist die Verteilung von Macht auf mehrere Instanzen (in der Regel Legislative, Exekutive, Judikative), deren zeitliche Begrenzung sowie Verlagerung von direkter Gewalt auf kontrollierte Formen, wie Polizeieinsätze, Verhandlungen, Verträge - also Formen der zivilen Steuerung von "Macht 1" mit dem Ziel, sie in Formen von "Macht 2" zu überführen und so zu schlichten.

Die Mammuts waren zotteliger als auf dieser Illustration von 1885, die Jagd auf sie war aber zweifellos gefährlich... 
- © John Steeple Davis / Public domain / via Wikimedia Commons

Die Mammuts waren zotteliger als auf dieser Illustration von 1885, die Jagd auf sie war aber zweifellos gefährlich...

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Auch zwischen den Geschlechtern herrscht ein Machtgefälle. Wahrscheinlich geht die urtümliche Form der Macht des Mannes über die Frau von dessen größerer Körperkraft aus; die wird der Urmann auch gebraucht haben, wenn er etwa Mammuts jagte. Auf der anderen Seite ernährte sich der frühe Homo sapiens auch durch das Sammeln von Früchten und Wurzeln, und dabei könnten die Frauen die Nasen vorne gehabt haben. Denn das Hauptmachtmittel des Menschen liegt nicht in seiner körperlichen Kraft. Das Menschsein wird bedingt durch die Sprache und den Verstand. Nicht, dass der Mensch sich Sprache und Rationalität erfunden hat: Sein Menschsein setzt vielmehr beides bereits voraus. Es ist ein Ereignis, dass sich vor vielen Jahrtausenden irgendwo in der afrikanischen Savanne vollzogen hat.

Obsolete Hierarchie

Dennoch: Von der Urzeit bis in unsere Tage gibt und gab es eine Dominanz des Mannes, die mit seiner kriegerischen Rolle in der Gesellschaft zu tun hatte, aber auch mit pseudorationalen und theologischen Argumenten untermauert wurde. So meinte Aristoteles, Frauen seien nur der Nährboden für den männlichen Samen als dem eigentlichen Logos-Träger - und damit: als der formbestimmenden Kraft. Für ihn war es daher nur konsequent, wenn auch in Politik und sonstigen Geschäften die Frauen hintanstehen mussten. Ähnlich die Religionen: Sowohl Paulus wie der Koran und auch der Hinduismus werten die Frau theologisch ab und unterstellen sie dem Manne als "Haupt" der Familie.

Eigentlich erst im 20. Jahrhundert wird diese Hierarchie zumindest teilweise gebrochen: Die säkulare Rationalität wertet die Frau nicht mehr theologisch ab, sie erkennt medizinisch die gleichwertige Rolle der Frau bei der Zeugung und auch in ihren sonstigen gesellschaftlichen Rollen an. Und die moderne Technik gleicht auch den Kraftvorteil des Mannes aus: Jede Frau kann heute jede Maschine für Kraftakte aller Art bedienen, dafür braucht es nicht mehr den Mann. Frauen dienen auch heute neben Männern in vielen Armeen der Welt.

Ära der Imperien

Die Geschichte der Menschheit ist über weiteste Strecken eine Geschichte unter der Fuchtel von "Macht 1". Man kann beobachten, wie die Kreise dieser Macht immer größer werden. Um 4.000 v. Chr. etabliert sich im Zweistromland eine neue Stadtkultur mit wehrhaften Mauern, einer Differenzierung der sozialen Rollen und Berufsfelder, der Erfindung der Schrift, der Fähigkeit zum Schmelzen von Metall und dem Schmieden von Waffen. Ein Krieg um die Vorherrschaft beginnt.

Alexander der Große herrschte über ein gigantisches, aber kurzlebiges Imperium. 
- © British Museum / CC BY-SA 2.0 / https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0 / via Wikimedia Commons

Alexander der Große herrschte über ein gigantisches, aber kurzlebiges Imperium.

- © British Museum / CC BY-SA 2.0 / https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0 / via Wikimedia Commons

Aber schon im dritten Jahrtausend etabliert sich ein neuer Faktor: die Macht der Imperien. Das sind neue Formen von Großreichen, die andere Völker unterjochen, Tribut fordern und immer neue Waffentechniken entwickeln. Im Grunde reicht dieses Zeitalter der Imperien vom 3. Jahrtausend v. Chr. im Zweistromland über Persien, das Reich Alexanders des Großen, Rom, den Islam, über das Zeitalter des Kolonialismus bis in unsere Tage mit den heutigem Imperialismus Chinas, Russlands, auch der USA.

Die Geschichte der Menschheit von den neolithischen Anfängen an ist eine permanente Geschichte der Machtexpansion, der kriegerischen Hochrüstung, und nur das Volk, das dieser Entwicklung kriegerisch gewachsen war, konnte der Unterwerfung durch andere hochgerüstete Völker entgehen.

Hier kommt die erwähnte Aufklärung ins Spiel: Sie hat Techniken entwickelt, "Macht 1" einzuhegen und für friedlich geregelte Formen der Machtvergabe und Machtkontrolle zu sorgen. So geht nach Thomas Hobbes alle Macht von den Bürgern an den Staat über, der damit seinerseits die wölfischen Kriege der Menschen untereinander beendet, indem er die Sicherheit des Zusammenlebens spendet, Eigentum schützt, aber auch das alleinige Recht zur Gewaltausübung für sich beansprucht.

John Locke baut diese Theorie aus: Der Staat und seine Regierung brauchen die Zustimmung ihrer Bürger, schützen dann aber auch deren Leben, Freiheit und Eigentum. Locke unterscheidet bereits zwischen Exekutive und Legislative, einer Zweiteilung der Macht, der Montesquieu noch als Drittes die Judikative hinzufügt.

Heute strebt China am direktesten nach einem neuen Weltmachtsanspruch. Das sogenannte "Seidenstraßenprojekt" hat große Ähnlichkeit mit dem europäischen Kolonialismus vom 16. bis ins 20. Jahrhundert. Wie damals etwa das kleine Portugal auf dem Weg nach Indien militärische Standorte und Häfen einrichtete, um seine Weltmacht zu behaupten, so erobert oder kauft sich heute China Rohstoffregionen, militärische Standorte, Häfen, Umschlagplätze für die Produktion und den Absatz seiner Waren.

- © Suhrkamp
© Suhrkamp

Wenn heute ein chinesischer Soziologe wie Zhao Tingyang ein Buch veröffentlicht, in dem die Globalisierung und damit das Tianxia - die "Gemeinsamkeit der Völker unter dem Himmel" - als eine neue Form friedlicher "Inklusion" der Völker gefeiert wird, ist das einigermaßen naiv und vielleicht auch eine Schutzideologie für den chinesischen Imperialismus. Denn dieser strebt nicht nach einem harmonischen Ausgleich der Völker nach dem altchinesischen Prinzip der Tianxia, sondern nach chinesischer Vormacht über die Völker der Welt.

Schon Friedrich Nietzsche hat erkannt - Macht will immer mehr Macht: "Alles Geschehen aus Absichten ist reduzierbar auf die Absicht der Mehrung von Macht." Das wird sich auch in Zukunft nicht ändern. Auch der Mensch der Globalisierung muss mit diesem universalen Machtanspruch der Großmächte, darunter neben jenem Chinas eben auch der des Islams, Russlands und der USA, leben. Das Vernünftigste, was Europa dabei erreichen kann, ist der Versuch, durch "Macht 2" den Machtanspruch von "Macht 1" einzuhegen. Dazu kann es für Europa auch nötig sein, militärisch aufzurüsten, um nicht als zahnloser Tiger in der Weltgeschichte herumzulaufen.

Aber kommen wir zurück zur Ausgangsfrage: Warum sind Autokraten im Vormarsch? Und warum entfaltet sich bei der Impfkontroverse so ein fundamentalistischer Machtkampf?

Wenn es stimmt, dass Autokraten stets eine stark nationalistische Seite haben, so muss deren Machtaneignung und -behauptung mit jener direkt zusammenhängen. Hier hilft ein Blick auf das 19. Jahrhundert. Es war eine Zeit des übersteigerten Nationalismus. Damit konnten Klassenprobleme der Gesellschaft scheinbar überwunden und durch das Einheitskonzept einer starken Nation ersetzt werden. Deren Einwohner fühlten sich bestärkt und selbstbewusst - denn die Teilhabe an der Macht verleiht ja auch selbst schon ein Machtgefühl.

Kriege von morgen?

Das Problem bestand freilich darin, dass nicht nur ein Land, sondern alle großen Nationen einen solchen Nationalismus aufbauten, der dann beinahe zwangsläufig in den Ersten Weltkrieg führte. In der globalisierten Welt von heute ist die Gefahr wieder gestiegen, dass Weltmachtansprüche kriegsähnliche Spannungsfelder erzeugen. An den Grenzen zur Ukraine, zu Taiwan, zu Nordsyrien gibt es sie bereits.

Alles kommt darauf an, diese Konflikte in solche der "Macht 2" zu überführen. Dabei kann ein gewisses Drohpotential mit eigener Militärmacht - also "Macht 1" - nicht nur hilfreich, sondern sogar notwendig sein. Ein Problem der Stimmlosigkeit Europas im Konzert der Staaten ist ja gerade, dass es keine Militärmacht darstellt.

Xi Jinping beim "Belt and Road Forum" 2019. In der neuen Seidenstraße sehen manche einen Hebel für Chinas Imperialismus. 
- © afp / Pool / Wang Zhao

Xi Jinping beim "Belt and Road Forum" 2019. In der neuen Seidenstraße sehen manche einen Hebel für Chinas Imperialismus.

- © afp / Pool / Wang Zhao

Beim Impfproblem stoßen ebenfalls Machtblöcke aufeinander - und Werte: etwa Freiheit versus Gesundheitskontrolle. Die Forschung schätzt, dass rund 20 Prozent der westlichen Bevölkerung für Verschwörungstheorien anfällig sind, also für Abweichlermentalitäten, die sich von links wie von rechts speisen. Beide Seiten haben das Gefühl, das "Gute" auf ihrer Seite zu haben: die eine Seite den Schutz der Gemeinschaft, die andere die Behauptung von Individualität und Freiheit sowie die Abwehr einer oft nicht weiter definierten Gefahr für den eigenen Körper.

Nur Aufklärung hilft

Aus der Sicht einer demokratischen Machttheorie kann dieser Konflikt natürlich nicht gewaltsam entschieden werden, sondern nur mit Hilfe einer Staatsraison, die für Aufklärung in der Sache sorgt, also Informationen liefert in Bezug auf die Virengefahr, die Erfolge der Impfstrategie und die Gefahren, die einer Gesellschaft drohen, die sich nicht schützt. Natürlich wären auch die negativen Folgen des Impfens zu kommunizieren - soweit es sie gibt.

Bei dieser Debatte geht es auch nicht nur um vulnerable Gruppen wie ältere Menschen, sondern auch um Personen, deren ökonomische Existenz bei mangelnder Virusabwehr gefährdet oder sogar zerstört wird: Menschen, die etwa in der Hotellerie, Gastronomie oder im Kunstsektor arbeiten.

Diese Aufklärung wird aber nicht alle erreichen und überzeugen. Wenn aber nun die Freiheit der Impfgegner eine Blockade des gesamten Gesellschaftslebens zur Folge hat - und genau das ist ein durch Krankenstände erzwungener Lockdown -, wird der Freiheitsspielraum des einzelnen Widerständigen hinter das Interesse des Ganzen zurücktreten müssen. Individualismus darf nicht zum gesellschaftszerstörenden Partikularismus ausarten. Hier braucht der Staat auch den Mut, die Gesellschaft als Ganze zu schützen.