Es waren nur tausend Exemplare, die Sylvia Beach drucken ließ, die Inhaberin der Buchhandlung Shakespeare & Company in Paris - die Wirkung aber war enorm. Zwölf Jahre lang blieb das Buch wegen vermeintlicher Blasphemie und Obszönität in englischsprachigen Ländern verboten, in Joyce’ irische Heimat musste es geschmuggelt werden. Erst 1934 erschien die erste legale Ausgabe in den USA nach einem auch für andere Werke wegweisenden Gerichtsurteil. Es erklärte, der Autor müsse, seiner Erzähltechnik folgend, die Gedanken seiner Personen vollständig wiedergeben - alles andere sei künstlerisch unentschuldbar.

Bis heute bleibt "Ulysses" eine Irritation. Das Buch gilt als schwer verständlich - und das ist es; seine tausend Seiten als unlesbar - das sind sie hingegen nicht. Der Roman fordert heraus, lädt aber auch zu einem intellektuellen und sinnlichen Abenteuer ein, auf das man sich auf verschiedene Arten einlassen kann.

Bewusstseinsstrom

Jedes der 18 Buchkapitel entspricht einer Episode von Homers "Odyssee". Außerdem einem Ort, einer Stunde des Tages, einem Organ des Körpers, einer Kunst, einer Farbe, einem Symbol - und am wichtigsten: einer Erzählweise. So korrespondiert etwa Kapitel 7 mit Odysseus’ Begegnung mit Äolus, dem Gott der Winde - das Organ sind die Lungen, der Ort ist eine Zeitungsredaktion, die Kunst die Rhetorik, das Symbol der Redakteur, die Farbe Rot. Die Sprache ist von Journalismus und Werbung inspiriert.

Erstausgabe (1922). - © gemeinfrei
Erstausgabe (1922). - © gemeinfrei

In Kapitel 14 - Ort: Geburtsklinik, Organ: Unterleib bzw. Uterus, Kunst: Medizin, Farbe: Weiß - vollzieht der Text die embryonale Entwicklung der englischen Sprache nach: ein Meisterstück auch in Hans Wollschlägers Übersetzung, angelehnt ans Mittelhochdeutsche, dann die Sprache zur Zeit Luthers, des Barock, über die Romantik des 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart.

Nicht als erster Roman verwendet "Ulysses" die Technik des Bewusstseinsstroms, aber konsequent und ausgeprägt, gipfelnd im berühmten letzten Kapitel ("Penelope"), dem frei assoziierenden Monolog von Molly Bloom ohne Punkt und Komma über 75 Seiten.

James Joyce verlegt die Handlung von Homers "Odyssee" in die moderne Großstadt und verdichtet sie auf einen gewöhnlichen Tag, den 16. Juni 1904. Wie das antike Epos beschreibt der Roman die Routen seiner Hauptfiguren, verknüpft Orte und Wege in und um Joyces Heimatstadt Dublin. Bei gutem Wetter sind es schöne Spaziergänge: Der Handlung folgt man zunächst ins Hafenstädtchen Dun Laoghaire, eine Zugviertelstunde in Richtung Süden. Auf der Landzunge Sandycove Point steht der heutige James Joyce Tower, ein Bollwerk aus der Zeit der Napoleonischen Kriege und seit 60 Jahren ein Museum für den Autor. Hier hatte der junge Joyce vorübergehend genächtigt, hier lässt er den Roman und den Tag beginnen.

Rekonstruiertes Wohn- und Schlafzimmer im ehemaligen Martello Tower, Sandycove, heute James Joyce Tower & Museum. 
- © CC BY-SA 3.0 DE, via Wikimedia Commons

Rekonstruiertes Wohn- und Schlafzimmer im ehemaligen Martello Tower, Sandycove, heute James Joyce Tower & Museum.

- © CC BY-SA 3.0 DE, via Wikimedia Commons

Viele Schauplätze folgen im Lauf des Tages: einfache Wohnviertel und die noble Grafton Street, Pubs und Restaurants, ein Postamt und Zeitungsredaktionen, Brücken und Bahnhöfe, ein Friedhof, Kirchen und Kais, die heutige Nationalbibliothek und die Universität Trinity College. Dublin, auf den Spuren von "Ulysses" begangen, ist nicht überall malerisch. An der Windmill Lane zierten bis vor ein paar Jahren farbenfrohe Graffiti die Wand der Studios, wo Van Morrison, U2 oder Sinéad O’Connor aufgenommen haben. 2015 wurden sie abgerissen.

In der Talbot Street erinnert ein Mahnmal an die Toten der Anschläge der IRA im Mai 1974. Gleich daneben ließ James Joyce das längste Buchkapitel spielen, "Circe", in einem Bordell des berüchtigten Rotlichtviertels Monto. Heute sind hier Wettbüros, Handyshops, Waschsalons, Läden für Body-Piercing, billige Absteigen. Ausgerechnet hier - eine subtile Rache am lange verfemten Autor? - hat man eine wenig imposante Straße nach James Joyce benannt.

Das detailgetreue Inventar der Stadt in "Ulysses" verdankt sich gewaltiger Erinnerungsarbeit. Die Idee entstand in Rom, der Text selbst in Triest, Zürich und zuletzt in Paris. Der Autor benutzte Stadtpläne und Adressverzeichnisse, fragte Bekannte in Dublin, bat sogar nachzusehen, welche Bäume an bestimmten Stellen wuchsen.

Unschöne Kindheit

Die Autorin Vivien Igoe beschreibt in ihrem Buch "James Joyce’s Dublin Houses" die Orte seiner Biografie. Sie waren zahlreich, die Erinnerungen unschön. Der Vater war alkoholkrank und verschuldet, die Familie mit zehn Kindern zog mehrmals um und zerfiel zunehmend. Nachdem Joyce seine spätere Frau Nora Barnacle kennengelernt hatte und am 16. Juni 1904 - ja, genau - zum ersten Mal mit ihr ausgegangen war, verließ sie mit ihm (unverheiratet und ohne Wissen seiner Familie) im Oktober 1904 Irland für immer.

Es liegt nahe, die Themen von Joyces Leben in seinem Opus magnum zu sehen. Die ständigen Ortswechsel von James und Nora (erst nach 27 Jahren sollten sie heiraten), sein mühsames Durchschlagen von Job zu Job, das alles entspricht der Heimatlosigkeit des Odysseus, lateinisch Ulysses.

"Ulysses" folgt dem Aufbau bei Homer, der zunächst nicht Odysseus in den Mittelpunkt stellt, sondern dessen Sohn Telemachos. Joyce beginnt mit seinem literarischem Alter Ego, dem jungen Lehrer (wie der Autor es war) Stephen Dedalus. Joyce wie Dedalus sind Außenseiter - in einer Runde gefühlloser Freunde, im erstickenden geistigen Klima Irlands.

Dedalus verlässt sein provisorisches Zuhause im Turm - wie Telemachos sich im Mythos auf den Weg macht, Odysseus zu suchen. Erst viele hundert Buchseiten später wird Dedalus in Leopold Bloom einer (Ersatz-)Vaterfigur begegnen; davor kreuzen er und sein leiblicher Vater mehrmals die Wege, ohne dass sie einander erkennen.

Joyce-Statue in der O'Connell Street in Dublin. 
- © Rodhullandemu, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Joyce-Statue in der O'Connell Street in Dublin.

- © Rodhullandemu, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Vor dem vorläufigen Abschied von Dedalus muss man seinen Spaziergang an der Küste und den ersten längeren Stream of Consciousness durchstehen. Raum und Zeit, die Modalitäten des Sicht- und Hörbaren; Tod und Vergänglichkeit - was der Bewusstseinsstrom anschwemmt, vermischt sich mit dem Treibgut am Strand: Seetang, knirschende Muscheln, quietschender Kies, ein Hundekadaver. Eine Stelle, an der viele entnervt die Lektüre aufgeben. Ein Fehler - denn mit dem nächsten Kapitel betritt der Hauptdarsteller die Bühne.

"Mr. Leopold Bloom aß mit Vorliebe die inneren Organe von Vieh und Geflügel. Er liebte dicke Gänsekleinsuppen, leckere Muskelmägen, gespicktes Bratherz, panierte kross geröstete Leberschnitten, gerösteten Dorschrogen. Am allerliebsten hatte er gegrillte Hammelnieren, die seinem Gaumen einen feinen Beigeschmack schwachduftigen Urins vermittelten."

Bloom ist die ganz und gar nicht zerebrale Hauptfigur des Romans. Ein Protagonist zum Angreifen, Lebemann, von Beruf Anzeigenmakler. Seiner Frau Marion (Molly) liebevoll zugetan, aber nicht abgeneigt, von anderen Quellen zu trinken; so wird es beiderseits gehalten. Bloom ist oder war Jude, für die Heirat konvertiert und so oder so nicht allzu gläubig - doch seine Perspektive eines Außenstehenden ermöglicht den ironisch-sarkastischen Blick auf eine streng katholische Gesellschaft und bestimmte Ausprägungen von Irishness.

Wie in der Begegnung mit dem "Citizen" - einem Wutbürger der vorletzten Jahrhundertwende, Nationalist und Antisemit. "Ihr Gott war Jude", entgegnet ihm Bloom inmitten einer feucht-erhitzten Pub-Diskussion, "Christus war Jude wie ich." Der Bürger, zornentbrannt, will sich auf Bloom stürzen, läuft ihm nach, wirft nach ihm - aber verfehlt ihn, geblendet vom plötzlichen Sonnenlicht im Freien. Der blinde Kyklop verpasst sein Ziel. Benannt nach dem liebenswert-schlitzohrig-menschlichen (Anti-)Helden, wird in Dublin und weltweit alljährlich der 16. Juni als Bloomsday gefeiert, werden Lesungen veranstaltet und Szenen aus dem Roman nachgespielt - welch anderem Roman wird solche Ehre zuteil?

Ein Vorbild für Bloom war Ettore Schmitz, Schriftsteller aus deutsch-jüdischer Familie, der in Triest zu James Joyces Freunden zählte. Unter dem Namen Italo Svevo veröffentlichte er, ein Jahr nach "Ulysses", den Roman "Zeno Cosini", einen bedeutenden italienischen Beitrag zur literarischen Moderne. Joyces Aufenthalte in Triest zwischen 1904 und 1920 haben "Ulysses" geprägt, zeigt der Joyce-Forscher John McCourt in der exzellenten Studie "The Years of Bloom".

Statue von Italo Svevo in Triest. 
- © Kaethe17, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Statue von Italo Svevo in Triest.

- © Kaethe17, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Joyce erlebte den k.u.k. Vielvölkerstaat und den Kampf der italienischen Irredentisten für die Unabhängigkeit von Österreich und gegen die multiethnische Gesellschaft der Donaumonarchie; das beeinflusste Joyces differenzierte Auseinandersetzung mit der irischen Nationalbewegung. Just 1922, im Erscheinungsjahr des "Ulysses", erlangte Irland die Unabhängigkeit vom Vereinigten Königreich. Interessiert verfolgte er die Veröffentlichungen italienischer sozialistischer Intellektueller. Sozialkritik, die scharfen Gegensätze und das Schicksal des Subproletariats von Dublin sind keine Hauptthemen in "Ulysses", aber präsent unter anderem in der Gestalt hungernder Straßenkinder, elender Bettler, Krüppel und Obdachloser.

Der literarische, historische, philosophische Hintergrund des "Ulysses", rund drei Jahrtausende Geistesgeschichte, ist inzwischen Gegenstand vieler gelehrter Kommentare. Annotierte Ausgaben helfen heutigen Leserinnen und Lesern, die schier unzähligen Namen und Anspielungen zu verstehen, die expliziten wie versteckten Zitate; solche Erklärungen sind unverzichtbare Wegweiser für alle, die später und nicht in Irland geboren sind - und weniger humanistisch gebildet, als man zur Zeit des Autors und als er selbst es war.

Man kann den Roman allerdings auch ganz anders lesen, unbelehrt und hedonistisch - und das am besten laut. Joyce war hoch musikalisch, sein Text ist es ebenfalls, reich an Rhythmen und Melodien, voll prägnanter Klänge. Er zieht alle Sprachregister, schöpft tief aus dem historischen Wortschatz, kreiert neue Wörter.

Wie beim Hören von Musik erschließt sich der Witz nicht (nur) durch Wissen, sondern durch das Erlebnis. Die Leserin, der Leser gestaltet den Text - das gilt für "Ulysses" womöglich noch mehr als allgemein. Man darf sich beim Lesen wohl so viele Freiheiten nehmen, wie der Autor es beim Verfassen tat, nach Lust und Laune diesem oder jenem nachgehen. Sich wundern, ärgern, lachen, grübeln, über manche Absurdität und die Phantasie des Autors staunen. Nur entgehen lassen sollte man sich "Ulysses" nicht.