"Closed", sagt der Mann in grüner Uniform. Sein dunkelblauer Polizei-SUV steht im Schatten der Palmen im Sand neben der Straße, das rot-blaue Signallicht blinkt ganztägig, auch wenn der Kollege am Beifahrersitz hinter den verdunkelten Scheiben lediglich Musik-Videos auf seinem Handy ansieht und keine unmittelbare Bedrohung ersichtlich ist. Von einem Pulk japanischer Touristen abgesehen, die bereits zwanzig Minuten Selfie-Posen vor dem Elefantenfelsen machen, einer fantastisch erodierten Gesteinsformation bei AlUla, den auch ein Palmwedelzaun nicht vor unerlaubten Blicken außerhalb der Betriebszeiten schützen kann.

Tourismus seit 2019

"Welcome", sagt er noch und lässt auf Google Translator die Öffnungszeiten übersetzen, denn Visitor Center oder gar eine Beschilderung gibt es nicht einmal auf Arabisch: AlUla liegt an der Weihrauchstraße im Norden des Landes und ist das erste Unesco-Weltkulturerbe Saudi-Arabiens - mittlerweile sind alle Sights blickdicht eingezäunt und nur mehr mittels online gebuchter Touren zugänglich, die oft über Wochen ausgebucht sind.

Geschlossen: Das gilt aktuell für fast alle Sehenswürdigkeiten, die Saudi-Arabien auf seiner Website farbenfroh anpreist. Der angeblich weltgrößte Kamelmarkt der Hauptstadt Riad? Kennt niemand. Der historische Hejaz-Bahnhof von Tabuk? Mittlerweile Sitz des Ministeriums für Altertümer, im Umbau. Das Stadtmuseum von Ta’if? Eine bröckelnde Palastruine, davor ein sehr alter Überlandbus mit der Aufschrift "Willkommen Mainz" und sehr wenig Luft im Vorderreifen.

Dabei ist www.visitsaudi.com hochprofessionell konzipiert und eine der wenigen Informationsquellen im größten Land der Arabischen Halbinsel, das seine Grenzen für internationalen Tourismus erst 2019 geöffnet hat, Individualreisen toleriert und Weltoffenheit suggerieren will.

Eine geschlossene Gesellschaft ist das Land geblieben, geprägt vom wahhabitischen Islam (eine puristisch-traditionalistische Richtung des neuzeitlichen sunnitischen Islams), dem 73 Prozent der Bevölkerung angehören, dazu kommen andere Sunniten und rund zehn Prozent Schiiten, denen von zahlreichen saudischen Theologen die muslimische Identität abgesprochen wird.

Die Bildschirme in der Saudia Airlines zeigen die Position von Mekka, der Countdown bis zum nächsten Gebet läuft auf die Sekunde präzise. Und Mohammeds Reisegebet ertönt, jedes Mal bei Betätigung der Zündung des saudischen Leihautos, aus dem Autoradio: Allahu akbar. Erst danach funktioniert Radio SR, der einzig verfügbare englischsprachige Sender, mit einem Mix aus Teenie-Lebensberatung und Aufrufen zu Miteinander und Solidarität, unerwartet unterbrochen von beat- und bass-übersteuertem Liedgut: "Give me my mistress tonight", heißt es da und ist wohl auch so gemeint.

Aufstrebendes Königtum: Kingdom Tower in Riad, 303 Meter hoch, 99 Stockwerke. - © Spreitzhofer
Aufstrebendes Königtum: Kingdom Tower in Riad, 303 Meter hoch, 99 Stockwerke. - © Spreitzhofer

Das saudische Königshaus fürchtet wenig mehr als einen religiösen Umsturz Marke Iran oder Afghanistan. Die allzu strenge Auslegung des Islam könnte Terrorzellen aufkeimen lassen. Also ein wenig kontrollierte Öffnung, aber nicht zu viel, so lautete wohl die Devise der absolutistischen Herrscherfamilie, für die Stockhiebe und öffentliche Enthauptungen weiter zum Alltagsgeschäft gehören - auch wenn am Deera-Platz von Riad, besser bekannt als "Chop Chop Square", mittlerweile fabelhafte Sound & Light Shows vergessen lassen, was da sonst passiert. Ohne Tawakkalna, der nationalen digitalen Covid-App, ist der Zutritt jedenfalls verwehrt, egal zu welcher Veranstaltung.

90 Prozent Araber

Saudi-Arabien hat heute eine Bevölkerungszahl von rund 34 Millionen, zehnmal mehr als 1950. Etwa ein Zehntel der Einwohner sind immer noch Nomaden oder Halbnomaden, die sich hunderten Stämmen zugehörig fühlen und, ganz ohne Covid-App, ihr Leben mit Ziegen und Kamelen in menschenleeren Wüsten und Gebirgen meistern. 90 Prozent der Bevölkerung sind arabischer Abstammung, entweder einheimische Saudis oder Menschen aus dem arabischen Raum, die klimabedingt vor allem in Städten und einigen wenigen Oasen wie Al-Ahsa leben, ein Ballungsraum an der Ostküste mit knapp einer Million Einwohnern. Die restlichen zehn Prozent sind zum größten Teil männlich, afrikanischer oder asiatischer Abstammung und meist als Gastarbeiter tätig, woraus sich ein enormer Männerüberschuss ergibt.

Etwa zwei Drittel der bloß fünf Millionen werktätigen Saudis arbeiten im öffentlichen Dienst. Eine Quotenregelung ("Saudisation") soll helfen, den Anteil Einheimischer im Privatsektor zu erhöhen - so wird zum Beispiel für die Bauwirtschaft eine Quote von fünf bis sieben Prozent, im Einzelhandel bis zu 25 Prozent angestrebt, Erfolgsaussicht ungewiss.

Rund die Hälfte der über 22 Millionen Einheimischen ist jünger als 30 Jahre. Für sie werden zwar Kunstrasensportplätze und Kinderspielplätze im staubigen Nichts errichtet, bloß ist dort nie jemand zu sehen, von ein paar kühlen Stunden an Wochenenden abgesehen. Ohne neue, mehrspurige Radwege kann das urbane Arabien nicht zukunftsfit werden, lautet offenbar das entwicklungspolitische Credo. Bloß das Interesse am Radverleih (rosa Damenräder mit Stützrädern hinten) ist derzeit überschaubar.

Snack-Stand in AlUla.
- © Spreitzhofer

Snack-Stand in AlUla. - © Spreitzhofer

All das hat Folgen: Zwei Drittel der erwachsenen Bevölkerung ist übergewichtig, mehr als die Hälfte davon adipös - zumindest hier ist Saudi-Arabien unter den globalen Spitzenreitern. Das Königreich Saudi-Arabien, das gerne als KSA bezeichnet wird, ist seinem Vorbild USA vielfach ähnlicher als gewünscht, von Fastfoodketten, Super-Highways bis zu Niedrigst-Benzinpreisen.

"Vision 2030"

Saudische Könige sind zugleich Premierminister, Oberbefehlshaber der Truppen und Hüter der Heiligen Stätten. Das Gesicht der neuen Zeit ist Kronprinz Mohammed bin Salman, oft nur kurz MbS genannt - de facto ist er an der Macht, da die Amtsfähigkeit seines Vaters, König Salman ibn Abd al-Aziz Al Saud (*1935), durch Schlaganfälle und eine mögliche Alzheimer-Erkrankung eingeschränkt und umstritten ist.

Königsdreifaltigkeit: oben: König Abdullaziz bin Saud (verstorben 2015); r.u. König Salman ibn Abd al-Aziz (seit 2015 König); l.u: Mohammed bin Salman (Kronprinz). 

- © Spreitzhofer

Königsdreifaltigkeit: oben: König Abdullaziz bin Saud (verstorben 2015); r.u. König Salman ibn Abd al-Aziz (seit 2015 König); l.u: Mohammed bin Salman (Kronprinz).

- © Spreitzhofer

2016 unter viel Beifall der Weltöffentlichkeit implementiert, zielt die Zukunftsstrategie "Vision 2030" vorrangig auf die Verringerung der Abhängigkeit von Öl- exporten - durch Diversifizierung der Wirtschaft, verstärkte Investitionen im öffentlichen Sektor und Ausbau des Tourismus, garniert mit einem Schuss gesellschaftlicher Transformation in Sachen Frauenrechte. Die Ermordung des regierungskritischen Journalisten Jamal Ahmad Khashoggi 2018 beendete die kurze globale Euphorie von JP Morgan bis Google und bewirkte einen Ausstieg zahlreicher renommierter Investorengruppen aus Geschäften mit Saudi-Ara-bien: Auch weit gediehene Mega-Tourismusprojekte an der jordanischen Grenze von Richard Branson, dem schillernden britischen Businessman, waren plötzlich nicht mehr spruchreif.

2022 beruhen immer noch 75 Prozent des Staatsbudgets des Landes auf Öleinnahmen. Eine Imagekorrektur wäre dringend erforderlich, mit Vorbildern in der arabischen Nachbarschaft: Sport-Sponsoring und touristische Protzprojekte der benachbarten Golfstaaten Dubai oder Qatar dienen offenbar als Vorbild für ein Land, das seit Jahrhunderten bloß Erfahrung mit jährlich Millionen von Pilgern nach Mekka und Medina hat, die längst über vielspurige Autobahnen und mit Hilfe von Hochgeschwindigkeitszügen zu den religiösen Stätten gebracht werden. Saudi-Arabien empfing 2020, trotz Pandemie, 20 Millionen Gäste und erwirtschaftete 2019 allein im Tourismus-Sektor knapp 18 Milliarden Euro: Dies entspricht 2,9 Prozent des Bruttoinlandsproduktes und etwa 11 Prozent aller internationalen Tourismuseinnahmen in Vorderasien.

Besucher kommen immer schon vor allem über Jeddah (= Dschidda), die 5-Millionen-Metropole am Roten Meer und längst das 24h-Gateway nach Saudi-Arabien. Dass die Bankomaten spätestens vor Mitternacht wegen Überlastung keine Rials mehr ausgeben und konventionelle Wechselstuben rar sind, macht den Einstieg ins Land für viele nicht einfacher. Modernität und Fortschritt sind angesagt, und hohes Tempo - zumindest anlässlich des Formel-1-Grand-Prix von Jeddah im Dezember 2021, "dem schnellsten Stadtrennen der Welt", wie allseits bescheiden plakatiert wird, was im durchgehenden Stau an den Stadteinfahrten unübersehbar bleibt. 2023 soll ein neuer Kurs in Al Qiddiya, einem neuen Mega-Event-Park (334 km2) bei Riad zur Verfügung stehen, für die der frühere österreichische F1-Pilot Alexander Wurz Track Designer und deshalb Ehrengast des Königshauses ist.

Dass für die einmalige Rennveranstaltung ganze Stadtviertel dem Erdboden gleichgemacht wurden, bleibt im Hintergrund. Und dass Gastarbeiter aus Indien und Pakistan die letzten Asphaltierungsarbeiten erst zwei Tage vor Trainingsbeginn abschließen konnten, ist kein Zufall. Ein Drittel der Bevölkerung im Land, über elf Millionen Menschen, sind legale Arbeitskräfte aus dem Ausland, ohne die die neue Moderne nicht inszenierbar wäre. Pittoresk-morbide Altstadtkerne, unklimatisierte Souks und orientalisches Gassengewirr passen da nicht mehr so recht dazu.

Und so wird der denkmalgeschützte Stadtkern von Downtown Jeddah behübscht und zur sterilen Kulisse für Fine Dining und Upperclass Shopping modelliert. Zwischen den Küstenorten Thuwal und Al Lith werden gigantische Promenaden gepflastert und Palmen gesetzt, dazu Parkplätze für Zehntausende asphaltiert - doch mehrsprachige Schilder (Inhalt: "Baden verboten, Information bei Innenministerium und Küstenwache") machen viele designierte neue Beach Resorts am Roten Meer nicht attraktiver. Dort gehen selbst Männer weiterhin mit T-Shirt ins Wasser, Frauen sind von Badefreuden gesellschaftlich ohnedies ausgeschlossen, und Polizeipatrouillen mit Fernglas kontrollieren Zucht und Ordnung.

Strandspaziergang am Persischen Golf . . . . - © Spreitzhofer
Strandspaziergang am Persischen Golf . . . . - © Spreitzhofer

Majed AlGhanim, Geschäftsführer für Tourismus und Lebensqualität bei der KSA General Investment Authority, ist jedenfalls zuversichtlich: "Wir haben tausende historische Stätten, fünf Unesco-Welterbestätten und zahlreiche Pläne für viele zukünftige Entwicklungsprojekte. Wir glauben, dass 2030 nur der Anfang ist." Berater dürfen nicht fehlen, wenn viel Geld im Spiel ist, aber Know-how fehlt.

"Die Resonanz im internationalen und im Inlandstourismus ist bisher durchaus positiv", sagt Marcel Stephan, Berater für Besuchererfahrung bei der saudi-arabischen Tourismusbehörde. Über 50 Prozent der Besucher würden Saudi-Arabien nach ihrer Reise Freunden und Familie empfehlen. "Unsere Gastfreundschaft ist das wichtigste Unterscheidungsmerkmal", sagt Stephan. "Wir nennen es Hafawah, und es basiert auf Kompetenz, Großzügigkeit und Sorgfalt." Hehre Worte, fürwahr.

Sehr weit kann Herr Stephan im Land nicht herumgekommen sein, zumindest nicht auf eigene Faust und ohne Entourage. Kompetenz? Da adäquate touristische Reiseliteratur und Kartenmaterial bis heute fehlen, wird auf Apps verwiesen, die leider selten funktionieren. Tourist Offices mit Beratungswillen? Fehlanzeige. Großzügigkeit? Ja, vor allem beim Preisniveau von Quartieren indiskutabler Qualität. Und über Sorgfalt lässt sich streiten, wenn schriftlich fixierte Hotelreservierungen bei der Ankunft mit einem strahlend-freundlichen "So sorry" einfach gecancelt sind.

Konzerte & Sport-Events

2016 wurde die königliche Unterhaltungsbehörde per Dekret ins Leben gerufen und mit einem Budget von über zwei Milliarden US-Dollar ausgestattet. Live-Konzerte und Showveranstaltungen mit internationalen Topstars kosten jedenfalls Geld - amerikanische Countrymusiker wie Toby Keith sind genauso gern gesehene (und wohl honorierte) Gäste wie Justin Bieber und DJ David Guetta, die zuletzt in Jeddah im F1-Rahmenprogramm auftraten.

2019 verzeichnete das MDL Beast Music Festival in Riad 200.000 Besucher, die Acts wie JBalvin, Monsta X oder R3hab bejubelten. Im gleichen Jahr lief Cristiano Ronaldo im Juve-Trikot in Jeddah auf: Saudi-Arabien hatte sich die Veranstaltung des italienischen Supercups gesichert und das Event 21 Mio. Euro kosten lassen - Frauen durften erstmals ins Stadion, wenn auch in Begleitung und im Familiensektor. Um 120 Mio. Euro (für drei Jahre) wird seit 2020 auch der spanische Supercup in Jeddah ausgetragen, unter der Bedingung, dass Frauen Gratiseintritt in die Stadien haben: Fußball und Big Business, politisch korrekt, mit gutem Gewissen, wie schön.

2019 fand das erste Turnier der European Golf Tour in Saudi-Arabien statt, und seit 2018 ist auch ein Zehn-Jahres-Vertrag mit World Wrestling Entertainment (WWE) unter Dach und Fach. Die traditionsreiche Rallye Dakar läuft von 2020 bis 2024 im Land, was sich die zuständige Agentur Amaury Sport mit 80 Millionen Euro versilbern ließ: Mit Mashael Al-Obaidan und Dania Akeel sitzen heuer erstmals zwei Frauen aus Saudi-Arabien hinter dem Steuer eines Rennautos. Dazu kommen Box-WM-Kämpfe ("Clash of the Dunes") und Tennisturniere mit internationaler Top-Beteiligung.

Dass eine Bewerbung für die Fußball-WM 2030 im Raum steht, ist ein offenes Geheimnis, sogar ein Frauen-Nationalteam unter Leitung der deutschen Trainerin Monika Staab ist im Aufbau: "Da sind sehr viele Hürden zu überwinden, aber ich glaube, sie meinen es ernst", zeigt sie sich kürzlich im Deutschlandfunk zuversichtlich.

Theorie & Wirklichkeit

Das Reformtempo, was gesellschaftliche Rechte und die Integration von Frauen angeht, scheint jedenfalls schwindelerregend: Seit 2018 dürfen Frauen alleine Auto fahren und auch alleine wohnen. Sie dürfen Hollywood- Filme in Kino ansehen, Sport betreiben und Sportveranstaltungen besuchen. Sie müssen auch nicht mehr verschleiert sein. Die berüchtigten Straßenpatrouillen der Islampolizei sind abgeschafft, stattdessen wurde ein Anti-Belästigungsgesetz eingeführt, das offenbar rigide umgesetzt wird. Es gibt eine verpflichtende Frauenquote von 30 Prozent in saudischen Unternehmen.

Doch Theorie und Wirklichkeit sind zwei Paar Schuhe - aus Sicht der älteren Generation gilt eine alleinstehende Frau in Saudi-Arabien nach wie vor als schandhaft. Die überwältigende Mehrheit trägt weiter Hijab oder Niqab, bummelt aber mittlerweile ohne männliche Begleitung durch Shopping-Center oder macht Abend-Picknick an der Corniche von Jeddah, im Neon-Licht der 312 Meter hohen König-Fahd-Fontäne, des höchsten Springbrunnens der Welt.

Zugleich wurden 2019 vom Innenministerium Apps wie Absher entwickelt, die ein männliches Überwachungssystem ermöglichen - inklusive Alarm, wenn Frauen versuchen, ihre Reisepässe zum Grenzübertritt zu benutzen. Zahlreiche Aktivistinnen wie Loujain al-Hathloul, die unter anderem für Menschenrechte und Frauenpartizipation kämpfen, landen wegen angeblicher Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Änderung des politischen Systems nach wie vor im Gefängnis oder bekommen lebenslanges Ausreiseverbot. "Die Regierung hat Meinungsfreiheit versprochen. Aber die gibt es nicht. Wir werden nach wie vor für völlig normale und vernünftige Äußerungen ins Gefängnis gesteckt", sagt Loujain al-Hathloul. Ob sie für die beiden Uniformierten im dunkelblauen SUV auch so "welcome" ist wie neugierige Touristen, darf bezweifelt werden.