"Jede bedeutende geistige Richtung hat ihre hervorragenden führenden Charaktere, ein solcher war Friedrich Schlegel", schrieb der Dichter Joseph von Eichendorff. Als Programmatiker der Frühromantik verfasste Schlegel verschiedene Essays über die Aufgabe der zeitgenössischen Literatur, als Autor schrieb er den experimentellen Roman "Lucinde", philosophisch knüpfte er an den Reflexionen von Immanuel Kant und Johann Gottlieb Fichte an und unterzog sie einer gründlichen Revision.

In seinen Schriften präsentierte sich Schlegel auch als ironischer Dekonstruktivist, der vermeintliche ideologische, philosophische oder religiöse Gewissheiten radikal in Frage stellte. Er lehnte Letztbegründungen und Totalitätsbestrebungen ab und bevorzugte das Fragmentarische, Unabgeschlossene. Der Preis dafür war die Unübersichtlichkeit seiner Werke, in denen sich Paradoxien und Widersprüche finden. Schlegel bemühte sich nicht um ein in sich geschlossenes Werk, sondern bevorzugte ein Denken im Fluss, das er für Korrekturen und Neupositionierungen offenhielt. Sein Leben, das einen Hang zur Hochgeschwindigkeit entfaltete, durchlief zahlreiche Phasen: Er begann als avantgardistischer Theoretiker und Schriftsteller und endete als Apologet des Katholizismus und der konservativ-reaktionären Politik der Habsburgermonarchie.

Unsteter Lebenswandel

Friedrich Schlegel wurde am 10. März 1772 als Sohn einer protestantischen Pastoren- und Gelehrtenfamilie in Hannover geboren. In seiner Jugend galt er als schwer erziehbar. Eine Banklehre brach er ab; stattdessen erwarb er sich in kürzester Zeit profunde Kenntnisse der klassischen Altertumswissenschaften, holte im Selbststudium die Gymnasialausbildung nach und begann ein Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Göttingen. Sein um vier Jahre älterer Bruder August Wilhelm wurde sein Mentor und unterstützte den Jüngeren zeit seines Lebens. Danach setzte sich Schlegels unsteter Lebenswandel fort: Er studierte Philosophie und Geschichte in Leipzig, brach das Studium ab, zog nach Dresden, wo er Privatstudien zur griechischen Literatur- und Kunstgeschichte betrieb. Danach verbrachte er ein Jahr in Jena, wo er den Philosophen Johann Gottlieb Fichte kontaktierte, sich mit seinen philosophischen Reflexionen auseinandersetzte und sie erweiterte.

Fichte war in seiner "Wissenschaftslehre" von dem "reinen Ich" ausgegangen, das sich von der "niederen" menschlichen Sinnlichkeit ablöst. Dieser These konnte Schlegel wenig abgewinnen; sie war ihm zu einförmig. Er ergänzte die Bewusstseinstheorie Fichtes durch die Elemente Liebe, Sexualität, Geselligkeit, Bildung, Witz und Ironie. Eine besondere Freundschaft verband Schlegel mit dem Dichter und Philosophen Novalis, der mit dem Symbol der "blauen Blume" das Emblem der frühromantischen Bewegung schuf.

Bereits ein Jahr später erfolgte der Umzug nach Berlin, wo Schlegels fulminante Karriere als Stardenker der literarischen Szene der Stadt begann. In den Salons lernte er Rahel Varnhagen von Ense, Ludwig Tieck und Dorothea Veit - die Tochter des jüdischen Philosophen Moses Mendelssohn - kennen, mit der er zusammenlebte und die er später heiratete. 1797 erfolgte die Publikation der Abhandlung "Über das Studium der griechischen Poesie", die große Beachtung in Fachkreisen und in der literarisch interessierten Öffentlichkeit fand.

Schlegels intensives Studium der griechischen Literatur und Kunst führte ihn zu der Einsicht, dass deren normative Ideale der Schönheit und der Objektivität - "die harmonische Verkündigung einer schönen geordneten Welt" - nicht länger aufrechtzuerhalten seien. Vielmehr sollte eine zeitgemäße Ästhetik die "wundervollen Chaos-Geburten des Charakteristischen, Individuellen und Interessanten" hervorbringen, die ständig im Fluss seien und nur in unendlichen Annäherungen umkreist werden könnten.

In der 1798 gegründeten Zeitschrift "Athenaeum", die als das bedeutendste literarische Manifest der frühromanischen Bewegung angesehen werden kann, präzisierten die Brüder Schlegel gemeinsam mit Novalis, Ludwig Tieck und Friedrich Schleiermacher diese avantgardistische Programmatik, die sie als "progressive Universalpoesie" bezeichneten: Sie sollte nicht nur Poesie und Philosophie vereinen, sondern "auch Poesie und Prosa, Genialität und Kritik, Kunstpoesie, und Naturpoesie bald mischen, bald verschmelzen, die Poesie lebendig und gesellig, und das Leben und die Gesellschaft poetisch machen".

Schlegels literaturtheoretische Ausführungen über die "progressive Universalpoesie" mündeten in das Roman-Fragment "Lucinde", das er 1799 veröffentlichte. Schlegel ging es in dem Werk um die Aufwertung der körperlich-sinnlichen Liebe, die mit der geistig-seelischen Liebe eine Einheit bilden sollte. Der unvollendete Roman wurde von einem Teil des Lesepublikums und der Literaturkritik als skandalös empfunden, weil Schlegel es sich herausgenommen hatte, persönliche Erfahrungen in das Werk einfließen zu lassen.

Vorwurf der Obszönität

Die Gestalten des Romans weisen deutliche Ähnlichkeiten mit ihm und seiner Frau Dorothea auf. Besonderes Aufsehen rief das Roman-Fragment hervor, weil der Autor es gewagt hatte, in dem Kapitel "Dithyrambische Phantasie über die schönste Situation" sexuelle Erfahrungen zu thematisieren. Der Vorwurf der Obszönität - der beliebte Topos reaktionärer Kritiker, der später gegen Gustave Flauberts Roman "Madame Bovary" und Charles Baudelaires Gedichtzyklus "Die Blumen des Bösen" erhoben wurde - ließ nicht lange auf sich warten.

Büsten von Friedrich Schlegel und seinem Bruder August Wilhelm sowie dessen Ehefrau Caroline (v.r.n.l.) vor dem Romantikerhaus in Jena. 
- © Tomukas - Thomas Holbach, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Büsten von Friedrich Schlegel und seinem Bruder August Wilhelm sowie dessen Ehefrau Caroline (v.r.n.l.) vor dem Romantikerhaus in Jena.

- © Tomukas - Thomas Holbach, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

1799 erfolgte ein neuerlicher Umzug Schlegels nach Jena, wo er mit Dorothea Veit, seinem Bruder August Wilhelm und dessen Ehefrau Caroline eine Wohngemeinschaft gründete. Sie wurde zum Treffpunkt der romantischen Bewegung; Gäste waren Ludwig Tieck, Novalis, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und Johann Gottlieb Fichte. In einer gemeinsamen Denkanstrengung des "Sym-philosophierens" sollte das von der Zweckrationalität und dem Streben nach ökonomischer Prosperität geprägte bürgerliche "Leben im ganz Falschen" als menschenverachtende Ideologie entlarvt werden. "Dieser allerarmseligste Mechanismus, begleitet von Neid, Eigennutz, Planen und Sorgen verhindert, dass die Menschen nicht mehr das Herz haben, die Kunst, den Himmel und die Natur als etwas Göttliches anzusehen", klagte Ludwig Tieck.

Der charakteristische Repräsentant dieser eindimensionalen Denk- und Lebensweise war der "Spießbürger", der "Philister", der von der bürgerlichen Gesellschaft "zur Maschine gedrechselt wurde". Clemens Brentano bezeichnete ihn "als geborenen Feind aller Begeisterung, der jeden vergiftet - und zwar zur ewigen Nüchternheit". Nach der Auffassung von Schlegel und seiner sym-philosophierenden Freunde sollte die bornierte Überzeugung des Philisters, "wie man zu leben hat", durch Provokationen in Frage gestellt werden.

Ein probates Mittel war die Ironie - "das klare Bewusstsein der ewigen Agilität, des unendlich vollen Chaos". Ironie meinte bei Schlegel keine rhetorische Figur, in der eine bestimmte Aussage relativiert wird. Er verstand darunter die kunstvoll arrangierte Redeweise, die eine Vieldeutigkeit mit ihrer "herrlichen Schalkheit" schafft. Die eigentliche Heimat der Ironie ortete Schlegel in der Philosophie, wo sie sich als "transzendentale Buffonerie über alles Bedingte unendlich erhebt, auch über eigene Kunst, Tugend oder Genialität".

Ironisch war das Verhältnis der romantischen Bewegung auch zu Plattitüden und Klischees, die sich selbst in dem Gedicht "Würde der Frauen" von Friedrich Schiller vorfanden. Da heißt es: "Ehret die Frauen! Sie flechten und weben / Himmlische Rosen ins irdische Leben!" Diese Passage erregte große Heiterkeit und veranlasste August Wilhelm Schlegel zu der satirischen Replik: "Ehret die Frauen, sie stricken die Strümpfe, / Wollig warm zu durchwaten die Sümpfe!"

Das frühromantische revolutionäre Projekt war nicht von langer Dauer. Interne Streitigkeiten und unterschiedliche Vorstellungen, wie man das Programm realisieren könnte, führten zur Auflösung der "Romantiker-Wohngemeinschaft und zum Ende des "Sym-philosophierens". Schlegel setzte sein Nomadenleben fort; mit Dorothea Veit zog er nach Berlin, Dresden, Leipzig und nach Paris, wo er Sanskritstudien betrieb und bald Anerkennung als führender Indologe fand. In Paris gab er die Zeitschrift "Europa" heraus, in der er seine Ideen zu einem europäischen Nationenverband präsentierte.

Bruch mit dem Bruder

1804 heiratete Schlegel seine langjährige Lebensgefährtin und übersiedelte nach Köln, wo Schlegels Konversion zum Katholizismus erfolgte. Der Rückzug in die Glaubensburg der katholischen Religion erregte großes Aufsehen und wurde vielfach als Verrat an den Idealen der frühromantischen Bewegung empfunden.

Friedrich Schlegels Grabmal in Dresden. 
- © SchiDD, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Friedrich Schlegels Grabmal in Dresden.

- © SchiDD, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Nach der Konversion reiste Schlegel nach Wien, wo er eine Stellung als Hofsekretär bei der Wiener Armeehofkommission erhielt. Er befand sich nunmehr im Zentrum der Habsburgermonarchie, deren "überzeitlichen Wert" er in überschwänglichen Worten pries. Schlegel geriet immer mehr in die Einflusssphäre der konservativen Politik; in der von ihm gegründeten Zeitschrift "Concordia" plädierte er für eine Wiederherstellung der mittelalterlichen Ständeordnung, was zu einem Zerwürfnis mit seinem Bruder August Wilhelm beitrug. Der endgültige Bruch erfolgte 1828 infolge der intensiven Beschäftigung des Konvertiten mit der Mystik und der Telepathie.

Schlegel hielt noch Vorlesungen in Wien und Dresden, wo er am 12. Jänner 1829 verstarb. Vielfach wurde erwähnt, dass sein Projekt einer anarchischen Poetisierung des Lebens, das im Dogmatismus des Katholizismus kanalisiert wurde, gescheitert sei und dass er das Ziel, ein goldenes Zeitalter zu errichten, verfehlt habe. "Dennoch könne man dem Dichter einen gewissen Ernst, eine gewisse Tiefe nicht ableugnen", notierte Goethe.