Es ist keine Kunst, ein Tagebuch zu führen. Man braucht nicht mehr als ein Heft, ein Buch oder einen Block, dazu einen Bleistift, Kugelschreiber oder Füller - und schon kann man zum Beispiel hinschreiben: "Vorhin, um viertel nach sechs, ich lag noch in festem Schlaf, schrillte das Telefon. Wer ruft so früh an? Aber bis ich richtig wach war, schwieg das Signal schon. Ich ging aufs Klo, da kam der Ton wieder. Ich schaute, der Anrufbeantworter war zwei Mal angesprungen, ich hörte eine Stimme, scheinbar weiblich, aber wahrscheinlich elektronisch, die nichts anderes sagte als ‚One-Four‘."

So könnte es beginnen, denn anders als ein Roman oder eine Kurzgeschichte ist das Tagebuch durchaus nicht auf Folgerichtigkeit angewiesen. Es muss auch keine allgemein verständliche Bedeutsamkeit in den einzelnen Notaten verborgen sein. Es gilt nur, die Reihe solcher Aufzeichnungen zielstrebig fortzusetzen, denn durch diese Ausdauer entsteht im Lauf der Zeit ein Konvolut, in dem sich die Lebenszeit dessen spiegelt, der Tag für Tag die Seiten füllt.

Ein Tagebuch, Journal oder Diarium kann ein lebenslanger Begleiter sein, doch ist auch das nicht zwingend notwendig. Manche Schreiberinnen und Schreiber begnügen sich damit, besondere Phasen ihres Lebens zu protokollieren: anregende Reisen, Wendepunkte im Leben wie Verliebtheiten, Geburt eines Kindes, Tod der Eltern, Krankheiten etc.

Psychotherapeuten empfehlen zuweilen für die Behandlung von Angststörungen die Anlage eines "Erfolgstagebuchs", in dem möglichst drei Fortschritte pro Tag eingetragen werden sollen, und wären sie noch so klein. Schließlich tragen Tagebücher dazu bei, kollektive Katastrophen wie Kriege, Revolutionen oder Pandemien zu bewältigen. Also nimmt es nicht wunder, dass in den letzten beiden Jahren "Corona-Tagebücher" entstanden und - gemäß dem Stand der heutigen Kommunikationstechnik - auf diversen Internet-Plattformen veröffentlicht worden sind.

Die Gewohnheit des Tagebuchschreibens ist weder sozial noch geschlechtsspezifisch noch altersmäßig festgelegt. Frauen schreiben ebenso wie Männer, einsame Greise wie frisch verliebte Jugendliche, Arme wie Reiche, Selbstsichere wie Schüchterne, Verstandes- wie Gefühlsmenschen. Um einen Eindruck vom Ausmaß allein des deutschsprachigen Tagebuchaufkommens zu geben, genügt eine Zahl: Das "Deutsche Tagebuch-Archiv" in Emmendingen verfügt über einen Bestand von 23.000 Tagebüchern und anderen autobiographischen Materialien, die von rund 5.000 Menschen ohne literarische Verwertungsabsicht verfasst worden sind.

Literarisches Tagebuch

Allerdings leuchten aus diesem riesigen Gesamtmassiv einige Edelsteine etwas brillanter hervor: Das sind die Journale und Aufzeichnungsbände derer, die das Schreiben sehr wohl als Kunst auffassen. Sie begnügen sich nicht mit alltäglichem Notizenkram, sondern nutzen das Medium des Tagebuchs zur Selbsterkundung und Weltdarstellung. Ein solches

Schrieb in seinem Tagebuch nicht nur über und für sich: Witold Gombrowicz (1904 -1969). 
- © Bohdan_Paczowski, Public domain, via Wikimedia Commons

Schrieb in seinem Tagebuch nicht nur über und für sich: Witold Gombrowicz (1904 -1969).

- © Bohdan_Paczowski, Public domain, via Wikimedia Commons

Produkt - nennen wir es fortan im Unterschied zur Gebrauchsform "das literarische Tagebuch" - gewährt nicht nur Einblicke in verschiedene Lebensumstände, es ermöglicht auch Einsichten in das vielfältig schillernde Phänomen des kunstvollen diaristischen Schreibens.

Das literarische Tagebuch ist der täglich wechselnde Zustandsbericht einer Einzelperson, die nicht für die "Zivilgesellschaft", das "Volk" oder andere Großeinrichtungen spricht, sondern einzig und allein für sich selbst. Diese Haltung hat der polnische Schriftsteller Witold Gombrowicz 1953 auf die denkbar knappste Formel gebracht:

Montag

Ich

Dienstag

Ich

Mittwoch

Ich

Donnerstag

Ich

Ab Freitag behandelt das Tagebuch, das mit diesem starken Solo beginnt, dann auch politische und kulturelle Fragen. Es wurde nicht für die Schublade verfasst, sondern erschien zwischen 1953 und 1967 in der Zeitschrift "Kultura", die von Exilpolen in Paris herausgegeben wurde. Also schrieb Gombrowicz zwar als Ich, aber keineswegs nur über sich, und auch nicht ausschließlich für sich.

Darin gleicht er anderen bedeutenden Tagebuchautoren und -autorinnen, deren Schreiben bei allem Drang zur Selbsterkenntnis durchaus nicht dazu verdammt ist, nur ums eigene Ego zu kreisen.

Das literarische Tagebuch ist keine regulierte Form wie die Novelle oder das Sonett, sondern ein weiträumiges Gefäß für alles Mögliche. Eben diese Offenheit kommt dem Ausdruck unterschiedlichster Subjektivitäten zugute: Betrachtungen zur Lage oder physiognomische Porträts vertrauter Menschen können ebenso auftauchen wie Witze, Gedichte oder Aphorismen. Briefe (vor allem solche, die nicht abgeschickt wurden) werden dem Tagebuch einverleibt, aber auch Zeitungsausschnitte, Fotos oder Zitate.

Dieser Vielfalt der Ausdrucksweisen entspricht ein weites Spektrum von tagebuchtauglichen Gefühlen: Selbsterhöhungen stehen neben Selbstbezichtigungen, auf Hassausbrüche folgen Liebeserklärungen, Einsamkeitswünsche überschneiden sich mit Sehnsucht nach Gesellschaft.

War in jüngeren Jahren eine überschwängliche Aufschreiberin ihrer Gefühle: Patricia Highsmith, 1968. - © ullstein bild / TopFoto
War in jüngeren Jahren eine überschwängliche Aufschreiberin ihrer Gefühle: Patricia Highsmith, 1968. - © ullstein bild / TopFoto

Wer all das in hoher stilistischer Qualität vereint sehen möchte, sollte die 2021 postum erschienenen Tagebücher lesen, die Patricia Highsmith zwischen 1921 und 1995 geführt hat. Vor allem in ihren jüngeren Jahren war diese Autorin, berühmt durch kühle Kriminalromane, eine überschwängliche Aufschreiberin, die sich allen Gefühlsregungen widerstandslos überließ: ihrer Begeisterung für attraktive Frauen, ihrer Intellektualität, ihrem Hang zum Alkohol, ihrer Liebe zu den Künsten, ihrem Abscheu vor Männerkörpern usw.

Das Tagebuch bot ihr sowohl Raum zum Austoben als auch die Möglichkeit, in allen Turbulenzen den Überblick zu bewahren. Am 23. März 1942 schrieb die damals Einundzwanzigjährige: "Gerade ist mir klargeworden, warum das Führen dieses Tagebuchs für mich so unabdingbar ist. Es war das einzige Mal, ein paar Minuten nur, dass ich heute stillgesessen habe. Es lässt mich für ein paar Momente innehalten, zudem werde ich Themen los, die mir sonst im Kopf herumschwirren würden."

Kafka über Napoleon

Auch anderswo diktieren die schwirrenden Themen die Länge und Intensität der Eintragungen. Warum referierte Franz Kafka am 1. Oktober 1915 ausführlich "die Fehler die Napoleon beging"? Weil er die Memoiren des Generals Marcellin de Marbot las, die sein Interesse auf den französischen Kaiser lenkten. An weniger mitteilsamen Tagen musste das von Kafka verwendete Oktavheft jedoch zufrieden sein, wenn er - wie am 7. Oktober 1915 - nur festhielt: "gestern lange mit Frl. Reiß im Vestibül des Hotels. Schlecht geschlafen, Kopfschmerzen".

In einer Erzählung wäre nun eine Erläuterung fällig: Wer ist "Frl. Reiß", in welcher Beziehung steht sie zum Verfasser? Im Tagebuch ist das unnötig: Kafka selbst weiß ja, um wen es sich handelt, und an eine Leserschaft hat dieser Tagebuchschreiber höchstwahrscheinlich nicht gedacht.

Auszug aus Franz Kafkas Tagebuch. - © getty images / De Agostini
Auszug aus Franz Kafkas Tagebuch. - © getty images / De Agostini

Eben darum liest die Nachwelt gerade seine Aufzeichnungen als Dokumente einer radikalen Aufrichtigkeit. Und was er selbst verschwieg, ergänzten später die Herausgeber seiner "Gesammelten Werke": Fanny Reiß, von Kafka auch "die Lembergerin" genannt, war eine der vielen jüdischen Flüchtlinge, die 1914 aus dem von Russland besetzten Galizien nach Prag kamen. Kafka gehörte zu denen, die sich um die Vertriebenen kümmerten, und "Frl. Reiß" erweckte in ihm eine zarte Zuneigung.

Ein literarisches Tagebuch kann also wortreich oder lakonisch sein - in jedem Fall aber steht die einzelne Notiz in einem Geflecht ähnlicher Aufschreibungen. Was heute wahrgenommen wird, kann sich von der gestrigen Sicht erheblich unterscheiden, und was morgen dazukommen wird, muss heute niemand wissen. In diesem Schreibprozess entsteht eine besondere Art von Subjektivität, die man als "tagebuchförmig" bezeichnen könnte. Wie sie sich von anderen Selbstverständnissen unterscheidet - auch darüber denken die Literaten nach.

Max Frisch notierte 1946: "Wir können nur, indem wir den Zickzack unserer jeweiligen Gedanken bezeugen und sichtbar machen, unser Wesen kennenlernen, seine Wirrnis oder seine heimliche Einheit, sein Unentrinnbares, seine Wahrheit, die wir unmittelbar nicht aussagen können, nicht von einem einzelnen Augenblick aus -."

Ähnliches schrieb Albert Camus im April 1938: "Über ein und dieselbe Sache denkt man am Morgen nicht das gleiche wie am Abend. Aber wo liegt die Wahrheit, im Denken der Nacht oder im Geist des Mittags?"

In derselben relativierenden Vorsicht bezeichnet der deutsche Literaturkritiker Ijoma Mangold seine Beobachtungen als "Augenblicks-Screenshot". Er macht es sich in seinem "politischen Tagebuch" von 2019 und 2020 zur Aufgabe, die Wandlungen seines Denkens möglichst akkurat zu protokollieren. Seine Eintragung vom 28. Oktober 2019 beendet er mit einem Lamento über die "alarmistische Gegenwartsverzweiflung", die er zwar verabscheut, der er sich aber nicht immer entziehen kann.

Geheimschriften

Am 29. Oktober heißt es dann: "Nichts hilft der Laune mehr als guter Schlaf. Schon schaut man unverzagter um sich. Die Abhängigkeit unserer politischen Problemanalysen von unserem Serotoninspiegel - wenn man darüber nachsinnt, fragt man sich, ob es überhaupt einen festen Grund in der Wirklichkeit gibt." Das fragt man sich in der Tat, aber haltbare Antworten findet man eher in philosophischen Lehrbüchern als im "Zickzack" des diaristischen Nachdenkens.

- © Piper
© Piper

Manche Tagebücher werden in Geheimschriften verfasst und mit Schlössern versehen, zu denen nur die Autoren Schlüssel haben. Andere werden regelmäßig vernichtet, und es soll sogar schon vorgekommen sein, dass ein Autor seine Konvolute mit ins Grab genommen hat. Diese radikale Verschlossenheit ist aber keineswegs die Regel beim Tagebuchschreiben. Nicht selten werden die scheinbar so geheimen Aufzeichnungen auffällig unauffällig bereit gelegt, damit sie eine Versuchung für neugierige Blicke darstellen.

Einleuchtend beschrieb Susan Sontag diese Zwielichtigkeit in einer Tagebucheintragung vom 31. Dezember 1957: "Eine der wichtigsten (sozialen) Funktionen eines Tagebuchs besteht genau darin, heimlich von anderen Leuten gelesen zu werden, von den Leuten (wie Eltern + Geliebte), über die man sich nur in seinem Tagebuch mit grausamer Ehrlichkeit geäußert hat."

Zuweilen gab und gibt es auch Gemeinschaften, die eine solch verdruckste Halb-Heimlichkeit nicht nötig haben. Es kann durchaus Teil eines Freundschaftskults sein, privat geschriebene Journale im geselligen Rahmen vorzulesen - so geschehen in den "empfindsamen" Literatenkreisen des 18., aber auch in manchen Künstlergruppen des 20. Jahrhunderts.

Sehr viel weiter ins Öffentliche wagt sich das "kollektive Tagebuch". 1935 machte der sowjetrussische Schriftsteller Maxim Gorki den Vorschlag, Schriftsteller aus aller Welt könnten doch alljährlich einen bestimmten Tag beschreiben - er schlug den 27. September vor -, um auf diesem Weg die Begrenztheiten der Individualperspektive zu überwinden. Die russische Zeitung "Iswestija" kam 1960 auf diesen genuin kommunistischen Vorschlag zurück, und eine Reihe von Autorinnen und Autoren beteiligte sich am Spiel. Christa Wolf etwa beschrieb von da an ausdauernd, wie sie den 27. September erlebt hat. Eine Auswahl ihrer Notizen erschien 2003 unter dem Titel "Ein Tag im Jahr" als Buch.

Corona-Tagebuch

Nun ist es für die Qualität eines literarischen Tagebuchs nicht entscheidend, ob es für die Öffentlichkeit geschrieben wurde oder zum eigenen Gebrauch, solange ihm eine zentrale Eigenschaft erhalten bleibt: die Empfänglichkeit des schreibenden Subjekts für intime Stimmungen und für äußere Einflüsse gleichermaßen. Wird es zu monologisch, droht die Gefahr des Solipsismus; beugt es sich aber zu beflissen den Ansprüchen der Allgemeinheit, wird es austauschbar und verliert dadurch sein bestes Erbteil: die gestaltete Individualität.

Im Literaturhaus Graz entstand zwischen dem 11. März 2020 und dem 5. April 2021 ein virtuelles "Corona-Tagebuch", das durchdachte literarische Absichten verfolgte: 19 Autorinnen und 12 Autoren wurden eingeladen zu berichten, wie sie mit der Pandemie zurechtkommen (oder auch nicht). Die Beiträge wurden individuell im jeweiligen "Homeoffice" geschrieben, aber auf der Website des Literaturhauses als "kollektives Tagebuch" veröffentlicht. Auf diese Weise ergab sich kein Dialog, wie etwa bei einem Briefwechsel, sondern eine Reihung von Einzelstimmen. Welcher Effekt damit erreicht werden sollte, erklärt das Vorwort des Ganzen: "In einem Gewirr vielfältiger Stimmen zeichnet sich ein Bild dessen, was gewesen ist."

Leider ist dieses Stimmengewirr längst nicht so vielfältig, wie man es von Tagebucheintragungen erwarten möchte. Die Aufgabe "beschreibe die Folgen von Corona" wurde zwar von allen Mitwirkenden gut gelöst, doch widerspricht gerade diese ordentliche Pflichterfüllung dem Geist des individuellen Tagebuchschreibens. Die Vermutung, ein gemeinsam geplantes Tagebuchprojekt bringe zwangsläufig einen gewissen Konformismus mit sich, äußerte auch einer der Mitwirkenden, Daniel Wisser, am 3. April 2020:

"Beim Lesen der Corona-Tagebücher kommen mir auch die Einträge der anderen Autorinnen und Autoren so vor, als wären sie von mir. Schrecklich, wie kollektiv alles geworden ist. Wir denken, träumen, erleben dasselbe, nähen Masken nach denselben Schnittmustern."

Die Gefahr, dass die individuellen Erlebnismöglichkeiten hinter der überall gleichen "Maske" des Kollektivismus verloren gehen, besteht freilich nicht nur in Zeiten pandemischer Krisen. Doch kann das Tagebuch eine Gegenkraft gegen den Konformismus entfalten - vorausgesetzt, es entspringt jener oben beschriebenen "tagebuchförmigen" Individualität und nicht den Vorgaben eines Auftrags, so honorig diese auch sein mögen. Wie ein solcher Text aussähe?

Etwa so, wie es Gottfried Benn am 6. Mai 1953 vorgeführt hat: "Mal sind Sie dann lebhafter, möchten, daß Sie jemand anruft, sind nicht so wundhäutig wie an Tagen, an denen Ihnen der Postbote als gigantische Belastung erscheint, kurz wir sind alle nur teils teils, alle wurmstichig, ein steter Glanz liegt kaum über unserer Oberfläche, nur über dem Meer der Südsee u. kein steter Duft wie über einer Pfirsichhaut."