Der Krieg in der Ukraine hat die bösen Geister der Vergangenheit wachgerufen. Da stehen sich in Europa wieder Panzer gegenüber, werden Schützengräben ausgehoben, sterben Kinder durch Raketeneinschläge. Die Bilder der Zerstörung machen fassungslos, auch weil dieser Krieg so sinnlos ist. Wladimir Putin führt im 21. Jahrhundert einen Angriffskrieg mit den Mitteln des 20. Jahrhunderts und einer Ideologie aus dem 19. Jahrhundert. Die Welt blickt durch den Kriegsnebel in eine ungewisse Zukunft. Corona ist noch nicht ausgestanden, China könnte morgen nach Taiwan greifen, und die Auswirkungen des Klimawandels sind bereits heute spürbar.

Reise ohne Kompass

Wenn man sich das Jahr 2050 vorstellt, wie es die Wissenschafter in ihren Modellen prognostizieren, dann ist die Zukunft keine Verheißung, sondern eine Bedrohung. Paris wird das Klima von Marrakesch haben, Südeuropa wird zur Wüste, Inselstaaten werden abgesoffen sein. Der Kampf um Ressourcen wird härter denn je geführt werden, kriegerische Konflikte werden zunehmen. "Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie einmal war", sagte schon Karl Valentin. Angesichts der immer düsteren Szenarien fragt man sich: Wo sind eigentlich die Utopien geblieben?

"Utopia" von Thomas Morus begründete 1516 eine neue Literaturgattung. 
- © Bibliothèque Nationale de France / CC BY-SA 4.0 / https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0 / via Wikimedia Commons

"Utopia" von Thomas Morus begründete 1516 eine neue Literaturgattung.

- © Bibliothèque Nationale de France / CC BY-SA 4.0 / https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0 / via Wikimedia Commons

In seinem Werk "Der Sozialismus und die Seele des Menschen" (1891) schrieb Oscar Wilde: "Eine Weltkarte, in der Utopia nicht verzeichnet ist, ist keines Blickes wert, denn sie unterschlägt die Küste, an der die Menschheit ewig landen wird." Überträgt man dieses Bild auf die Gegenwart, so muss man feststellen, dass die Menschheit ohne Kompass in die Zukunft navigiert - ein Utopia ist nicht in Sicht.

Das Einzige, was man an Zukunftserzählungen zu lesen und hören bekommt, sind Fantastereien von Milliardären wie Elon Musk, der seine Mars-Mission nicht zuletzt deshalb unters Volk bringt, weil sich damit seine Autos besser verkaufen lassen. Die Utopie ist zur Werbebroschüre verkommen.

Dass die großen Erzählungen vorbei sind, hat der postmoderne Denker Jean-François Lyotard bereits Ende der 1970er Jahre erkannt. Doch spätestens seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem postulierten "Ende der Geschichte" (Francis Fukuyama) stehen Utopien unter Ideologieverdacht. Die Regierungen sind in einem permanenten Krisen- und Rettungsmodus (Flüchtlingskrise, Euro-Krise, Schuldenkrise); marode Systeme werden nicht erneuert, sondern notdürftig repariert, Maßnahmen für "alternativlos" erklärt. Wenn Griechenland kurz vor der Staatspleite steht, schlägt nicht die Stunde der Utopisten, sondern der Pragmatiker und Sanierer. Wer mit Weltverbesserungsideen und nicht mit Geldgarantien um die Ecke kommt, gilt schnell als Realitätsverweigerer. Wie sagte schon der ehemalige deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt: "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen."

Dieser Arzt müsste bei den Staatenlenkern reihum eine Kurzsichtigkeit diagnostizieren. Die Politik fährt seit Jahren auf Sicht. Die großen Probleme der Zukunft - Klimawandel, Migration, Demographie - werden diskursiv heruntergekocht und mit sozialen Wohltaten verkleistert. Solange der SUV anspringt, braucht man sich um die Zukunft keine Sorgen zu machen. Dass diese Politik des muddling through der Gesellschaft irgendwann auf den Kopf fällt, war nur eine Frage der Zeit.

Stetig schlimmer

Für Pessimismus ist die Weltlage zu ernst. - © afp / Ina Fassbender
Für Pessimismus ist die Weltlage zu ernst. - © afp / Ina Fassbender

Gewiss, der Weltuntergang wurde von den Kassandrarufern in der Geschichte schon immer vorhergesagt. Trotz aller Kriege und Naturkatastrophen ging es trotzdem irgendwie immer weiter. Gerade weil die Wissenschaft geophysische Prozesse wie die Erderwärmung aber heute genau vorhersagen kann, hat sich etwas in der Wahrnehmung und Perspektive verändert: Die Zukunft ist kein Möglichkeitsraum mehr, sondern ein Gefahrenraum. Nicht etwas, was man gestaltet, sondern etwas, das es zu verhindern gilt.

Der Soziologe Heinz Bude hat kürzlich in einem Essay in der "Süddeutschen Zeitung" die These aufgestellt, dass wir es mit einer "Inversion der Angstrichtung" zu tun hätten: "Lag für die Generationen der Weltkriegsteilnehmer und der Kriegskinder das Schlimmste, was einem passieren kann, hinter ihnen, so kommt für die Generationen von 9/11, von Fukushima und der Pandemie das Schlimmste noch auf sie zu." Die Generation der heute unter 30-Jährigen, die nach 1990 auf die Welt gekommen ist und nicht mehr den Schrecken einer Diktatur oder eines Krieges erleben musste, blickt heute auf eine sorgenvolle Zukunft: Job, Wohnung, Rente - alles unsicher.

Anders als die Boomer, die durch einen "kollektiven Fahrstuhleffekt" (so die Formulierung des Soziologen Oliver Nachtwey) einen gesellschaftlichen Aufstieg erlebten, müssen die Jüngeren in der "Abstiegsgesellschaft" gegen die Rolltreppe nach unten anlaufen. Dass junge Menschen heute in Anlageformen wie ETFs (Exchange Traded Funds - Fondsanteile ohne Laufzeit, die wie Aktien gehandelt werden können) investieren, zeigt, dass sie staatliche Vorsorgeleistungen wie die gesetzliche Rente abgeschrieben haben.

Schaden begrenzen

Diese Zukunfts- und Abstiegsängste, die ja eher in der privaten Sphäre zu verorten sind, kann die Politik schon gar nicht mehr adressieren. Je mehr die wissenschaftlichen Erkenntnisse den Handlungsspielraum einschränken, desto zaghafter, ambitionsloser wird politisches Handeln. Man dreht nicht mehr das große Rad, sondern - möglichst evidenzbasiert - an kleinen Stellschrauben.

Das Zwei-Grad-Ziel, auf das sich die Völkergemeinschaft im Pariser Klimaabkommen verständigt und welches sich die Fridays-for-Future-Bewegung auf die Fahnen geschrieben hat, ist ja keine Sozialutopie, sondern eine technisch-rationale Forderung, durch die Reduzierung von Treibhausgasen den Eintritt einer sehr wahrscheinlichen Ereigniskette zu verhindern. Es geht also nicht darum, die Welt zu verbessern, sondern Schlimmeres zu vermeiden.

Manche Luftschadstoffe bleiben für Jahrhunderte in der Atmosphäre. 
- © afp / Nilmar Lage

Manche Luftschadstoffe bleiben für Jahrhunderte in der Atmosphäre.

- © afp / Nilmar Lage

Die Formel der "Technologieoffenheit", die in der Debatte gern von Liberalen beschworen wird, weist ja auch nur einen sehr schmalen Handlungskorridor in ein überkommenes Wachstumsmodell.

Die Verdüsterung der Zukunftsdiskurse verweist auf eine Veränderung der Selbstbeschreibung postmoderner Gesellschaften. Wir wähnen uns in einem Zeitalter, dem Anthropozän, in dem der Mensch zum geologischen Faktor geworden ist - man denke an die Mondlandschaften, die der Braunkohleabbau hinterlassen hat -, aber auch dazu verurteilt ist, den Folgen seines eigenen Handelns zuzusehen. Die CO2-Emissionen und die daraus resultierende Entwicklung des Klimas sind irreversibel. Selbst wenn man von heute auf morgen alle Treibhausgasemissionen stoppen würden, würde die Erderwärmung noch Jahrzehnte weitergehen. Ein Methan-Molekül verbleibt rund zwölf Jahre in der Atmosphäre. Der gesamte Abbau von Kohlendioxid zieht sich sogar über mehrere tausend Jahre hin. Es bräuchte Jahrtausende, bis sich die Erdoberfläche auf das Niveau der Vor-Industrialisierung herunterkühlt.

Die Verengung der Zukunft auf einen deterministischen Handlungsverlauf führt nicht nur zu einem utopiefeindlichen Klima des Fatalismus, sondern auch zu einer Abschwächung der Politikfähigkeit. Welche Wahl haben wir noch angesichts einer unausweichlichen Katastrophe? Warum soll man die Zukunft gestalten, wenn es sowieso zu spät ist?

Aus der Wissenschaft hört man immer wieder den Satz: "Mit der Natur kann man nicht verhandeln." Die Sentenz ist nicht nur deshalb bemerkenswert, weil sie klimapolitische Maßnahmen, da unverhandelbar, dem politischen Diskurs entzieht. Sondern auch, weil sie den verwegenen Gedanken formuliert, man könne mit so etwas Abstraktem wie der Natur am Konferenztisch sitzen. Wenn der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz (der über den Verdacht, ein Utopist zu sein, erhaben ist) sagt, er wolle das Land angesichts der Corona-Pandemie "winterfest" machen, dann beschwört er den gesellschaftlichen Zusammenhalt durch eine kollektive Abwehrreaktion gegen die Kräfte der Natur. Vernagelt Fenster und Türen, bleibt zu Hause, fahrt das öffentliche Leben herunter!

Diese permanente Krisenrhetorik schürt ja nicht nur Ängste, sondern verbaut bereits diskursiv die Zukunft, weil man sich gedanklich in irgendwelchen Zyklen bewegt. Statt mit Fünfjahresplänen wie im Sozialismus haben wir es heute mit Sieben-Tage-Inzidenzen zu tun. Nach der Welle ist vor der Welle, und während man die vierte Impfung in den Oberarm gespritzt bekommt, schnurrt die Hoffnung darauf zusammen, dass der ganze Wahnsinn bald ein Ende haben könnte. Man sehnt sich nicht nach dem Morgen, sondern nach dem Gestern.

Zurück statt vorwärts

- © Suhrkamp
© Suhrkamp

Der Soziologe Zygmunt Bauman hat dieses Gefühl mit dem Begriff "Retrotopia" beschrieben: Statt an eine bessere Zukunft zu glauben, wenden sich die Menschen einer idealisierten, verklärten Vergangenheit zu. Wo man in der Mangelwirtschaft vom Schlaraffenland des Überflusses träumte, sehnt man sich in der saturierten, "flüssigen" Moderne ans archaische Lagerfeuer zurück.

Genau in diesen Dimensionen denkt auch Wladimir Putin: Er will Russland zu alter Größe verhelfen, ein panslawisches Reich schaffen, das den Phantomschmerz einer gescheiterten Großmacht lindert. Auch der rechtsextreme Publizist Éric Zemmour, ein selbsterklärter Putin-Bewunderer, der sich anschickt, das französische Präsidentenamt zu erobern, träumt von einer Retro-Nation, in der es keine Muslime gibt und alle Bürger französische Vornamen haben (also ein Frankreich, das es nie gab). In dem grotesk historisierenden Video, in dem er seine Präsidentschaftskandidatur ankündigte, inszenierte er sich vor einem antiquierten Mikrofon als Wiedergänger Charles de Gaulles.

Das reaktionäre Denken, das dem Fortschritt einen romantisch verklärten Traditionalismus entgegensetzt, ist unter Frankreichs Intellektuellen schon länger verbreitet, es trat aber auch sehr deutlich beim Brexit und bei der Wahl Donald Trumps hervor, bei der es ja auch darum ging, die Nation wieder groß zu machen. Emmanuel Macrons Losung, man müsse "das Frankreich für unsere Kinder bauen" und nicht "das Frankreich unserer Kindheit wiederkäuen", wirkt gegenüber dem defätistischen Zeitgeist wie ein Pfeifen im Walde. Es spannt sich ein großer ideologischer Bogen über Brexit, Trump und Putin - es ist der Versuch, das Projekt der Moderne rückabzuwickeln.

Die allgemeine Utopiefeindlichkeit liegt auch darin begründet, dass die Zukunft privatisiert und individualisiert wurde - und in viele einzelne Zukünfte zerfasert ist. Wo nur noch das Selbst bewirtschaftet wird, liegt das Kollektiv irgendwann brach. Insofern könnte man auch argumentieren, dass sich der Neoliberalismus seinen eigenen unpolitischen Funktionsrahmen geschaffen hat, in dem er sich frei von lästigen Regulativen entwickeln kann. Die Gesellschaft ist abgeschafft, es gibt nur noch persönliche Ziele. Dabei täten Utopien dringend not, gerade als Gegengift gegen jenen dystopischen Sound, aus dem Populisten und Alarmisten ihren Honig saugen.

- © Droschl
© Droschl

Der Literaturwissenschafter Björn Hayer hat kürzlich einen Essay mit dem Titel "Seid utopisch!" vorgelegt, in dem er "gestalterisches Denken" statt "Defätismus und Seinspessimismus" einfordert. Mit Ernst Bloch argumentiert er, dass Utopien eine Form des Möglichkeitsdenkens seien, ein Tagtraum, der "als Ausgangspunkt für ein immer weiteres Vordringen in das Noch-Nicht-Gewordene" fungiere. In seiner "Vorwärtsgerichtetheit" habe utopisches Denken auch "präventiven Charakter".

Für Hayer sind Utopien darum "das beste Frühwarnsystem für prognostizierbare oder zumindest erahnbare Gefahren und Konflikte": "Sie eröffnen Handlungsspielräume, bevor sich die Politik noch in die Rhetorik der Alternativlosigkeit flüchten kann."