"Robert Musils Werk fasziniert mich bis zum heutigen Tag", schrieb Elias Canetti und bezeichnete es als "eine Waghalsigkeit, die hauptsächlich aus Geduld besteht, die eine beinahe unmenschliche Hartnäckigkeit voraussetzt". Mit dieser Hartnäckigkeit verfolgte Musil sein zentrales Projekt, Genauigkeit und Seele, Rationalität und Emotionalität zu verbinden. Er verstand sein Leben als "die Abenteuer und Irrefahrten eines seelischen Vivisectors zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, der seinen Organismus unter das Mikroskop setzt und sich freut, sobald er etwas Neues findet".

Diese Vivisektion war die Voraussetzung für das utopische Leben im "hundertprozentigen Sein", das Musil ausschließlich in der Dichtung - "einem feinen Gespinst von Dunst, Einbildung, Träumereien und Konjunktiven" - zu finden glaubte. Für ihn fungierte die Dichtung als Gegenmodell zu eindimensionalen Ideologien, die mit ihren vorfabrizierten Schablonen die Lebenswelt der Menschen bestimmen.

Seelische Vivisektionen: Robert Musil (1880-1942). 
- © getty images / Roger Viollet Collection

Seelische Vivisektionen: Robert Musil (1880-1942).

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Die Entscheidung für die Dichtung hatte zur Folge, dass Musil - als "freischwebender Intellektueller" - stets auf finanzielle Unterstützung angewiesen war und in der Folge radikal vereinsamte. "Man könnte den Dichter als den Menschen beschreiben, dem die rettungslose Einsamkeit des Ich in der Welt und zwischen den Menschen am stärksten zu Bewusstsein kommt", so lautete Musils Fazit.

Unbehagen

Geboren wurde Robert Musil am 6. November 1880 in Klagenfurt. Er wuchs in wohlsituierten bürgerlichen Verhältnissen auf, deren Beengtheit bereits bei dem Jugendlichen Unbehagen auslöste: "Nie im Schoße der Familie wohlgefühlt. Eher sie geringgeschätzt", notierte er. Das Unbehagen verstärkte sich noch durch den Unterricht in verschiedenen Militärschulen, in denen er zum Offizier ausgebildet werden sollte.

Musil brach die Ausbildung ab, begann ein Ingenieurstudium in Brünn, das er 1901 beendete, und arbeitete als Assistent an der Technischen Hochschule in Stuttgart. Diese Tätigkeit entsprach nicht Musils Vorstellungen von einem "Leben als hundertprozentiges Sein". Er nahm das Studium der Philosophie und der experimentellen Psychologie bei Carl Stumpf in Berlin auf, das er 1908 beendete.

Während seiner technischen und philosophischen Studien begann Musil mit der Arbeit an seinem Roman "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß", den er 1906 veröffentlichte. Es handelt sich dabei um eine vielschichtige Pubertätsgeschichte, in der der Jugendliche in einem Internat mit seelischer und körperlicher Gewalt konfrontiert wird. Zwei seiner Klassenkameraden quälen einen Mitschüler, den sie eines Diebstahls verdächtigten, auf sadistische Weise, und benützen ihn als Sexsklaven.

"Diese andere dumpfe, brandende, leidenschaftliche, nackte, vernichtende Welt", von der vorerst eine gewisse Faszination ausgeht, verstört den Jugendlichen, der bisher nur den eindimensionalen, von moralischen Regeln bestimmten elterlichen Mikrokosmos kennengelernt hat. Musils Erstlingsroman erzielte beim Publikum und bei der Kritik einen großen Erfolg, den er zu Lebzeiten nicht mehr wiederholen konnte. Der Autor führte diesen Erfolg auf ein Missverständnis vieler Leser und Kritiker zurück, die den Text als psychologisch-realistischen Entwicklungsroman verstanden.

Das positive Echo trug zum Entschluss des Autors bei, auf die sich später bietende akademische Karriere zu verzichten und "nichts anderes als Dichter zu sein". 1911 heiratete der Autor Martha Marcovaldi, die aus einer jüdischen Familie stammte, und zog nach Wien, wo er eine Anstellung als Bibliothekar an der Technischen Hochschule fand.

Gedenktafel für Robert Musil (Wien, Rasumofskygasse 20). 
- © GuentherZ, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Gedenktafel für Robert Musil (Wien, Rasumofskygasse 20).

- © GuentherZ, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

In diesen Jahren verfasste Musil verschiedene Erzählungen und Novellen und arbeitete kurzfristig als Redakteur der Kulturzeitschrift "Neue Rundschau" in Berlin. Im Ersten Weltkrieg nahm Musil als Offizier an militärischen Einsätzen in Südtirol und am Isonzo teil und schrieb Beiträge für Soldaten-Zeitungen. Nach dem Krieg etablierte er sich als Schriftsteller und veröffentlichte das Theaterstück "Die Schwärmer" und die Erzählung "Drei Frauen".

Nach dem Ersten Weltkrieg begann Musil mit der Arbeit an dem Jahrhundertroman "Der Mann ohne Eigenschaften", dessen Grundintention der Autor so beschrieb: "Unter dem Vorwand, das letzte Lebensjahr Österreichs zu beschreiben, werden die Sinnfragen der Existenz des modernen Menschen darin aufgeworfen und in einer ganz neuartigen, aber sowohl leicht ironischen wie philosophisch tiefen Weise beantwortet".

"Urlaub vom Leben"

Der facettenreiche Roman, der weit über tausend Seiten umfasst, blieb trotz seines Umfangs ein Fragment, das der Autor bis zu seinem Tod immer wieder überarbeitete. Obwohl sich im ersten Teil des Monumentalwerks eine breit angelegte Analyse der Habsburger-Monarchie findet, war es nicht die Absicht Musils, einen Gesellschaftsroman - ähnlich wie Balzacs "Menschliche Komödie" - zu verfassen. Der Staat Kakanien, wie Musil Österreich-Ungarn bezeichnet, stellt die Bühne dar, auf der unterschiedliche Gestalten kontrovers über Rationalität, Ekstase, Mystik, Moral, Verbrechen und über gesellschaftspolitische Themen diskutieren.

Einen wichtigen Stellenwert nehmen die Erörterungen über den Begriff der Möglichkeit ein, der als Gegenmodell zur Wirklichkeit fungiert. Die zentrale Gestalt des Romans ist Ulrich, das Sprachrohr von Musils philosophischen und gesellschaftspolitischen Reflexionen. Er ist ein "Mann ohne Eigenschaften" - auf der Suche nach seiner originären Persönlichkeit, die von der "gallertartigen Masse" der gesellschaftlichen Prägungen verschüttet wurde. Ulrichs Weigerung, sich sozialisieren zu lassen, hat für ihn weitreichende Konsequenzen. Nach drei Versuchen, ein bedeutender Mann zu werden, um eine gesicherte Position im sozialen Leben einzunehmen, beschließt er, "Urlaub vom Leben" zu nehmen, um sich von den Anforderungen des bürgerlichen Heldenlebens zu lösen.

Auch am Berliner Kurfürstendamm 217 in Charlottenburg erinnert eine Tafel an den Autor. 
- © OTFW, Berlin, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Auch am Berliner Kurfürstendamm 217 in Charlottenburg erinnert eine Tafel an den Autor.

- © OTFW, Berlin, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Der Auflösungsprozess führt dazu, dass bei ihm zunehmende Zweifel an seiner eigenen Ichidentität aufkommen; er nimmt sie als Bündel von gesellschaftlichen und sozialen Komponenten wahr, die sich von ihm nicht länger koordinieren lassen. "Wahrscheinlich ist die Auflösung des anthropozentrischen Verhaltens, das den Menschen so lange Zeit für den Mittelpunkt des Weltalls gehalten hat, aber nun schon seit Jahrhunderten im Schwinden ist, endlich beim Ich selbst angelangt", heißt es in dem Roman. Der grundlegende Zweifel an einem fixen Ichkern führt dazu, dass die Vorstellung einer kontinuierlich verlaufenden Biographie nicht aufrecht zu erhalten ist; "Im Grunde wissen in den Jahren der Lebensmitte wenig Menschen mehr, wie sie eigentlich zu sich selbst gekommen sind, zu ihren Vergnügungen, ihrer Weltanschauung, ihrer Frau, ihrem Charakter, Beruf und ihren Erfolgen; aber sie haben das Gefühl, dass sich nun nicht mehr viel ändern kann."

Alternative zur Agonie

Die Auflösung der Ichinstanz, die Ulrich konstatiert, korrespondiert mit der Einsicht, dass groß angelegte gesellschaftliche Projekte in der Epoche zum Scheitern verurteilt sind. Das macht die von Musil ironisch geschilderte "Parallelaktion" im Roman deutlich, die als Feier des 70-jährigen Regierungsjubiläums von Kaiser Franz Joseph I., von unterschiedlichen Vertretern der Wirtschaft und der Bürokratie geplant wird.

Sie ist als Gegenveranstaltung zum 30-jährigen Jubiläum des deutschen Kaisers Wilhelm II. gedacht. Widerwillig unterbricht Ulrich den "Urlaub vom Leben" und wird ehrenamtlicher Sekretär der Parallelaktion. Dabei bietet sich die Gelegenheit, die aktuelle Gesellschaftsordnung zu beobachten und zu kommentieren. Sie wird nicht länger von "überragenden Persönlichkeiten" bestimmt; stattdessen hat sich ein politisches Establishment ohne politische Leitfiguren etabliert, in dem es zu jeder Sachfrage ein "Ja oder Nein" gibt. Das ist der Grund, warum die Parallelaktion wegen der vielfältigen Interessen der handelnden Personen nicht zustande kommt; hier fehlt - wie beim Subjekt - die zentrale Instanz, die alle Tätigkeiten reguliert.

Für Ulrich ergibt sich eine Alternative zur politischen und gesellschaftlichen Agonie, die sich in Kakanien ausgebreitet hat. Es handelt sich um "den anderen Zustand der taghellen Mystik", in dem eine Welt ohne Schatten, ohne Dämmerung erlebt wird. Die Subjekt-Objekt-Trennung wird im ozeanischen Gefühl der Verschmelzung mit der Außenwelt aufgehoben: "Man hat ihn den Zustand der Liebe genannt, der Güte, der Weltabgekehrtheit, der Kontemplation, des Schauens, der Annäherung an Gott, der Entrückung, der Willenlosigkeit, man vergisst manchmal das Sehen und Hören und das Sprechen vergeht einem ganz. Und doch fühlt man gerade in solchen Minuten, dass man für einen Augenblick zu sich selbst gekommen ist."

Depressionen

Musils kontinuierliche Arbeit an "Der Mann ohne Eigenschaften" ließ ihm wenig Zeit für andere literarische Tätigkeiten. Von 1921 bis 1931 lebte er in Wien und arbeitete als Theaterkritiker und Essayist. Danach zog Musil nach Berlin; er hoffte, dort mehr Beachtung für sein schriftstellerisches Werk zu finden, was nicht der Fall war. Die Machtergreifung der Nationalsozialsten veranlasste den Autor, nach Wien zurückzukehren.

- © Mohammad Aburous, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons
© Mohammad Aburous, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Die mangelnde Anerkennung seines Werks führten zu Schreibhemmungen, Depressionen und Suizidgedanken. Dazu kam, dass er einen Großteil seines Lebens auf finanzielle Unterstützung angewiesen war. Musils prekäre Existenz, die von gravierenden gesundheitlichen Problemen begleitet wurde, verschlimmerte sich. 1938 begab er sich in das Exil in die Schweiz, um seine jüdische Ehefrau zu schützen. Ohne jegliche finanzielle Rücklagen, auf die Hilfe weniger Freunde angewiesen, als Schriftsteller kaum beachtet, starb Robert Musil am 15. April 1942 in Genf an einem Gehirnschlag.

Weit entfernt vom Ideal eines "hundertprozentigen Lebens", zog "der Dichter, der nur Dichter sein wollte", die Bilanz seiner gescheiterten Existenz: "Habe kein Vertrauen in mich. Oft das starke Bedürfnis, alles abzubrechen".