Kann man Kunst vermessen? Sie auf die Waage stellen, Ausmaße und Gewicht in Zahlen fassen und ihren Nutzen kalkulieren?

Geht nicht, wie auch. Nantes aber versucht es trotzdem. Sechzig Kilometer Kunst, das ist die stolze Bilanz des "Estuaire Nantes Saint-Nazaire", eines Wegs, der sich vom Stadtzentrum bis zur Mündung der Loire an den Atlantik zieht, mit dreiunddreißig Stationen am Fluss, in den Feldern und im Wald. Ein Land-Art-Parcours, entworfen von Bildhauern, Architekten und Konzeptkünstlern aus aller Welt, der unsere Wahrnehmung aus den Angeln hebt und ganz en passant vorführt, wozu Kunst imstande ist: Nantes und seinen Bewohnern jenes Selbstvertrauen zurückzugeben, das sie fast schon verloren hatten - und uns den Mut, durch schwierige Zeiten wie diese zu kommen.

Natürlich hätten wir für die Strecke von Nantes nach Saint-Nazaire das Boot nehmen können, die bequemste Variante, um die Kunstwerke - die meisten von ihnen stehen direkt am oder sogar im Wasser - vom Deck aus in Augenschein zu nehmen. Mit dem Fahrrad ist die Erkundung anregender und kraftvoller, im eigenen Tempo und mit dem Freiraum, die Gedanken im Rhythmus der Pedale fliegen zu lassen.

Als wir starten, hat die "Voyage à Nantes 2022" noch nicht begonnen, ein seit 2012 bestehendes Festival, das in den Sommermonaten alle Teile der Stadt mit Kunst bespielt. Der Trip wird heuer am 2. Juli starten. Während unsere Reise schon sehr viel früher beginnt, an einem verhangenen Morgen im Mai. Auf der Île de Nantes schwingen wir uns in den Sattel. Die über dreihundert Hek-tar große Insel war dereinst ein florierender Industriebezirk, mit Werften, Docks und Fabriken.

Doch mit den wachsenden Ausmaßen der Frachter und der Versandung der Loire wurde es für die Boote immer schwieriger, flussaufwärts zu segeln. Also ankerte man gleich direkt am Atlantik, in Saint-Nazaire. 1987 lief mit der "Bougainville" das letzte Schiff vom Stapel. Ein Todesstoß für die Wirtschaft und der Absturz der Stadt in Lethargie.

Mit der Arbeitslosigkeit wuchs die Zahl der Gewaltakte und Alkoholiker. Bis der damalige, der Sozialistischen Partei zugehörige Bürgermeister und spätere französische Premierminister Jean-Marc Ayrault mit einem richtungsweisenden Experiment durchgriff, um die Menschen aus der Depression zu reißen und Nantes zu einem abermaligen Aufschwung zu verhelfen.

Die Entwicklung eines effizienteren Verkehrsnetzes sollte internationale Konzerne anziehen. Zugleich, so der Plan der Kommune, würde die Investition in zeitgenössische Kunst dazu dienen, der Bevölkerung den Rücken zu stärken. Beide Vorhaben gelangen, gegen die Angriffe der Kritiker, die Ayraults Projekte als naiv abgekanzelt hatten.

Roman Signer, Le Pendule, Rezé (Trentemoult). 
- © Gino Maccarinelli

Roman Signer, Le Pendule, Rezé (Trentemoult).

- © Gino Maccarinelli

Die Île de Nantes mit ihren Galerien, Architekturbüros und Ateliers ist inzwischen zum interna-tional gefeierten und mehrfach kopierten Aushängeschild hoffnungsfroher Perspektiven avanciert. Als "Quartier de la Création" mit Bauwerken von Jean Nouvel, Anne Lacaton & Jean-Philippe Vassal oder Dominique Perrault wurde es zum Turbo der Belebung der verödeten Industriebrache. Herzstück dieses Kreativ-Labors sind die Werkstätten und Ausstellungsräume der "Machines de l’Île", ein Kunstprojekt, das Regisseure und Ingenieure überraschend friedlich vereint.

Unter den von ihnen kreierten, beweglichen Objekten ist auch der übermannshohe "Grand Éléphant", das neue Wahrzeichen von Nantes: ein Echo auf die Abenteuer aus den Romanen Jules Vernes, der hier geboren wurde, und auf den Warenaustausch mit Afrika und dem Vorderen Orient und die dunklen Seiten jenes Geschäftsmodells, das die Stadt reich gemacht hat.

Nach 1700 avancierte Nantes zur Drehscheibe des Sklavenhandels. Glasperlen, Stoffe und Schnaps wurden hier auf Boote verladen, nach Afrika verbracht und gegen Kaffee, Kakao und Gewürze eingetauscht. Wertvoller freilich war die menschliche Fracht, Gefangene also, die man unter elenden Bedingungen in die Karibik beförderte und an die Plantagenbesitzer verkaufte. Danach kehrten die Schiffe, frisch beladen mit Zucker, Baumwolle und Rum, in ihre Heimat zurück.

Von der Île de Nantes wandert unser Blick hinüber zum Quai de la Fosse, wo eine Gedenkstätte an das Ende der Sklaverei und jene verbrecherische Rolle gemahnt, die den Kaufleuten bei der Blüte der Stadt zukam.

Wir aber müssen weiter, steuern den Pont des Trois Continents und das frühere Fischerdorf Trentemoult an, den offiziellen Ausgangspunkt des "Estuaire Nantes Saint-Nazaire - itinéraire sud". Die Kunst gibt den Startschuss: Der Schweizer Bildhauer, Maler und Aktionskünstler Roman Signer hat seine Vision der Vergänglichkeit in einem aufgegebenen Zementwerk verwirklicht. Ein überdimensionales Pendel schwingt über den Turm, ein gespenstisch anmutendes Metronom, Sinnbild für die Bewegung des Flusses, für den Lauf der Zeit und des Lebens. Carpe diem.

Suggestive Werke

Und für uns der Aufruf, die Gunst der Stunde zu nutzen, solange das Wetter trocken bleibt, und kräftig in die Pedale zu treten. Ein kurzes Stück im Schatten der Schnellstraße, ehe der "Estuaire" in einem Urwald verschwindet. Das Laub schickt sich an, einen Wettstreit zu starten und sich in der Farbpalette der Grüntöne zu übertrumpfen. Die Äcker sind bestellt. Einstweilen aber sind sie noch Flugfelder für die Möwen, die über unsere Köpfe segeln. Sie lassen uns wissen, dass die Loire und das Meer nicht weit sind.

Jeppe Hein, Did I miss something?, Château du Pé, Saint-Jean-de-Boiseau. 
- © Martin Argyoglo

Jeppe Hein, Did I miss something?, Château du Pé, Saint-Jean-de-Boiseau.

- © Martin Argyoglo

Der Wald ist dichter geworden, und das Hinweisschild, das zum Château du Pé weist, leicht zu übersehen. Zu seinen Füßen schmiegt sich der Schlossteich in eine Wiesenmulde. Dahinter eine einfache Bank. Wir machen eine kurze Rast. Und während wir uns hinsetzen, schnellt eine Fontäne nach oben, deren mächtiger Strahl uns zusammenzucken lässt. "Habe ich was versäumt", so der lakonische Titel von Jeppe Heins Interaktion, eine Irritation unserer Sinne und eine Einladung, dem allzu Vordergründigen zu misstrauen.

Ähnlich suggestiv das Kunstwerk von Erwin Wurm, das wir wenig später erreichen. Wo sich der Canal de la Martinière hinter einer letzten Schleuse staut, ehe er sich mit der Loire vereint, stürzt sich ein Segelboot über die Mauer und strandet: "Misconceivable", wie der österreichische Multimedia-Künstler die Szenerie nennt, "falsch aufgefasst". Ein fast schon exemplarisches Beispiel dafür, mit wie viel Witz die Stationen des "Estuaire" die Geschichte und Geographie der jeweiligen Standorte in ihre Werke integrieren und damit anregen, die Gegend mit fremden Augen zu entdecken.

In Paimbœuf sind wir zurück an der Loire. Sie hat sich verändert. Die Gezeiten sind zu spüren, der Geruch von Salz hängt in der Luft, Brackwasser brandet gegen den Kai. Hier hat der japanische Landschaftsarchitekt Kinya Maruyama seinen "Sternengarten" angelegt: ein aus Holzplanken gefertigtes, ungestüm wucherndes Stück künstliche Wildnis, mit kreuz und quer verschachtelten Brettern und Stangen, inspiriert vom Stil der traditionellen Hütten der Angler und der Verankerungen ihrer Netze, die sie in den Boden rammten. Doch Maruyama will noch höher hinaus: Sein Paradies ruht auf Fundamenten, die das Sternbild des "Großen Bären" und die vier Himmelsrichtungen symbolisieren und so Brücken schlagen zwischen Erde und Firmament.

Ein Stück künstliche Wildnis: "Sternengarten" von Kinya Maruyama in Paimboeuf. 
- © Philippe PIRON

Ein Stück künstliche Wildnis: "Sternengarten" von Kinya Maruyama in Paimboeuf.

- © Philippe PIRON

Eine Oase zum Spazieren und Träumen, so der Wunsch des Künstlers. Was angesichts der Szenerie am gegenüberliegenden Ufer nicht einfach scheint. Mächtige Raffinerie-Anlagen und Werften schieben sich ins Bild, Ausläufer von Saint-Nazaire, dem viertgrößten Hafen Frankreichs, der seinen Aufstieg dem Niedergang von Nantes verdankt. Die Wehrmacht wusste die Lage am Atlantik zu nutzen, als sie die Stadt mit einem mächtigen U-Boot-Bunker befestigte. Entsprechend heftig waren die Angriffe der Alliierten.

Der Atlantik ruft

Die "Operation Chariot", eine der legendärsten britischen Offensiven, zielte am 28. März 1942 darauf ab, das Trockendock zu zerstören. Damit hoffte man, die feindliche Kriegsmarine von der Möglichkeit abzuschneiden, beschädigte Schlachtschiffe vor Ort zu reparieren. Obwohl die Attacke gelang, zogen die Deutschen trotzdem erst am 11. Mai 1945 ab, aus einer fast vollends in Schutt und Asche gelegten Stadt. Sie wuchs erst in den 1960er Jahren zum modernen Industriezentrum heran. Betonmassen haben den Boden versiegelt.

Das unter Schutz gestellte ökologische Feuchtgebiet, das wir südlich der Loire passieren, wirkt in diesem Setting fast schon exotisch. Ein paar Kilometer unberührte Natur, ehe wir schließlich in Saint-Brevin-les-Pins ankommen. Eine imposante Brücke zieht hinüber nach Saint-Nazaire.

"Schlange des Ozeans" von Huang Yong Ping. - © Franck Tomps
"Schlange des Ozeans" von Huang Yong Ping. - © Franck Tomps

Doch möchten wir da überhaupt hin? Nein, wir strampeln lieber bis zum Strand, der Atlantik ruft. Die Flut meldet sich zurück, heftige Böen wühlen die See auf. Unsere Augen haben endlosen Auslauf. Doch sie bleiben an einem seltsamen metallenen Gebilde hängen, das sich durch die Wellen wälzt: die "Schlange des Ozeans", vom chinesische Konzeptkünstler Huang Yong Ping an die sandige Küste gesetzt. Eine Installation an der Grenze zwischen Ufer und Meer, dieses Skelett eines riesenhaften Ungeheuers, das sich wütend aufwirft und wieder im Wasser verschwindet, ganz so, als würde es uns auf seinem Rücken mitreißen wollen in die Weiten der Brandung: der Beginn einer neuen, anderen Reise. Und wenn gelungen ist, was gelingen soll, dann fühlen wir uns nun inspiriert und gestärkt - und ermutigt in der Hoffnung, im Auge des Sturms nicht verloren zu gehen.