Philip Roth hat das alles kommen sehen, als er gegen Ende des 20. Jahrhunderts "Der menschliche Makel" schrieb. In diesem Roman, dem dritten Teil seiner "amerikanischen Trilogie", gibt sich ein junger, relativ hellhäutiger Afroamerikaner namens Coleman Silk 1944 bei der US-Armee als Weißer aus und bleibt bis zum Ende seines Lebens bei dieser Lüge. Im amerikanischen Englisch bezeichnet man einen solchen Schritt, der in der Wirklichkeit gar nicht so selten vorkam, als passing.

Nicht weiß sein

Nach seinem Tod im Jahr 1998 bemerkt Colemans (dunkelhäutigere) Schwester im Gespräch mit dem Erzähler, dass Ende des 20. Jahrhunderts "kein intelligenter Neger aus der Mittelschicht" die rassische Selbstzuordnung wechseln würde. "Heute ist es nicht vorteilhaft, so etwas zu tun, so wie es damals eben sehr wohl vorteilhaft war." Wenn schon passing, dann in die andere Richtung. Aus Weiß mach Schwarz oder eine andere Farbe, warum nicht Rot - das könnte doch vorteilhaft sein, wenn es darum geht, ein Universitätsstipendium oder Wählerstimmen zu bekommen.

So machten es die demokratische Politikerin Elizabeth Warren, die behauptete, indianische Vorfahren zu haben, oder die Historikerin Jessica Krug, oder die Künstlerin und Politaktivistin Rachel Dolezal, die mittlerweile als Frisörin jobbt, nachdem ihr Betrug als "schwarze" Studentin an der traditionell afroamerikanischen Howard University aufgeflogen war. Wenn man es denn als Betrug auffassen will, denn Dolezal selbst meint, rassische Zugehörigkeit - den Amerikanern geht das Wort race leicht über die Lippen - sei keine biologische Frage, sondern eine der persönlichen Entscheidung und der Sozialisierung.

Die Aktivistin Rachel Dolezal, 2015 auf einer Kundgebung. 
- © Aaron Robert Kathman / CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0) / via Wikimedia Commons

Die Aktivistin Rachel Dolezal, 2015 auf einer Kundgebung.

- © Aaron Robert Kathman / CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0) / via Wikimedia Commons

Dolezal ist übrigens jüdischer Herkunft. In Europa, besonders in Deutschland und Österreich, wurden Juden aus rassischen Gründen verfolgt und schließlich ermordet. In den USA gelten sie als "weiß", und sie selbst sehen sich wohl meistens auch so. Coleman Silk, der Held in Philip Roths Roman, gibt sich nicht als irgendein Weißer aus, sondern als Jude. Und zufällig hat auch er an der Howard University studiert, wenngleich nur für eine Woche, vor seinem Eintritt in die Navy. Er hielt den Rassismus im damaligen Washington D.C. nicht aus und entzog sich dem brennenden Wunsch seines Vaters, eines "bekennenden" Schwarzen, an dieser Universität zu studieren.

In seinen letzten Lebensjahren wird Coleman auf paradoxe Weise von seiner Herkunft eingeholt. Nachdem er lange Zeit Dekan einer kleineren Universität gewesen ist, wird ihm der Vorwurf des Rassismus gemacht, und darüber verliert er seine (jüdische) Frau und seine Stellung am College. Ironie des Schicksals, Ironie der amerikanischen Geschichte. Der systemische Antirassismus ist rassistisch geworden und bringt einen Mann mit afroamerikanischen Wurzeln zu Fall.

Whoopi Goldberg, die dunkelhäutige Schauspielerin, ist nicht rassistisch, sie ist nur etwas naiv. Die Verfolgung der Juden durch die Nazis sei ein Problem unter Weißen gewesen, sagte sie in einer Talkshow zu Beginn dieses Jahres. Nun ja, viele Juden haben eine eher helle Hautfarbe - und für Goldberg ist "Rasse" gleichbedeutend mit Hautfarbe. Ihr Familienname klingt deutsch-jüdisch, doch ihre Vorfahren, soweit man etwas über sie weiß, waren Afroamerikaner. 2016 kokettierte sie mit ihrem Jüdisch-Sein; sie spreche oft zu Gott, sagte sie, ließ aber offen, zu welchem.

Hautfarbenblind

Colemans Schwester, die hier als Sprachrohr des Autors fungiert, ist Lehrerin, im Gespräch äußert sie nebenbei Zweifel am Sinn des Black History Month. Diese auf das Jahr 1926 zurückgehende Einrichtung, ursprünglich Black Negro (!) Week, ist vor allem für die Schulen und Universitäten von Bedeutung. Die Lehrerin hört von Schülern, sie würden in diesem Monat grundsätzlich nur eine von Schwarzen verfasste Biographie eines Schwarzen lesen. Sie fragt daraufhin, "welche Rolle es spielt, ob der Verfasser schwarz oder weiß ist". Offenbar hält es diese Frau mit dem Prinzip der color-blindness, das mehr und mehr in die Defensive gerät. Im Umgang mit anderen sollte man am besten gar nicht auf deren Hautfarbe achten: So hieß es früher im Sinn eines menschheitlichen, humanistischen Universalismus.

Im Online-Zeitalter stellt die University of North Carolina ihren Studenten in einem allgemein verfügbaren Unterrichtsmodul die Aufgabe, eine positive (!) Antwort auf die folgende Frage zu formulieren: "Erklären Sie, warum die Konzepte von ‚color-blindness‘ und ‚Neutralität‘ schädlich für antirassistische Arbeit einschließlich der antirassistischen Arbeit in Buchhandlungen sind."

Die entsprechende Einstellung scheint im akademischen Betrieb der USA heute vorherrschend zu sein; eine gegenteilige Meinung ist nicht vorgesehen. Die separaten Abschlussfeiern für unterschiedliche ethnische Gruppen ebenso wie für homosexuelle Studenten und - wohl nur als Alibi - für solche aus einkommensschwachen Gruppen bestätigen diese Beobachtung ebenso wie die Umkehrung des traditionellen Absence Day der Schwarzen an einem College: Weiße Studenten und Professoren sollen an diesem Tag dem Campus fernbleiben.

Als ein weißer Biologie-Professor namens Bret Weinstein, der sich selbst als deeply progressive, also politisch links, bezeichnet, trotzdem Unterricht halten wollte, wurde er von einer etwa fünfzigköpfigen Gruppe von Studenten umzingelt und als Rassist beschimpft. Der nun schon einige Jahre zurückliegende Vorfall wurde gefilmt und war auf YouTube zu sehen. Will man sich selbst ein Bild machen, stößt man auf eine schwarze Fläche mit der weißen Inschrift, das Video verstoße gegen die YouTube-Richtlinien zu Belästigung und Mobbing. Als würde Zensur irgendetwas besser machen ... Der Professor ist übrigens jüdischer Abstammung.

Ewige Opfer

John McWhorter, ein in Philadelphia geborener Linguist dunkler Hautfarbe, wie man beim Googeln feststellen kann, wies schon an der Schwelle zum 21. Jahrhundert auf die Tendenz vieler schwarzer Gruppen - "Communitys" - und Persönlichkeiten hin, ihren Opferstatus hervorzukehren und zu zementieren, anstatt selbst an positiven Veränderungen zu arbeiten, also quasi vor der eigenen Haustür zu kehren.

Ein Jahrzehnt später zweifelte auch er den Sinn des Black History Month an. Die Lehrbücher für Geschichte würden die Sklaverei in den USA mittlerweile in solchem Umfang behandeln, dass zu wenig Platz bleibe für andere Aspekte der Geschichte. Die Lehrer würden sich so ausführlich mit dem "institutionellen Rassismus" beschäftigen, dass die Studenten keinen Schimmer mehr bekämen von anderen Dingen, wie etwa dem Münchner Abkommen.

McWhorter gebraucht in diesem 2011 veröffentlichten Artikel das Wort wakeful in positivem Sinn, lange bevor woke zum Schlagwort für eine politische Haltung wurde, die allenthalben in den Mikrostrukturen des Alltags reale oder vermeintliche Ungerechtigkeiten aufstöbert und eine politisch-moralisch korrekte Kultur samt zugehörigem Sprach gebrauch durchzusetzen versucht.

- © Hoffmann und Campe
© Hoffmann und Campe

Das letzte, 2021 erschienene Buch McWhorters trägt nun den Titel "Woke Racism: How a New Religion Has Betrayed Black America", und es handelt genau davon (auf Deutsch: "Die Erwählten. Wie der neue Antirassismus die Gesellschaft spaltet", 2022 bei Hoffmann und Campe erschienen).

Europa ist nicht Amerika, die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerungen ist anders, die Geschichte ist anders, die zeitgenössischen migrantischen Bewegungen sind andere. Auch deshalb scheint es mir verfehlt, wenn Sharon Dodua Otoo in ihrer Rede 2020 beim Bachmannpreis-Wettbewerb derart auf Communitys - laut Duden gilt für das Fremdwort der deutsche Plural - insistiert und fordert, sie durch den Großbuchstaben im Adjektiv "schwarz" kenntlich zu machen, um deren Bedeutung zu betonen (was in ihrem eigenen Text nicht gut funktioniert, weil man das Adjektiv zunächst als Nomen liest).

Coleman Silk hat eben mit diesen Communitys seine Probleme und betont seine eigene, individuelle Identität, er setzt sich vom Kollektiv ab, um sich als der eine und Einzige zu verwirklichen, der er ist und werden will.

Richten wir den Blick auf unsere tägliche Wirklichkeit im Jahr 2022: Welche Communitys sollen das nun sein, in Festlandeuropa? Schwarze? Oder türkische? Kurdische? Wollen wir wirklich unsere Gesellschaften ethnisieren? Wollen wir Rassentrennungen für Schulabschlussfeiern einführen? Wie immer man "Rasse" definieren will, ich verwende das Wort widerwillig. In Frankreich sprechen antirassistische Aktivisten gern von racisés, von Leuten, die durch die böse Mehrheitsgesellschaft, also die systemisch "weiße", erst in eine rassische Schublade gesteckt werden, natürlich zu ihrem Nachteil, damit sie besser ausgebeutet werden können.

Doch indem diese Aktivisten ständig auf ihr "rassisiertes" Dasein hinweisen, bestätigen sie dieses nicht nur, sie bestärken es sogar. Auch wenn die Lippenbekenntnisse anders lauten, die Opfer sollen ihren Status behalten, denn sonst erübrigt sich der antirassistische Aktivismus.

Im September 2021 bekämpften einander in einer französischen Kleinstadt Mitglieder der afrikanischen und die kurdischen communauté - auf "Deutsch": Community - auf offener Straße, es gab Schwerverletzte. Auslöser war ein kleiner Streit zwischen Kleinkindern auf einem Spielplatz gewesen. Afrikanische Community? Nordafrikaner, Araber, Kabylen waren anscheinend nicht dabei. "Die Republik anerkennt keine Communitys", sagte damals der Bürgermeister. "Die Stadt kennt nur Stadtbürger, die alle gleich sind und alle verantwortlich für das, was sie tun. Gewalt wird hier nicht akzeptiert." Ein vernünftig denkender Mensch, man kann ihm nur zustimmen.

Frankreich ist nicht Deutschland oder Österreich oder die Schweiz. Frankreich hatte bis vor nicht gar so langer Zeit afrikanische Kolonien, und die Nachwirkungen sind bis heute spürbar, sie haben Einfluss auf die Zusammensetzung der Bevölkerung. Hier liegt einer der Gründe für die im Aufschwung befindliche, von Rechtsextremen gepflegte Theorie des grand remplacement, die der in Österreich eine Zeit lang verbreiteten Theorie der "Umvolkung" entspricht, aber wegen der französischen Kolonialgeschichte andere Akzente setzt.

2019 inszenierte der Hellenist und Theaterregisseur Philippe Brunet im wunderschönen Amphitheater der Sorbonne "Die Schutzflehenden" von Aischylos. Eine Aufführung wurde von selbsternannten antirassistischen Aktivisten gewaltsam verhindert, weil Schauspielerinnen - die aus Ägypten geflohenen Danaiden - dunkle Masken trugen und einige Gesichter dunkel bemalt waren. "Blackface!", schrien die wachsamen Antirassisten, nachdem sie irgendwo in den Sozialen Medien auf Fotos von den Aufführungen gestoßen waren. Ein Sprecher des Dachverbands schwarzer Gruppierungen ("associations noires") bezichtigte die Inszenierung der afrophoben, kolonialistischen Propaganda.

Verwandlungen

Das Make-up von Orson Welles, hier als Othello über Desdemona (Suzanne Cloutier) gebeugt, kommt im Film dunkler zur Geltung als im Foto. 
- © United Artists / Public domain / via Wikimedia Commons

Das Make-up von Orson Welles, hier als Othello über Desdemona (Suzanne Cloutier) gebeugt, kommt im Film dunkler zur Geltung als im Foto.

- © United Artists / Public domain / via Wikimedia Commons

Wenigstens ein Teil der französischen Intellektuellen, darunter die Theatermacherin Ariane Mnouchkine und die Schriftstellerin Hélène Cixous, war darüber erschrocken und reagierte mit einer öffentlichen Stellungnahme, in der die Blockade als identitäre Zensur bezeichnet wird. Das Theater, hieß es darin, sei seit seinen griechischen Ursprüngen der Ort der Verwandlung, der Metamorphose - aber kein Rückzugsort für Identitäten. Wird es demnächst Autodafés geben, fragen die Unterzeichner, Veranstaltungen wie die Bücherverbrennungen der Nazis? Muss man Shakespeares "Othello" verbannen, die Verfilmung von 1951 verbrennen, weil Orson Welles darin als Othello schwarz geschminkt war?

Philippe Brunet wies unterdessen auf die fundamentale Tatsache hin, dass es die Aufgabe der Schauspieler ist, einen anderen darzustellen - mit oder ohne Maske, mit oder ohne Schminke. "Der Schauspieler auf der Bühne spielt eine andere Person, und er tut es vor einer Versammlung von Leuten, die das Spiel mitspielen und ihn für einen anderen halten." Ein Schwarzer könne von einem Weißen gespielt werden und umgekehrt ein Weißer von einem Schwarzen.

Dieselben Diskussionen sind in den vergangenen Jahren auf volkskultureller Ebene in Bayern und Österreich aufgetaucht. Der Bischof von Bamberg fühlte sich unlängst bemüßigt, das Schminken von Melchior (oder war es Balthasar?), dem einen der heiligen drei Könige, fürs Sternsingen zu verteidigen - auf Facebook, wo sonst. Vertreter schwarzer Communitys hatten diesen Brauch kritisiert, und manche katholischen Organisationen raten mittlerweile davon ab. Dabei wird das beim Sternsingen gesammelte Geld oft für notleidende Kinder in Afrika gespendet. Aber das ist wohl die alte christliche Heuchelei ...

Die heiligen drei Könige der Sternsingeraktion verzichten heute meist auf schwarze Schminke... - © apa / Marion & Reinhard Hörmandinger
Die heiligen drei Könige der Sternsingeraktion verzichten heute meist auf schwarze Schminke... - © apa / Marion & Reinhard Hörmandinger

Störungen, Blockaden, Absetzungen von kulturellen Veranstaltungen aus ideologischen Gründen sind mittlerweile weltweit zu beobachten. Das Berliner Staatsballett setzte vor Weihnachten die traditionelle Aufführung von Tschaikowskys "Nussknacker" nach einer Choreographie des 1910 verstorbenen Marius Petipa ab. Begründung: Der in dem Stück vorkommende "chinesische Tanz" enthalte Bewegungen, die alten Stereotypen über China wiedergäben. Unter anderem wurden die Trippelschritte von Tänzern moniert.

Bücher brennen

Nun spricht nichts dagegen und vieles dafür, alte Inszenierungen zu überdenken und sie womöglich durch neue zu ersetzen. Bedenklich ist allerdings die Beflissenheit, mit der überall nach eventuellem, sei es auch "unbewusstem" Rassismus gestöbert wird. Ganz ohne Stereotype werden wir auch in einer moralisch properen Zukunft nicht leben können. Einiges davon entspricht nun einmal realen Gegebenheiten, und ganz ohne Verallgemeinerung gibt es überhaupt kein Denken, kein menschliches Empfinden.

Trippelschritte sehe ich in meinem Alltag häufig, bei Japanerinnen und, in geringerem Maß, bei Japanern. Häufig drücken sie Dienstfertigkeit aus, und dieses Verhalten ist längst nicht Geschichte, es gehört immer noch zur Semiotik der Körper. Ein historischer Grund dafür sind die traditionellen Kleidungsformen: Der Kimono erlaubt keine Spreizschritte.

Bücherverbrennungen sind übrigens keine bloßen Kassandra-Phantasien, in Kanada wurde 2019 bereits eine durchgeführt - natürlich gut gemeint und ökologisch korrekt. Die Bücher aus einer Bibliothek für Schüler, die angeblich negativ typisierende Darstellungen von autochthonen Menschen enthielten, sollten "Mutter Erde zurückgegeben werden", mit ihrer Asche sollte ein neu gepflanztes Bäumchen gedüngt werden. Man brachte es damals, 2019, nur auf dreißig Exemplare, doch einige tausend waren schon ausgesondert und zur Entsorgung vorgesehen.

Hauptverantwortlich für die Aktion war eine Frau namens Suzy Kies, Mitglied der Liberalen Partei und stellvertretende Vorsitzende, bis letztes Jahr aufflog, dass die indigenen Vorfahren, von denen sie angeblich abstammte, erfunden waren. Konvertiten sind oft besonders eifrig, wenn es um Säuberungen geht.