Ich war zwölf Jahre alt, als ich eines Tages zum glücklichen Besitzer einer Kamera wurde. Meine Tante hatte sie irgendwo aus ihrem ererbten Fundus hervorgeholt und mir das gebrauchte Stück zum Geburtstag geschenkt. Welche Freude, ein eigener Fotoapparat!

Das Gerät hatte in etwa das Format einer Schokolade, war aber viel dicker, an einer Seite hatte es einen Henkel zum Tragen und wenn man es nicht verwendete, konnte man es in einem Lederetui aufbewahren. War das Objektiv herausgeklappt, verwandelte sich der Apparat in ein ziehharmonikaartiges Gebilde, und in diesem dunklen Innenraum, so stellte ich mir vor, entstanden die Bilder.

Was ist perfekt?

Wie das genau vor sich ging, interessierte mich wenig, ich wusste nur, dass als Negativmaterial Rollfilme eingelegt werden mussten. Erst später erfuhr ich, dass mein Apparat eine einfache Klapp- bzw. Balgenkamera aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts war.

Bald begann ich meinen neuen technischen Schatz auszuprobieren. Als ich den ersten Film entwickeln ließ, war ich schwer enttäuscht. Auf jedes der Bilder war ein großer heller Fleck geplatzt. Das Material der Ziehharmonika war offenbar undicht, das Ergebnis waren Fotos, die, eins nach dem anderen, verunglückt waren. Bald verlor ich das Interesse am Bildermachen, denn ich wollte perfekte, nicht beschädigte Aufnahmen. Der Apparat landete irgendwo im Kasten und ist bei einem meiner späteren Umzüge verloren gegangen.

Eine perfekte Fotografie, was ist das? Ist das eine technisch makellose Aufnahme, die alle Spielregeln des Mediums beachtet? Also gutes Licht, eine sichere Hand, die mittige Positionierung des Objekts, eine passende Verschlusszeit, ein überzeugender Bildausschnitt, eine saubere Ausarbeitung und Fixierung. Sind derart gewonnene Bilder perfekte Aufnahmen? Der Blick in die Realität zeigt, dass dieses hohe Ideal des Bildermachens regelmäßig verfehlt wird, nicht nur gelegentlich, sondern häufig.

Überbelichtet . . . 
- © Archiv Holzer

Überbelichtet . . .

- © Archiv Holzer

Es gibt weit mehr missglückte Fotos, als wir auf den ersten Blick wahrhaben wollen: verwackelte, unterbelichtete und überbelichtete Bilder, unscharfe und verrutschte Szenen, schlecht ausgearbeitete oder zerbrochene Negative, zerkratzte und anderweitig lädierte Abzüge. Aber der Zahn der Zeit und des Gebrauchs setzt den Bildern zu: Denken wir etwa an Fotos mit Fett- und anderen Flecken, mit Löchern, ab- und eingerissenen Ecken, Knick- und Faltspuren. Würden wir unsere Fotoalben unter dem Mikroskop betrachten, wären wir erstaunt, was sich alles vor oder nach der Aufnahme auf die Oberflächen der Bilder geschwindelt hat: Haare und Schmutz, Fingerabdrücke und andere Tapser, gelegentlich sogar die Spuren kleiner Viecher wie Fliegenbeine und Insektenflügel. Sind das alles missglückte Bilder, die nur zufällig überlebt haben und die eigentlich in den Abfallkübel gehören?

Einspruch! Das Missgeschick gehört, so behaupte ich, zwangsläufig zur Fotografie. Denn es gibt im Reich dieses Mediums keine perfekten Bilder. Der Grund ist einfach: Das Fotografieren folgt zwangsläufig den Gesetzen des Zufalls. So sehr wir uns auch bemühen, technisch makellose Aufnahmen zustande zu bringen, ganz können wir das Unberechenbare nicht bannen.

Geschichte des Zufalls

Was im Augenblick, da wir auf den Auslöser drücken, festgehalten wird, bestimmen nicht wir allein, sondern ein Stück weit macht das auch der Zufall. Wäre es daher nicht einleuchtend, die Fotografie und ihre Geschichte einmal ganz anders zu erzählen, nicht als Geschichte technischer Perfektion, sondern als Geschichte des Zufalls und eben - des Missgeschicks? Genau das will ich hier anhand einiger Beispiele versuchen.

Eine Frau und ein Mädchen stehen vor einem Haus auf einem geschotterten Weg. Die Schatten sind kurz, die Sonne steht hoch, es ist Mittagszeit. Das Mädchen ist ganz in Weiß gekleidet, weißes Kleid, weiße Strümpfe, weiße Handschuhe. Frisch frisiert und lächelnd steht sie da. Die Aufnahme entstand in der Zwischenkriegszeit anlässlich der Erstkommunion. Die Frau neben ihr - ist es die Mutter, die Tante, die Patin? - erscheint groß und mächtig neben dem Kind. Das dunkle Kleid und der große Schatten am Boden, in dem der kleinere Schatten des Kindes aufzugehen scheint, unterstreichen die Präsenz der Erwachsenen. Aber ihr fehlt der Kopf. Abgeschnitten! Wie ist diese Aufnahme zustande gekommen? War der Fotograf derart auf die Protagonistin, das Mädchen, fixiert, dass dessen Begleiterin versehentlich über den Fotorand gerutscht ist? Wir wissen es nicht.

Kopf ab: ein Foto aus der Zwischenkriegszeit. - © Archiv Holzer
Kopf ab: ein Foto aus der Zwischenkriegszeit. - © Archiv Holzer

Köpfe abschneiden, Gesichter zerschneiden: In der privaten und professionellen Fotografie gilt das als grober Regelverstoß. Anders in der Kunst, als in den Jahren um 1930 Bilder auftauchten, die Spaß an Regelverletzungen hatten. Die fotografische Avantgarde liebte das Köpferollen, das Zerschneiden der Körper. In den 1920er und 30er Jahren hielt nicht nur die Schere Einzug in den Werkzeugkasten der modernen Fotografie. Auch mit der Kamera selbst wurde geschnitten und beschnitten: Dinge, Körper, Gesichter verloren ihre Einheit, sie wurden unerbittlich zerteilt, zerlegt und oft neu zusammengesetzt.

Verwischte Bilder

Insbesondere das Gesicht wurde auf diese Weise erforscht, beleuchtet und überblendet, es wurde gereiht und verglichen, vergrößert und verkleinert. Die Ergebnisse galten nicht etwa als Missgeschick, sondern als Kunst. Den konservativen Lichtbildnern dieser Jahre war ebendiese Strategie der Avantgardefotografie, nämlich der Schere und dem Zufall die Regie beim Bildermachen zu überlassen, ein Gräuel. Heinrich Kühn, der österreichische Altmeister der Kunstfotografie, wetterte 1931 wortgewaltig gegen die moderne Fotomontage, die ihn, "manchmal zynisch an das Brutale, Aufreizende und doch wieder Blöde einer Jazzmusik" erinnere.

Als Anfang 1839 das Verfahren der Fotografie in Paris öffentlich kundgemacht wurde, schien die Sensation perfekt. Man konnte nun, ganz ohne menschliches Zutun, Bilder exakt nach dem Vorbild der Wirklichkeit aufnehmen. Die Fotografie schlug die Zeitgenossen von Beginn an in Bann, denn sie war imstande, die kleinsten und unscheinbarsten Details auf der Fotoplatte festzuhalten, sogar die "Räder im Kies, und die Huftritte der Pferde", wie ein begeisterter Augenzeuge im Oktober 1839 anmerkte.

Durch die bald drastisch verkürzten Belichtungszeiten rückten nicht nur still sitzende Menschen und unbewegliche Dinge in den Fokus der fotografischen Apparatur. Auch Bewegungen, die bisher keine oder kaum Spuren auf den versilberten Kupferplatten hinterlassen hatten, konnten nun festgehalten werden: Menschen, die auf der Straße unterwegs waren, Fuhrwerke in Fahrt.

"Fehlerbücher"

Was aber sehen wir auf den frühen Bildern, wenn sich die Dinge vor dem Objektiv bewegten? Häufig sind es Schlieren, Schatten, verwischte Spuren! Der Wirklichkeit entsprachen diese Aufnahmen ganz und gar nicht. Aber niemand wäre um die Mitte des 19. Jahrhunderts auf die Idee gekommen, diese Trübungen, die Zeit und Zufall auf die Fotoplatten geworfen hatten, als Missgeschicke zu brandmarken.

Einige Jahrzehnte später passierte aber genau das. Kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert kam ein neuer Strang der fotografischen Ratgeberliteratur auf, die sogenannten "Fehlerbücher", die in hohen Auflagen erschienen. Sie wollten der größer werdenden Zahl an Amateurfotografen und Knipsern Leitlinien an die Hand geben, mittels derer diese gelungene von missglückten Bildern unterscheiden konnten.

Verwischt und ein bisschen zu tief . . . 
- © Archiv Holzer

Verwischt und ein bisschen zu tief . . .

- © Archiv Holzer

Ausgemerzt sollten technische Defizite ebenso werden wie ästhetische Ausrutscher. "Hässliche" und "unschöne" Aufnahmen entstanden dann, wenn die ehernen Regeln der Fotografie missachtet wurden, wenn etwa einzelne Körperteile übermäßig groß ins Bild ragten, "widersinniges Beiwerk" gezeigt wurde, Hand- und Kopfhaltung ungünstig waren, Nebensächliches ins Zentrum rückte oder Staffage und Hintergründe unpassend erschienen.

Wer sich präzise an die Vorgaben der Meister hielt, würde, so lautete das Versprechen, nicht nur dem Zufall, sondern auch dem Missgeschick Einhalt gebieten. Doch der Erfolg dieser Erziehung zum richtigen Sehen blieb, nachträglich betrachtet, recht bescheiden. Wenn wir alte Fotoalben mit privaten Aufnahmen durchblättern, können wir die gerügten Fehlerlisten geradezu durchdeklinieren. Die Macht des Zufalls und des Missgeschicks lassen sich offenbar nicht bannen.

Fotografien frieren den Augenblick ein, sie bringen die Zeit zum Stillstand. Was sie zeigen, hat freilich, derart fixiert, nie existiert. Daher bezeugen Fotos zwar, was war, aber ihr Beweismittel ist selbst konstruiert. Leblos wie auf den Bildern haben wir die Menschen nie gesehen. Erst in der Betrachtung der Bilder geben wir ihnen wieder ihr Leben zurück. "Gelungene" Fotos lassen uns glauben, die Zeit sei tatsächlich angehalten worden. Wenn die Konturen scharf sind, die Personen deutlich zutage treten, sind wir zufrieden. Was passiert aber, wenn im Foto die Tücken der Apparatur sichtbar werden? Wenn sich der dünne Zeitschnitt dehnt, wenn Teile des Bildes verwischt sind, weil die Zeit der Belichtung länger ist, als sie sein sollte?

In Bewegung. 1940er Jahre. - © Archiv Holzer
In Bewegung. 1940er Jahre. - © Archiv Holzer

Sehen wir uns vier Fotos an, die alle an einem Tag um die Mitte des 20. Jahrhunderts entstanden sind. Der Ort der Aufnahme: ein Park, irgendwo in Wien. Wir sehen einen Mann (ist es der Vater, ein Onkel oder der Großvater?) mit drei Kindern. Eine weitere Person, (ein Freund, die Mutter?) steht hinter der Kamera und macht die Aufnahmen. Oder sie versucht es zumindest.

Denn im herkömmlichen Sinn gelungen ist keine einzige der Aufnahmen. Der Störenfried ist das Kleinste der Kinder. Wie alt mag es sein, zwei Jahre? Das älteste Mädchen mit Hut und Zöpfen steht ruhig da, es blickt in die Kamera und versucht auch das kleine Geschwisterchen im weißen Kleid, das vor ihr steht, ruhig zu halten. Aber dieses will sich dem Diktat, stillzustehen, nicht beugen. Sein Gesicht ist verwischt, der Oberkörper verliert an Kontur, die fuchtelnden Hände verlieren sich im Nichts, nur die Füße stehen fest auf dem Boden, sie geraten scharf ins Bild.

Emotionale Andenken

Ein Versuch, und noch einer: Wiederum ist das kleine Kind im weißen Mäntelchen nicht zu bremsen, Kopf und Hände, die sich rasch bewegen, hinterlassen Schlieren im Bild. Irgendwann hat das kleine Mädchen auf dem Schoß eines Mannes Platz genommen. Er sitzt auf einer Parkbank. Nun hat nicht die Kleine, sondern der Erwachsene sein Gesicht verloren.

Im Augenblick, als der Fotograf sich zum Schnappschuss bereit machte, hat er seinen Kopf gewendet. Die Augen sind verwischt, die Krawatte ist verrutscht, die Hand hat einen transparenten Schatten erhalten. Das Gesicht des Kindes hingegen ist diesmal ruhig geblieben. Nur auf einem Bild sind die Köpfe der Kinder ruhig, ist der Kopf des Mannes nur leicht verwackelt. In welcher Reihenfolge die Aufnahmen entstanden sind, wissen wir nicht. Aber als vollkommen missglückt galten sie dem Besitzer wohl nicht, denn sie wurden allesamt aufbewahrt, als emotionales Andenken.

Wir können annehmen, dass diese verwackelte Szene im Atelier eines Berufsfotografen nicht überlebt hätte. Dieser hätte vermutlich so lange experimentiert, bis er die fahrigen Bewegungen des Kindes im Bild gebändigt hat. Mit dem wirklichen Leben haben die glatt gebürsteten Fotos aus dem Studio freilich meist wenig gemeinsam. Wer sitzt schon starr und steif in Reih und Glied? Diese kleine, auf den ersten Blick missglückte Bilderserie hingegen erzählt ganz unmittelbar und anschaulich vom bewegten Leben mit Kindern.

Ein halbes Jahrhundert nach diesen verwischten Schwarz-Weiß-Aufnahmen hat die digitale Ära das Versprechen in die Welt gesetzt, die Welt der Fotografie zu revolutionieren. Die Spuren des Lichts, die sich jahrzehntelang in das Negativmaterial eingegraben haben, bevor Abzüge daraus hervorgingen, hinterließen jetzt nur mehr eine Datenspur. Diese war beliebig modifizier- und veränderbar, also auch optimierbar.

Zerbrochenes Negativ: Szene um 1900. 
- © Archiv Holzer

Zerbrochenes Negativ: Szene um 1900.

- © Archiv Holzer

Bildstabilisatoren gleichen nun kleinste Erschütterungen bei der Aufnahme aus, digitale Nachbearbeitungen verbessern Schärfe, Graubalance und Farbgenauigkeit. Aber auch Ausschnitte und Details lassen sich nun in Bruchteilen von Sekunden herausholen. Das einst mühsame Geschäft der Retusche, das Fehler und Falten eliminierte, Hälse verlängerte und Flecken beseitigte, ließ sich nun in Sekundenschnelle am Rechner erledigen. Bilder, die völlig missglückt waren, landeten nun per Knopfdruck im Abfallkübel. Im digitalen Zeitalter war es, so schien es, ein Leichtes, jeglichen Makel auszubügeln und der perfekten Fotografie zum Durchbruch zu helfen.

Spannende Defizite

Ist das passiert? Nein! Ich habe mir die Mühe gemacht, meine eigenen digitalen Bilderordner, die mittlerweile zwei Jahrzehnte umfassen, zu durchforsten. Von Perfektion keine Spur. Meist habe ich die Daten unverändert von der Kamera und später vom Mobiltelefon auf das PC-Laufwerk geschaufelt, ohne weiter an die Bilder Hand anzulegen. Ich nehme an, dass ich in dieser Hinsicht keine Ausnahme bin. Viel Mittelmaß findet sich da und missglückte Bilder sonder Zahl, überbelichtete und unterbelichtete Fotos, verwackelte und verwischte Bilder.

Die löchrige Klappkamera aus meiner Jugend, die ich einst weggelegt hatte, weil die Bilder misslungen waren, sehe ich heute, viele Jahre später, in neuem Licht. Auch die damaligen Fotos würden gut in meine unperfekte Bildersammlung passen. Gewiss, die Ratgeberautoren der Jahrhundertwende hätten nur Verachtung für diese Kollektion übrig. Mir sind die missglückten, ver-rückten Bilder aber mittlerweile ans Herz gewachsen, weil mich das Missgeschick in der Fotografie nicht mehr stört. Weil ich manche der Aufnahmen trotz ihrer scheinbaren Defizite für spannende Fotos halte.

Und nicht zuletzt, weil ich die Protagonisten der Szenen mag: Es sind meine Kinder, es ist meine Familie, es sind meine Freunde. Manche würde ich mit ihren verwischten Gesichtern nicht wiedererkennen. Oft aber macht mich erst ein Vergleich mit Schnappschüssen, die vorher und nachher an diesem Tag entstanden, sicher: Ja, das muss Georg sein, und das Marlene, und das Luis.