Zwölf Stunden und fünfundzwanzig Minuten. Das ist der Rhythmus, in dem die Nordsee tickt - und schuld daran ist der Mond. Er ist zwar hunderttausende Kilometer von der Erde entfernt, aber seine Gravitationskraft ist so groß, dass er auf seinen Runden um die Erde das Wasser der Weltmeere anzieht und die Gezeiten in Gang setzt. In der Nordsee sind diese besonders stark ausgeprägt. Bei Flut strömen enorme Mengen Wasser aus dem Atlantik in sein kleines Nebenmeer und setzen dort ein tägliches Schauspiel in Gang: Kilometerweit überflutet das Meer bei Flut die flache Südküste der Nordsee und zieht sich bei Ebbe wieder ebenso weit zurück. Im Lauf der Jahrtausende entstand durch dieses tägliche Auf und Ab ein besonderer Kultur- und Naturraum, das Wattenmeer.

Flut und Ebbe prägen das Leben an der Nordsee und faszinierten schon in der Antike die Menschen. Im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung kam der römische Forschungsreisende Plinius an die Küste der Nordsee. Auf ihn, der aus dem Mittelmeer nur geringe Unterschiede zwischen den Gezeiten gewohnt war, machte das Wechselspiel zwischen Ebbe und Flut einen beinahe unheimlichen Eindruck: "Der Ozean überflutet zweimal binnen Tag und Nacht einen unermesslichen Landstrich und verursacht einen ewigen Streit der Natur, sodass man nicht mehr weiß, ob diese Gegend zum festen Land oder zum Meer gehört."

Dominante Friesen

Für Plinius waren die Menschen an dieser Küste ein "beklagenswertes Volk", denn sie "bewohnen hohe Erdhügel, die mit den Händen nach dem Maß der höchsten Flut errichtet sind. Die Bewohner gleichen in ihren Hütten Segelnden, wenn die Flut das umliegende Land bedeckt, und Schiffbrüchigen, wenn sie wieder zurückgewichen ist und die Hütten wie gestrandete Schiffe alleine dort liegen."

Schon zur Zeit von Plinius hatte sich an dieser einzigartigen Küste ein Volk angesiedelt, das den Küstenstreifen von den Niederlanden bis nach Dänemark prägte: die Friesen. Im Mittelalter legten sie die ersten Deiche an, um ihr Land vor Überflutungen zu schützen und Ackerland zu gewinnen - und so hieß es bald: Deus mare, friso litora fecit - Gott schuf das Meer, der Friese die Küste. Der mühsam trockengelegte Boden war sehr fruchtbar, der Überschuss an Getreide und das aus dem Meer gewonnene Salz machten die Friesen zu Händlern. Bald waren sie in der Region so dominant, dass die Nordsee als mare frisicum bezeichnet wurde.

Vielleicht war es dieser wirtschaftliche Erfolg, vielleicht waren es auch die besonderen Lebensbedingungen an der sturmumtosten Küste, die zu einem politischen Sonderweg dieses Volkes führten. Die Friesen konnten eine Art Bauernrepublik gründen, die jahrhundertelang Bestand hatte. Diese "Friesische Freiheit" wird heute oft als urdemokratische Einrichtung glorifiziert, die Karl der Große persönlich den Friesen geschenkt haben soll. Die Realität sah aber anders aus, diese Repu-blik wurde politisch und wirtschaftlich von den reichen Grundbesitzern dominiert und so konnte von echter Demokratie und der Gleichheit aller keine Rede sein.

Auch wenn die Friesen jahrhundertelang mit viel Mühe und Aufwand ihre Deiche bauten, so boten sie nicht immer den gewünschten Schutz. Im Jahr 1362 überzog ene grote flot die Nordseeküste, die so viele Opfer forderte, dass sie als grote Mandrenke (das große Ertrinken) bezeichnet wurde. Immer wieder kam es zu solchen Katastrophen, so sollen etwa bei der Weihnachtsflut des Jahres 1717 an die 10.000 Menschen ertrunken sein.

Im Lauf der Jahrhunderte wurden die Deiche immer größer und technisch ausgefeilter, aber bis in das 20. Jahrhundert hinein blieben die Fluten eine stetige Gefahr an den Küsten der Nordsee. Im Jahr 1953 forderte eine Sturmflut an der "Mordsee" 2.400 Menschenleben in den Niederlanden und Großbritannien, 1962 stand Hamburg unter Wasser und über 300 Menschen kamen um.

Heine und Storm

Seitdem wurde der Küstenschutz mit viel Aufwand und Geld noch weiter ausgebaut, doch heute stellt sich die Frage, wie die Gebiete entlang der Nordsee vor dem weltweit steigenden Meeresspiegel geschützt werden können.

Wen wundert es, dass die Nordsee mit ihrer kaum zu kontrollierende Kraft, mit ihrem täglichen Kommen und Gehen zur Inspiration für zahlreiche Künstlerinnen und Künstler wurde? Heinrich Heine schrieb etwa über den Sonnenuntergang am Meer, über "glührote Streifen" auf "weißen, weiten Wellen" und "ein seltsam Geräusch, ein Flüstern und Pfeifen, ein Lachen und Murmeln, Seufzen und Sausen", das er im Rauschen des Windes und im Brechen der Wellen hören konnte.

Während Heine die romantischen Seiten der Nordsee beschrieb, zeichnete Theodor Storm ein ganz anderes Bild von ihr. Vor allem in seiner berühmten Novelle über den Schimmelreiter stellte er den Kampf der Menschen gegen die Flut dar. Im wohl bekanntesten Werk Storms will der ehrgeizige Hauke Haien einen unzerstörbaren Deich bauen, sein Plan wird aber von "gelbgrauen Wellen, die unaufhörlich wie mit Wutgebrüll an den Deich hinaufschlagen" zunichtegemacht. "Mit weißen Kronen kamen sie daher, heulend, als sei ihnen der Schrei alles furchtbaren Raubgetiers der Wildnis", verschlingen Haiens Frau und Kind und am Ende galoppiert der junge Mann selbst auf seinem Schimmel in die "Berge von Wasser".

Heine und Storm kennt man auch bei uns, aber ein anderer, in Österreich kaum bekannter Autor der Nordsee war Detlev von Liliencron. Sein bekanntestes Gedicht ist die Ballade "Trutz, blanke Hans", die heute als ein Klassiker gilt und in vielen (nord)deutschen Schulen auf dem Lehrplan steht. Liliencron beschrieb darin den Untergang der reichen, aber gottlosen Stadt Rungholt. Ihre übermutigen Bewohner verlachen die Nordsee, die aber auf ihre Weise antwortet: "Rauschende, schwarze, langmähnige Wogen / kommen wie rasende Rosse geflogen" und bereiten der Stadt ein rasches Ende: "Wo gestern noch Lärm und lustiger Tisch / schwamm anderen Tags der stumme Fisch."

Österreichische Schriftsteller zog es - wenig überraschend - meist an die Adria, die Nordsee blieb ihnen ein weit entferntes Meer und nur selten verschlug es einen von ihnen dorthin. Rainer Maria Rilke war einer dieser wenigen. Er lebte einige Zeit in einer Künstlerkolonie in der Nähe von Bremen, heiratete dort im Jahr 1901 die Bildhauerin Clara Westhoff und verbrachte zwei Sommer auf einer kleinen Insel vor der friesischen Küste. Das Glück war aber nur von kurzer Dauer und auch die Geburt einer Tochter konnte die Ehe nicht retten. Schon ein Jahr nach der Hochzeit zog Rilke nach Paris. Was blieb, waren ein lebenslanges freundschaftliches Verhältnis zu seiner Exfrau und einige Gedichte über die Nordsee, in denen die Gewalt der Natur und die Vergänglichkeit der Menschen im Mittelpunkt stehen.

Flucht vor Nazis

Einige Jahrzehnte später und aus einem tragischen Grund spielte die Nordsee aber für mehrere österreichische Schriftsteller eine wichtige Rolle. Im Sommer 1936 trafen sich Stefan Zweig und Joseph Roth in der belgischen Küstenstadt Ostende; Egon Erwin Kisch, Arthur Koestler und Irmgard Keun waren auch dabei. Sie alle waren auf der Flucht vor den immer stärker werdenden Nazis und ihre Wege kreuzten sich im mondänen Seebad. Keun beschrieb später den Moment, in dem sie Roth in Ostende kennenlernte. Er war dabei angeblich dermaßen betrunken, dass er nicht mehr gerade gehen konnte und seine Weste mit der Asche seiner Zigaretten verschmiert war. Auch wenn er also nicht den allerbesten Eindruck machte, fand Keun ihn und seine Schwermut - "Seine runden blauen Augen starrten beinahe blicklos vor Verzweiflung, und seine Stimme klang wie verschüttet unter Lasten von Gram", schrieb sie über ihn - so faszinierend, dass sie sich auf eine Beziehung mit ihm einließ, die zwei Jahre lang dauern und vom Alkohol und Roths Eifersucht geprägt sein sollte.

Ungleiche Freundschaft an der belgischen Nordseeküste: Stefan Zweig (l.) und Joseph Roth im Juli 1936 in Ostende. - © Austrian Archives / brandstaetter images / picturedesk.com
Ungleiche Freundschaft an der belgischen Nordseeküste: Stefan Zweig (l.) und Joseph Roth im Juli 1936 in Ostende. - © Austrian Archives / brandstaetter images / picturedesk.com

Ein Bild aus diesem Sommer an der Nordseeküste zeigt Zweig und Roth, die schon lange Zeit eine ungleiche Freundschaft pflegten, im Sonnenschein an einem Tisch sitzen. Beide sind elegant gekleidet, Weingläser stehen vor ihnen. Der jovial lächelnde und offensichtlich gut gelaunte Zweig lehnt sich zu einem missmutig dreinblickenden Joseph Roth, und so kommt auf diesem Foto das Verhältnis zwischen den beiden gut zum Ausdruck. Auch wenn die Suche nach einem Zufluchtsort vor den Nationalsozialisten die beiden einte, wird auf dem Bild unter der strahlenden belgischen Sonne sichtbar, dass sie vieles trennte. Zweig war damals schon weltbekannt, überall hoch angesehen und verdiente sehr gut.

Roth war zwar auch erfolgreich, konnte mit Geld aber nicht umgehen, schnorrte daher immer wieder bei Zweig und revanchierte sich für die Geldspritzen mit Undankbarkeit. Nach diesem gemeinsamen Sommer an der Nordsee verschlug es die Schriftsteller in alle Richtungen, Roth und Keun gingen nach Paris, Zweig nach London, Kisch und Koestler zog es nach Spanien, um aus dem Bürgerkrieg zu berichten.

Roth und Zweig würden Ostende heute wohl nicht mehr wiedererkennen. Der Krieg und die Immobilienspekulation haben die eleganten Häuser aus der Gründerzeit verschwinden lassen. Wer nun vom Strand auf die Stadt blickt, sieht eine Reihe grauer und einförmiger Klötze mit heiß begehrten und teuer zu bezahlenden Appartements für die Brüsseler Hautevolee. Nur ein paar Kilometer von Ostende entfernt liegt das alte Fischerstädtchen Zeebrugge, in dem der Fischfang allerdings keine Rolle mehr spielt.

Viel wichtiger ist heute der Hafen, in dem Europas größtes Terminal für Flüssiggas steht. Die Nordsee wird immer mehr zum Transportweg für Energie, dabei ist sie selbst eine ergiebige Quelle für Öl und Gas, die allerdings von Jahr zu Jahr weniger Ertrag liefert. Am Anfang der 1960er Jahre wurden die ersten Vorkommen entdeckt, die Förderung im großen Stil rentierte sich aber erst, nachdem die Preise für das Öl stetig gestiegen waren. Im Jahr 1999 erreichte sie ihren Höhepunkt, über 400 Bohrinseln pumpten an jedem Tag fast eine Million Kubikmeter Öl aus den Tiefen der Nordsee - es war ein großer wirtschaftlicher Erfolg, der aber mit großen Schäden für die Umwelt erkauft wurde.

Ende des Ölbooms

Mittlerweile sind viele Lagerstätten schon erschöpft, die Förderung wird immer teurer und das Ende des Ölbooms ist absehbar. Nun stellt sich aber eine andere Frage: Was soll mit all den Plattformen, die nichts mehr fördern, und den tausende Kilometer langen Pipelines, durch die nichts mehr fließt, geschehen? Und wer soll es bezahlen, wenn der geplante Rückbau der Anlagen allein in Großbritannien 47 Milliarden Euro kosten wird?

Da kommt es gelegen, dass sogar Umweltschutzorganisationen zumindest einen Teil der aufgegebenen Plattformen im Meer belassen wollen. Der Abbau der Konstruktionen würde nämlich besondere Habitate zerstören. An den Verankerungen von einigen Bohrinseln haben sich seltene Kaltwasserkorallen niedergelassen und aus Sicherheitsgründen ist im Umkreis von 500 Metern um Bohrinseln das Fischen verboten. So konnten sich rund um diese Anlagen kleine Biotope bilden, und der Abbau der menschgemachten Strukturen würde auch das Ende dieser Refugien bedeuten.

Offshore-Windpark vor Sylt. - © apa / dpa / Christian Charisius
Offshore-Windpark vor Sylt. - © apa / dpa / Christian Charisius

Während die umstrittenen fossilen Energien immer unergiebiger werden, gewinnt eine andere, sogenannte grüne Energiequelle an Bedeutung, die aber auch massive Auswirkungen auf den Lebensraum Nordsee hat, nämlich die Windenergie. Aus wirtschaftlicher und technischer Sicht ist die Nordsee ideal für diese erneuerbare Energie: Der Wind bläst hier mehr und stetiger als an Land, das meist seichte Wasser des Meeres erleichtert den Bau und die Wartung der Anlagen und schließlich gibt es rund um die Nordsee viele Abnehmer für den gewonnen Strom. Seit Jahren wird das Meer daher mit Offshore-Windparks übersät, immer mehr und immer größer werden die Anlagen, die den Energiehunger stillen sollen.

Die russische Invasion der Ukraine hat den Versuchen, in der Nordsee erneuerbare Energie zu gewinnen, Auftrieb gegeben und zu geradezu gigantomanischen Ansagen verleitet. Belgien, Dänemark, Deutschland und die Niederlande wollen weitere Windräder bauen. Die Nordsee soll nach diesen Vorstellungen zum "grünen Kraftwerk Europas" werden und bis zum Jahr 2030 sollen die Anlagen im Meer das Vierfache, bis 2050 gar das Zehnfache der heutigen Leistung bringen. Geht es nach diesen Ankündigungen, sollen auf diese Weise 150 Millionen Haushalte in Europa mit Strom versorgt werden.

Aber die umweltfreundliche Energie hat auch ihre Nachteile. Naturschützer warnen, dass durch die Windparks die Lebensräume von Fischen und Vögeln zerstört werden und das sensible ökologische Gleichgewicht des Meeres noch mehr ins Wanken gerät. Um die Nordsee ist es nämlich schon jetzt nicht sehr gut bestellt. 80 Millionen Menschen leben an ihren Ufern, große Industrieanlagen, Sandabbau und viel Schiffsverkehr sorgen für Lärm und Dreck am und im Meer. Dazu kommt der Dünger, der durch die Flüsse in die Nordsee geschwemmt wird. Er lässt die Algen sprießen, die wiederum anderen Arten den Sauerstoff und Lebensraum nehmen. Die Folge: Das Ökosystem Nordsee steht unter Druck und die Artenvielfalt schwindet rasant.

Auch der Tourismus ist ein zweischneidiges Schwert für die Nordsee. Jedes Jahr strömen Millionen von Menschen an ihre Küsten, um ihre Ferien dort zu verbringen. Mehr Menschen bedeutet eine größere Belastung für die Umwelt, zugleich erwarten die zahlenden Gäste aber eine intakte Natur und zwingen so die Regionen an der Küste, in den Umweltschutz und den Erhalt der typischen Landschaft zu investieren.

Diese zwei Gesichter des Tourismus sind auch auf der deutschen Insel Sylt zu merken. Der Schattenriss der Insel ist angeblich der am öftesten verkaufte Autoaufkleber in Deutschland und soll zeigen, dass die, die in diesem Auto sitzen, zu den Reichen und Schönen gehören, die sich jeden Sommer auf der Insel versammeln. Auf Sylt geht es nämlich weniger um Wellen, Watt und Strandgras, das Sehen und Gesehenwerden steht hier im Vordergrund. Schon in den 1920er Jahren traf sich dort die Prominenz: Hermann Hesse genoss den Urlaub auf Sylt genauso wie Marlene Dietrich, und Thomas Mann fasste seine Aufenthalte auf der Insel so zusammen: "An diesem erschütternden Meere habe ich tief gelebt."

Glamour-Insel Sylt

Bald darauf kamen die Nazibonzen, allen voran Hermann Göring, um sich auf Sylt zu sonnen. Die Wirte und Hoteliers passten sich diesen neuen Zeiten an, denn die bis dahin beliebten jüdischen Gäste waren auf einmal nicht mehr gern gesehen und viele Häuser nannten sich selbst "judenfrei". Bald war es mit dem Tourismus aber völlig vorbei, im Krieg wurde die Insel zum Sperrgebiet erklärt und mit Bunkern befestigt, um eine Invasion der Alliierten abzuwehren.

Nach dem Krieg sollte es ein wenig dauern, bis der Tourismus wieder in die Gänge kam, aber rasch lief Sylt wieder zu alter Form auf. In den 1960ern räkelte sich Gunter Sachs mit Brigitte Bardot am Strand, Curd Jürgens und die frühere persische Kaiserin Soraya waren ebenso dabei wie Romy Schneider (der übrigens der FKK-Boom gar nicht gefallen und ihr den wenig damenhaften Satz "In jeder Welle hängt ein nackter Arsch" entlockt hat).

Die wilde Zeit mit Sex, Glanz und Glamour ist mittlerweile vergangen, aber Sylt bleibt für viele trotzdem ein Sehnsuchtsort. Massen von Besuchern und die höchsten Immobilienpreise von ganz Deutschland beweisen, dass die Anziehungskraft der Insel noch immer groß ist. Punks gehören sicherlich nicht zur bevorzugten Zielgruppe der Sylter Tourismusmanager, trotzdem hat die Punkband Die Ärzte eine Hymne auf die Insel geschrieben. Auch sie träumen von langen Stränden, Dünen mit Strandgras und Sonnenuntergängen in der Nordsee und haben deswegen der Inselhauptstadt Westerland einen Song gewidmet: "Oh ich hab’ solche Sehnsucht / Ich verliere den Verstand / Ich will wieder an die Nordsee / Ich will zurück nach Westerland."