Wer Hundebesitzern beim Plausch über ihre getreuen Begleiter zuhört, wird schwerlich an einem gewissen Seelenleben der maulkorbbewehrten Vierbeiner zweifeln können. Und sollte man etwa als Parkgeher oder Jogger ein Herrchen im traulichen Gemurmel oder gar angetäuschten "Zwiegespräch" mit seinem Untertan ertappen, wird man der gezähmten Kreatur ihr - womöglich intensives - Innenleben erst recht nicht abzusprechen wagen.

Gleiches gilt, wenn sich Katzenhalter über die Charakterzüge "ihrer" Katze auslassen und womöglich, etwas kokett, ähnliche Befindlichkeiten an der eigenen Person zu erkennen glauben. Wer wollte da noch die psychische Sensibilität der schnurrenden Wohnungsgenossen und potentiellen Mäusejäger infrage stellen?

Leib-Seele-Problem

Die Wissenschaft hält sich dagegen in derlei Fragen bedeckt. Konrad Lorenz beispielsweise, die längst verstorbene, hierzulande immer noch populäre Ikone der Verhaltensforschung, wollte sich nicht auf derartiges Glatteis begeben. Er stellte die Frage nach der tierischen Erlebnisfähigkeit ausdrücklich als Teil des aus seiner Sicht prinzipiell unlösbaren Leib-Seele-Problems dar.

Aber gilt dieses Diktum heute noch? Seit dem Tod des Nobelpreisträgers machte die Verhaltensbiologie enorme Fortschritte, besonders auffällig im neuen Millennium und geradezu spektakulär in den vergangenen zehn Jahren. Gestützt auf raffinierte molekulare Techniken, Digitalisierung und ausgeklügelte statistische Methoden, leisteten Neuro- und Soziobiologen sowie Verhaltensökologen ganze Arbeit.

Von bewundernswerter Eleganz zeugen insbesondere viele der neu entworfenen Experimente zur Intelligenz, überhaupt zu den mentalen Möglichkeiten der Tiere, seien es nun Paviane, Elefanten, Krähen, Schimpansen oder anderes Getier. Selbst das Thema der emotionalen Regungen bedeutet nun kein Tabu mehr. Und dahinter lauert die Diskussion über Bewusstsein und Ich-Begriff, Leiden und Glücksempfindung in der Tierwelt - in Zeiten des zunehmenden Tierschutzengagements von regelrecht gefährlicher Brisanz.

Wie steht es zumal um die Schmerzempfindung, wirbellose Organismen eingeschlossen? Dazu liegen von Oktopussen neuerdings bezwingende Belege vor. Alles Fragestellungen also, deren Untersuchung oder gar mögliche Lösung in den exakten Wissenschaften einst kaum vorstellbar erschien. Doch mittlerweile gehören sie wie selbstverständlich zum Tableau seriöser Forschung.

Versuchen etwa Hunde, ihr Herrchen hinters Licht zu führen, um sich an verbotene Leckerbissen unauffällig heranzumachen? Was wissen die Mitglieder der in Sozialverbänden lebenden Primaten übereinander? Vermag ein Schimpanse abzuschätzen, ob oder welche Gruppengenossen über einen versteckten Nahrungshappen Bescheid wissen oder nicht? Aber auch emotionsgeladene Aspekte stehen im Fokus. Der vor einigen Jahren verstorbene estnisch-amerikanische Neurobiologe Jaak Panksepp fand heraus, dass Ratten in einem freundlichen Umfeld das Kitzeln durch eine Person als angenehme Belohnung empfinden und dabei, für unsereinen nicht wahrnehmbar, im Ultraschallbereich Zirpsequenzen von sich geben.

Der Zuspruch für diese Art des "Genusses" hängt wesentlich von Vorerfahrung und Vertrautheit der Ratte ab. So nähert sich das Tier begieriger der Hand, von der es bereits gekitzelt wurde, als einer, die ihm zuvor lediglich "bloße" Streicheleinheiten zukommen ließ. Auch ausgelassene "Freudensprünge" sind verbürgt, ähnlich wie sie im Spiel von Ziegen, Pferden und Affen auftreten. Vermenschlichend könnten Misan-thropen dies als tierlichen Hedonismus abtun.

Emotionale Parallelen

Neben dem augenscheinlichen Lustprinzip finden sich im Tierreich allerdings genauso Argumente für ganz andere Stimmungslagen - wie Wut, Enttäuschung und Trauer. Bestechende Belege gibt es schon seit frühen Anfängen der Intelligenzstudien an Menschenaffen. Wolfgang Köhler, unumstrittener Pionier dieses Forschungszweigs und herausragender Vertreter der Gestaltpsychologie, leitete um die Zeit des Ersten Weltkriegs die deutsche Anthropoidenstation auf Teneriffa. Dort beobachtete er mehrfach, dass dann, wenn ein Schimpanse abgesperrt worden war und Klagerufe ausstieß, einer der übrigen Artgenossen herbeieilte und den Abgesperrten durch die Gitterstäbe hindurch umarmte. Wurde ein Schimpanse "bestraft", versuchten andere Käfiginsassen, den Menschen durch typische Bittbewegungen zu veranlassen, dies zu beenden.

Weit ihrer Zeit voraus war ebenfalls Nadia Ladygina-Kohts, eine russische Biologin, die einen jungen Schimpansen einige Jahre gewissermaßen adoptierte und dessen Entwicklung mit der ihres späteren Sohnes verglich. In dieser danach weithin vergessenen Studie hatte sie vor allem die emotionalen Parallelen der beiden im Blick. So konstatierte sie an ihrem äffischen Schützling einen Zusammenhang zwischen lustbetonten Momenten und einem schnellen Keuchen - etwas, was Frans de Waal, eine der heutigen Größen der Primatologie, als Zwischenschritt oder Vorstufe zum Lachen unserer Spezies geortet hat.

Die russische Biologin Nadia Ladygina-Kohts mit ihrem Sohn und einem Schimpansen. 
- © Universal Images Group via Getty Images

Die russische Biologin Nadia Ladygina-Kohts mit ihrem Sohn und einem Schimpansen.

- © Universal Images Group via Getty Images

Die offenkundig innige Tier-Mensch-Beziehung beleuchtet eindrucksvoll eine Episode, bei der die Affenforscherin das Haus verließ und Joni zu weinen begann. Als sie in einem Sinneswandel dann doch blieb, stürzte das Schimpansenkind offensichtlich "erleichtert" mit dem charakteristischen Keuchen auf sie zu.

Enormes Lernvermögen

Auch die späteren Erfolge der vormodernen Intelligenzstudien an Menschenaffen fußten wesentlich auf einer engen Bindung zwischen Mensch und Untersuchungsobjekt, das sich in Wahrheit als ein tierliches Subjekt entpuppte. Die Schimpansen Gua,Viki und Wa-shoe, die jeweils im Familienmilieu amerikanischer Forscherpaare lebten und mannigfachen Tests ausgesetzt waren, legten erstaunliche Nachahmungskünste, Willensbekundungen und enormes Lernvermögen an den Tag.

Beispielsweise nahm sich Viki Stunden nach der Beobachtung des menschlichen Vorbilds einen Lippenstift, stellte sich auf das Waschbecken, sah in den Spiegel, drückte den Stift gezielt auf den Mund, presste die Lippen aufeinander und strich die Farbe gleichmäßig aus. Aus dieser Zeit gibt es zudem eine Fotografie, auf der Viki sich in einen Spiegel blickend mit einer kleinen Zange einen losen Zahn zieht.

Das unkonventionelle Zusammenleben und die aufsehenerregenden Beobachtungen machten die "Pflegekinder" mit ihren Kuratoren zu Berühmtheiten. Das war lange vor den bahnbrechenden Spiegelversuchen mit Menschenaffen ab den 1970er Jahren. Dabei vermochten sich Orang-Utans, viele Schimpansen und manche Gorillas offenbar selbst zu erkennen.

Der Goldstandard dieser neuen Testmethode besteht darin, einen Farbfleck zu erkunden, der zuvor oberhalb des Auges - bei Betäubung - aufgetragen wird. Ohne ein optisches Hilfsmittel ist die künstliche Markierung für die getesteten Tiere nicht zu sehen. Die ersten positiven Beweise elektrisierten die Wissenschaft. Viele Verhaltensforscher gerieten freilich ins Grübeln, denn nach ihrer Vorstellung sollten die Angehörigen einer Tierart mehr oder weniger einheitlich mit Eigenschaften und Fähigkeiten ausgestattet sein. Anscheinend bringen aber etliche Schimpansen und die meisten Gorillas das Spiegelbild nicht mit dem eigenen farbbekleckerten Gesicht in Verbindung. Darin gleichen diese "durchgefallenen Prüflinge" ihren niederen Vettern aus dem Primatenreich, also Makaken, Kapuzinern, Pavianen und anderen.

Mit Eigenheiten

Gerade die Tatsache, dass die Spiegelexperimente unter artgleichen Menschenaffen dermaßen divers ausfallen können, deutet auf die Ursachen, nämlich auf Entwicklungsprozesse und Individualität.

Menschenaffen benötigen bis zum Erreichen der Reife eine lange Zeit. Obendrein sind sie ausgesprochene Persönlichkeiten, wie dies der Zoologe Heini Hediger aus seiner tiergärtnerischen Praxis frühzeitig erkannt hatte. Im von der Idee des arttypischen Verhaltens beseelten Biologenmilieu blieb diese Vordenker-Position lange weithin verdrängt. Bis zu einem gewissen Grad ist die Skepsis dagegen heute noch spürbar. Dem Schweizer Zoodirektor erleichterte sein überreiches Material - von Kuhreihern bis Elefanten, von Fleckenhyänen bis Gorillas - die abweichende Sicht auf Tiere als Individuen mit Eigenheiten.

Anders verhält es sich beim Vergleich der sogenannten niederen Affenspezies mit ihren großen, dem Menschen erheblich näher stehenden Verwandten. Zwischen ihnen liegt ein breiter evolutiver Graben. Deshalb lässt sich das Desinteresse der kleineren Primaten am eigenen Spiegel-Abbild bereits intuitiv viel eher verstehen. Sie besitzen ein viel kleineres Gehirn. Vor allem dürfte die deutlich geringere Neuronenzahl des Cortex ins Gewicht fallen.

Einen Durchbruch der Primatenforschung brachten die systematische Anwendung der Gebärdensprache und der Gebrauch von Plastikchips. Dies ermöglichte es Affenforschern, sich mit den gelehrigen, per se jedoch nicht sprechfähigen Tieren auszutauschen. Pionier solcher Zwei-Wege-Kommunikation war Washoe. Sein gestisches Repertoire umfasste nicht nur Begriffe für bestimmte Objekte. Auch gebrauchte er die Zeichen für "Ich" und "Du" sinngemäß und konnte Fragen beantworten, alles im amerikanischen Taubstummenvokabular. Nach drei Jahren beherrschte er 87 Zeichen.

Übertroffen wurde er noch von seiner Artgenossin Sarah, die mit Hilfe aneinandergereihter magnetisierter Plastiksymbole Wünsche satzartig zu formulieren wusste. Sie unterschied relative Angaben wie "eins", "mehrere", "keins", "alle", kannte die Bedeutung eines Fragezeichens und die Wortbeziehung von "wenn ... dann".

Basales Ich

Darüber hinaus vermochte sie kurze Sätze auf einer für sie angefertigten Schreibmaschine zu tippen. Die Summe all der Experimente, die kommunikativen und erfinderischen Fähigkeiten sowie die beobachtbaren Gefühlsäußerungen ließen die Bildung eines Ich-Komplexes bei Schimpansen als sehr wahrscheinlich erscheinen, so das Urteil des Evolutionsbiologen und Lernforschers Bernhard Rensch.

Er hatte die Münsteraner Zoo-Schimpansin Julia u. a. auf ihre Fähigkeiten an teils komplizierten Brettlabyrinthen geprüft. Auf der schwierigsten Versuchsstufe brütete Julia bis zu 75 Sekunden zur Problemlösung. Nicht selten kratzte sie sich dabei hinter den Ohren, auf dem Kopf und am Hals. Sechs Studenten, denen die gleichen Aufgaben gestellt wurden, benötigten durchschnittlich etwas weniger als die halbe Zeit. In zehn Fällen jedoch waren sie um bis zu 58 Sekunden langsamer als die Schimpansin.

Ein derart weit entwickeltes, bis zu Planungshandlungen befähigtes "Ego" baut auf einem basalen Ich auf, das wohl für Vertreter zahlreicher Tiergruppen vorausgesetzt werden darf. Individuen müssen schließlich den eigenen Körper mit ihren Grundbedürfnissen von der Umwelt unterscheiden können. Man denke etwa an den Einsiedlerkrebs, der sich entsprechend seiner Körpergröße ein "maßgeschneidertes" Schneckengehäuse als dauerhafte Behausung sucht.

Rensch, der sich für die bildende Kunst begeisterte, ließ Julia und andere Affen auch malen. Dass neben den Menschenaffen anderen Säugetieren und Vögeln ebenfalls ein mehr oder minder erweitertes Ich zukommt, war für ihn ausgemacht. Dabei konnte der 73-jährige Emeritus noch nicht ahnen, zu welch imponierenden Verständnis- und Mitteilungsleistungen sich ein Vogel aufschwingen kann, wenn er nur gefordert wird. Der Vogel, der dies dann unter Beweis stellte, war Alex. Über die sogenannte Drei-Wege-Kommunikation gelang es der Harvard-Absolventin Irene Pepperberg, den Graupapagei zu einer regelrechten Intelligenzbestie zu trimmen.

Forscherin Irene Pepperberg und ihr kommunikativer Graupapagei Alex. 
- © getty images / Corbis / Rick Friedman

Forscherin Irene Pepperberg und ihr kommunikativer Graupapagei Alex.

- © getty images / Corbis / Rick Friedman

Als Versuchstiere haben Graupapageien den großen Vorteil, bei engem Umgang mit Menschen als sprechfähige Gefiederte relativ beliebig Wörter wiederzugeben. Im Beisammensein mit Alex unterhielten sich zwei Personen über einen oder mehrere Gegenstände, über deren Eigenschaften und Einordnung in Kategorien, sogar über abstrakte Begriffe. Einer gab den Trainer, der andere das Modell.

An dessen besser werdenden bzw. richtigen Antworten konnte sich der geschnäbelte Schüler orientieren. Auf diese Weise lernte Alex interaktiv die betreffenden Ausdrücke in korrekter Bedeutung und deutlicher Artikulation. In der "Konversation" mit dem menschlichen Gegenüber konnte Alex Forderungen stellen, verneinen und Vergleiche ziehen. Er vermochte mit Zahlbegriffen (bis sechs) und selbst mit der "Null" umzugehen.

"Happy" im Spiegel

Alex war jedoch keineswegs ein Wunderknabe. Vielmehr war das Graupapageienmännchen intensivem, jahrezehntelangem Training ausgesetzt und benötigte für etliche seiner Errungenschaften dutzende Unterrichtseinheiten.

Grundsätzlich beschleunigt sich allerdings der Lernprozess mit jeder neuen Aufgabe - zu beobachten bei etlichen durch andauerndes Training zu wahren Lernmaschinen hochgezüchteten Versuchsvögeln, ob Kakadus, Raben oder Krähen. Der Vogel lernt zu lernen: eine verhaltensbiologische Gesetzmäßigkeit. Dabei ist nicht etwa verständige Einsicht erforderlich, vielmehr reicht das gute alte Prinzip des Verstärkungslernens aus.

Dieses Werkzeug der klassischen Behavioristen bewährt sich vom Regenwurm bis zu den Fischen, Tauben und Menschen. Gleichzeitig schlagen die (von Hediger programmatisch betonten) individuellen Unterschiede voll zu Buche. Daher stammen Belege für außergewöhnliche Leistungen oft von ganz wenigen Individuen, während sich viele ihrer Artgenossen den gestellten Aufgaben versagten oder scheiterten. Den kritischen Spiegeltest bestand unter fünf Asiatischen Elefanten einzig Happy, ein seit 1977 im New Yorker Bronx-Zoo lebendes Weibchen. Auch Alex ragte in seinem Versuchskader heraus.

Lernvorgänge, Gedächtnisspuren und kognitive Prozesse greifen auf dem Weg zum intelligenten Ich ineinander, dessen Existenz neue Studien für immer mehr Tiere untermauern. Allerdings sind verschiedene Formen oder Stufen des Bewusstseins zu unterscheiden. Damit bleibt uns aber immer noch das subjektive Geschehen der Tiere verschlossen.

"Rechnende" Pferde

Immerhin hat Frans de Waal einen vertrauenswürdigen Ansatz parat. Demnach lassen sich im Tierreich weit verbreitete Emotionen, also interne Stimmungen und Triebe, von komplexen Gefühlen trennen. Dies könnte etwa auf eine Schimpansenmutter zutreffen, die ihr totes Baby wochenlang im Arm trägt. Ein raffiniertes Reizerkennungsexperiment unternahmen kürzlich Tübinger Wissenschafter mit zwei Rabenkrähen. Ähnlich wie bei Primaten deutet das Muster der Hirnableitungen auf einen zweiphasigen Prozess, die pure Wahrnehmung und die anschließende interne Verarbeitung.

Auf Hedigers Liste stehen indes weitere, besonders schwer zugängliche tierpsychologische Fragen, wie Körperbewusstsein, der Umgang mit dem eigenen Schatten und sogar das Reich der Träume. Selbst ruhende Fische und Repti-lien erzeugen dem menschlichen Traumschlaf im Grundsatz entsprechende Gehirnwellen.

Das entscheidende Risiko der Kognitionsforschung bleibt der wissbegierige Mensch selbst - seine Zöglinge unterschätzend. So könnten Elstern und gewisse Krähen im anscheinend bestandenen Spiegelexperiment den aufgetragenen Fleck nicht nur gesehen, sondern auch über den Tastsinn erfasst haben. Weiterhin ergeben sich aus der feinen Wahrnehmung vieler Tierarten in der direkten Mensch-Tier-Interaktion besondere Tücken.

Die ins Visier Genommenen können unwillkürliche Blicke oder andere unbewusste Zeichen der menschlichen Versuchspartner nutzen und damit zu falschen Schlüssen verleiten. Als warnendes Beispiel gelten der Kluge Hans und seine Nachfolger, Pferde mit vermeintlichen Rechenkünsten.