Die Donau ist blau. Blau ist sie bekanntlich in der Walzermusik von Johann Strauss, blau ist sie aber auch in gängigen Bildwelten, im Tourismus, in der Werbung oder im Film. Die "schöne blaue Donau" ist ein starkes, geradezu ikonisches Bild, eine Art populärkulturelle Trade Mark, die Fluss, Landschaft und Geschichte eng miteinander verknüpft.

Oft wird darauf verwiesen, dass sich dieses Bild nur dem Erfindungsreichtum der Tourismuswirtschaft oder der Politik verdankt, dass die graue trübe Wirklichkeit hinter dem Schönwetterbild weit hinterherhinkt.

Kultureller Topos

So einfach liegen die Dinge freilich nicht. Die blaue Donau ist weit mehr als ein Marketinggag, der bei der nächsten oder übernächsten Werbekampagne durch ein neues Bild ersetzt wird. Sie ist ein tief verankerter kultureller und politischer Topos, der, eineinhalb Jahrhunderte nach seiner Entstehung, eng mit der österreichischen, aber auch der europäischen Geschichte verbunden ist.

Die Frage, wann und wie die Donau blau geworden ist, ist daher keineswegs banal. Die Beantwortung führt zurück in die Geschichte des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Johann Strauss und sein langanhaltendes musikalisches Echo liegen am Weg, ebenso wie politische und gesellschaftliche Wegmarken. Und auch in die Farbenlehre der Bildpostkarten werden wir ein wenig eintauchen.

Die Faschingszeit des Jahres 1867 war in Wien nicht nur lustig, sondern auch traurig. Denn wenige Monate zuvor hatte die preußische Armee den österreichischen Truppen bei Hradec Králové (Königgrätz) eine vernichtende Niederlage zugefügt. Die k.u.k. Monarchie lag am Boden. In dieser Stimmung schrieb Johann Strauss im Winter 1866/67 (in zwei Fassungen) den Donauwalzer, eine fröhliche Melodie, die - verstärkt durch den Text von Josef Weyl - die eben erlittene Niederlage übertünchen und die gedemütigte Monarchie stimmungsmäßig wieder aufrichten sollte.

Johann Strauss dirigiert im Wiener Prater. Liebig Sammelbild, 1890er Jahre
 
- © Archiv Holzer

Johann Strauss dirigiert im Wiener Prater. Liebig Sammelbild, 1890er Jahre

- © Archiv Holzer

Am 28. Mai 1867 - gut drei Monate nach der Uraufführung in Wien - erklang "Die schöne blaue Donau" auch auf einem rauschenden Ball vor den Spitzen der französischen Gesellschaft in Paris, im Rahmen der Weltausstellung. Unter den Zuhörern waren Kaiser Napoleon III. und seine Frau Eugénie. Die Melodie fand ein überwältigendes Echo. Die Partitur wurde im "Le Figaro" gedruckt, Strauss dirigierte weitere Konzerte in Paris, das internationale Publikum der Weltausstellung sorgte dafür, dass "Le beau Danube bleu" im Handumdrehen zum Welterfolg wurde. Innerhalb weniger Monate reichte das Echo des Donauwalzers von England bis Italien, von Russland bis Portugal.

Auch jenseits des Atlantiks brach eine Welle der Strauss-Begeisterung aus. "On the beautiful blue Danube" wurde in Amerika ebenso wie in Europa zum Ohrwurm, die Partitur zum Verkaufsschlager. Vor allem die amerikanischen Herausgeber heizten mit immer neuen Notenausgaben das Strauss-Fieber an: The Most Popular Waltzes, Beauties of Strauss, New and Fashionable Dance Music, The Waltz Mania etc. Im Mittelpunkt stand immer der Donauwalzer.

Superstar Strauss

Im Sommer 1872 reiste Strauss schließlich selbst nach Amerika. Den Organisatoren des Weltfriedensfestes (World Peace Jubilee) in Boston, Massachusetts, war es gelungen, den berühmten Komponisten als Eröffnungsdirigenten für die mehrwöchige Veranstaltung zu gewinnen. Am 13. Juni 1872 kam Strauss in New York an, am 17. Juni war sein erster Auftritt in Boston.

Die Veranstaltung sollte alle bisherigen Musikveranstaltungen in den Schatten stellen. 25.000 Besucher hatten sich in der riesigen Halle, die eigens für die Konzertreihe errichtet wurde, eingefunden, als Johann Strauss die Bühne betrat. Natürlich setzte er mit dem berühmtesten seiner Walzer ein: On the beautiful blue Danube. Der Erfolg war ihm sicher. "Herr Strauss appeared to be in his glory...", resümierte am Tag darauf der "Boston Globe".

Plakat für einen UFA-Film aus dem Jahr 1926. - © Archiv Holzer
Plakat für einen UFA-Film aus dem Jahr 1926. - © Archiv Holzer

Der Strauss-Walzer ist ein Ohrwurm geblieben, und auch heute noch, über 150 Jahre nach diesem fulminanten Auftritt in Amerika, wird die Melodie weltweit gespielt. Warum? Weil die Takte des Donauwalzers zum popkulturellen Zeichensystem geworden sind, das mühelos in unterschiedliche Erzählungen integriert werden kann. Diese reichen von der Politik bis hin zu Produktwerbung. Das im Walzer beschworene "Donaublau" wurde zum eingängigen Werbezeichen, etwa als Farbbezeichnung für Autos und Teetassen, Marmorsplitt und T-Shirts, Bonbonnieren und Fahrräder, Babykleidung, Seife, Tinte und vieles andere mehr.

Zweite Nationalhymne

Aber der Walzer wurde auch zur patriotischen Kennmelodie, ja geradezu zur alternativen österreichischen Nationalhymne. Die Melodie erklang anlässlich der Befreiung Österreichs am 27. April 1945. Und mit dem Donauwalzer eröffnete der österreichische Rundfunk 1955 sein Programm. Die Fluggesellschaft Austrian Airlines spielt die Melodie seit vielen Jahren bei Start und Landung. Im Jahr 2017, 150 Jahre nach der Uraufführung des Walzers, ließ die Fluglinie sogar eine überdimensionale Notenzeile des berühmten Walzers auf die Außenwand eines ihrer Flugzeuge pinseln. Die Boeing 777, eine Linienmaschine nach Los Angeles, trug die Walzertakte durch die Lüfte, zusammen mit dem ebenfalls aufgemalten Slogan "my Sound of Austria".

Aber auch weit über Österreich hinaus ist die Melodie zum popkulturellen Signet geworden. In James Camerons Film "Titanic" (1997) etwa tanzt die noble Schiffsgesellschaft zum Donauwalzer in den Abgrund. In Stanley Kubricks Science-Fiction-Streifen "2001: Odyssee im Weltraum" (1968) verlässt der Walzer die Erde und geleitet das elegant tänzelnde Raumschiff durchs All.

Die "wahren" Farben

"An 11 Tagen braun, an 46 Tagen lehmgelb, an 59 Tagen schmutziggrün, an 45 hellgrün, an 5 Tagen grasgrün, an 69 Tagen stahlgrün, an 46 Tagen smaragdgrün und an 64 Tagen dunkelgrün", so lautete das Fazit des Wiener Gerichtsrats Anton Bruszkay, der um 1900 im kleinen Städtchen Mautern oberhalb von Wien jeden Morgen zwischen sieben und acht ins Donauwasser blickte. Seine Beobachtungen zeichnete er Tag für Tag auf und leitete sie an die Österreichische Geographische Gesellschaft und das Hydrographische Central-Bureau nach Wien weiter, die die Daten publizierten. Blau ist demnach die Donau fast nie.

"Dass der Donaustrom", so resümierte der Naturwissenschafter Harry Heinrich Jakob Gravelius 1911 in der "Zeitschrift für Gewässerkunde", "bisweilen auch einen bläulichen Stich besitzt, kommt gelegentlich, aber sehr selten vor und wenn die öffentliche Meinung den Ausdruck ‚schöne, blaue Donau‘ geprägt hat, so ist diese Bezeichnung nur insofern berechtigt, als das grüne Wasser bei klarem Himmel und in der Perspektive einen blauen Ton anzunehmen scheint."

Auffallend ist, dass diese skeptischen naturwissenschaftlichen Stimmen just zu dem Zeitpunkt ertönten, als die Donau in der Populärkultur tatsächliche tiefblau wurde. Zwar hatte der Strauss-Walzer bereits Jahrzehnte zuvor das Motiv der "blauen Donau" international bekannt gemacht, aber die textliche Verknüpfung zwischen Melodie und blauem Fluss wurde erst kurz vor der Jahrhundertwende enger geknüpft. 1890 nämlich erhielt der Strauss-Walzer aus der Feder von Franz von Gerneth einen neuen Text, jene Zeilen, die wir heute noch mit der Musik verbinden: "Donau, so blau..." Der neue Liedtext griff eine Wendung in einem Gedicht von Karl Beck auf und beschrieb die Donau, in einer Zeit ethnischer und nationaler Konflikte innerhalb der k.u.k. Monarchie, als verbindendes Band zwischen Völkern: "...nimmst viel Brüder auf: Bild der Einigkeit für alle Zeit". Die neue Hymne, die auch ein Loblied auf das politische Integrationswerk der Habsburger anstimmt, beginnt nicht zufällig mit den Worten: "Donau, so blau", einem hellen, lichten, zukunftsträchtigen Farbton.

Liebig Sammelbild, 1890er Jahre, kolorierte Lithografie  
- © Archiv Holzer

Liebig Sammelbild, 1890er Jahre, kolorierte Lithografie 

- © Archiv Holzer

Medium Ansichtskarte

War die blaue Donau im 19. Jahrhundert noch vorwiegend ein Sprach- und Musikbild gewesen, so änderte sich dies an der Wende zum 20. Jahrhundert grundlegend. Der Fluss wurde nun auch in Bildern der Massenkommunikation leuchtend blau eingefärbt, zunächst in den lithografierten Werbe- und Sammelbildern, und nach 1900 in den kolorierten Ansichtskarten. In der berühmten Liebig-Sammelbildserie, die als Beigaben zu "Liebigs Fleisch-Extract" hergestellt und vertrieben wurde, ist die Donau, zumindest am Oberlauf, blau gefärbt. Am Unterlauf hingegen trägt sie einen gelblich beziehungsweise grauen Anstrich.

Das Nachfolgemedium dieser Sammelbilder war die fotografische Ansichtskarte, die um und nach 1900 in enormen Stückzahlen produziert wurde und die Städte und Landschaften in kräftige Farben tauchte. Im Postkartenformat, das billig und für alle erschwinglich war, wurde die Donau leuchtend blau.

Blauer Himmel, blaue Donau. Novi Sad, Postkarte 1960. - © Archiv Holzer
Blauer Himmel, blaue Donau. Novi Sad, Postkarte 1960. - © Archiv Holzer

"Die Ansichtskartenpostkarten", so kommentierte Robert Musil einige Jahre später auf spitze Weise diese stereotype Farbgebung, "sehen in der ganzen Welt einander ähnlich, sie sind koloriert; die Bäume und Wiesen giftgrün, der Himmel pfaublau, die Felsen grau und rot, die Häuser haben ein geradezu schmerzendes Relief, als könnten sie jeden Augenblick aus der Fassade fahren; und so eifrig ist die Farbe, dass sie gewöhnlich auch noch auf der anderen Seite ihrer Kontur als schmaler Streifen mitläuft. Wenn die Welt so aussähe", meinte Musil lapidar, "könnte man wirklich nichts Besseres tun, als ihr eine Marke aufzukleben und sie in den nächsten Kasten zu werfen."

Vielfärbiger Rhein

Um 1900 wurde die blaue Donau, die die Melodie berühmt gemacht hatte, auch in Bildern blau. Nun könnte man einwenden: Folgt diese Farbgebung nicht den weithin etablierten Wahrnehmungskonventionen, denen zufolge Seen und Flüsse blau zu sein haben?

So einfach ist die Sache nicht: Denn nicht alle großen Flüsse wurden in der Postkartenwelt im selben leuchtenden Blau eingefärbt wie die Donau. Der Rhein etwa erscheint in der kolorierten Postkartenästhetik keineswegs so kräftig blau wie die Donau, sondern weist eine viel breitere, vielfältige farbliche Palette auf, die von pastelligem Grau und silbrigem Blau über verschiedene bräunliche, grünliche oder violettstichige Blau-Tönungen bis hin zu klarem, intensivem Blau reicht.

Der amerikanische Colorado River hingegen, der in Wirklichkeit oft schlammig-braun war, wurde fast gleichzeitig wie die Donau in der Postkartenästhetik tiefblau eingefärbt, freilich aus ganz anderen Gründen. Im Falle der Donau bündelte das Motiv der blauen Donau mehrere gesellschaftliche Diskurse, die vom Walzer-Thema über das Motiv des integrativen Bandes, das die habsburgischen Länder zusammenhält, bis hin zu deutschnationalen Diskursen reichen, die seit dem späten 19. Jahrhundert häufig mit der Farbe Blau (der Kornblume) assoziiert sind.

Der Colorado River hingegen erhielt einen blauen Anstrich, weil er um 1900 in eine geschützte, zunehmend touristisch genutzte, national konnotierte und idealisierte amerikanische (Sehnsuchts-)Landschaft umgewandelt wurde. 1908 wurde das Gebiet um den Grand Canyon durch den amerikanischen Präsidenten Theodore Roosevelt zum "National Monument" erklärt, 1919 wurde es als Nationalpark unter Schutz gestellt. Passend zu dieser nationalen und touristischen Umwertung der Landschaft wurde auch das in Postkarten kondensierte Idealbild adaptiert.

Mytho- & Hydrobiologie

In der Imagination ist die Donau bis heute blau. Walzerklänge und Postkartenblicke sind längst zum kitschigen, aber überaus haltbaren Amalgam verschmolzen. Aber welche Farbe hat der Fluss wirklich? Um diese Frage für die Gegenwart zu beantworten, müsste man das empirische Experiment des Gerichtsrats Anton Bruszkay wiederholen. Also jeden Tag ins Donauwasser schauen und die Ergebnisse im Jahreslauf notieren.

- © Verlagshaus Römerweg
© Verlagshaus Römerweg

Vermutlich würden wir feststellen: Häufig ist das Wasser grünlich, dann wieder grau, manchmal graublau, gelegentlich, etwa bei Hochwasser, auch braun-gelb. Und ist die Donau manchmal auch blau? Ja, ich bilde mir ein, ich habe sie schon hie und da leuchtend blau gesehen. Die Färbung des Wassers hängt, so sagt uns die Hydrobiologie, mit physikalischen Wirkungen zusammen, etwa dem Anteil von Schwebstoffen, die das Licht unterschiedlich filtern, aber auch dem Vorkommen von Algen, die oft grünliche Effekte hervorrufen.

Gegen die Kraft der Mythologie hat die Wissenschaft freilich "kein Leiberl": In unserer kollektiven Vorstellungswelt bleibt die Donau nach wie vor - blau.