Die Geschichte beginnt irgendwann im Jahr 2007 in Chicago. Im Norden der Stadt wurden in einem Lagerhaus fünf Schließfächer aufgebrochen, weil die Miete nicht mehr gezahlt wurde. Hunderte Kisten waren darin gestapelt. Da die Besitzerin, die damals 81-jährige Vivian Maier (1926-2009), nicht erreichbar war, wurden diese Kisten um insgesamt 260 Dollar von einen lokalen Altwarenhändler ersteigert. Dieser teilte den Inhalt der Schachteln, darunter Kleider und Schuhe, Haushaltsgeräte, Bücher, Zeitschriften und viele, viele Fotos, in einzelne Lose auf und versteigerte sie.

Nach einiger Zeit war der anonyme "Nachlass" verkauft. Und die Geschichte könnte hier schon wieder zu Ende sein. Wenn nicht die tausenden Fotografien, die sich in den Kisten befanden und über eBay und andere Verkaufsportale veräußert wurden, ein merkwürdiges Eigenleben entwickelt hätten. Nach und nach wurden Fotosammler auf die außergewöhnlichen Bilder aufmerksam, von denen einige bald im Netz kursierten. Allmählich setzte ein Wettrennen um das verstreute fotografische Erbe ein - und zugleich begann die Suche nach der unbekannten Fotografin.

Eine Goldgrube

Innerhalb weniger Jahre verwandelte sich der anonyme Altwarenfund zu einer Goldgrube für Fotoenthusiasten, Galerien aber auch Geschäftemacher. Und Vivian Maier, die 40 Jahre lang als Kinderbetreuerin und Haushälterin gearbeitet und nebenbei stets fotografiert hatte, wurde fast über Nacht zum internationalen Star der amerikanischen Fotoszene. Ihre Bilder, die sie zeitlebens nie jemandem gezeigt geschweige denn ausgestellt oder veröffentlicht hat, wurden weltweit zu Ikonen der amerikanischen Street Photography, die von Kunstmuseum zu Kunstmuseum weitergereicht wurden und enorm viel Geld einspielten.

Es gehört zum bitteren Schicksal der Fotografin, dass dieser Boom just in ihrem letzten Lebensjahr einsetzte, ohne dass sie davon Kenntnis nahm oder gar profitierte. Sie starb, aufgrund eines Sturzes monatelang bettlägerig, vereinsamt am 21. April 2009 in Chicago. Der sprichwörtliche amerikanische Traum, der vom Tellerwäscher zum Millionär führt, ging für Vivian Maier nicht in Erfüllung. Aber etliche der neuen Besitzer ihrer Bilder, die diese einst um einige wenige Dollar erworben hatten, wurden tatsächlich reich - und weltbekannt.

Ein waches Auge auf die Szenen des Stadtalltags: Vivian Maier, New York, 1954. 
- © Estate of Vivian Maier, Courtesy of Maloof Collection and Howard Greenberg Gallery, NY

Ein waches Auge auf die Szenen des Stadtalltags: Vivian Maier, New York, 1954.

- © Estate of Vivian Maier, Courtesy of Maloof Collection and Howard Greenberg Gallery, NY

Zu ihnen gehört John Malouf aus Chicago, der Ende 2007 eine der Fotoschachteln mit Negativen Vivian Maiers ersteigert hatte, ohne den genauen Inhalt zu kennen. Der damals 26-Jährige arbeitete in der Immobilienbranche, interessierte sich für Stadtgeschichte, bereitete ein Fotobuch über die Architekturgeschichte seines Viertels vor und verdiente zusätzliches Geld mit eBay-Verkäufen. Unter anderem versetzte er über das Internet alte Designer-Jeans, Handtaschen, Keksdosen - und nun eben auch Fotos von Vivian Maier.

Je mehr er sich in die Fotos vertiefte, desto mehr wurde aus dem kleinen, nebenher betriebenen Online-Handel eine regelrechte Passion. Er begann selbst, im Stil Maiers zu fotografieren, und nutzte das Internet, um die Fotografin und ihre Bilder auf alle möglichen Arten zu promoten. Er baute eine Website auf, richtete einen Blog ein, lud ausgewählte Bilder auf Flickr hoch, vernetzte sich mit Fotoexperten und der boomenden amerikanischen Street-Photography-Szene. Malouf verbiss sich immer mehr in sein "Vivian"-Projekt, immer besessener verfolgte er seine Idee, die unbekannte Fotografin zum wiederentdeckten Star der amerikanischen Fotoszene zu machen.

Globaler Hype

Und der Plan ging auf. Allmählich lichtete sich der Nebel um die Person der Fotografin. Puzzlestein um Puzzlestein fügten sich aneinander. Je mehr über die Fotografin und ihr Leben bekannt wurde, je größer die Resonanz auf ihre Fotos wurde, desto mehr drängten Malouf und andere Sammler, die weitere Teile des Fotobestandes erworben hatten, in die Öffentlichkeit und bald auch in die Kunst- und Galerieszene. Pamela Bannos hat die Stationen dieser fulminanten Wiederentdeckung ihrem Buch "Vivian Maier. A Photographer’s Life and Afterlife" (2017) präzise und anschaulich nachgezeichnet.

2010 fand die erste kleine Vivian-Maier-Ausstellung statt, bald folgten größere und immer größere Präsentationen in Galerien, Kunst- und Fotomuseen, in den USA und weit darüber hinaus. Ein weltweiter Vivian-Maier-Hype begann. Einem ersten Fotoband Maloufs aus dem Jahr 2011 folgen viele weitere Publikationen, die alle möglichen Facetten ihres Werks vorstellten. Malouf wurde zum hauptberuflichen Vivian-Maier-Promoter. Die Vermarktung übernahmen nun kommerzielle Fotogalerien, die die Fotografin in die Sphäre der Kunst hievten und die reiche Sammler ebenso wie exklusive Museen auf die Bilder ansetzten.

Eine Einzelgängerin

Die Folge war, dass die Preise explodierten. Hatte Malouf anfänglich im Netz für seine Prints noch knapp 10 Dollar pro Stück verlangt, so wurden bei Auktionen nun teilweise bis zu 30.000 Dollar pro Abzug erzielt. Die fotografische Goldgräberstimmung schürte die Gier, aus Konkurrenz wurde Neid. Es kam zu erbitterten Grabenkämpfen unter den Sammlern, inklusive teurer Rechts- und Urheberrechtsstreitigkeiten, die jahrelang die Gerichte beschäftigten.

Wandbild von Eduardo Kobra in Chicago nach einem Selbstporträt von Vivan Maier. 
- © getty images / Raymond Boyd

Wandbild von Eduardo Kobra in Chicago nach einem Selbstporträt von Vivan Maier.

- © getty images / Raymond Boyd

Wer war aber Vivian Maier? Eine Nanny, die nebenher fotografierte, oder eine überaus talentierte Fotografin, die ihren Lebensunterhalt als Kinderbetreuerin finanzierte? Beides und noch viel mehr. Geboren 1926 in New York als Tochter einer französischen Mutter und eines österreichstämmigen Vaters, war sie in jungen Jahren zwischen Frankreich und den USA hin- und hergerissen. Mit 25 zog sie 1951 endgültig nach New York, im Jahr darauf erwarb sie ihre erste Kamera, 1956 zog sie weiter nach Chicago, wo sie vier Jahrzehnte lang als Kinderbetreuerin und Haushälterin in unterschiedlichen Familien tätig war.

Maier galt als etwas verschrobene Einzelgängerin, sie war aber auch eine überaus belesene und kultivierte Frau, die gern Ausstellungen besuchte und häufig ins Kino ging. Auf all ihren Wegen hatte sie die Kamera dabei, beim Einkaufen, auf Reisen und auch wenn sie mit Kindern oder dem Kinderwagen unterwegs war. Mit ihrer Kamera tauchte sie ein in das Getümmel der Großstadt, zuerst in New York, später dann, nach 1956, in Chicago oder auf Reisen.

Die Amateurfotografin, die nie eine Fotoausbildung genossen hat, zeigt ein unglaubliches Gespür für Kompositionen, ihre Bilder sind präzise und kunstvoll komponiert und von überragender Qualität. Gekonnt wählte sie Ausschnitte und Blickwinkel, folgte dem Spiel von Licht und Schatten, griff Details heraus, verknüpfte geschickt Vorder- mit Hintergrund und ließ sich von der Magie der Schatten inspirieren.

Gesicht der Großstadt

Mit ihrer Kamera - jahrzehntelang war es eine Rolleiflex - gelang Maier die Aufzeichnung flüchtiger Impressionen und zugleich die poetische Verzauberung des großstädtischen Alltags. Mit atemberaubender Sicherheit fing die Amateurfotografin, ganz im Stil der schnellen, direkten amerikanischen Street Photography, das Gesicht der Großstadt ein: angeschnittene Autos, verwunderte Blicke, hastende Passanten, Schlafende, Liebende und Träumende, Kinder und Bettler, Beine und Köpfe, Emotionen und Erschöpfung.

Die Art und Weise, wie sie Gewöhnliches und Skurriles, Humor und Frechheit miteinander verband, macht sie zur großen Fotografin, die sie freilich nie sein wollte. Maier hortete ihre Bilder in Schachteln und Kuverts, ohne dass sie jemals daran dachte, sie öffentlich zu zeigen. Dass ihr fotografischer Schatz, bestehend aus über 150.000 Bildern, nach ihrem Tod ein derartiges Echo auslösen würde, hätte sie sich vermutlich nie träumen lassen. Der amerikanische Traum ging schließlich doch noch in Erfüllung, ganz anders als erwartet.