Mukuru ist kein Ort, den man als Tourist besucht. Mukuru ist nicht einmal ein Ort, den Kenianer besuchen - außer man arbeitet in einer der Fabriken oder man lebt hier. Das riesige Slum-Gebiet im Osten der Metropole Nairobi ist ein unwirtlicher Ort, der viele krank macht. Das sagt auch Mary Muindi: "Wenn man hier lebt, ist man abhängig. Abhängig von Gütern, die man hier nicht kaufen kann. Das sind vor allem Lebensmittel, die hier nicht wachsen."

Schlimm war das insbesondere während der Corona-Pandemie, denn da waren die sonst bis zum Bersten gefüllten Mini-Busse nur noch mit wenigen Passagieren besetzt. Strenge Gesetze haben das so vorgeschrieben. "Als wir nicht mehr in die Stadt fahren konnten, wurde uns rasch klar, dass wir von der Versorgung abgeschnitten sind." Doch die resolute Mary nahm das Schicksal in die eigene Hand. "Es ging darum, dass wir Nahrungsmittel des täglichen Gebrauchs ab sofort selbst produzieren."

Pionierin der Selbstversorgung in Mukuru: Mary Muindi. 
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Pionierin der Selbstversorgung in Mukuru: Mary Muindi.

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Ein bisschen gute Erde

Mary fuhr mit dem Bus statt Richtung Innenstadt nun stadtauswärts. Sie wollte Erde zum Pflanzen organisieren. Gefäße, in denen man etwas ziehen kann, gab es genug. "Ein bisschen gute Erde. Das war alles, was ich brauchte." Ihre Zielstrebigkeit und ihr Einsatz haben sich gelohnt: In den Kübeln, leeren Tonnen und anderen Behältnissen wachsen nun Tomaten und andere Grünpflanzen, die man zum Kochen braucht.

Auch in Fässern und Kübeln wachsen Pflanzen. 
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Auch in Fässern und Kübeln wachsen Pflanzen.

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Mittlerweile sind viele der Bewohner dazu übergegangen, ihr Gemüse selbst anzupflanzen. Manche haben nun sogar so viel, dass sie die Überschüsse verkaufen können. Andere Bewohner haben kleine Holzkisten zu Containern umgebaut, in denen Hühner gezüchtet werden.

Den Kontakt zu Mary hat der österreichische Forscher Michael Hauser hergestellt. Er leitete an der Wiener BOKU das Zentrum für Entwicklungsforschung. Seit 2017 lebt er in Nairobi und forscht zur Ernährungssicherung in Afrika. Seit einigen Jahren arbeitet er für das International Crops Research Institute for the Semi-Arid Tropics (ICRISAT). "Das Institut berät Regierungen und Zivilgesellschaften zur großen Frage, wie Ernährung trotz Fragilität garantiert werden kann", erklärt Hauser.

Seit 2017 in Nairobi: der österreichische Forscher Michael Hauser. 
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Seit 2017 in Nairobi: der österreichische Forscher Michael Hauser.

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Die meisten Projekte haben damit zu tun, die Lebensbedingungen in afrikanischen Ländern zu verbessern. "Urban Gardening"-Projekte spielen dabei eine wichtige Rolle. "Gartenbau in den Slums wird zwar die wachsenden Städte nicht ernähren. Aber der Anbau von Gemüse entlastet das angespannte Haushaltsbudget der Menschen, und es stärkt den sozialen Zusammenhalt, da sich die Urban Gardener in Gruppen organisieren", sagt Hauser.

In den Trockengebieten - wo nur geringe Mengen an Niederschlägen fallen - ist die Lage brisant. Ganz besonders davon betroffen ist der Norden Kenias, wo Regenzeiten seit mittlerweile Jahren ausgeblieben sind. Gemeinsam mit dem International Institute of Applied Systems Analysis (IIASA) in Laxenburg berät Hauser die Ostafrikanische Gemeinschaft bei länderübergreifenden Maßnahmen, die die Klimasicherheit rund um den Viktoriasee erhöhen sollen.

Dürren und Überflutungen gehören zu den täglichen Herausforderungen von Menschen rund um den See. Und wenn aufgrund des Klimawandels die Ressourcen knapp werden, steigt die Wahrscheinlichkeit von Migration und Spannungen in der Gesellschaft. Finanziert wird diese Arbeit aus den Mitteln der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit.

Mittlerweile haben Hauser verschiedene Projekte nach Sudan, Äthiopien, Uganda, Tansania, Simbabwe und nach Mosambik geführt. "Wir arbeiten auch wieder vermehrt in Somalia, denn die Lebenssituation ist dort wegen der Dürren und der Sicherheitslage besonders prekär." So half Hauser mit, ein System zu entwickeln, um Binnenflüchtlingen in Mogadishu den Übergang von Nahrungsmittelhilfe zu einem selbstbestimmten Leben noch zielgerichteter als bisher zu ermöglichen. Die Hauptstadt Somalias beherbergt über eine halbe Million solcher Binnenflüchtlinge.

Die Arbeiten in Mukuru sind also nur ein Projekt von vielen, sagt Hauser. "Selbst für Bewohner Nairobis ist das eine Tabuzone. Wenn man unter Marys Obhut steht, ist das aber kein Problem."

Die andere Seite von Mukuru: Wellblechhütten und ein von Müll gesäumter Fluss... 
- © Weitlaner

Die andere Seite von Mukuru: Wellblechhütten und ein von Müll gesäumter Fluss...

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Wir treffen Mary und einen jungen Mann im Innenhof des Gemeindezentrums von Mukuru. Es ist heiß und trocken. Mary erzählt von ihrer Nachbarschaft, ehe wir uns auf den Weg machen, diese zu erkunden. Mary genießt einen guten Ruf, denn während unseres Spazierganges werden wir überall freundlich gegrüßt. Kinder laufen mit uns mit. Das Gebiet ist dicht besiedelt. Wellblechhütten, Stein- und Holzhäuser, dann eine freie Fläche, gesäumt von Abfall, und ein stinkender Fluss, der sich seinen Weg durch diese unwirtliche Umgebung bahnt.

"Bei Hochwasser ist es schrecklich", sagt Mary. "Da werden viele krank." Auf die Frage, ob sie wisse, wer den Abfall in den Fluss gekippt hat, weiß sie keine Antwort. Irgendwo am Rande der Siedlung steht ein Schuppen, in dem zwei magere Rinder stehen. Auch das gehört zum Projekt "Urban Gardening". Zurück in einer der unbefestigten Gassen, zeigt uns Mary, wo man überall Nutzpflanzen ziehen kann. Ein Nachbar hat eine ausgediente Tonne zum Kleingarten gemacht, ein anderer Holzkisten zum Mini-Hühnerstall umfunktioniert.

Mehr lokale Händler

In einem kleinen Window-Shop, in dem ein Mann Tomaten verkauft, weist uns Mary darauf hin, dass der Preis hier deutlich unter jenen des Marktes in der Stadt oder jenen des Supermarkts liege. "Wenn es mehr lokale Händler gibt, brauchen wir nicht mehr in die Stadt zu fahren", sagt sie. Das ist ihre Vision. Ob das allerdings durchgängig möglich ist, bleibt abzuwarten. Mais oder Hirse lassen sich auf so kleiner Fläche kaum anbauen. Ein weiteres Problem ist die mangelnde Hygiene: "Wenn es regnet, bekommen viele Fieber."

Ein Bub, der uns begleitet, sollte eigentlich in der Schule sein. Doch die Eltern haben nicht genug für das Schulgeld - also bleibt er ohne Frühstück der Schule fern.

Als wir nach fast zwei Stunden wieder beim Gemeindezentrum sind, tritt dort der bereits erwähnte junge Mann hervor. Er stellt sich als Mike Munameza vor und will, dass wir mit ihm und Mary nach Viwandani kommen, einem anderen (Slum-)Teil von Nairobi. Dazu müssen wir den öffentlichen Minibus nehmen und mit 16 anderen Passagieren eingepfercht ein paar Kilometer fahren.

Mike erzählt uns von Sinai, einem der 13 "Ortschaften" von Viwandani. Er ist Müllsammler. Er hat ein Stück Land, das zwischen einer Hauswand und Wellblechwänden benachbarter Grundstücke liegt, in eine blühende Oase verwandelt. Eigentlich wäre die Müllbeseitigung die Aufgabe der Stadtverwaltung. Das Recht auf eine saubere und gesunde Umwelt ist in der kenianischen Verfassung verankert. So wie auch das Recht auf Nahrung.

Plan für Gartendienste

Mike hat mit seinen Kumpels, den Sinai Ghetto Shinners, tagelang die immensen Mengen Müll weggeräumt. Trotz eines generellen Verbots der Herstellung, des Verkaufs und auch der Verwendung von Einweg-Kunststofftragetaschen ist der Anteil von Kunststoff im Müll enorm. Stolz zeigt er die Fotos von den Müllbergen, die sie weggeräumt haben und präsentiert den vorbildlich angelegten Garten, in dem sogar eine Bananenpalme steht. In einem abgetrennten Teil dahinter sind Hühner und Kaninchen untergebracht.

Selbstversorger Mary (M.) und Mike (r.) mit zwei "Ghetto Shinners". 
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Selbstversorger Mary (M.) und Mike (r.) mit zwei "Ghetto Shinners".

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Mary sei sein Vorbild gewesen. "Sie hat das in ihrem Stadtteil ganz großartig gemacht", betont er immer wieder. Mary ist zum Lokalaugenschein mitgekommen und wir machen Gruppenfotos. "Funktionieren kann das Ganze allerdings nur, wenn es eine gute Organisation gibt", sagt Mike und zeigt auf die Kreidetafel, wo die einzelnen Gartendienste in einem Wochenplan eingetragen werden.

Dass die Kids im Slum auch Humor haben, macht Mike anhand markiger Sprüche, die überall als Graffiti angebracht sind, deutlich. Dass das Leben im Slum alles andere als einfach ist, versteht sich freilich von selbst: Immer wieder fehlt es an Geld - etwa für die Errichtung einer einfachen Wasserleitung. Arbeitskraft ist vorhanden, aber um eine tragfähige Infrastruktur zu schaffen, braucht es einfach Bares.

Aber Mike und seine Jungs sind von Verzweiflung weit entfernt. Das Leben hier erfordere eben ein hohes Maß an Improvisation. Als ich ihn damit konfrontiere, darüber berichten zu wollen, ist er begeistert. "Bitte erzähle den Menschen in deinem Land, was wir hier machen. Das wäre mein Anliegen."