Der wohlhabende Monsieur stellt eine verarmte Adelige als Haushälterin an. "Nicht die kleinsten Zwischenfälle fleischlicher Liebe unterbrechen meinen Weg", deklamiert er feierlich und befiehlt: "Auch Sie, Madame, werden Ihre Tugend bewahren müssen!" Kaum hat Madame dieser strengen Forderung zugestimmt, schlägt der Herr schon andere Töne an. Grausig anschaulich schildert er lasterhafte Orgien, in denen Jungfrauen vergewaltigt, Burschen zu Wüstlingen gemacht werden.

Die Dame versteht dies zunächst noch als gut gemeinte Warnung vor der Ausschweifung, muss aber bald bemerken, dass der Herr seine wollüstig-grausamen Phantasien nur ausbreitet, um sie vom Pfad der Tugend abzubringen. Empört will sie die Flucht ergreifen, wird aber von drei vermummten Männern gewaltsam daran gehindert. Der scheinbar bürgerliche Ehrenmann verwandelt sich vollends in ein aristokratisches Scheusal, verbeugt sich vor der Gefangenen und sagt in vollendeter Höflichkeit: "... gestatten Sie Madame, dass ich mich Ihnen vorstelle! Mein Name ist Donatien - Alphonse - François - Marquis de Sade."

- © Zsolnay
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Mit dieser zwielichtigen Szene beginnt das erste Theaterstück des Dichters und Juristen Albert Drach. 1926 ließ der damals Vierundzwanzigjährige den berühmt-berüchtigten Marquis de Sade als Inkarnation des Bösen auftreten. Durch geschickten Psychoterror aktiviert der Marquis alle schäbigen, bösartigen Eigenschaften, die im Menschen schlummern, im Normalalltag jedoch durch Anstands- und Moralvorschriften in Schach gehalten werden. Sein Verstellungstalent lässt ihn als gottgleiche Lichtgestalt erscheinen, dabei sind all seine Taten teuflische Versuchungen. Dieses Wechselspiel von guter Erscheinung und bösem Wesen findet seine knappe Formel im Titel von Drachs Jugendwerk: "Das Satansspiel vom göttlichen Marquis".

Recht und Unrecht, Moral und Verfehlung, Schuld und Unschuld, göttliches Ideal und teuflische Wirklichkeit - diesen Kontrasten, die zumindest in der europäischen Tradition zu den Grundlagen der conditio humana gezählt werden, hat Albert Drach die Treue gehalten, bis er 1995 in hohem Alter starb. Seine Romane wie "Das große Protokoll gegen Zwetschkenbaum", "Untersuchung an Mädeln" oder "O Cati- lina" handeln ebenso davon wie sein autobiographischer Bericht "Unsentimentale Reise" oder seine zahlreichen Dramen und Hörspiele, deren Titel moderner anmuten als die zugrunde liegenden dramatischen Konflikte: "Das Aneinandervorbeispiel vom Leben für eine Verstorbene", "Das I", "Das Skurrilspiel Sowas" oder "Das Absurdspiel Aha!".

29 Texte dramatischen Charakters hat Drach im Lauf seines langen Lebens verfasst. Nicht alle wurden vollendet, manche sind verschollen, aber die meisten sind in seinem Nachlass erhalten. Seine wichtigsten Stücke sind in den 1960er Jahren im Rahmen einer Werkausgabe erschienen, doch diese Edition ist seit langem vergriffen.

Zum 120. Geburtstag des am 17. Dezember 1902 geborenen Autors hat die Wiener Germanistin Alexandra Millner nun die Dramen und Hörspiele Drachs neu herausgegeben. Die zwei voluminösen Bände sind Bestandteil der neuen, großen Werkausgabe des Zsolnay-Verlags und enthalten 14 Texte, die von der Herausgeberin kompetent kommentiert wurden.

Dieser wissenschaftliche Apparat ist eine Fundgrube für einschlägig Interessierte, denn er resümiert den aktuellen Stand der Drach-Forschung und bietet eine Fülle aufschlussreicher Informationen über die Entstehungsbedingungen der Stücke, sowie ihre Publikations- und (so weit vorhanden)

Höchster Anspruch, magere Anerkennung als Theaterautor: Albert Drach (1902-1995). - © Theater Hamakom
Höchster Anspruch, magere Anerkennung als Theaterautor: Albert Drach (1902-1995). - © Theater Hamakom

Aufführungsgeschichte. Um ein Beispiel zu geben: Im Nachwort zum "Satansspiel vom göttlichen Marquis" wird berichtet, der junge Autor sei mit seinem dramatischen Erstling so zufrieden gewesen, dass er ihn 1928 an den Dichter Hans Henny Jahnn, damals Juror des renommierten Kleist-Preises, geschickt habe.

Nach einem lobenden Antwortschreiben Jahnns, das leider nicht erhalten ist, habe sich der junge Drach gute Chancen auf den Preis ausgerechnet, sei aber schließlich von Anna Seghers überrundet worden. Diese Niederlage hat der Autor bis ins hohe Alter nicht verwunden, weil er der Überzeugung war, seine schriftstellerische Laufbahn hätte sich erfolgreicher gestaltet, wenn er frühzeitig mit einem renommierten Preis bedacht worden wäre.

Über solch biographische Informationen hinaus vermittelt die neue Edition einen Einblick in die komplizierte Quellenlage: Die meisten Dramen Drachs liegen in mehreren Fassungen vor, die in manchen Fällen stark voneinander abweichen. Allein für die groteske Hitler-Travestie "Das Kasperlspiel vom Meister Siebentot" sind hier 26 verschiedene Fassungen nachgewiesen, deren wichtigste Unterschiede kenntlich gemacht sind. Drach selbst erklärte 1987: "Das Kasperlspiel vom Meister Siebentot hat mich seit November 1935 die längste Zeit meines Lebens beschäftigt, ist aber erst jetzt mein Lieblingsstück geworden, weil es so viel Arbeit gekostet hat." Die Herausgeberin ergänzt: "Dabei lagen zu diesem Zeitpunkt noch zwei weitere Varianten vor ihm."

Dieser Überarbeitungsfleiß lässt erkennen, dass die Dramen für Drach durchaus keine Nebensache waren. Dasselbe beweisen auch die vielen Aufzeichnungen, in denen der Autor versucht hat, sein dramatisches Schreiben einer Systematik zu unterwerfen. Es genügte ihm offensichtlich nicht, eine lockere Reihe theaterwirksamer Stücke zu schreiben. Er wollte vielmehr einen welttheatralischen Kosmos erschaffen, in dem jede seiner selbst erfundenen dramatischen Repräsentationsformen (also "äußere Verkleidungen", "innere Verkleidungen", "Abstraktspiele", "Aneinandervorbeispiele" und dergleichen mehr) ihren logischen Platz fände.

Zwei Kategorien

Die Herausgeberin der neuen Ausgabe hat diese wuchernden Systematisierungen des Autors radikal vereinfacht und zwei plausible Kategorien gefunden, in denen Platz für alles ist: Der erste Band enthält "äußere Verkleidungen", der zweite "Abstraktspiele" oder "innere Verkleidungen". Das heißt: In Drachs Dramatik verkleiden sich nicht nur Darsteller und Darstellerinnen, sondern die Texte selbst sind Verkleidungen, in deren Aufputz Ideen, Gedanken und Emotionen auf der Bühne Revue passieren können.

Dieses Verfahren - das Konkrete zu nutzen, um Abstraktes darin zu verhüllen - bezeichnet Alexandra Millner als genuin moderne "Konzeptkunst". In der Tat zeigen sich hier Ähnlichkeiten zum epischen Theater Bertolt Brechts, der nicht ohne Grund einer der wenigen Autoren des 20. Jahrhunderts war, den Albert Drach neben sich gelten ließ.

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Im Unterschied zu seinen Prosawerken haben Drachs Dramen ihren Platz in der österreichischen Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts noch nicht gefunden. Es kam zwar hier und da zu eindrucksvollen Aufführungen (so 2018, als Ingrid Lang im Wiener Theater Nestroyhof Hamakom "Das Kasperlspiel vom Meister Siebentot" inszenierte), auch sind gründliche literaturwissenschaftliche Studien zu Drachs Theaterarbeiten entstanden. Dennoch führen seine Dramen ein Schattendasein. Verglichen mit den Stücken von Thomas Bernhard, Peter Handke oder Elfriede Jelinek sind sie nahezu wirkungslos.

Nicht seicht genug?

Diese Fallhöhe zwischen höchstem Anspruch und magerer Anerkennung ist dem Autor nicht verborgen geblieben. Er selbst war der Ansicht, seine Dramen seien das Herzstück seines literarischen Schaffens, und er wehrte sich gegen deren evidenten Misserfolg mit einem hochmütigen Kommentar, der auf der Rückseite der neuen Ausgabe als Motto zu lesen steht: "Ich werde nicht gespielt, weil ich nicht seicht genug bin."

Nun darf man darüber streiten, ob dieses Seichtheits-Defizit wirklich der einzige Grund für die matte Bühnenresonanz auf Drachs Dramen ist. Immerhin ist auch zu bedenken, dass Drach im Unterschied zu Brecht kein Theaterpraktiker war, der mit den Kunstmitteln der Bühne zu spielen verstand. Er kümmerte sich wenig um die Möglichkeiten und Grenzen des Theaterbetriebs.

"Gottes Tod ein Unfall" zum Beispiel, sein "Kernsprengungsspiel", soll auf einer viergeteilten Bühne aufgeführt werden, und der Umfang dieser tragikomischen Vorführung von Gottes Tod und Teufels Sieg braucht den Vergleich mit dem zweiten Teil von Goethes "Faust" oder Karl Kraus’ "Die letzten Tagen der Menschheit" nicht zu scheuen. Aber diese beiden Riesendramen sind eher zur Lektüre als zur Aufführung geeignet. Mag sein, dass auch Albert Drachs Welttheater in großen Teilen dem Genre "Lesedrama" angehört - umso besser, dass jetzt eine verlässliche Ausgabe der Texte vorliegt, die zur aufmerksamen Lektüre einlädt.