Einerseits erlebt das Fotobuch gerade einen Aufschwung. Nie zuvor wurden so viele produziert wie heute. Andererseits sieht es mit deren Auflage recht bescheiden aus, bei den privaten Fotobüchern ohnehin, aber auch bei jenen von professionellen Fotografen und Fotografinnen. Verdienen können diese damit nichts, ja, sie müssen schon froh sein, wenn sie nicht ordentlich draufzahlen müssen. Die Marktgesetze sind in dieser Branche ausgehebelt - der Autor verdient nicht an seinem Produkt, sondern im Gegenteil, er zahlt für dessen Realisierung. Eine offensichtliche Schieflage, an der sich kaum jemand stößt. Warum eigentlich nicht? Und: Worin liegt die Eigenheit dieses Genres?

Doch der Reihe nach. Was ist überhaupt ein Fotobuch? Googelt man den Begriff, landet man im Internet zuerst auf Seiten, die Fotoalben bewerben, also jene Bücher mit leeren Seiten, in die unsere Eltern einst die Fotos vom Sommerurlaub einklebten. Doch diese Art von Album meinen wir hier nicht, wenn wir vom Fotobuch sprechen. Es gibt zwar keine verbindliche Definition für dieses Genre, manche zählen auch Bildbände oder Ausstellungskataloge dazu, Hauptsache, das Foto und nicht der Text steht im Mittelpunkt.

Künstlerischer Ausdruck

Wir wollen den Begriff allerdings auf jene Bücher begrenzen, die eine dezidiert künstlerische Position einnehmen und vermitteln: Dieses Medium wählt der Fotograf zur Präsentation seiner Arbeit aus, entweder alternativ oder ergänzend zu einer Ausstellung. Wobei nicht nur das klassische Buchformat in Frage kommt, es kann sich dabei auch um ein Leporello handeln oder eine Loseblattsammlung - ein weites Feld an Darstellungsformen ist möglich, entscheidend ist der künstlerische Ausdruck.

Ein Stapel unterschiedlicher Fotobücher... 
- © Lea Sonderegger

Ein Stapel unterschiedlicher Fotobücher...

- © Lea Sonderegger

Von diesem Verständnis des Fotobuchs gehen auch Anja Schürmann und Steffen Siegel von der Folkwang Universität der Künste in Essen aus, wenn sie in der Zeitschrift "Fotogeschichte" (159/2021) schreiben, dass es zu "einem der wichtigsten Medien der Fotokunst unserer Gegenwart" avanciert ist.

Bekanntlich sagt ein Bild mehr als tausend Worte. Mehrere Bilder sagen somit unendlich viel. Als Medium eignet sich das Fotobuch insbesondere für jene Künstler, deren Stärke nicht das imposante Einzelbild ist, sondern die in und mit Serien arbeiten. So können sie ein Thema buchstäblich von unterschiedlichen Seiten beleuchten.

Fotografie-Studenten wählen das Fotobuch gerne als Format für ihre Abschlussarbeit. So machte es auch Lea Sonderegger an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien. Titel ihrer Arbeit: "norm". Über ein Jahr lang hat sie in Wien in Ministerien, Schulen, Magistratsabteilungen und Standesämtern fotografiert. Immer nur das Interieur, den Arbeitsplatz der dort Beschäftigten: Tische, Schränke, Regale. Das Ergebnis ihrer fotografischen Erkundung: Ein Arbeitsplatz gleicht dem anderen. Immer wieder andere Orte, aber immer wieder die gleichen Möbel, die gleichen Pflanzen, die gleichen Farben.

Tausende Fotos kamen zusammen, etwas mehr als 100 wählte Sonderegger für ihr Fotobuch aus. Nach welchen Kriterien ging sie dabei vor? Wichtig war ihr, sagt die 27-Jährige, die Bilder nicht nach Orten zu gruppieren. Stattdessen setzte sie Aufnahmen verschiedener Gebäude immer wieder nebeneinander, um die Uniformität der Verwaltungseinrichtungen zu betonen.

Eine weitere Doppelseite aus Lea Sondereggers "norm"-Buch. 
- © Werkstätte dig. Fotografie

Eine weitere Doppelseite aus Lea Sondereggers "norm"-Buch.

- © Werkstätte dig. Fotografie

Manchmal bleibt in diesem Fotobuch die linke Seite leer, manchmal erstreckt sich ein Bild über eine Doppelseite. Und manchmal stehen sich zwei Bilder gegenüber. Es galt, Betonungen zu setzen, Verbindungen herzustellen, einen sequenziellen Rhythmus zu finden. Wie der Schriftsteller für einen Roman, so hat auch die Fotografin für ihr Fotobuch einen Anfang, einen Mittelteil und einen Schluss zu finden. Denn hervorragende Bilder allein sind noch keine Garantie für ein gelungenes Fotobuch. Es kommt auf das Gesamtwerk an, die Anordnung der Bilder, die Gestaltung der Buchseiten.

Fotobuchkurator

Neben dramaturgischen Fragen, sagt Lea Sonderegger, habe sie etliche technische klären müssen, bei denen es sich aber ebenso um gestaltungsästhetische handelt: Welches Format soll das Buch haben? Welche Papierstärke? Soll das Papier gestrichen oder eher nicht gestrichen sein? Klebe- oder Fadenbindung, Digital- oder Offsetdruck? Bei den jeweiligen Entscheidungen spielten auch immer Kostenüberlegungen mit hinein.

Die digitale Technik macht es möglich: Heute kann jede und jeder sein eigenes Fotobuch produzieren. So wie Musikgruppen ihre eigenen Alben bzw. LPs. Vorbei ist es mit der großen Macht der Verlage. Die Eigenproduktion setzt freilich so etwas wie ein Basiswissen für die notwendigen Schritte voraus. Für ihr Fotobuch erhielt Lea Sonderegger einen Anerkennungspreis der Hochschule.

Ein Besuch bei Michael Reitter-Kollmann. Sein Beruf hat absoluten Seltenheitswert: Er ist Fotobuchkurator im Wiener Fotomuseum WestLicht. Wie kam die Leidenschaft für das Fotobuch bei ihm auf? Reitter-Kollmann, Lederjacke und Schieberkappe, erzählt, dass er Anfang der 90er Jahre zum Fotografiestudium nach Wien kam. Um sich ein Bild von der internationalen Fotografie zu machen, sei er regelmäßig in Buchhandlungen und Bibliotheken gegangen. Denn Internet gab es damals noch kaum, die hauptsächliche Informationsquelle war das gedruckte Werk. So begann seine Bindung zum Buch.

Heute ist Reitter-Kollmann Herr über 35.000 Fotobücher im WestLicht. Bei der letztjährigen "Foto Wien" kuratierte er die Fotobuch-Ausstellung. Was macht für ihn den Unterschied zwischen einem guten und einem schlechten Fotobuch aus?

Reitter-Kollmann lässt ein Stöhnen vernehmen. Ja, wenn man das so einfach sagen könne. Dann gibt er doch eine Antwort: Ihm missfielen - natürlich sei das seine subjektive Sicht - vor allem solche Fotobücher, die aufwendig gestaltet seien, aber nichts zu sagen hätten. Da stimmten Form und Inhalt nicht überein. "Manchmal ist eine ganz konventionelle Gestaltung angebracht - auch in der Musik funktionieren mitunter ganz einfache Gitarrengriffe -; manchmal hat man bei einem Fotobuch allerdings auch das Gefühl: Da hätte der Fotograf, die Fotografin ruhig etwas weiter gehen können."

Der amerikanische Fotograf John Gossage hat über das Fotobuch einmal Folgendes geschrieben: "Erstens sollte es großartige Arbeiten enthalten. Zweitens sollte es aus diesen Arbeiten eine eigenständige Welt im Buch entstehen lassen. Drittens sollte das Design den Inhalt des Buchs perfekt ergänzen. Und schließlich sollte der Inhalt von anhaltendem Interesse sein."

1843: Algen im Bild

Als erstes Buch der Fotogeschichte gilt "Photographs of British Algae: Cyanotype Impressions", eine Sammlung über britische Algen aus dem Jahr 1843. Herausgeberin: Anna Atkins. Die Publikation für ein Fachpublikum erschien in einer Auflage von 20 Stück. Jedes Exemplar war quasi ein Unikum.

Unikate waren in den folgenden Jahren auch noch jene Bücher, in die Fotos eingeklebt wurden. Aus Anlass eines Jubiläums brachten Firmenchefs gerne solche handgefertigten Publikationen über ihr Unternehmen heraus. Dann, um 1900, wurde ein technisches Verfahren gefunden, das sogenannte Halbtonverfahren, das es ermöglichte, Text und Foto auf einer Seite zu drucken. Von da an stieg der Bildband zur Massenware auf, insbesondere illustrierte Reisebücher waren beliebt. Erich Lessing, der Wiener Magnum-Fotograf, erreichte mit seinem Buch "Die Odyssee" in der Nachkriegszeit eine so große Auflage, dass er sich von den Tantiemen ein Haus in Wien-Dornbach bauen konnte. Davon können heutige Fotografen nur träumen.

Bildbände hatten einmal einen prominenten Platz in den Buchhandlungen, auch damit ist es vorbei. Die Auflage eines im Salzburger Verlag Fotohof produzierten Fotobuchs liegt gerade einmal bei etwa 500 Stück. Hoch sind die Produktionskosten, niedrig die Einnahmen. Der Verlag kann und möchte das finanzielle Risiko nicht alleine tragen. Also muss der Fotograf Geld zuschießen, entweder eigenes oder welches, das er über Förderungen erhält. Sonst wird es nichts mit der Publikation. Eine Praxis, die in der gesamten Branche üblich ist.

Beliebtes Sammlerobjekt

Von den Kosten lassen sich die Fotografen aber offenbar nicht abschrecken. Hatje Cantz, in Berlin ansässig und einer der großen Verlage auf dem Kunstmarkt, kann sich, wie deren Lektorin Nadine Barth sagt, der Anfragen von Fotografen kaum erwehren. Von 100 Projekteinreichungen würde der Verlag allerdings nur etwa zwei umsetzen.

Allem Anschein nach hat das gedruckte Werk nichts von seiner Faszinationskraft verloren, auch und gerade in digitalen Zeiten. Heute scheint es wieder etwas Besonderes zu sein, Fotos ganz traditionell zwischen zwei Buchdeckeln zu präsentieren. Im Internet schwirren Bilder zu Millionen und Abermillionen herum, sie werden hoch- und runtergeladen, gepostet, geteilt, gelikt, gefakt - betrachtet werden sie aber wohl vor allem im begrenzten Raum eines Buches.

Für ein Fotokunstwerk muss der Käufer mitunter tief in die Tasche greifen, für ein Fotobuch in der Regel weniger tief. Weiterer Vorteil: Das Fotobuch ist jederzeit verfügbar und auch dann noch aktuell, wenn die Ausstellung längst abgebaut ist. Zudem kann es mit der Zeit an Wert gewinnen - die Erstausgaben von Erich Salomons "Berühmte Zeitgenossen in unbewachten Augenblicken" (Stuttgart, 1931) oder Robert Franks "Les Americains" (Paris, 1958) erzielen heute Höchstpreise auf dem antiquarischen Buchmarkt.

Das ist das Fotobuch mittlerweile auch: ein beliebtes Sammlerobjekt. Entscheidenden Anteil an dessen Nobilitierung hatten die beiden Briten Martin Parr und Gerry Badger, der eine Fotograf, der andere Fotokritiker, die Anfang dieses Jahrtausends "The Photobook" herausbrachten, ein dreibändiges Kompendium, das nicht weniger als die internationale Geschichte des Fotobuchs zum Inhalt hat.

Aktuell steigen die Papierpreise. Das bedeutet, dass auch die Fotobücher teurer werden. Michael Reitter-Kollmann prophezeit, dass sich das Fotobuch, das sich schon heute vorwiegend über eine Self-Publishing-Szene organisiert, weiter zu einem Nischenprodukt entwickeln wird. Der Foto(buch)experte sieht darin nichts Schlechtes: "Auch in einer Nische lässt es sich gut leben."