Was ist das, das Wandern? Eine einfache Frage, die auf den ersten Blick rasch beantwortet ist. Und doch liegen die Dinge ganz so einfach nicht. Was macht jemand, der wandert, genau? Er oder sie geht, könnte man sagen. So weit, so gut, aber kommt da nicht noch etwas dazu?

Einer, der sich immer wieder Gedanken zum Thema Gehen und Wandern gemacht hat, ist der ungarische Schriftsteller und Filmtheoretiker Béla Balázs, der Anfang der 1920er Jahre eine Zeit lang in Wien lebte und fortan auf Deutsch schrieb. Vom Unterwegsein und Wandern war er zeitlebens fasziniert. Und auch die Berge mochte er, der im Ungarn am flachen Land aufgewachsen war, sehr.

Den Rucksack schultern

In seinen Feuilletons aus den 1920er Jahren kam er mehrmals auf das Wandern zu sprechen - und fand erstaunliche Antworten auf die Frage, wieso die Menschen so gern zu Fuß unterwegs sind. "Unsere schnellen Verkehrsmittel haben den Raum gefressen und ihn zur Zeit verdaut", schrieb er. Eben deswegen sei das Leben abstrakter, "um eine Dimension ärmer" geworden. Das Gehen, so behauptet Balázs, sei ein heilsames Gegengewicht zur ängstigenden Schnelllebigkeit der modernen Zeit. Während Auto, Bahn und auch das Flugzeug, das es in den 1920er Jahren schon gab, oft nur flüchtige "Gaukelbilder der Phantasie" hinterließen, spüre man, so Balázs, "die Wirklichkeit in den Beinen", wenn man sich Schritt für Schritt vorwärtsbewegt, also geht.

Kletterszene in den Dolomiten, Langkofelgruppe, 1920er Jahre. 
- © Fotoarchiv des Österreichischen Alpenvereins

Kletterszene in den Dolomiten, Langkofelgruppe, 1920er Jahre.

- © Fotoarchiv des Österreichischen Alpenvereins

Machen wir uns im Folgenden, ausgehend von den Überlegungen Béla Balázs’, auf die Suche nach den Zutaten und Motiven, den Bildern und Wunschbildern des Wanderns. Und weil viele bewegungshungrige Österreicherinnen und Österreicher vorzugsweise nicht nur am ebenen Land, sondern häufig auch im Gebirge unterwegs sind, führt uns unser Ausflug mitten hinein in die alpine österreichische Bilderwelt.

Die Quintessenz des österreichischen Lebensgefühls, liegt, so könnte man es auf den Punkt bringen, im Alpinen. Für manche reicht der Platz im bequemen Fernsehsessel, um ihren geliebten Bergen nahe zu sein, sei es in kollektiven Wohlfühlsendungen wie "9 Plätze - 9 Schätze" oder in den viel aufregenderen Skiwettbewerben vor imposanter Bergkulisse, die man vom gut geheizten Wohnzimmer aus hautnah im TV miterleben kann.

Aber neben diesen gemütlichen Fernseh-Alpinisten gibt es auch die weitaus aktiveren Naturmenschen, die sich mit dem medialen Eintauchen in die Berge nicht begnügen. Diese Spezies ist es, die möglichst jedes Wochenende und gelegentlich auch noch wochentags die Wanderschuhe anzieht, den Rucksack schultert und aufbricht, um durch die nähere oder fernere Bergwelt zu streifen. Nennen wir diese große Gruppe von Alpinbegeisterten "Bergmenschen" und versuchen wir, ihrem Habitus, ihrer Lebensweise, aber auch ihren Selbstbildern ein Stück näher zu kommen.

Ein Leitfaden, an dem wir uns orientieren können, sind jene Fotografien, die die Wanderer und Alpinisten von ihren Unternehmungen mitbrachten. Diese Bilder sind zwar oft nicht mehr als ein mediales Nebenprodukt der kollektiven Wanderlust, und dennoch halten sie anschaulich, wenn auch nur in Bruchstücken, das fest, was die Wanderer gesehen haben - und mehr noch, was sie sehen wollten. Ein Teil dieses breiten alpinistischen Bilderstroms hat, über Nachlässe, Schenkungen und Erbschaften, den Weg ins Archiv gefunden.

Foto-Schätze

Wenn wir wissen wollen, was die Bergmenschen heute, gestern und vorgestern auf ihren Streifzügen durch die Berge gesehen haben und was sie sehen wollten, liegt es nahe, dort nachzufragen, wo diese Bilder in großer Stückzahl aufbewahrt werden: im Fotoarchiv des Österreichischen Alpenvereins in Innsbruck etwa. Dort lagern fotografische Schätze, die, genauer und im historischen Längsschnitt betrachtet, nicht nur viel über die Berge und ihre historische Erschließung, sondern auch über die Blickwinkel und Wahrnehmungsgewohnheiten der Bergmenschen berichten können, und darüber hinaus einiges über die Ingredienzien der kollektiven österreichischen Befindlichkeit.

Skitour über das Karlseisfeld am Dachstein, 8. April 1928. 
- © Fotoarchiv des Österreichischen Alpenvereins

Skitour über das Karlseisfeld am Dachstein, 8. April 1928.

- © Fotoarchiv des Österreichischen Alpenvereins

Immerhin speist sich diese Bildersammlung, die in ihren Ursprüngen auf das späte 19. Jahrhundert zurückreicht, aus der kapillaren Struktur des bis heute weitaus größten alpinen Vereins des Landes, des besagten österreichischen Alpenvereins, der nach 1874 ein Dreivierteljahrhundert lang Teil des viel größeren Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins war. 195 Sektionen und insgesamt über 650.000 Mitglieder hat der österreichische Alpenverein (AV) heute, Tendenz steigend. Im Innsbrucker AV-Archiv wird nicht nur die fotografische Geschichte des Vereins aufbewahrt, sondern ein wichtiges Stück Kulturgeschichte, das unter anderem auch Auskunft geben kann, wie sich das Verhältnis zwischen Alpinismus und Landschaft verändert hat.

Rückzug in die Berge

Zehntausende Berg-Bilder sind hier abgelegt, und immer wieder kommen neue Bestände hinzu: Dias und Fotoabzüge, Negative und Fotoalben, aber auch schriftliche Aufzeichnungen wie Fotolisten, Touren- und Tagebücher. Tauchen wir also ein in die Bilderwelt der Berge, die, nebenbei bemerkt, nicht streng den österreichischen Grenzen folgt, sondern zuweilen weit über diese hinausführt.

Ein Land der Berge ist Österreich erst seit etwa einem Jahrhundert. Wieso? Vor 1918, als die k.u.k. Monarchie an die 50 Millionen Einwohner hatte, wäre kaum jemand auf die Idee gekommen, Österreich als "Land der Berge" - wie es die ersten Worte der Bundeshymne tun - zu bezeichnen. Als aber das Vielvölkerreich, das weit in die mitteleuropäischen Tiefebenen hineinreichte, nach dem Ersten Weltkrieg zerfiel, wurde der kleine österreichische Reststaat zum Gebirgsstaat, der Geografie nach, mehr aber noch seinem politischen und kulturellen Selbstverständnis nach. Dieser Rückzug in die Berge passierte nicht einfach, sondern wurde mit großem - auch propagandistischem - Aufwand aktiv herbeigeführt. Das österreichische Selbstverständnis wurde mehr und mehr um alpine Zutaten angereichert.

Alpinist am Federbett-Kees in den Zillertaler Alpen, nach 1900. 
- © Fotoarchiv des Österreichischen Alpenvereins

Alpinist am Federbett-Kees in den Zillertaler Alpen, nach 1900.

- © Fotoarchiv des Österreichischen Alpenvereins

Bilder ländlicher Idylle schoben sich vor die Szenen der Großstadt Wien. Diese Hinwendung zu den Bergen lässt sich an zahlreichen Parametern ablesen: In den österreichischen Schulbüchern wurde nach 1918 viel stärker das Land im Gebirge beschworen als das flache Land der östlichen Bundesländer. Diese Tendenz verstärkte sich nach dem Beginn des autoritären Ständestaats ab 1933 noch deutlich. Mit dem prestigeträchtigen und propagandistisch überhöhten Bau diverser Hochalpenstraßen inszenierte man sich in den 1930er Jahren dezidiert als "Volk der Berge". Und auch der Alpenverein erlebte nach dem Ersten Weltkrieg einen fulminanten Mitgliederzuwachs, zunächst in der unmittelbaren Nachkriegszeit, ein weiterer Mitgliedersprung erfolgte Anfang der 1930er Jahre. War in der Frühzeit des Vereins im 19. und frühen 20. Jahrhundert der Anteil der Frauen noch verschwindend gering gewesen, so nahm deren Zahl in der Zwischenkriegszeit deutlich zu. Bergsteigen und Wandern wurden (etwas) weiblicher. In der Bilderwelt des Alpenvereins schlug sich diese Umschichtung der Geschlechter aber nur zögerlich nieder. Warum?

Weil nicht nur die Fotoapparate, sondern auch die gesellschaftlichen Machtverhältnisse weiter fest in männlicher Hand waren. Und sie sind es - mit Ausnahmen - bis heute. Frauen tauchen in den Bildern daher nicht zufällig oft als illustrative "Zutaten" auf, als Gefährtinnen der fotografierenden Männer etwa oder als Staffagefiguren vor aufregender Bergkulisse.

Das Glück der Aussicht

Wer wandert, wird müde. Auf diese einfache Formel hat Béla Balázs das Gehen durch die Natur gebracht. In der Erfahrung von Müdigkeit, so meinte er, liegt der eigentliche Wert des Wanderns. Die Schönheit, aber auch die Schroffheit der Landschaft, die man zu Fuß durchstreift, kann man zwar mühelos betrachten, aber körperlich erfahrbar wird sie erst im anstrengenden Gehen.

Und dennoch: Die Bergwanderer, die nach schweißtreibendem Aufstieg müde am Rastplatz niedersinken, lassen sich in ihren Fotos die Müdigkeit nicht anmerken. Kaum ein Schnappschuss ist überliefert, der die Mühen zeigt, kein Foto, das Schweiß und Erschöpfung festhält, kein Erinnerungsbild, das den gehetzten Abstieg vor einem Gewitter dokumentiert. Stattdessen immer wieder: das Glück der wunderbaren Aussicht, aufregende Gipfelfreuden, faszinierende Landschaftsformationen, Gruppenbilder alpiner Freundschaft, Hüttengaudi.

Alfred Asal: In den Leoganger Steinbergen, Salzburg, vor 1927. 
- © Fotoarchiv des Österreichischen Alpenvereins

Alfred Asal: In den Leoganger Steinbergen, Salzburg, vor 1927.

- © Fotoarchiv des Österreichischen Alpenvereins

In der Fotografie erscheint die Bergwelt oft als abgeschiedenes Eldorado, die Spuren der Zivilisation werden ausgeblendet, mit Ausnahme der Schutzhütten und Wege, die in der Wahrnehmung der Berggeher offenbar zu den notwendigen Infrastrukturen der alpinen Landschaft gehören. Wenn ausnahmsweise einmal eine Stadt tief unten im Tal ins Bild rutscht, bildet sie das Gegenbild zur menschenleeren Berglandschaft. Sie ist jene Welt, aus der man gehend entflieht, und wenn auch nur für ein paar Stunden.

Selbstdarstellung

Für Balázs ist die durchwanderte Gegend eine "Landschaftsgarderobe, wo man abgetragene Seelen ablegen kann". Erholung von den Strapazen des Alltags und der Stadt also: Viele Alpinisten würden diese Sichtweise umgehend unterschreiben. Aber ganz so entrückt von den Niederungen des Alltags ist das Unterwegssein im Gebirge nicht, wenn wir genauer hinsehen.

Ganz oben: Auf der Dahmannspitze, Ötztaler Alpen, 1956. 
- © Fotoarchiv des Österreichischen Alpenvereins

Ganz oben: Auf der Dahmannspitze, Ötztaler Alpen, 1956.

- © Fotoarchiv des Österreichischen Alpenvereins

Nicht nur die jeweiligen Kleidermoden schlagen sich in den Bergbildern nieder, sondern auch gesellschaftliche Vorstellungen, etwa bei der wechselnden Inszenierung der Geschlechter. Die Bergkulisse ist, so zeigt ein Blick auf die Fotografien, häufig eine Bühne männlicher und oft heroischer Selbstdarstellung. Ein Kletterer in waghalsiger Pose, mit gespreizten Beinen in einem senkrecht aufragenden Kamin, aufgenommen von unten. Nie wäre eine solche Szene, wie sie in den 1920er Jahren in den Dolomiten fotografiert wurde, mit einer Frau als Protagonistin aufgenommen worden. Der Mann trägt und führt den Eispickel, die Frau nicht. Der Mann steht hart am Abgrund, die Frau auf sicherem Gelände. Die Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen.

Auch wenn die Bergwelt in den Bildern oft als heiles Gegenstück zum städtischen Alltag gezeichnet wird: Bei genauerem Hinsehen haben sich die Spuren von Politik und Gesellschaft auch in die Bergbilder eingeschrieben. Besonders deutlich wird das in der Zwischenkriegszeit, als die Begeisterung nicht nur der deutschen, sondern auch vieler österreichischer Alpinisten für den Nationalsozialismus offenkundig war. In den Fotos dieser Jahre tauchen immer wieder Hakenkreuze auf, aber auch im atmosphärischen "Weichbild" der Fotos ist die stramme Stimmung der Berggeher oft deutlich spürbar.

Politische Botschaften

Da rücken etwa die akkurat gezogenen Seitenscheitel manch junger, "großdeutsch" orientierter Alpinisten demonstrativ ins Bild, Kameradschaft wird nun immer öfter militärisch aufgeladen, jüdische Berggeher waren schon lange vor 1933 aus den alpinen Sektionen und Vereinen ausgeschlossen worden. Die Politik machte also vor den Bergen beileibe nicht halt. Manche Gipfel und Hütten wurden dem neuen Bekenntnis zufolge symbolisch beflaggt. Die abgeschiedene Bergwelt wurde immer wieder zur Projektionsfläche für politische Botschaften, zugleich (und oft sogar parallel) auch zum entrückten Zufluchtsort für jene, die der politischen Enge im Tal entkommen wollten.

"Man gehe weiter. Besonders wenn es schön gewesen ist", schrieb Balázs Anfang der 1920er Jahre. Für ihn war das Weitergehen, das Wandern, ein emanzipatorischer Akt, eine Aktivität, die helfen kann, Bürden und Lasten zumindest temporär zu lindern. Aber stimmt denn dieser Befund, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts geäußert wurde, ein Jahrhundert später überhaupt noch?

Wie viel "Befreiung" steckt denn eigentlich heute im Wandern, wenn Touren und Ausrüstung streng normiert und durch und durch kommerzialisiert sind, wenn die Unternehmungen ins Gebirge zum am Reißbrett geplanten, hightech-gestützten Outdoor-Trip werden? Schlägt sich diese Industrialisierung des Wanderns, vom Massenbetrieb des alpinen Skizirkus im Winter gar nicht zu reden, in den Bergfotos nieder?

Hut und Pickel, im Gesäuse. 
- © Fotoarchiv des Österreichischen Alpenvereins

Hut und Pickel, im Gesäuse.

- © Fotoarchiv des Österreichischen Alpenvereins

Wenn wir die Auswahl des Alpenverein-Archivs heranziehen, nicht. Die Zeichen der massentouristischen Infrastrukturen, wie Liftmasten und Seilbahnbauten, schwindeln sich nur höchst selten ins Bild, es dominiert weiterhin der Blick auf unverbaute, die angeblich heilen Berge. Dass die Berggeher längst mit dem eigenen Auto anreisen, ist den Bildern, die sie mitbringen, kaum anzusehen. Parkplätze und PKW sind selten bildwürdig, fotografiert wird erst, wenn die Zeichen der Technik und des Massentourismus hinter dem ersten Hang verborgen sind.

Die österreichischen Berge sind, zumindest in der Fotokultur der Bergmenschen, vor allem eines: schön - und unberührt. So unberührt, dass man sie am liebsten unter einen Glassturz stellen möchte.