Ist die Erde doch eine Scheibe? Mathias Kesslers Kunstprojekt begibt sich auf die Spuren der "Flat Earth Society".Foto:Mathias Kessler - © Mathias Kessler copyright, www.m
Ist die Erde doch eine Scheibe? Mathias Kesslers Kunstprojekt begibt sich auf die Spuren der "Flat Earth Society".Foto:Mathias Kessler - © Mathias Kessler copyright, www.m

Fast wäre der Bauingenieur Meydenbauer vom Gerüst am Dom von Wetzlar gefallen. Er wollte den Dom noch händisch vermessen. Ein aufwendiges wie gefährliches Unterfangen. Dieser Schreck brachte ihn 1858 auf den Gedanken, eine sicherere "Messbildkunst" zu entwickeln. Damit dem Forscherdrang, die Erde vermessungstechnisch immer exakter erfassbar zu machen, weitgehend risikolos nachgegangen werden kann. Durch Meydenbauers Ansatz - und den anderer Forscher - wurde die Fotografie essenzieller Bestandteil der Erfassung und Vermessung von Landschaften und Städten. Der Anfang der Entwicklung zur topografischen Fassbarkeit der Welt, als deren letzte Errungenschaft Google Earth und Google Street View gelten können.

Die Pioniere dieser Vermessungstechnik wurden körperlich sehr in Anspruch genommen. Da mussten die verschiedensten Apparate noch auf Berge geschleppt werden, wenn es darum ging, ein Gebirge zu erfassen. Und Aufnahmen wurden von mehreren Standorten gemacht, um die Genauigkeit der Messung zu steigern. Die Fotografien wurden zu einem Panorama zusammengefügt und danach in einem aufwendigen Verfahren, in dem einzelne wiedererkennbare Punkte, auffällige Details der Landschaft, umgerechnet und in einer Karte eingezeichnet. Diese Vorgehensweise verlangte viel Zeit, Ausdauer und künstlerisches Geschick. Immer begleitet von der Diskussion über Berechnungsarten, wie fotografische Daten in relevante Messdaten, zum Beispiel innerhalb eines metrischen Systems, umgewandelt werden können. Diese Diskussion war Kennzeichen der ersten Jahrzehnte der Geschichte fotografischer Messbilder und trieb mitunter eigenartige Blüten.

Flaubert als Maßstab


So diente der französische Romancier Gustave Flaubert seinem Freund und Begleiter Maxime du Camp auf ihrer Reise 1849 nach Ägypten als Maßstab, wie Helmuth Lethen vom IFK (Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften) anlässlich der Konferenz "Die totale Erfassung der Welt" anmerkte. Er musste sich für den Fotografen immer wieder direkt neben antike Monumente, wie Pyramiden, Säulen oder Tempelanlagen, stellen und wurde von du Camp aufgenommen. So konnte er im Nachhinein mit dem Wissen der Körpergröße des Schriftstellers ausrechnen, welche Ausmaße die Bauten hatten. Eine etwas eigene, aber sehr originäre Art der Vermessung der Welt. Die aber deutlich macht, auf welche Mittel damals zurückgegriffen werden musste, um einigermaßen relevante Messdaten zu bekommen.

Wobei die Verwendung der Fotografie als Vermessungstechnik seit damals tiefgreifendere Fragen aufwirft. Nicht nur technische Fragen, die sich um Perspektivenwechsel, die Schärfe der Abbildungen oder die Dokumentation bestimmter Flächenphänomene drehen. Sondern auch Fragen, die sich mit dem Interpretationsbereich zwischen Dokumentation und Kunst beschäftigen. Immer wieder wurden, wenn Fotografie als Vermessungsinstrument verwendet wurde, die Bilder von Forschern als ästhetischer Überschuss bezeichnet. Ein Endprodukt mit künstlerischem Anspruch, für die Forschung aber wertlos. Auch die händisch hinzugefügten Markierungen auf Fotografien oder einzelne Zeichnungen von Karten verweisen auf einen immanenten künstlerischen Gestus.

Es ist interessant zu beobachten, dass sich heutzutage zeitgenössische Künstler intensiv mit dieser Fragestellung, der Erfassung und Vermessung der Welt als Thema der bildenden Kunst, auseinandersetzen. Mit den Medien Fotografie und Zeichnung, wie das Beispiel der österreichischen Künstler Michael Höpfner und Mathias Kessler zeigt: Michael Höpfner durchstreift immer wieder - alleine und zu Fuß - die entlegensten Winkel der Welt, wie afrikanische Wüsten oder den Himalaya. Monatelang. Durch seine Wanderungen bekommt der Begriff "Erfassung der Welt" neben einer dokumentarischen, auch eine individuell-philosophische Ebene. Auf diesen Reisen fertigt Höpfner basierend auf Landkarten der Bevölkerung topographische Zeichnungen und minimalistische SW-Fotografien der meist kargen Landschaft, die oft die perspektivische Wahrnehmung von Distanzen und Größenverhältnissen auf den Kopf stellen, an. Ein künstlerischer Gegenentwurf zu den Bestrebungen, die Erde mittels Fotografie exakt zu vermessen.

Der in New York lebende Vorarlberger Mathias Kessler hingegen hat sich in einem Werkblock auf die Spuren der "Flat Earth Society" begeben: einer kruden, sektiererischen Gesellschaft, die in Spuren bis in die 1970er-Jahre in den USA existierte und die die Erde als Scheibe propagierte. Kessler folgte dem Wahlspruch der Gesellschaft - "The end of the world is marked by a wall of ice, which can not be penetrated by mankind" - und organisierte eine Expedition nach Grönland. Er charterte drei Boote und machte sich auf die Suche nach der Mauer aus Eis. Was er fand und fotografierte, waren Eisberge immenser Größe, die er von zwei Booten aus, in Neumondnächten, mit 200.000 Kilowatt-Filmscheinwerfern ausleuchten ließ. Damit generierte er eine ungeheure Tiefenschärfe. Es entstanden gestochen scharfe Bilder, ungeheuer präzise - eine fotografische Vermessung dieser Wände aus Eis. Mathias Kesslers Expedition stürzte natürlich nicht über den Rand der Scheibe. Er kam wohlbehalten, wenn auch mit etwas unterkühlten Fingern, zurück.