Es muss Anfang der achtziger Jahre gewesen sein, da habe ich mir die Reprintgesamtausgabe der "Fackel" gekauft. Seither steht sie beleidigt im obersten Bücherregal. Ich habe selten Zeit gefunden, in dem voluminösen Werk zu schmökern. Nur einzelne Bände werden hin und wieder aus den lichten Höhen heruntergeholt - immer dann, wenn ich ein bestimmtes Zitat suche. In dem zwölfbändigen Werk, das einen knappen Meter in Anspruch nimmt, stecken inzwischen viele gelbe Zettel als Suchhilfe.

Seit Kurzem ist alles anders. Karl Kraus ist mehr als 70 Jahre tot, seine Werke sind frei und die Österreichische Akademie der Wissenschaften konnte ihre gründlich aufbereiteten EDV-Daten der "Fackel" ins Netz stellen.

Wenn Sie also ein Kraus-Zitat zur Schuldebatte suchen, geben Sie "Schule" oder "Noten" ein, und schon werden Sie fündig! "Die Schule ohne Noten muss einer ausgeheckt haben, der von alkoholfreiem Wein besoffen war." Das ist ja das Schöne an Karl Kraus: Seine Aphorismen passen immer irgendwie.

Allerdings ist nicht alles, was in Zitatensammlungen Kraus zugeordnet wird, auch wirklich von ihm. Wer Kraus-Zitate auf ihre Echtheit überprüft, erlebt seine Überraschungen. "Der Österreicher unterscheidet sich vom Deutschen durch die gleiche Sprache." Das ist ein Beispiel für einen falschen Kraus.

Entstellte Zitate


Manche Zitate werden entstellt. In mehreren Sammlungen habe ich den Aphorismus gefunden: "Kleine Nationen sind stolz darauf, dass die Schnellzüge an ihnen vorbeifahren müssen." Unter "Nation" lässt sich auf der "Fackel"-Website nichts finden. Nur "Schnellzüge" bringt ein Ergebnis. Das Originalzitat lautet nämlich: "Die kleinen Stationen sind sehr stolz darauf, dass die Schnellzüge an ihnen vorbei müssen."

"Es genügt nicht, keine Gedanken zu haben, man muss auch unfähig sein, sie auszudrücken." Auch das wird gern zitiert. Wolf Schneider stellt den Satz an den Beginn seines Buches "Deutsch für Profis". In der "Fackel" klingt er anders: "Es genügt nicht, keinen Gedanken zu haben: man muss ihn auch ausdrücken können."

Den wahren Urheber ausfindig zu machen, gestaltet sich bei den meisten der falschen Kraus-Zitate als schwierig. Beim Aphorismus "Der Österreicher unterscheidet sich vom Deutschen durch die gleiche Sprache" kann ich eine jahrelange Suche, die von der Zeitschrift "Österreich in Geschichte und Literatur" in Form einer Umfrage initiiert worden war, für beendet erklären.

Dass Karl Kraus nicht der Urheber sein kann, bestätigte die Akademie der Wissenschaften - der Aphorismus ist im gesamten Kraus-Corpus nicht zu finden, weder in der "Fackel" noch in den anderen Schriften. Außerdem hat der Kraus-Experte Professor Sigurd Paul Scheichl darauf hingewiesen, dass der Inhalt nicht zu den Vorstellungen der Zwischenkriegszeit passt, auch nicht zum Kraus’schen Sprachverständnis.

Es lag der Verdacht nahe, dass es sich um eine Lehnübersetzung aus dem Englischen handelt, wo ähnliche Vergleiche zwischen dem amerikanischen und dem britischen Englisch gemacht werden. Experten haben auf George Bernhard Shaw getippt: "England and America are two countries divided by a common language."

Im Werk von Shaw ist dieser Satz allerdings nicht zu finden. Shaw und Kraus erleiden also posthum das gleiche Schicksal: Ihnen werden Aphorismen unbekannter Herkunft unterschoben - weil man sie ihnen zutraut.

Der wahre Urheber des englischen Aphorismus ist Oscar Wilde. In "The Canterville Ghost", bei uns seit langem eine Schullektüre, findet sich der Satz: "We have really everything in common with America nowadays, except, of course, language." Das klingt holpriger als jene Version, die Shaw zugeschrieben wird. Vermutlich hängt dies damit zusammen, dass Bonmots mit unklarer Urheberschaft ungeniert verbessert werden.

Wie ist das Zitat in Österreich populär geworden? Die Zeitschrift "Österreich in Geschichte und Literatur" hat eruiert, dass der älteste nachgewiesene Beleg von Alexander Lernet-Holenia stammt. Der Satz stand im Februar 1957 in der Zeitschrift "Der Monat": "Der Österreicher, der die gleiche Sprache spricht wie der Deutsche, unterscheidet sich vom Deutschen vor allem durch die Sprache."

Ohne Lernet-Holenias Bedeutung für die österreichische Literatur schmälern zu wollen - dass diese nicht gerade brillante Formulierung von einem Beitrag im "Monat" einen Siegeszug in die Feuilletons angetreten hat, ist unwahrscheinlich.

Zeitlich passt die Geschichte aber schon, fällt sie doch in eine Phase eines gesteigerten Selbstbewusstseins der Österreicher. Auch Ingeborg Bachmann hat sich in dieser Gedankenwelt bewegt. In ihrem nachgelassenen Fragment "Requiem für Fanny Goldmann" finden sich die Worte: ". . . dass man wirklich mit den Deutschen einiges gemeinsam hatte, (. . .) in vieler Hinsicht alles, natürlich mit Ausnahme der Sprache. "