"Ich war damals 21 Jahre alt", sagt Roland Graichen zögernd. "Es war dann nicht mehr die Entscheidung: Gehe ich oder bleibe ich. Da wusste jeder: Jetzt musst du hier bleiben." Verzweiflung? "Resignation", antwortet Manfred Kipping in einem Ton, als hielte dieses Gefühl für sein restliches Leben an. "In dem Moment, in dem wir in der LPG waren, war der Westen weit entfernt."

Nach zwei Monaten auf der LPG fuhr Franz Hofer wie geplant heim nach Österreich. Er wurde Agrarjournalist in Linz, doch den Kontakt zur "Freundschaft" in Oberwiera hielt er aufrecht: Immer wieder organisierte er Fahrten für oberösterreichische Bauern nach Sachsen. "Erst machte ich es, um unseren Leuten zu zeigen, wie gut es ihnen zu Hause geht", erzählt er später im Auto. Viele seiner sonst gerne murrenden Landsleute wären nach dem Besuch des Agrargroßbetriebs sehr zufrieden mit ihrem Schicksal in die Heimat zurückgekehrt.

Nach der Wende habe er die Studienreisen zu dem von der LPG zu einer Agrargenossenschaft gewandelten Betrieb fortgesetzt, "um zu zeigen, wie es möglicherweise auch bei uns weitergehen könnte".

Regelmäßig prallen bei solchen Besuchen die Kulturen aufeinander: Die Oberösterreicher, in wuchtigen, von üppigem Blumenschmuck überquellenden Erbhöfen auf Hügelkuppen daheim, mit Blick auf die eigenen Felder rundum, verteidigen dann ihr Modell. "Das ist mein Grund und Boden", wiederholen sie ein ums andere Mal erregt in der Diskussion, als könne es gar keinen anderen Gedanken geben. Da mögen die Gesprächspartner vor den nüchternen Garagen- und Speicherkomplexen, hinter denen sich gleichförmig riesige Weizen- und Kartoffelfelder bis zum Horizont erstrecken, noch so sehr die Vorteile ihrer Genossenschaft hervorheben: Freizeit, Sozialversicherung, Rente, Urlaub. Freies Unternehmertum seit Generationen steht da dem Angestellten-Denken gegenüber. Die DDR hat einen bäuerlichen Gegenentwurf geschaffen und in 40 Jahren vielerorts seine Vorteile unverzichtbar werden lassen. Vornehmlich bei den Jungen, die nie selbständige Bauern gewesen sind.

"Das ist in den Köpfen gewachsen im Lauf der Zeit", erinnert sich Roland Graichen. "Andere haben das bis 1990 nicht verwunden." Selbst bei den Willigen ist aber bereits lange davor die Euphorie und die Initiative für die staatlich gelenkte LPG verloren gegangen. Der Futteranbau habe zu wenig gebracht, um das Vieh zu füttern, sagen die Männer. Die Kühe hätten gehungert und deshalb wenig Milch gegeben. Statt mit weniger Kühen denselben Milchertrag zu erzielen, hätten sie den Bestand halten müssen.

Franz Hofer erinnert sich, dass einmal ein LKW aus Berlin Silofutter brachte, um Abhilfe in der Misere zu schaffen. "Die hatten aber keine Plane zum Abdecken, und so kam nur die Hälfte des Futters hier an", sagt er. "Von Organisation hatte man im Sozialismus keine Ahnung", schimpft Manfred Kipping. "Ein Sauhaufen sondergleichen, das muss gesagt werden."

Und dann kommen sie doch noch einmal auf das Mauerbaujahr zu sprechen: "Ab 1961 gab es schon ein Problem: der Dirigismus vom Staat hat zugenommen", sagt Waldemar Siewert. "Wir hatten uns Gedanken gemacht über den Anbau, aber das wurde durchkreuzt. Wir hatten den Plan zu erfüllen. Und die Kleintechnik, die wir dringend gebraucht hätten, haben wir nicht gekriegt."

Neue Zeiten

Zeiten und Systeme ändern sich, der Ärger bleibt: "Dort sind wir heute wieder", sagt Marcus Berger, technischer Leiter in Oberwiera und Sohn des derzeitigen Genossenschafts-Vorsitzenden: "Die Verschleißteile sind so teuer oder so fehlerhaft, dass man sie besser selbst produziert. Oder man geht zu einem Schmied im Ort. Die Qualität und Haltbarkeit der Produktionsmittel lässt sehr zu wünschen übrig."

Hinzu kommt die zunehmende Unduldsamkeit im Ort: Städter ziehen aufs Land und beschweren sich über verunreinigte Straßen oder das Ausbringen von Gülle. Schließlich hat die Genossenschaft noch mit der EU zu kämpfen, die vorschreibt, wann welche Flächen gepflügt werden dürfen. 33 Mitarbeiter, 1208 Hektar Anbaufläche und mehrere hundert Rinder hat der Betrieb heute.

Er habe sich schon damals gut mit den Leuten von Oberwiera verstanden, resümiert Franz Hofer später, während der Heimfahrt im Auto, als es draußen über den weiten sächsischen Ackerflächen schon Abend wird. Zu Weihnachten 1961 hätte ihm der Betrieb "Das Kapital" von Marx geschickt. Hofer lächelt verschmitzt: "Der Waldemar hat sich sogar erinnert und mich heute gefragt, ob ich es gelesen habe."

Rein rechtlich hat sich ja eigentlich für die Bauern in der DDR gar nichts Revolutionäres abgespielt, meint Hofer dann ein wenig provokant: Sie wären Eigentümer ihres Grundes und Bodens geblieben, aber der Besitz und das Verfügungsrecht seien auf die Genossenschaft übergegangen. Was das bedeutete, sieht man heute noch auf der Fahrt durch Deutschlands Osten.

Stefan May, geboren 1961, ist Jurist, Journalist und Buchautor. Er lebt in Berlin und Wien.