In den Schlagzeilen amerikanischer Medien droht Europa die Apokalypse: Der Euro steht vor dem Zusammenbruch! London brennt! Massaker in Norwegen! Überall triumphieren radikale Rechtspopulisten. Von Griechenland bis Portugal rebelliert die Jugend. Selbst die politische Elite ist Teil des Problems: Ungläubig liest man von den "Bunga-Bunga Parties" des Italienischen Premiers, in den Augen der US-Presse mehr ein korrupter Mädchenschänder als ein seriöser Staatsmann. Sein französischer Kollege wirkt dagegen wie ein hyperaktiver Westentaschennapoleon, und von Deutschlands Kanzlerin behaupte sogar ihr politischer Ziehvater, sie mache ihm sein Europa kaputt. So ungefähr lesen sich die Schlagzeilen amerikanischer Medien über Europa. Besonders das politische Projekt der gemeinsamen Währung und die amateurhaften Rettungsversuche ernten den Hohn der Kommentatoren.

Das Bild, das europäische Medien wiederum von den USA entwerfen, steht dem um nichts nach: Die "Süddeutsche Zeitung" übertitelte vor kurzem einen Artikel über die "Supermacht in der Krise" mit "Aus der Traum" und der "Spiegel" beschrieb die USA als kriegslüsterne Bananenrepublik, die einerseits von sozialer Verelendung gezeichnet sei und andererseits von religiösen Wahnvorstellungen und ultrarechten Meinungsmanipulatoren dominiert werde. Kurzum, so resümierte der Artikel, die USA haben sich vom Westen verabschiedet und es sei höchste Zeit für Europa, sich nach einem zivilisierteren Partner umzusehen.

Enttäuschte Europäer

Angesichts dieser gegenseitigen medialen Wahrnehmung stellt sich die Frage: Wie steht es drei Jahre nach der Amtsübernahme von Präsident Obama um die transatlantischen Beziehungen? War nicht der schwarze Verfassungsrechtsprofessor aus Chicago Hoffnungsträger und Wunschkandidat der Europäer? In Barack Obama hatten die Europäer schließlich einen US-Präsidenten, der wesentlich ihren Wunschvorstellungen entsprach. Er repräsentierte nicht nur jene Sehnsüchte, die viele Menschen der Alten Welt gerne auf die USA projizieren - den Aufstieg des einfachen Mannes aus dem Schmelztiegel der Kulturen und Ethnien - sondern vertrat auch eine politische Agenda, die durchaus jener europäischer Zentrumsparteien entsprach. Überdies erwies sich Obama als begnadeter Rhetoriker und hochgebildeter Kosmopolit. Seine Rede in Berlin, noch im Verlauf des Wahlkampfes gehalten, wurde zu einem einzigartigen Massenspektakel, und noch im ersten Jahr seiner Amtszeit besuchte er auf nicht weniger als vier Reisen zehn europäische Staaten. Der Höhepunkt europäischer Obama-Euphorie war die Verleihung des Friedensnobelpreises in Oslo im Dezember 2009, welche von vielen Amerikanern als späte Abrechnung des liberalen Europa mit dem Amtsvorgänger Bush verstanden wurde: War der coole Schwarze nicht ganz anders als der bigotte texanische Cowboy?

Sei vorsichtig Europa, bei dem was du dir wünschst, könnte man im Nachhinein sagen. Kaum war Präsident Obama in Amt und Würden, forderte er einen größeren Beitrag Europas zur Aufrechterhaltung von Sicherheit und Ordnung in der Welt. Da entdeckten viele Politikers Europa, dass paradoxerweise George W. Bush für sie doch der politisch angenehmere Präsident gewesen sein mochte. Sich gegen den allseits unpopulären Texaner zu positionieren, war für europäische Regierungen innenpolitisch wie außenpolitisch letztlich relativ risikolos. Bei Obama tat man sich schwerer. Er sprach genau die Dinge an, die Europäer von Bush immer gerne gehört hätten.

Würde man Obama mit seinen Avancen nun abblitzen lassen, dann sähen sich seine innenpolitischen Gegner bestärkt und das Fenster einer europaorientierten US-Politik würde sich wieder schließen. Letztlich entschied man sich für die politisch bequemere Option und überließ den Präsidenten sich selbst. Keiner der europäischen Verbündeten war bereit, jenseits bestehender Zusagen zu Obamas neuer Afghanistan-Strategie nennenswerte Beiträge zu leisten. Im Gegenteil, Amerikas Verbündete trachteten eher danach, ihre Truppen rascher als geplant zurückzuziehen. Obamas Eskalationsstrategie wurde nicht mitgetragen - und auch in Sachen Export- und Finanzpolitik zeigten die Kontinentaleuropäer Washington zunehmend die kalte Schulter, was besonders beim G-20 Gipfel 2010 in Südkorea offensichtlich wurde.

Besonders in Berlin zeigte man sich von den amerikanischen Belehrungen und Ermahnungen zur Finanz- und Wirtschaftspolitik irritiert. Hatte nicht die gerade sträfliche Deregulierung des US-Finanz- und Immobilienmarktes die Welt an den Abgrund eines globalen Wirtschaftskollapses geführt? War es nicht die amerikanische Besessenheit, mit den Mitteln des Krieges den Terrorismus zu bekämpfen, welche nun dafür verantwortlich war, dass deutsche Soldaten am Hindukusch ihr Leben lassen mussten; und war es nicht ein unverantwortlich energieintensives amerikanisches Zivilisationsmodell, welches eine Hauptschuld an der globalen Erwärmung trug? Keinesfalls hatten die USA in den Augen Berlins das moralische Recht oder die politische und wirtschaftliche Stärke Lektionen zu erteilen oder Beiträge einzufordern. So ließ man in Europa den Mann im Weißen Haus im Regen stehen -- dieser distanzierte sich daraufhin höflich, aber merklich von seinen europäischen Bündnispartnern.