Ruhe ist die erste Bürgerpflicht lehrt uns der Zappelphilipp.
Ruhe ist die erste Bürgerpflicht lehrt uns der Zappelphilipp.

Wenn sich britische Soldaten im Zweiten Weltkrieg entspannen wollten, blätterten sie gerne in dem Büchlein "Struwwelhitler - A Nazi Story Book by Dr. Schrecklichkeit". Die Autoren Robert und Philip Spence hatten die Vorlage für ihre propagandistische Parodie mit Bedacht gewählt, galt und gilt Heinrich Hoffmanns "Struwwelpeter" doch wie der Stechschritt als Sinnbild preußischen Untertanengeistes. 2002 nannte der US-amerikanische Illustrator Bob Staake das Buch "etwas, das Hitler auf Mescalin geschrieben haben könnte".

Von dieser Vorstellung war das Leben des Arztes Heinrich Hoffmann freilich Welten entfernt. Seine Sammlung kurzer Bildergeschichten mit dem Untertitel "Lustige Geschichten und drollige Bilder für Kinder von 3 - 6 Jahren" erschien erstmals 1845 und entwickelte sich seither zu einem der erfolgreichsten deutschsprachigen Bücher überhaupt. Es wurde rund 550 Mal aufgelegt und in mehr als 40 Sprachen und 50 Dialekte übersetzt, eine bekannte Übertragung ins Englische ("Slovenly Peter") stammt von Mark Twain.

Heinrich Hoffmann, Psychatriereformer und posthumer Kinderschreck - © Atelier Hermann Maas, Frankfurt am Main, gemeinfrei
Heinrich Hoffmann, Psychatriereformer und posthumer Kinderschreck - © Atelier Hermann Maas, Frankfurt am Main, gemeinfrei

Die Figuren des "Struwwelpeter" haben Theaterautoren, Filmregisseure (in der DDR), Rockbands und Komponisten ebenso angeregt wie W. H. Auden, der den daumenkappenden Schneider als "Scissor Man" in einem Gedicht neben anderen gespenstischen Gestalten auftreten lässt.

"Der Schlingel hat sich die Welt erobert, ganz friedlich, ohne Blutvergießen", konnte Hoffmann, der hundert Auflagen erlebte, frohlocken - doch es gab auch Gegenstimmen, wenige zunächst, viele erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Redakteure der "Fliegenden Blätter" sahen den langhaarigen Struwwelpeter bereits 1848 gegen den Zeichenstrich als revolutionäres Gegenstück zum angepassten Untertanen. (120 Jahre später schockte Daniel Cohn-Bendit das Bürgertum in dieser Rolle noch immer durchaus erfolgreich.)

Kritik und Parodien verhinderten freilich den Erfolg nicht, der sich auch in Kartenspielen und Figurinen niederschlug. Zahlreiche Nachahmungen führten gar zum Gattungsbegriff "Struwwelpetriaden" für moralische Abschreckungsgeschichten. Darunter finden sich Seltsamkeiten wie "Der Mummelsack" von Nathan Jacob (1867), laut Untertitel "Ein Sittenspiegel der Jugend zu Nutz und Frommen der Kinderwelt", und geistig Wehrertüchtigendes wie "Der General Fritz. Bunte Bilder aus seinem Leben". Erst 1970 rechnete F. K. Waechter, führender Strubbelkopf der "Neuen Frankfurter Schule" der Humoristen, mit dem Brevier Hoffmanns ab und stellte ihm seinen "Anti-Struwwelpeter" gegenüber.

Rund vierzig Jahre später hat es sich in deutschen Landen längst auskritisiert, Libri bietet vierzig Ausgaben des "Struwwelpeter" an, und die Stadt Frankfurt ruft 2009 das "Heinrich Hoffmann-Jahr" aus.

Gefeiert wird ein Autor, der schon zu Lebzeiten hinter seinem bekanntesten Werk verschwand: Er wird am 13. Juni 1809 in Frankfurt am Main geboren, seine Mutter stirbt während seines ersten Lebensjahres. Der frühe Verlust wird in den Memoiren verdrängt, Hoffmann weiß nicht einmal das genaue Todesdatum. In einem Abschnitt über seine Stiefmutter taucht die Mutter noch einmal im Vergleich auf: "Meine wirkliche Mutter bei ihrem krankhaft heftigen Charakter hätte mir nicht mehr Treue beweisen können." Woher er dieses unvorteilhafte Bild hat, bleibt offen.

Im Anschluss an das Medizinstudium in Heidelberg und Halle lässt er sich in Frankfurt als praktischer Arzt nieder. 1840 heiratet er Therese Donner, mit der er drei Kinder hat, 1844 schreibt er die Urfassung des "Struwwelpeter". 1848 wird er Abgeordneter zur Nationalversammlung, wo er für eine konstitutionelle Monarchie unter Preußens Führung eintritt.

Seine große Lebensaufgabe findet er 1851 als Leiter der "Anstalt für Irre und Epileptische". Den noch immer populären mittelalterlichen Vorstellungen von Besessenheit stellt er sein Konzept von psychisch Kranken entgegen, denen Würde und Achtung gebührt. Ab 1864 kann er seine Vorstellungen in einem von ihm initiierten Neubau verwirklichen, dem sogenannten "Irrenschloss", das er bis zu seinem Ruhestand 1888 leitet. 1894 stirbt Heinrich Hoffmann, seine Lebenserinnerungen erscheinen erst 1926.

Suche nach der Mutter

Danach dauerte es mehr als achtzig Jahre, bis jemand tatsächlich über den Menschen Hoffmann sprach. Die Psychoanalytikerin Anita Eckstaedt warf einen tiefen Blick auf den Mann hinter der Gebrauchslyrik und den oft dilettantischen Bildern. Sie liest die einzelnen Texte des "Struwwelpeter" als eine Geschichte einer schmerzvollen Kindheit: Die verlorene Mutter taucht bereits in der Einleitung als engelsgleiche Gestalt auf und fehlt dem verwahrlosten Struwwelpeter, "weil keine Mutter da ist, die diese persönliche Pflege besorgen würde".

Mit dem brennenden Paulinchen "zerstört das Struwwelpeter-Kind jetzt weiter seinen Anteil, den es von der Mutter hat oder den es Frauen zuordnet". Auch in der Geschichte vom Hasen, der dem Jäger das Gewehr stiehlt, findet sich reichlich Unbewusstes. Am Ende landet der Jäger im Brunnen, der Hase zerschießt die Tasse der Jägerin, und der ausgeschüttete Kaffee verbrennt das Hasenkind. "Unser Held ist in die ödipale Phase gekommen. Er kämpft mit seinem Geschlechtsgenossen, dem Vater, um dessen Position", interpretiert Eckstaedt dies, durchaus nachvollziehbar.

Die Deutung fasziniert, wie Arno Schmidts Analyse der Homoerotik bei Karl May, aber es ist unwahrscheinlich, dass die unbewusste Botschaft ausschlaggebend für den Erfolg der Geschichte war. Vielmehr dürfte ihr politischer Gehalt Ende des 19. Jahrhunderts für jeden erwachsenen Leser - und damit Buchkäufer - eindeutig gewesen sein: Die Umkehr der Verhältnisse führt zum Chaos.

Mit der literarischen Form der Tierfabel war man vertraut. Sie war um 1848 ein gern genutztes Mittel der Propaganda, sei es in Eduard Bauernfelds "Republik der Tiere", in der ein Polizeidirektor mit  "Eure Oxcellenz"  tituliert wird, sei es im Volkslied vom erschossenen Kuckuck, der "als ein Jahr vergangen war" als Sinnbild der Revolution quicklebendig wieder auftaucht.

Schlüssel des Erfolgs

Doch die Analyse der inneren Kämpfe Hoffmanns macht über das vermutlich endenwollende Interesse an seiner Person hinaus Sinn. Dann nämlich, wenn man den Blick zwischen ihm und seinen Millionen Lesern hin und her schweifen lässt.

Unbestritten ist, dass der "Struwwelpeter" vielen Generationen zwecks Einübung in den Gehorsam verabreicht wurde. "In dieser Kinderwelt sollen die Tugenden erlernt werden, die man in der großen Welt braucht: Ruhe, Ordnung, Sauberkeit, Konventionalität, Gehorsam, Häuslichkeit", analysieren Elke und Jochen Vogt.

Wer unerwünschtes Verhalten zeigt, muss mit - bisweilen grotesken - Sanktionen bis zum Tod rechnen. Und von wem wurde der "pädagogische Katechismus des Kleinbürgertums" (Vogt) eines patriarchalisch organisierten Staates auf der Basis einer patriarchalisch organisierten Familie geschrieben? Von einem Mann, dessen Mutter früh gestorben ist, ihm "nicht mehr Treue beweisen konnte", -  einen besseren findst du nit , heißt es im Lied vom guten Kameraden.

Damit das Buch, mit dem Eltern und Großeltern den Nachwuchs eifrig versorgten, seine angsteinflößende Wirkung entfalten konnte, waren freilich die entsprechenden Voraussetzungen notwendig: Wer zum Aufessen gezwungen wird, "lernt", dass Widerstand zwecklos ist, weil er vor dem Druck nur in den Tod flüchten kann. Wer seinen Körper nicht entdecken darf und Gewalt als Erziehungsmittel erlitten hat, kann die symbolische Kastration des Daumenlutschers nur schwer vergessen. Und wer an einen "Gott, der alles sieht" glaubt, fürchtet sich vor dem großen Nikolas, der einen ins Tintenfass steckt - und damit auch latenten Rassismus noch verstärkt, ansonsten wäre "schwärzer als das Mohrenkind" zu sein, ja keine Strafe.

All das vermittelt Hoffmann mit wenig kunstfertigen Bildern, klappernden Versen und nicht immer tönenden Reimen. Aber eigentlich ist gar nicht der 35-jährige Autor am Werk, sondern das Kind, das sein Trauma des Mutterverlustes verarbeiten, oder wie Eckstaedt schreibt, "im Außen ansiedeln" möchte.

Das tat Hoffmann mit der Unmittelbarkeit kindlicher Produktion "‚Konrad!’ sprach die Frau Mama, / ‚Ich geh aus und du bleibst da’" ist der Form nach ein Vers, der spontan beim Spielen entstanden sein könnte. Inhaltlich werden freilich die Trauer und der Schmerz des Alleingelassenen transportiert. So konnte Hoffmann mit seinen kindlichen Lesern auf Augenhöhe kommunizieren, was sie davon abhielt, das pädagogisch gemeinte Geschenk auf Nimmerwiedersehen in der Spielzeugtruhe verschwinden zu lassen. "Die naiven, farbstarken Bilder waren wie Szenarien aus meinen eigenen Träumen", notierte Peter Weiss.

Doch der Autor dankte ihnen das Vertrauen schlecht. In die empfangsbereiten Seelen schmuggelte er, was er gelernt hatte und lehren wollte: "Die Intoleranz der Erwachsenen gegenüber den starken Affekten, die das Kind Heinrich Hoffmann mit diesen Phantasien bändigte", gibt er samt den Phantasien weiter. Die werden jedoch eingesetzt, um Triebe möglichst effektiv zu unterdrücken. Das effektivste Mittel kannte er ja gut: Angst vor Verlust, Verletzung, Strafe, Isolation und Tod.

Es ist die Tragik des Autors und Psychiatriereformers Heinrich Hoffmann, dass er mit dem Versuch, sich selbst zu heilen, andere verwundete.

Gerald Jatzek, geboren 1956, ist Online-Redakteur der "Wiener Zeitung", Musiker und Kinderbuchautor. 2001 wurde ihm der Österreichische Staatspreis für Kinderlyrik verliehen.